2. Capitel.
Deutsche Soldaten — Ein Mörder (?) — Im Werbedepot — Ein Eremit — Elektrische Diagnosen — Ein Erdbeben — Schutzbrillen — Sandalen — Punka — Eine Menagerie — Chemisch reines Trinkwasser in den Lianen — Mein Name wird ominös — Telegraph und Elephant — Der Arzt in den Colonien — Eine wohlthätige Fee — Meine Abreise von Telók Betóng — Grösse von Sumatra.
Die holländisch-indische Armee war vielleicht ein Jahrzehnt lang geradezu eine Fremdenlegion zu nennen. Das »fremde Element« war oft so stark vertreten, dass z. B. die Schweizer allein in Semarang eine Meuterei in Scene setzen konnten, welche 24 Stunden lang die ganze Stadt in Furcht und Sorge versetzte. Ich selbst hatte wirklich interessante Begegnungen mit deutschen und österreichischen Soldaten, Unterofficieren und Officieren.[14]Auch in Telók Betóng befand sich ein Sergeant in Garnison, der durch seine allgemeine Bildung hoch über das Niveau seiner Kameraden hervorragte. Ich nahm keinen Anstand, ihn bei mir zu empfangen und mit ihm zu verkehren, obwohl ich zwei Jahre vorher (und auch späterhin) wirklich unangenehme Erfahrungen mit den »Landsleuten« gemacht hatte. (Meine Naturalisirung zum Holländer war jedoch durch diese unangenehmen Erfahrungen weder beeinflusst noch bedingt.)
Vor 25 bis 30 Jahren strömten zahlreiche junge Leute nach Harderwyk, dem Werbedepot der colonialen Armee, und viele von ihnen fanden nicht nur eine gesicherte Existenz, sondern kamen nach Verlassen des militärischen Dienstes auch zu Wohlstand und selbst zu Reichthum. In der holländischen Armee erfreuten sich die deutschen Soldaten einer besonderen Werthschätzung, und ausnahmslos hörte ich von allen holländischen Officieren, die ich darüber interpellirte,diese als die besten Elemente der Armee bezeichnen; ich verstehe also nicht, wie Carthaus ein so düsteres Bild von dem Leben eines deutschen Soldaten in dieser Armee entwerfen konnte. (Vide: »Aus dem Reiche von Insulinde« von Dr. Emil Carthaus, VII. Capitel.) Ja noch mehr. Ich hatte Gelegenheit, einen Corporal zu sprechen, welcher s. Z. in der Fremdenlegion von Frankreich und zwar in Tonkin gedient hatte. Die Behandlung durch die Officiere und die ganze Verpflegung, deren sich der »Fremde« in der holländischen Armee erfreue, könne nicht einmal mit der in der französischen Armee verglichen werden, sagte mir dieser Corporal. Unter den Holländern fühle er sich heimisch und führe ein sorgloses Leben, während er in Tonkin oft den Tag verflucht habe, an welchem er sich in die Fremdenlegion Frankreichs aufnehmen liess.
Diese kurzen Mittheilungen über die »Fremden« in der holländischen Armee mögen die Einleitung zu dem folgenden Capitel sein, ohne dass ich nur andeutungsweise verrathen will, wie viel davon Wahrheit und wie viel davon Dichtung sei. Das Thatsächliche ist demLebenslaufe mehrererCollegen entnommen.
Auf dem Wege zwischen Telók Betóng und Tanjong Karang stand ein Haus, welches sich in vieler Hinsicht von dem gewöhnlichen Typus der indischen Wohnung unterschied; es wurde von einem hochbetagten Greise bewohnt, von welchem die seltsamsten Dinge erzählt wurden. In seiner Jugend soll er als Mediciner in Deutschland die tollsten Streiche ausgeführt haben; auf dem Mensurboden war er geradezu gefürchtet. Eines Tages fiel sein Gegner, am linken Arme verletzt, zu Boden, und in seiner Wuth sah unser jetziger Eremit nicht das an dem Arme strömende Blut. Er stiess dem Verwundeten den Stahl in’s Herz und mit einem Aufschrei der Entrüstung schleuderte ihn sein eigener Secundant in die Ecke des Saales. Während der anwesende Arzt ohne Erfolg sich mit dem unglücklichen Gegner beschäftigte, traten die vier Secundanten sofort zu einer Berathung zusammen. Der »Mörder« stand unterdessen regungslos an der Mauer angelehnt. Nach wenigen Minuten erschien jeder der vier Secundanten vor ihm, spuckte vor ihm aus, und zuletzt kam der behandelnde Arzt, führte ihn zu der Leiche seines Gegners und zeigte ihm die Wunde am linken Arm. »Sie Schuft« waren die einzigen Worte, welche er sprach, und spuckte ebenfalls vor ihm aus. Sofort ging Dr. X. nach Haus, packte seinen Koffer ein und verliess die Universitätsstadt L. Ohne Aufenthaltreiste er bis Harderwyk, um sich dort als gemeiner Soldat in die indische Armee einreihen zu lassen.
Ein junger Mann, der damals mit dem Postwagen nach Harderwyk kam und nach dem Werbedepot frug, war zwar keine auffallende Erscheinung, aber eine herrliche Beute für die damals in Hülle und Fülle lauernden Werber, vulgo Hyänen genannt. Vor einer Taverne hielt der Wagen still und unser Aesculapius fiel natürlich sofort in das Netz eines solchen »Blutsaugers«. Ein ausgedienter Corporal trug ihm den Koffer in die mit Rauch und Qualm gefüllte Schankstube und bot sich als Führer in Harderwyk an. Dr. X. liess für sich und seinen Cicerone ein Gläschen Schnaps geben und erfuhr von dem Wirthe, dass sein Führer 6 Jahre in Indien gedient habe und daher alle möglichen Auskünfte über das Leben in den Tropen geben könne. Unaufgefordert theilte er auch mit, dass er Documente, wie Heimathschein, Reisepass oder Taufschein, in hinreichender Menge in Vorrath habe:
»Auf der Rückreise nach Europa sterben an Bord einzelne Soldaten, um die kein Hahn kräht; seine Kameraden nehmen ihm dann die Briefe, etwaiges Geld und die Documente ab. Sind es ehrliche Menschen, senden sie das Geld und die Briefe an die ihnen etwa bekannte Adresse. Heimathscheine u. s. w. der Verstorbenen kaufe ich ihnen ab. Es kommen häufig junge Leute nach Harderwyk ohne irgend ein Document, weil sie in aller Eile ihre Heimath verlassen haben; besonders von unseren deutschen Brüdern müssen viele junge Leute flüchten, weil sie zu viel Ehrenschulden hatten, oder weil sie einen andern Studenten im Duell getödtet haben, oder weil sie von einem ihrer kleinen Fürsten mit zu wenig Respect gesprochen haben; diese Leute haben dadurch Ursache, so bald als möglich Europa zu verlassen; ihre »Papiere« haben sie vergessen mitzunehmen; ohne »Papiere« werden sie beim Werbedepot nicht einmal zugelassen. Also binichnur in der Lage, ihnen aus ihrer Verlegenheit zu helfen und verkaufe ihnen irgend einen der Heimathscheine, welche ich stets in Vorrath habe; darauf ist alles echt; die Unterschrift des Bürgermeisters ist echt, der Stempel des Gemeindeamtes ist echt; Alles ist echt. Hier gegenüber steht ein Wirthshaus, welches ebenfalls solche »Papiere« verkauft. Darauf ist Alles falsch: der Stempel, die Unterschriften des Bürgermeisters und des Notars, welcher die Unterschrift legalisirte. Was ist die Folge? Wenn ein Soldat Unterofficier geworden ist und er beabsichtigt,Officier zu werden, so werden auf Grund seines Heimathscheines Erkundigungen eingezogen und dann ist er blamirt. Seine Heimath kennt in der Regel nicht einmal den Namen.«
Bei diesen Worten des Gastwirthes zog ein schmerzhaftes Lächeln um die Lippen unseres Flüchtlings, der plötzlich seinen Koffer ergriff, ihn öffnete und daraus einen Heimathschein nahm und den Wirth ersuchte, diesen gegen einen andern einzutauschen; er sei selbst bereit, 10 Fl. darauf zu zahlen. Das Geschäft wurde geschlossen, und unter dem Namen Johann Schmidt, Bäckergeselle aus Berlin, meldete er sich den andern Tag beim Werbedepot an. Obwohl damals die Assentirung der Recruten in Harderwyk sehr oberflächlich geschah, fiel der »Bäckergesell« Johann Schmidt durch seinen zarten Körperbau und durch seine wohlgepflegten Hände auf, so dass der anwesende Oberarzt sich über diesen »feinen« Bäckergesellen lustig machte. »Nun,« rief Johann Schmidt unvorsichtig aus, »ich bin kein homo quadratus, aber Sie, Herr College, sind es ja auch nicht; Sie brauchen also mich nicht zur Zielscheibe Ihrer Witze zu machen.«
Der Oberarzt gab darauf keine Antwort und erklärte ihn »geeignet für den Dienst in den Tropen«. Johann Schmidt, so wollen wir ihn auch weiterhin nennen, ging missmuthig zurück in die Taverne und malte sich alle schrecklichen Folgen seiner unvorsichtigen Aeusserung aus; er sah sich bereits wegen Fälschung seines Heimathscheines gerichtlich verfolgt, bestraft und in seine Heimath abgeschoben, wo er wegen feigen Mordes an einem wehrlosen, zu Boden gesunkenen Verwundeten justificirt werden sollte. Trübsinnig sass er auf der hölzernen Bank der Taverne und wies alle aufmunternden Worte seiner Schicksalsgenossen ab; Nachmittags sollten sie beeidet werden und ihr Handgeld bekommen; sie hatten also unbeschränkten Credit und seine neuen Kameraden machten davon ausgiebig Gebrauch; anstatt des Schnapses füllten französischer Rothwein und weisse Rheinweine die schmutzigen Gläser; die kleinen stinkenden Tabakspfeifchen wurden weggeworfen und Cigarren von nicht besserer Qualität, aber um das Dreifache überzahlt, angezündet. Junge und alte, hässliche und hübsche Mädchen mischten sich unter die halbbetrunkenen Recruten, und ihre Zoten waren das Echo der Flüche und Verwünschungen, mit welchen die »Colonialen« ihrer Vergangenheit und ihrer Heimath gedachten.
Plötzlich erschien an der Thüre ein Corporal und rief mit lauter Stimme: »Wo ist Johann Schmidt, Bäckergeselle aus Berlin?« Als keine Antwort erfolgte und der Corporal sich schon entfernen wollte, brachte ihn der Wirth zu unserm neuen Recruten Johann Schmidt, welcher vertieft in seine Träumereien nicht wusste, dass er nun für immer und ewig Johann Schmidt aus Berlin sei und bleiben werde. Von dem Corporal aufgefordert, zum Oberarzt X. zu kommen, begab er sich dahin. Zu seiner grössten Ueberraschung wurde er von seinem Collegen mit theilnahmsvollen Worten empfangen und selbst eingeladen, mit ihm ein Gläschen Bitter zu trinken. Nachdem er bei der Assentirung sein Incognito unwillkürlich gelüftet hatte, zögerte er jetzt keinen Augenblick, die volle Wahrheit zu erzählen. Da der Oberarzt die Gewissheit gewann, dass er thatsächlich bereits Medicinae Doctor geworden war und selbst bedeutendes medicinisches Wissen verrieth, gewann das Mitleid Oberhand, und er beschloss, diesen jungen Mann zu retten. Er liess sich von Dr. X. den Namen und die Adresse des Arztes mittheilen, welcher bei dem unglücklichen Duell Hülfe geleistet hatte, und ersuchte den Recruten, 14 Tage ruhig und anständig in Harderwyk zu leben; es würde wahrscheinlich noch einige Wochen dauern, bis er sich einschiffen werde können, und während dieser Zeit werde er doch als Recrut in Harderwyk militärische Dienste leisten müssen, resp. abgerichtet werden. Während der nächsten drei Wochen wurde er nur in dienstlichen Angelegenheiten hin und wieder zum Oberarzt gesendet, welcher ihn stets mit Herablassung, aber ohne jedes andere Zeichen von Wohlwollen empfing; schon hatte er von seinem Sergeanten die Nachricht erhalten, dass die ganze Compagnie in einigen Tagen sich auf einem grossen Dreimaster einschiffen werde, und hatte bereits die Abschiedsbriefe an seine noch lebenden Eltern geschrieben, als er eines Tages den Befehl erhielt, unter Geleite von vier Mann nach Utrecht zu gehen. Sofort nach seiner Ankunft wurde er zum Platzcommandant beschieden, welcher ihm mittheilte, dass der Oberarzt in Harderwyk sich seiner in jeder Hinsicht angenommen habe; alle seine Mittheilungen über sein Vorleben wären für richtig gefunden worden, und die holländische Regierung sei bereit, ihn unter gewissen Bedingungen als Militärarzt in Dienst zu nehmen; vor allem anderen müsse er jedoch den Herrn Johann Schmidt fragen, ob er beschwören könne und wolle, dass er thatsächlich nichts von der Wunde seines Duellgegners gewusst habe,und dass er nicht mit Ueberlegung dem zu Boden gesunkenen Feind das Schwert in die Brust gestossen habe. Als er sich dazu bereit erklärte, wurde er vor eine viergliedrige ärztliche Commission gebracht, vor welcher er diesen Eid ablegte, und da »sein Diplom als Doctor der Medicin in Verlust gerathen war«, stellten sie einige medicinische Fragen an ihn, welche ihnen die Ueberzeugung verschaffen sollten, dass keine Personenverwechslung stattgefunden habe. Nach sechs Wochen schiffte er sich als »Officier van Gezondheid« 3. Kl. mit einem Dreimaster ein und kam nach einer Reise von 105 Tagen glücklich in Batavia an. Mit Fleiss und Eifer widmete er sich seinem Berufe; besonders das »nervöse« Leben in den Tropen reizte seine Forschungssucht. Trotz der mangelhaften Technik der damaligen Zeit versäumte er keine Gelegenheit, von verstorbenen Soldaten oder Sträflingen (dwangarbeiders) einige Stücke von Nerven der Schenkel oder Arme sich herauszuschneiden und mit seinem primitiven Mikroskope zu untersuchen; wenn bei den zahlreichen Expeditionen, an welchen er theilnehmen musste, den verwundeten Soldaten ein Arm oder ein Finger oder der Fuss amputirt werden musste, fand er trotz aller schwerer Arbeit immer noch Zeit, von der amputirten Extremität alle grösseren Nerven heraus zu präpariren und sie in Weingeist oder Aether zu bewahren, um durch Zupfpräparate die groben Veränderungen in den Nerven zu studiren; bald aber genügte ihm dieses nicht mehr, und er verlegte sich auf das Studium der functionellen Störungen der Nerven in den Tropen. Diese erforderten grössere Apparate und — lebendes Material. Soweit jene in den grossen Spitälern von Java vorräthig waren, wie z. B. eine grosse elektrische Batterie, sah er davon ab, sie aus Europa kommen zu lassen, weil sie bei seinen häufigen Transferirungen nur ein Lastposten gewesen wären; doch im Jahre 186. nahm er seinen Abschied, zog sich in die Einöde des Innern Sumatras zurück, baute sich nach eigenen Plänen ein Haus und schaffte sich alle Apparate an, welche zur Untersuchung der Functionen der Nerven unentbehrlich waren.
Der Abschied aus dem Militärverbande geschah unter so eigenthümlichen Verhältnissen, wie er mir erzählte, dass ich es nicht unterlassen kann, sie mitzutheilen. Er befand sich im grossen Militärspitale zu S. und erhielt eines Tages den Befehl, in Vertretung des Garnison-Doctors entre autre auch das Militär-Gefängniss zu besuchen; in der letzten Zelle lag ein zum Tode verurtheilterMörder. Dieser litt an Dysenterie. Bevor er die Zelle verliess, ersuchte ihn der Patient, ihm mehr zu essen zu geben, als er bis jetzt erhielt. Dr. Schmidt wollte zunächst seinen Stuhlgang inspiciren, der vor der Thüre in einem grossen Topf sich befand, um darauf seine diesbezügliche Entscheidung zu basiren. Der Patient schien dies nicht verstanden zu haben, sprang aus dem Bette und wollte dem Doctor zu Leibe; die Krankenwärter sprangen dazwischen, und unbehindert konnte er die Zelle verlassen. Als er dieses seinem Chef mittheilte, liess dieser ihm die Wahl, officiell darüber an den Platzcommandanten zu berichten oder zu schweigen; in dem einen Falle würde der Verurtheilte gewiss nicht begnadigt werden, während in dem zweiten Falle dies sehr wahrscheinlich sei, weil der damalige Gouverneur-General nur sehr selten das Todesurtheil eines europäischen Verbrechers bestätigte. Gleichzeitig nahm der Chef den Kopfzettel des Patienten zur Hand und las, ohne etwas zu ahnen, den ursprünglichen eigenen Namen des Dr. J. Schmidt vor. Wie vom Blitz getroffen, stürzte er zu Boden. Nachdem er sich erholt hatte, nahm er aus Gesundheitsrücksichten den Abschied aus dem Dienst und beschloss, die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen von allem Verkehr mit den Menschen nur für die Wissenschaft zu leben. Niemals gab er sich die Mühe — seine Eltern waren ja bereits gestorben —, seinen heimathlichen Behörden von dem Tausche seines Heimathscheines und von der Personenverwechselung mit dem Mörder Aufklärung zu geben.
Ohne ihn von meiner Ankunft verständigt zu haben, überschritt ich den kleinen (0,4 Meter hohen) Zaun, welcher den Garten von dem Wege trennte. Ein gewaltiger Trompetenstoss eines alten Elephanten begrüsste uns, ohne dass wir ihn sahen, und ein junger näherte sich uns neugierig; er war noch keine 1½ Meter hoch und blieb in einiger Entfernung vor uns stehen. Gleichzeitig sahen wir aus einem Hause im Hintergrund einen alten Mann ein Fernglas auf uns richten und einen malaiischen Diener auf uns zukommen, der zunächst den kleinen Elephanten mit einem Stock nach hinten trieb und uns hierauf um unsere Namen und um den Zweck unseres Besuches frug. Auf dem »Leitje« (= Schiefertafel[15]) schrieb ich, dass ich als College und Landsmann bei seinem Hause nicht vorbeifahren könne, ohne mich ihm vorgestellt zu haben.Sofort erschien ein alter Mann, den ich wenigstens 80 Jahre alt schätzte; sein Rücken war gekrümmt, ein weisser kurz geschnittener Bart und dichtes weisses Haar zierten seinen Kopf; weiche Züge verriethen einen sanften milden Charakter; gekleidet war er in chinesische Toilette, d. h. er hatte eine dunkle leinene Pluderhose (Nachthose) und eine weisse Kabaja an; seine Füsse trugen keine Schuhe, sondern braune Sandalen, welche mit einem breiten gestickten Riemen von dem Rücken des Fusses getragen wurden. Eine indische Katze[16]folgte ihm in einiger Entfernung. In etwas gebrochenem Deutsch frug er mich um mein Begehren, da er nicht voraussetzen könne, dass ein so junger Arzt, als ich sei, nur durch Neugierde getrieben ihn aufzusuchen käme; was die Landsmannschaft beträfe, habe er gar keine Ursache, sich noch als Deutschen auszugeben, weil er seit vielen Jahren nicht nur jede Verbindung mit seiner Heimath abgebrochen habe, sondern auch bis auf gewisse medicinische Fragen jedes Interesse dafür verloren habe. Als ich ihm jedoch mittheilte, dass ich in Telók Betóng von seinen Forschungen gehört habe, dass mich die moderne Lehre von dem Entstehen der Krankheit nicht ganz befriedige, und dass ich deshalb nicht aus Neugierde, sondern im Verlangen, etwas zu lernen, zu ihm käme, da zuckte ein Freudenstrahl durch seine Augen. »Was,« rief er aus und zog mich beim Arme in sein Haus, ohne meinen Begleiter nur eines Wortes oder eines Blickes zu würdigen, »Was! Sie junger Arzt schwören nicht auf die Unfehlbarkeit der Bacteriologie!? Nun kommen Sie herein zu mir! Vorgestern bin ich aus dem dos-à-dos gefallen; wie Sie sehen, ist das Gelenk meiner rechten Hand geschwollen; ich bitte Sie, untersuchen Sie mich und sagen Sie mir, ob das Köpfchen einer der beiden Knochen oder vielleicht beide gebrochen seien? Doch nein! ich will Ihnen sofort meine Untersuchungsmethode zeigen. Hier steht eine elektrische Batterie; ich steche nun zwei feine Nadeln in meinen gesunden Arm und verbinde sie mit 24 Elementen; wie Sie sehen, bekomme ich jetzt eine Ablenkung der Magnetnadel auf dem Widerstandsmesser bis zu 250; dasselbe geschieht, wenn ich auf meinem kranken Arm oberhalb der verletzten Stelle die Nadeln einsteche. Wenn ich aber — achten Sie jetzt gut auf die Grösse desWiderstandes — die eine Nadel in den geschwollenen Theil einführe, zeigt der Widerstandsmesser 350°. Natürlich werden Sie mir einwenden, dass dieses eine Folge des Ergusses in das Gewebe sei; Sie irren sich aber darin sehr stark; durchfeuchtete Gewebe sind bessere Leiter der Elektricität als trockene und — mein Kutscher Kromo war mit mir aus dem Wagen gestürzt und hat sich das linke Schienbein gebrochen; die Schwellung ist bei ihm bereits geschwunden und die Fractur des Schienbeines lässt sich noch heute sehr leicht und bequem constatiren. Ich bitte Sie, Herr College! untersuchen Sie gefälligst jetzt diesen Patienten in der von mir angegebenen Weise, und Sie werden beinahe denselben Unterschied als bei mir in der Widerstandsgrösse finden. Hab ich nun nicht das Recht, in dieser Abweichung der Magnetnadel ein unfehlbares diagnostisches Verfahren zu sehen? Vor einigen Wochen litt mein malaiischer Nachbar an einer rechtsseitigen Lungenentzündung; am 9. Tag wich das Fieber, das Husten wurde schwächer u. s. w. Am 12. Tag stieg die Temperatur wieder auf 39,5°, er klagte wieder über heftige Schmerzen, er begann zu deliriren u. s. w.«
Fig. 5. Ein Mädchen aus Semang (Malacca).(Vide Seite 69.)
Fig. 5. Ein Mädchen aus Semang (Malacca).
(Vide Seite 69.)
»Ich bin ein alter Mann; ich höre nicht mehr gut; ich konnte ihn also nicht auscultiren; überhaupt war ich niemals in der modernen Untersuchungsmethode der Lungen bewandert; ich musste mir meine Diagnose auf anderen Erscheinungen aufbauen; diesmal griff ich zu meiner elektrischen Nadel und constatirte, dass der obere Lappen der linken Lunge angegriffen war. Die Vergrösserung der Leber, des Herzens und der Milz constatire ich leichter als die grössten Professoren in Europa. Die Veränderungen der Muskeln und Nerven, wie sie besonders in der Beri-Beri auffallend zu Tage treten, werden durch meine Nadeln so leicht nachgewiesen, dass ich selbst die leichtesten Formen und die ersten Anfänge dieser Krankheit diagnosticiren kann; und Sie, Herr College!« Ohne meine Antwort abzuwarten, führte er mich zu allen seinen Apparaten, welche vor 18 Jahren thatsächlich die modernsten genannt werden mussten. Nebstdem war ein Tisch mit zahlreichen medicinischen Wochenschriften in der deutschen, holländischen und französischen Sprache bedeckt, und sein Bücherschrank[17]zeigte eine grosse Auswahl derdiesbezüglichen Werke. Hierauf führte er mich in die Veranda, wo sich ein Apparat zur Bestimmung der elektrischen Spannung in der Luft befand; der Galvanometer befand sich in einer graduirten Röhre und bestand aus einer kleinen Scheibe von der Grösse einer 10 Cent-Münze und ruhte auf einer feinen stählernen Feder. »Sehen Sie,« rief mir Dr. Schmidt zu, »das ist mein Haustyrann. Steht die Scheibe auf 1, dann ist die elektrische Spannung in der Luft gering; dann ziehe ich seidene Unterwäsche an und esse schwere Kost, z. B. die »Rysttafel«; bei einem Stande von 2 nehme ich wollene Leibwäsche und esse gemischte Kost, und bei dem höchsten Stande der elektrischen Spannung (No. 3) nehme ich nur Fleischspeisen. Dieser Apparat ist ein strenger Tyrann; denn er schreibt mir auch vor, was und wieviel ich trinken darf, wann ich zu Fuss oder zu Pferd spazieren oder ob ich mich von meinem Elephanten in einem Wagen ziehen lassen solle. Die geringste Uebertretung seiner Befehle wird sofort bestraft. Eine Erkältung der Lungen, eine Diarrhoe, ja selbst ein Fieberanfall sind die Strafen, mit welchen er jede Ausserachtlassung seiner Befehle ahndet. Selbst meine Bedienten und alle Eingeborenen meiner Umgebung unterwerfen sich seinen Anordnungen. Die weissen Nachbarn und alle Europäer in Telók Betóng lachen natürlich über meine elektrischen Schrullen, wie sie es nennen, und schwören auf die Fahne der Bacteriologie; wir hatten selbst einen Beamten in der Nähe, der nur gekochtes Wasser trank, seine Kinder, seine Teller und seine Fussböden mit gekochtem Wasser reinigte, und selbst die Pisang, die Mangga und die Durian in gekochtem Wasser abwaschen liess, bevor sie seine Kinder in die Hände nehmen mochten; die Folgen blieben aber nicht aus; die ganze Familie sieht wie Leichen aus; schauen sie jedoch mich, meine Diener und selbst alle Eingeborenen an, welche zu jeder Zeit die jeweilige Spannung der Elektricität berücksichtigen und — kein einziger ist krank, kein einziger leidet jemals an Fieber, Beri-Beri, indischem Spruw oder Dysenterie.«
Seine Mittheilungen waren von so zahlreichen Angaben über Ampères, Watts und Widerstandsgrössen begleitet, eine so grosse Reihe von Gelehrten auf dem Gebiete der Elektrophysiologie wurde dabei erwähnt, dass ich sie weder mir merken noch bei meiner Ankunft in Telók Betóng in meinem Tagebuche aufnehmen konnte. Viele Einwände gegen seine Theorien konnte ich nicht machen.Einerseits beherrschte ich dieses Thema kaum oberflächlich, weil mein diesbezügliches Wissen aus meiner Studienzeit schon lange als Ballast über Bord geworfen war, und zweitens erwartete Dr. Schmidt offenbar keine Widerlegung; seine Mittheilungen stürmten ja wie ein Bergstrom auf mich ein und liessen mich gar nicht zu Worte kommen; offenbar hatte er das Bedürfniss, dieses Thema nach allen Seiten zu besprechen, obwohl ich durch kein einziges Wort ein Verständniss dafür verrieth.
Eben wollte ich von ihm eine Aufklärung über die Construction seines mir unbekannten Elektrometers erbitten, als der alte Elephant eine heftige Unruhe zeigte, die Pferde im Stalle laut wieherten, aus dem nahen Urwalde klagende Laute des Schweinsaffen (Cercopithecus nemestrinus), des Siamangs (Hylobates syndactylus) und das Brüllen eines Tigers zu unseren Ohren drangen, Hunde, Gänse, Hühner, Ziegen und Schweine unruhig um das Haus liefen und der kleine Elephant selbst sich auf die Treppe der Veranda flüchtete. Unwillkürlich oder instinctmässig warfen wir einen Blick auf den Galvanometer; sein Schwimmer flog mit ungeheurer Geschwindigkeit auf und ab. »Wir bekommen Erdbeben,« rief Dr. Schmidt und zog seine Uhr heraus. Nach ungefähr 1 Minute fühlten wir das Haus schwanken, und gleichzeitig erscholl neben uns das Klingeln einer elektrischen Glocke. Ein Seismometer d. h. ein Erdbebenmesser war mit Drähten mit einem elektrischen Glockenapparate verbunden, welcher sich ebenfalls in seinem Arbeitszimmer befand. Wir eilten dahin, um die Richtung des Erdbebens und seine Intensität aufzunehmen. Auf einer kleinen gemauerten Säule stand der Apparat. An einem feinen Seidendraht hing ein kleines metallenes Kügelchen, welches bei unserer Ankunft wie ein Pendel hin und her schwankte; hin und wieder traf es einen der 16 Stifte, welche sich am Rande der Scheibe befanden; in demselben Augenblicke war der Contact mit der elektrischen Glocke hergestellt und das Läuten begann. Die 16 Stifte lagen in der Richtung der Striche einer 16 theiligen Windrose; da das Kügelchen des Pendels stets 2 Stifte traf, welche SWS und NON entsprachen, so constatirten wir dadurch, dass das Erdbeben in der Richtung von Java über Sumatra seinen Weg genommen hatte. Zwischen dem ersten Auftreten der elektrischen Erscheinungen und dem ersten Signal des Seismometers war 1 Minute verstrichen; dieses deutete auf eine kleine Entfernung der Ursprungsquelle des Erdbebens. Dr. Schmidt dachte an einen feuerspeiendenBerg in der Sundastrasse, obzwar, wie ihm (und mir) bekannt war, schon seit dem Jahre 1680 keine vulcanische Eruption in dieser Strasse stattgefunden hatte; ich für meine Person enthielt mich jeder Ansicht, weil mir die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdbeben nicht bekannt war und ich noch weniger wusste, wie die verschiedenen Medien, Wasser, alluvialer Boden und tertiäre Schichten diesbezüglich sich verhalten. Das Erdbeben hatte nur einige Secunden gedauert; im Ganzen hatte ich nur zwei Stösse verspürt, und das Pendel des Seismometers kam bald zur Ruhe.
Mein Begleiter hatte sich unterdessen mit dem kleinen Elephanten unterhalten und den Garten besichtigt, welcher das Haus umgab. Während Dr. Schmidt in’s Haus ging, um die Zeit, Richtung und Intensität des Erdbebens zu notiren, machten mich meine Freunde auf den eigenthümlichen Stil des Hauses und der Nebengebäude aufmerksam und verurtheilten alles, was sie sahen, weil es nicht den herrschenden Anschauungen entsprach. Ich konnte mich nur theilweise diesem strengen Urtheile anschliessen und behielt mir vor, mein Endurtheil auszusprechen, bis ich von Dr. Schmidt Aufklärungen über alles und jedes erhalten hätte. Leider geschah, was ich befürchtete. Dr. Schmidt motivirte sein ganzes Thun und Lassen mit dem wechselnden Widerstand der Stoffe gegen die Erd- und Luft-Elektricität, und wiederum ergoss sich ein Strom von Ziffern und Namen über mich. Da viele seiner Erklärungen einen wissenschaftlichen Kern hatten, d. h. den allgemein giltigen Anschauungen der Hygiene entsprachen, so mögen sie hier ihren Platz finden, ohne dass ich natürlichseineMotivirung heute noch mittheilen könnte oder wollte. Zunächst trugen alle seine Bedienten, wie er selbst, rauchgraue Brillen und Sandalen. Jene sollten sie nur im Freien gebrauchen und zwar wenn es nicht regnete. Jedermann ist es bekannt, wie während der trockenen Zeit (bei einer Temperatur von ungefähr 37–40 ° C.) die heisse Luft in solche Schwingungen versetzt wird, dass man sie selbst sehen kann. Die Brechung des Lichtes ist eine ungeheuere und reizt geradezu das Auge (die Retina). Der Gebrauch einer solchen Brille ist also gewiss anzuempfehlen, wenn sie nicht gleichfalls für schwaches Licht z. B. im Hause oder im schattenreichen Garten gebraucht wird. Ich selbst hatte stets eine solche bei mir, wenn ich in der Mittagsstunde zu meinen Patienten fahren musste.
Was die Sandalen betrifft, darüber sind die Acten noch nichtgeschlossen. Der Eingeborene geht am bequemsten blossfüssig; selbst als Soldat oder als Kuli, welcher 30–40 Kilo 20–30 Paal (= 30–45 km) weit tragen muss, wird er gewöhnlich ohne Schuhe oder ohne Sandalen marschiren; gewöhnlich sind die Landstrassen, die Wege der Stadt und des Dorfes ungepflastert und bestehen aus einer Lehm- oder Humusschicht, welche mit Sand oder kleinem Gerölle gemischt ist. Thatsächlich ist das Gehen ohne jede Bedeckung der Sohlen in Indien geradezu ein Genuss. Wer daran zweifelt, möge z. B. um 12 Uhr bei einer europäischen Schule stehen; die Jugend stürmt natürlich wie überall lebenslustig aus dem Schulhause; sobald der Lehrer oder die Lehrerin aus dem Gesichtskreise verschwunden ist, werden von allen Kindern Schuhe und Strümpfe ausgezogen, und blossfüssig eilen sie nach Hause oder balgen sich auf der Wiese. Selbst erwachsene Männer und Frauen werden hin und wieder im Hause oder im Gartenvergessendie Pantoffeln zu gebrauchen. Die Haut der Fusssohlen wird durch das Gehen ohne Schuhe so derb, dass sie durch stumpfe Steinchen oder durch die rauhe Oberfläche des Pflasters nicht verletzt wird; Glasscherben, Nägel oder spitze Steine verletzen natürlich den Fuss des Eingeborenen ebenso gut als die Sohle des »Orang baru«, welcher seit seiner ersten Jugend niemals blossfüssig gegangen ist. Die Haut des Eingeborenen wird aber nicht nur derber, sondern verwandelt sich oft auch in eine Schwiele; ich sah sehr oft bei Recruten eine Form derselben, deren Entstehungsweise mir noch heute dunkel ist. Der ganze Ballen und die ganze Ferse war mit einer Schwiele bedeckt, welche durch zahlreiche kleine, bis stecknadelkopfgrosse Grübchen das Aussehen eines Siebes erhielt; der Recrut hatte keine Schmerzen und wurde dadurch nicht im Geringsten im Marschiren beeinflusst. Das Reglement für die Assentirung spricht nur von »unheilbarer Schwielenbildung in solchem Grade, dass dadurch das Marschiren erschwert wird«, und in § 322 von malum perforans pedis = durchbohrende Fussgeschwüre, als Ursachen, um einen Recruten zurückzuweisen; aber dennoch nahm ich solche Recruten nicht an, weil sie einmal angenommen und im Besitze des Handgeldes sich wegen dieses Uebels sehr leicht krank melden können. Relativ ungünstiger ist eine partielle Schwielenbildung der Sohle; in der Regel entstehen durch begrenzte Schwielen in der Umgebung Risse oder Rhagaden in der Haut, welche schmerzhaft sind und selbst das Gehen auf der hölzernen Flur erschweren.Auch dieses Uebel beobachtete ich häufig bei den eingeborenen Soldaten, und s. Z. ersuchte die Regierung in Europa (!?) die ärztliche Facultät um das Gutachten, ob auch diesen Soldaten Schuhe verabfolgt werden sollten. Auf Grund des Gutachtens, welches vom Generalstabsarzte i. P. Dr. van Gelder abgegeben wurde, blieb es beim Alten, d. h. die eingeborenen[18]Soldaten erhalten keine Schuhe, es sei denn, dass ein militärärztliches Zeugniss das Tragen von Schuhen (mit Strümpfen) zur Heilung von krankhaften Zuständen der Fusssohle für den betreffenden Patienten nothwendig erkläre.
Ob nun Dr. Schmidt mit Recht oder mit Unrecht seine Diener veranlasste, Sandalen zu tragen, muss ich unerörtert lassen, weil ich zu untersuchen vergass, ob sie Rhagaden oder Geschwüre an der Fusssohle hatten. Natürlich sind Sandalen in den Tropen weniger unangenehm als Schuhe, veranlassen keine Schweissfüsse, missformen nicht die Gestalt der Füsse[19]und sind auch billiger. Noch muss ich mittheilen, dass einige angesehene Malaien im Bade hölzerne Sandalen gebrauchen. Das sind hölzerne Sohlen mit grossen Hacken und haben in der Nähe der Spitze einen Knauf, welcher zwischen der ersten und zweiten Zehe getragen wird.
Bekanntlich umgeben die indischen Feinde ihre kleinen Forts mit eigenthümlichen Chicanen. Das Terrain ist mit Gras oder Gesträuch bedeckt, und dazwischen befinden sich hölzerne Nägel, welche 10–20 cm aus dem Boden hervorragen. Sie sind scharf zugespitzt und durchbohren manchmal selbst eine dicke Schuhsohle. Noch öfter ist in dem Gesträuche Stachelbambus (Bambu duri) verborgen, welcher nur die blossen Füsse bedroht, während die mit Schuhen bekleideten Soldaten ungefährdet darüber schreiten können. Ich muss annehmen, dass Generalstabsarzt Dr. van Gelder auch mit diesem Factor rechnete, als er sein Gutachten abgab, dass die eingeborenen Soldaten kein (?!) Bedürfniss für Schuhe haben sollten! —
Eine Interpellation über die eigenthümliche Bauart seines Hauses schien Dr. Schmidt erwartet zu haben, denn sofort brachte er einBündel Zeitschriften, Broschüren und eigene Aufsätze herbei, um seine Behauptungen von dem bedeutenden Unterschiede im elektrischen Widerstande zu unterstützen, welche die einzelnen Baustoffe zeigen sollten.
Das Gebäude, in welchem wir uns bis jetzt befanden, war nur sein Arbeitszimmer und war entsprechend seinen elektrischen Untersuchungen frei von Eisen und anderen metallenen Ornamenten u. s. w. Es bestand beinahe ganz aus Bambus. Selbst die Flur der Veranda und des grossen Saales (von 4×7 m) bestand aus gespaltenem Bambus und war mit Matten bedeckt, welche aus gespaltenem Rottang geflochten waren. Meine Frage, ob durch dieses Material sein Laboratorium nicht leide, beantwortete er mit der Gegenfrage: ob ich fürseineArbeiten ein besseres Arbeitszimmer construiren könnte. Durch die Spalten und Lücken der Matten bestehe ein ewiger Luftstrom, so dass nicht nur jeder Unterschied in der elektrischen Spannung der Luft, sondern auch in der Temperatur derselben entfalle. Dadurch sei es allerdings zur Mittagszeit im Laboratorium ebenso warm als in der Veranda; er sei aber ein alter Mann, dem die hohe Temperatur kein unangenehmes Gefühl verursache, und er bleibe von jenen Fehlern in der Beobachtung der elektrischen Spannung verschont, welche alle Berechnungen zeigen, wenn sie mit diesem Factor nicht rechnen. Wenn bei herrschender Windstille die Luft im Zimmer stagnire, lasse er die »Punka« von einem Kuli in Bewegung setzen, welche über seinem Schreibtisch sich befinde, und zwar nur eine halbe Stunde, während er sich gleichzeitig in der Veranda aufhalte. Dieser Luftstrom werde mit Recht »Zugluft« genannt; sie verursache ihm geradezu Reissen im Kopfe, das dann noch einige Stunden anhalte. Der Rheumatismus der Muskeln und Gelenke entstehe auch nur durch die verschiedene elektrische Spannung in den einzelnen Luftschichten, und wenn in Europa einmal diese Wahrheit in die grosse Menge der gelehrten Aerzte Eingang gefunden haben werde, könnte ein günstiger Erfolg in der Prophylaxe und in der Behandlung des Rheumatismus nicht ausbleiben. Natürlich leidet nicht Jedermann durch die Unterschiede der elektrischen Spannung in den verschiedenen Luftschichten; denn, um nur ein Beispiel anzuführen, der 20jährige Jüngling habe einen viel grösseren Widerstandscoefficienten in den Muskeln und Säften des Körpers als der 80jährige Greis, und darum werde ein junger Mann die Luftbewegungoder den Zug, welcher durch die Punka veranlasst wird, sogar angenehm finden. Dies ist die Ursache, welche mich veranlassen würde, eine Punka für jedes Privathaus, jede Caserne, jede Kirche, ja selbst für gewisse Säle in Spitälern anzuempfehlen, d. h. wenn sie ebenfalls aus Bambus gebaut sind. Steinerne Gebäude bedürfen dessen nicht; wenn diese so gebaut sind,dass die Feuchtigkeit des Bodens nicht in die Mauern zieht, wenn für hinreichende Ventilation gesorgt ist, können um 11 Uhr Fenster und Thüren geschlossen werden. Die durch die diversen Oeffnungen einströmende warme Luft ist leichter als die im Hause befindliche kühle Luft, und steigt in die Höhe. Natürlich muss sich in einem solchen steinernen Gebäude eine hinreichend grosse Dachventilation befinden, so dass dieser warme Luftstrom, welcher gleichzeitig die Verunreinigungen, durch die Ausathmungen und Ausdünstungen der Menschen und Thiere bedingt, mit sich führt, unbehindert hinausströmen kann. Andererseits muss das Hineinströmen des Regens unmöglich gemacht werden, wofür die Ingenieure zahlreiche Vorrichtungen kennen.
Nach diesen weitläufigen Erörterungen auf dem Gebiete der Hygiene und der elektrischen Untersuchungsmethoden fasste mich Dr. Schmidt bei dem Arme und führte mich nach der Rückseite des Laboratoriums. Dort zeigte er mir die Wohnungen seiner Bedienten, den Stall mit seinem grossen Elephanten, einen Käfig für alle Sorten Affen der Insel Sumatra und sein Vogelhaus. Ich sah grosse und kleine Exemplare des Kees (Cercopithecus kynomolgus), des Schweinsaffen (Inuus nemestrinus), des Siamang (Hylobates syndactylus) und des Orang-Utan (Pythecus satyrus); es befanden sich darunter hübsche Exemplare von dem grauen Wau Wau (Hylobates leuciscus), von dem Gibbon mit weissen Händen (H. Lar) und von dem H. variegatus, und er besass paarweise 6 Sorten von Simpeis (= Semnopithecus) und zwar den S. obscurus, den S. albocinereus, den S. ferrugineus, den S. femoralis, den S. pruinorus und den S. Thomasi. In dem Vogelhause befanden sich zahlreiche Sorten Hühner, 2 Sorten Enten, Gänse, Fasanen (Euplocamus sumatrensis), Pelicane, Marabus, Perlhühner und 4 Sorten Tauben. Auch 2 Pfauen schritten stolz in dem für sie durch ein Drahtgehege abgeschlossenen Raume auf und ab. Neben dieser Volière stand ein grosser Käfig mit einem kleinen Königstiger und in einem kleinen Käfig befand sicheine Zibethkatze (Viverra tangalunga). Nur kurze Zeit hielt ich mich bei dieser kleinen Menagerie auf und äusserte mein Bedauern, meine Begleiter nicht länger auf mich warten lassen zu dürfen. Lächelnd wies er mit erhobenem Arm nach einem Haine, welcher sich hinter der Menagerie befand, und rief aus: »Die Herren sind wohl versorgt und aufgehoben. Sie können ganz beruhigt sein, Herr Doctor! Hinter diesem kleinen Walde, welcher mir das reinste und beste Trinkwasser liefert, steht meine Burg, und Ihre Begleiter sitzen schon seit einer halben Stunde bei einem Gläschen Bitter und trinken dazu ein Glas frisches, kühles, krystallhelles Wasser, welches ich den Lianen entnehme, die sich von Baum zu Baum dieses kleinen Waldes schlingen. In meiner Burg befindet sich zwar ein Ziehbrunnen; sein Wasser entspricht aber kaum den bescheidensten Anforderungen an ein gutes Trinkwasser, auch wenn es durch einen Filtrirstein[20]aus Grissée gegangen ist. Die Natur in den Tropen sammelt in ihrem Reichthum diesen kostbaren Schatz, das chemisch reine Wasser in den Lianen in so grosser Menge, dass ich in diesem kleinen künstlich angelegten Urwalde täglich mein Verlangen nach diesem köstlichen Nass für mich und meine Angehörigen in jeder Hinsicht befriedigen kann. Nebstdem besitze ich, wie Sie sofort sehen werden, eine kleine Maschine, welche die Temperatur des Wassers auf 10 ° C. herabsetzen kann, und auf diese Weise bleibe ich von allen Krankheiten verschont, welche ein unreines und ungesundes Trinkwasser in der Regel entstehen lässt.«
Fig. 6. Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn in Deli.(Vide Seite 76.)
Fig. 6. Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn in Deli.
(Vide Seite 76.)
In dem Haine befand sich ein Pfad von ungefähr ½ Paal Länge, den wir darauf betraten, und nach einigen Krümmungen sah ich im Hintergrunde ein kleines Plateau mit einer Burg, welche von einem Wassergraben umgeben war; ein sumatranischer Hund[21](Canis sumatranis) begleitete uns, der, wie die Gladakker auf Java, nur halbgezähmt war; eine Wachtel (Turnix pugnax) flog von Baum zu Baum, ohne dass wir den in Europa bekannten Schlag hörten, und am Ende des Pfades befand sich ein Wassergraben, welcher mehr als 5 Meter breit war. Die »Burg« war ein grosses hölzernes Gebäude mit starken Palissaden umgeben; an den vier Ecken befanden sich 10 Meter hohe Thürme, welche je eine Kanone trugen. Uns gegenüber befand sich ein grosses Thor, das, wie ichspäter hörte, auf elektrischem Wege sich öffnete, sobald ein Knopf auf dem letzten Baume des Pfades gedrückt wurde, und gleichzeitig senkte sich eine Zugbrücke über den Wassergraben. Das Innere der Burg entsprach im Ganzen und Grossen einem malaiischen Kampong, und die einzelnen Häuser hatten den Baustyl der »Padang’sche Oberländer« (Fig. 2). In der Veranda des ersten Hauses sassen meine Begleiter und unter ihnen ein 14jähriges schönes europäisches Mädchen und ein Fräulein, welches mir als die Gouvernante der Nichte des Dr. Schmidt vorgestellt wurde. Sie war eine Engländerin, welche beim Nennen meines Namens mit einem Aufschrei zusammenstürzte. Es gelang uns beiden, sie bald wieder zur Besinnung zu bringen, und als das nervöse Schluchzen und Weinen nachgelassen hatte, theilte sie uns die Ursache dieses unerwarteten Anfalles mit. In London hatte sie als die Tochter eines angesehenen Kaufmanns eine glückliche Jugend verlebt und in ihrem 23. Jahre sich mit einem Herrn Breitenstein verlobt, welcher am Tage ihrer Hochzeit wegen Betrugs, Diebstahls und Bigamie verhaftet wurde. Um diese Schmach zu vergessen und der Schande zu entfliehen, welche dieser Scandal auf den Namen ihrer unbescholtenen und ehrenwerthen Eltern geworfen hatte, war sie aus der Heimath geflüchtet und hatte in dieser Einöde Sumatras den heissgeliebten Mann zu vergessen gesucht. Schon Wochen und Monate lang hatte sich ihr Geist mit diesem Namen nicht mehr beschäftigt, und so geschah es, dass beim Nennen meines Namens die traurige Vergangenheit mit ungeschwächter Kraft in ihrem Geiste auftauchte und sie zu erdrücken drohte. Es gelang mir bald, den ungünstigen Eindruck, welchen mein Name veranlasst hatte, zu verscheuchen und in einem gemüthlichen Gespräche die englische Dame wieder ihre Vergangenheit vergessen zu lassen. Dabei zeigte »die Nichte« des Hausherrn eine solche Vielseitigkeit des Wissens, dass wir unserer Verwunderung Worte leihen mussten. Sie sprach die deutsche, holländische, französische und englische Sprache ebenso geläufig als die malaiische und lampongsche Sprache, las den Virgil und die Iliade im Urtexte und widmete sich unter Leitung ihres »Onkels« dem Studium der höhern Mathematik und Geometrie. Ein lebhaftes Interesse gewann ich für dieses junge Geschöpf, welches sich fern von allen Genüssen der modernen Civilisation dem Studium solcher abstracten Wissenschaften widmete, obwohl sie kaum den Kinderjahren entwachsen war, und bat meinen altenCollegen, mir etwas mehr über den Bildungsgang dieses »Wunderkindes« und auch über die etwaige erbliche Disposition ihres Geistes mitzutheilen. Leider berührte ich offenbar damit einen wunden Punkt in seinem Leben. Ohne zu antworten, stand er auf, murmelte die Worte: »Also auch neugierig« und entfernte sich. Einige Minuten später erschien sein Bedienter mit dem Leitje, auf welchem Dr. Schmidt mir mittheilte, dass er wegen heftiger Kopfschmerzen sich zu Bett hätte legen müssen und dass er mir und meinen Reisegenossen eine »gute Reise« wünsche.
Wir verliessen also »die Burg« und kehrten auf demselben Wege, den wir gekommen waren, zur Hauptstrasse zurück, um unsere Reise nach Tanjong Karang zu Pferd fortzusetzen.
Den 7. September 1882 wurde wieder meine Transferirung beschlossen, um mich im grossen Militärspitale zu Batavia zu dem Examen vorbereiten zu lassen, welches mir das Avancement zum Regimentsarzt ermöglichen sollte. Ein paar Tage später erschien diese Transferirung in den Zeitungen, und mein Freund, der österreichische Consul O. Mayer, verständigte mich sofort davon telegraphisch.
Damals ging der Telegraph durch die Sundastrasse nach Telók Betóng und von dort bis nach Padang auf der Westküste der Insel Sumatra; die nördliche Provinz Atjeh und die bedeutenden Plantagen auf der Ostküste Sumatras bedienten sich im Bedarfsfalle des englischen Kabels, welches von der Insel Pénang via Singapore nach Batavia ging. Der Postdirector zu Telók Betóng hat mir die Schwierigkeiten geschildert, welche mit dem Legen des Telegraphen durch den Urwald Sumatras verbunden waren, so dass ich es begreiflich fand, dass der Telegraph damals nicht auch nach dem Osten der Insel gezogen wurde. Einerseits hätten zahlreiche »unabhängige Länder« durchzogen werden müssen, und anderseits die Arbeiten im Urwalde und besonders die etwaigen unvermeidlichen Reparaturen in den »unabhängigen Ländern« und in den Urwäldern so einen Aufwand von Geld, Menschenleben und Zeit gekostet, dass die Regierung davor zurückschrecken musste. Selbst die Arbeiten in den unterworfenen Ländern und in den gelichteten Urwäldern gingennur langsam von statten durch die Angriffe der — Elephanten. Diese Thiere benützten nämlich die eisernen Telegraphenstangen zum Hautkratzen, wenn es sie juckte. Es wurden soviel Telegraphenstangen von ihnen umgeworfen, dass man die Isolatoren zuletzt auf lebenden Bäumen anbringen musste. Ob sich die diesbezüglichen Verhältnisse heute schon gebessert haben, ist mir nicht bekannt.
Als ich mit dem Dampfer vom 15. October officiell von meiner Transferirung verständigt wurde, musste ich die Frage beantworten, ob ich von der gesetzlichen Begünstigung Gebrauch machen wolle, einen Monat einem Militärspital zur Dienstleistung zugetheilt zu werden, um ein hinreichendes Material zur Uebung und Vorbereitung zum Examen benützen zu können. Es geschah nämlich damals nur zu oft, dass junge Militärärzte direct von der Schule und sofort nach dem letzten Rigorosum nach Indien gingen und nach kurzem Dienste in irgend einem grossen Spitale nach den Aussenbesitzungen geschickt wurden und zwar in kleinere Forts von 50 bis 100 Mann. Wenn sie einige Jahre hindurch täglich oft nicht mehr als 2 bis 3 Patienten zu behandeln hatten, kamen sie aus der Uebung der üblichen Untersuchungsmethode wegen Mangels an passendem Material, und wenn sie dann nach 6 bis 8 Jahren mangelhafter Praxis zum Examen zugelassen worden wären, hätte ein Misserfolg unmöglich ausbleiben können. Diese Verhältnisse veranlassten mich auch, im II. Bande, Seite 52, das Bedauern auszudrücken, dass diese Examina abgeschafft wurden; sie waren und würden es heute noch sein, ein Sporn oder ein moralischer Zwang, das auf der Schule erworbene theoretische medicinische Wissen in der Praxis zu pflegen und weiter auszubilden. Ich weiss es, dass seit der letzten Organisation der medicinischen Studien in Holland wirklich gut unterrichtete und ausgebildete Mediciner in die Praxis eintreten; aber ich weiss es auch aus eigener Erfahrung, dass die Schulweisheit sehr bald über Bord geworfen wird, wenn die Praxis nicht das Material, den Sporn zur Fortsetzung der Studien giebt. Wenn man z. B. Monate oder Jahre lang keinen Fall von Lungenkrankheiten zur Behandlung bekommt, dann verliert man auch die Sicherheit in der Untersuchung der Lunge durch Percussion und Auscultation, und in der medicinischen Wissenschaft gilt in erster Reihe das Sprichwort: »Stillstehen heisst Zurückgehen«. Ja noch mehr. Wenn die jungen Aerzte in den Colonien von Zeit zu Zeit in die grossen Spitälerzur Dienstleistung eingetheilt werden, dann unterhalten sie nicht nur ihr auf der Schule erworbenes theoretisches Wissen, sondern werden auch ärztlich so vielseitig gebildet — als es ihre Collegen in Europa gewiss nicht sind. Der Colonial-Arzt ist ja durch die herrschenden Verhältnisse gezwungen, sich in allen Zweigen des ärztlichen Wissens zu bethätigen, und jene Einseitigkeit, welche oft die europäischen Specialisten zeigen, ist eben in den Colonien nicht denkbar. Wie oft wird in Europa von den bedeutendsten Männern der medicinischen Wissenschaft geklagt, dass durch die Specialisten das einheitliche Ziel der Therapie, den kranken Menschen und nicht irgend eine Krankheit zu behandeln, ausser Acht gelassen wird? Ich darf und kann auch nicht den Specialisten die raison d’être ableugnen; aber für die Colonien sind in allen Fächern praktisch ausgebildete Aerzte in erster Reihe eine Nothwendigkeit und dieses ist nur zu erreichen, wenn dafür gesorgt wird, dass die jungen Aerzte so viel, als eben möglich ist, in grossen Spitälern ihre Arbeit erhalten, und kleineren Garnisonen, welche auch keine grössere Civilpraxis bieten, der Arzt nicht länger als höchstens ein Jahr zugetheilt bleibe.
Ich hatte in Telók Betóng nur ein kleines Material während der 5 Monate, welche ich in dieser Garnison zugebracht habe. Ausser zwei Entbindungen, bei welchen ich assistirte, hatte ich keine anderen Fälle, als einige unbedeutende Malaria-, Darm- und venerische Krankheiten während dieser 5 Monate in Behandlung gehabt, und darum zögerte ich keinen Augenblick, von oben erwähnter Begünstigung Gebrauch zu machen, und bat den Sanitätschef, mich einen Monat lang in einem grossen Spital zu meinem Examen vorbereiten zu dürfen.
Ich kann nicht umhin, das originelle Honorar für meine gynäkologische Hilfe zu erwähnen, welches mir eine der erwähnten Damen damals bezahlte. Es war eine junge Dame, welche ihr erstes Kind bekam. Als der kleine Weltbürger durch einen Schrei seinen Eintritt in diese schöne Welt verkündete, fühlte ich einen Kuss auf der Stirne. Der Mann der jungen Frau stand zur andern Seite des Bettes; ich frug also die junge Frau, ob sie sich mit dem Kusse nicht in der Adresse geirrt habe? »Nein,« erwiderte sie und drückte mir warm die Hand, während sie ihren Mann zärtlich anblickte; »dieser Kuss der Dankbarkeit galt sicher Ihnen, dennSie haben mich rasch und sicher von den schweren Geburtsnöthen befreit.« Leider wurde diese dankbare Seele ein Jahr später von der Cholera dahingerafft.
Einer andern Dame, welche ich damals in Behandlung hatte, möchte ich gerne an dieser Stelle ein Denkmal der Dankbarkeit setzen. Es ist die Frau des damaligen Residenten Altheer. Sie ist eine Dame von seltener Herzensgüte, welche nur ein Ziel, nur eine Lebensaufgabe kannte — Gutes zu thun, und wirklich schnöden Undank erntete. Ich meine nicht die zahlreichen kleinen Aufmerksamkeiten, mit welchen sie mich, den ledigen Mann, in meiner Hauswirthschaft überhäufte. Keine Torte wurde in ihrer Küche bereitet, ohne dass auch mir ein Stück gesandt wurde; die ersten Ananas, Rambutan, Mangistan, Manggafrüchte ihres grossen Gartens kamen nicht nur auf ihren Tisch, sondern wurden auch mir gesandt. Als ich meine Haushälterin verabschiedete, weil sie nicht nur ihrem Liebhaber auf meine Kosten volle Verpflegung gab, sondern mir auch meine Cigarren durch ihren Liebhaber zum zweiten Male zum Kaufe anbieten liess, war es wiederum diese brave Dame, welche mir so lange täglich eine ganze »Rysttafel« schickte, bis ich wieder meine eigene Menage führen konnte. Von mir hat allerdings Frau Altheer keinen Undank erfahren; ich bewahre noch heute eine dankbare Erinnerung an die zahlreichen Beweise ihres guten Herzens. Als aber ein Jahr später beim Ausbruch des Krakatau die wüthende See ihre haushohen Wellen über die Stadt Telók Betóng stürzte, flüchteten alle Bewohner hinauf auf den Hügel, auf welchem das Haus des Residenten und das Fort standen. Europäer, Chinesen und Eingeborene fanden ein Asyl bei dem Residenten, und die Herzensgüte seiner Frau feierte Orgien von Wohlthun und Hülfeleistung. Schwere Rauch- und Aschenwolken hingen über dem Hügel, aus denen beinahe ununterbrochen feuerglühende Blitze die dichte unheilschwangere Luft durchzuckten. Zwei lange Tage war ihr Haus von klagenden und weinenden Kindern und Frauen der Europäer und einigen Chinesen bewohnt, während in den Gärten und in allen Nebengebäuden die Eingeborenen ihr lautes Gebet um Erbarmen zum Himmel sandten. Wie ein schützender Engel eilte sie von Zimmer zu Zimmer, vom Garten in’s Haus, vom Haus in den Stall und brachte den hungrigen Männern, Frauen und Kindern Essen und Trinken aus ihrer Vorrathskammer, ohne zu bedenken, dass sie selbst morgen nichts mehr zu essenhaben würde. Als die Wuth der schäumenden, brausenden und stürmenden See gebrochen war, als der Krakatau in seinem Ergusse der brennenden Feuermasse sich erschöpft hatte und die lebenspendende Sonne ihre hellen Strahlen wieder über Telók Betóng ausbreitete, fassten diese Unglücklichen wieder neue Lebenslust und stiegen hinab in die Stadt, um nach ihrem Vorrath an Reis und Mehl, Hühnern, Kühen und Ziegen zu suchen; alles war verschwunden; die wüthenden Elemente hatten die Stadt rasirt; alles war verschwunden in dem unersättlichen Abgrund des grossen Meeres. Weinend und klagend kehrten sie zurück in ihr Asyl, und der gute Engel des Hauses fand für jeden ein tröstendes Wort, einen Teller Reis oder ein paar Erdäpfel oder ein Stück Fleisch aus Conserven, und das letzte Huhn wurde geschlachtet, um einer jungen Wöchnerin eine kräftige Suppe geben zu können. Den dritten Tag gelang es einem Dampfer, trotz der ungeheueren Masse von schwimmender Lava und Schlamm, von 20 bis 40 Meter!! Tiefe, von Batavia aus dem schwer heimgesuchten Telók Betóng Hülfe zu bringen. Der Resident Altheer nahm die mitgebrachten Lebensmittel in Empfang und vertheilte sie unter die Aermsten der Armen gratis. Die vermögenden Chinesen und Europäer liess er jedoch den gewöhnlichen Marktpreis bezahlen, um den Erlös wiederum dem kleinen Mann, dem armen Bauer, dem kleinen Beamten zukommen zu lassen. Dies gefiel jedoch keineswegs dem langzöpfigen Mongolen; er wollte auch für sein Leiden eine Entschädigung haben, und als ein zweiter Dampfer, welcher ebenfalls Lebensmittel angebracht hatte, nach Batavia zurückkehrte, gingen zwei Chinesen mit, um bei der Regierung ihre Klage über den Resident Altheer und seine Frau einzureichen, dass diese beiden die unglücklichen, armen, ihres Vermögens beraubten Chinesen zwangen, des Hungertodes zu sterben, weil sie die Lebensmittel nicht bezahlen konnten. Von Augenzeugen wurde mitgetheilt, dass einer dieser armen?? Chinesen am Schiffe eine Tausend-Gulden-Banknote wechseln liess. Auf diese Anklage ging ein Sturm der Entrüstung durch die Zeitungen und eine Commission, wozu der Adjutant des Gouverneur-General, Leutnant zur See X., gehörte, ging nach Telók Betóng und hörte von den dortigen Chinesen dieselben Klagen. Der Resident Altheer — wurde pensionirt. Keiner der europäischen Zeugen hatte nämlich gesehen, dass irgend ein Chinese Geld besessen haben sollte!! Ehre diesem Mann und seiner Frau!
Ende September kam mein Nachfolger[22]an, und da ich vorher davon telegraphisch verständigt worden war, konnte ich rechtzeitig alle Maassregeln nehmen, um sofort nach seiner Ankunft Auction halten zu können und von der Gastfreundschaft Gebrauch machen, welche der militärische Commandant mir anbot. Die Hoffnungen, welche ich auf meinen Nachfolger baute, eine »gute Auction« halten zu können, wurden nur theilweise erfüllt. Er brachte sich nämlich die grossen Möbel, als Tisch und Kasten, mit und sah davon ab, meine Equipage und Pferde zu erstehen, weil Telók Betóng zu klein sei, um sich diesen Luxus zu gestatten. Für die Pferde fand sich ein Käufer; aber der Wagen blieb unverkauft. Meine Equipage war in gutem Zustande; der Transport nach Batavia hätte aber 40 fl. gekostet; ich konnte mit einer gewissen Sicherheit wissen, dass ich nach meinem Examen nicht in Batavia bleiben würde, weil die dortigen Regimentsärzte sich einer gewissen Stabilität erfreuten; sie waren nämlich an der »Doctor-Djawa Schule«[23]als Docenten angestellt, und es war aus pädagogischen Ursachen ein häufiger Wechsel derselben nicht erwünscht. Doch der Resident half mir aus meiner Verlegenheit: Er legte mir nahe, meine Equipage zu verloosen. Zu diesem Zwecke sollte ich an ihn ein diesbezügliches Gesuch einreichen und 6 pCt. der Totalsumme als Verloosungsgebühr erlegen. So geschah es auch, und eine Stunde vor Ankunft des Dampfers aus Padang geschah im Club die Verloosung; ein Chinese erstand meinen Wagen.