Fig. 13. Pfarrhaus in Kuta-radja.(Vide Seite 117).
Fig. 13. Pfarrhaus in Kuta-radja.
(Vide Seite 117).
Wenn in letzter Zeit Professor Löffler in Greifswald eine neue Therapie der Krebskranken auf eine Thatsache gründen will, welche ihm von einem Arzt auf Borneo mitgetheilt wurde, dass nämlich in den Tropen Krebsfälle selten oder gar nicht vorkommen sollten, dann muss ich seiner Theorie den Boden entreissen. Diese Thatsache ist unrichtig. In den Tropen kommen Krebsfälle ebensohäufig oder ebenso selten als in Europa vor. Ich kann diese Behauptung natürlich unmöglich durch »grosse Ziffern« beweisen; wenn aber der einzelne Arzt, wie ich z. B., schon von zehn Fällen zu berichten weiss,[56]ohne dass ich mein statistisches Material durchforscht habe, dann darf ich mir diese Behauptung erlauben. Wie viele Krebsfälle haben dann die hunderte und tausende übrigen Aerzte gesehen? Wie viel Krebsfälle kamen in den tausend und tausenden Quadratmeilen der Insel vor, welche ich nicht gesehen habe. Wie viel tausend und tausende Krebskranke sind ihren Leiden erlegen, ohne dass ein europäischer Arzt sie gesehen, ich will nicht sagen obducirt hat? Unter den erwähnten zehn Fällen sind vier, welche ich dem Jahresberichte 1895 der indischen Armee entnommen habe; die übrigen habe ich entweder selbst gesehen oder selbst behandelt.
1. Im Jahre 1884 litt Regimentsarzt Dr. A. an Magenkrebs und ging nach Wien, um von Billroth sich operiren zu lassen.
2. Im Jahre 1891 starb mein Chef, ein Oberstabsarzt, an einem Lippenkrebs.
3. Den 13. April 1892 operirte ich im Militärspitale zu Ngawi einen Javanen, welcher einen Krebs im rechten Augapfel hatte.
4.? behandelte ich einen europäischen Soldaten, welcher einen Nierentumor hatte; bei der Section war die ganze rechte Niere zu einem Krebstumor umgewandelt und nur ein schmaler Saum der Rindensubstanz von ungefähr 2 mm Breite war erhalten.
5. Den 23. October 1893 kam ein ambonesischer Soldat — aus den Molukken — in meine Behandlung, der, so unglaublich es auch zu sein scheint, seinen Dienst bis zu diesem Tage als Soldat verrichtet hat, obzwar er in der Bauchhöhle einen grossen Tumor hatte. Der Apotheker Wetselaar war so freundlich, ihn in vivo zu photographiren; die Photographie ist noch in meinem Besitze; man sieht in der Magengrube eine Geschwulst hoch über das Niveau der Umgebung hervorragen. Seine Frau theilte mir die Vermuthung mit, dass er das Opfer einer eifersüchtigen Nebenbuhlerin, d. h. vergiftet worden sei. Dadurch wurde mir die Gelegenheit geboten,eine Section vornehmen zu können, als er 5 Wochen später seiner Krankheit erlag.
In der holländisch-indischen Armee, welche zur Hälfte aus mohamedanischen Soldaten besteht, darf nämlich — abgesehen von gerichtlichen Fällen — an eingeborenen Soldaten aus religiösen Motiven keine Section gehalten werden, es sei denn, dass von der Familie oder von seinen Kameraden »ausdrücklich dazu Erlaubniss gegeben wird«. Ich liess also nach dem Tode dieses Patienten seine Frau kommen und theilte ihr mit, dass ich für meine Person nicht glaube, dass ihr Mann durch eine Vergiftung gestorben sei, dass ich aber diewahreTodesursache nur dann angeben könnte, wenn ich wenigstens die Bauchhöhle öffnen und auf diese Weise den Bauchinhalt untersuchen könnte. Sofort ersuchte sie mich, dies zu thun, und die Autopsie bestätigte die Diagnose in vivo: Scirrhus-Krebs des Netzes.
6. Den am 16. Januar 1884 in Seruway beobachteten Fall kann ich ebenfalls als Carcinoma anführen — er ist ja in meiner Notiz als »Epitheliom der Glutaei« genannt —, obzwar ich ihn nicht operiren durfte. Die klinischen Erscheinungen, wie ich sie oben mitgetheilt habe, rechtfertigen ja die Wahrscheinlichkeits-Diagnose: Krebs.
Ich muss es wiederholen, dass diese Zahl der Krebskranken, welche ich hier mittheile, nicht gross ist; ich habe aber mein statistisches Material nicht zu Rathe gezogen; vielleicht würde ich noch einige Fälle finden; aber dessen ungeachtet fühle ich mich zur Behauptung berechtigt, dass in den Tropen, also in ausgesprochenen Malarialändern, der Krebs vorkomme und dass Professor Löffler in seiner Therapie dieser unglücklichen Patienten von einer falschen Prämisse ausgeht.[57]
Sehr Weniges hat während meines Aufenthaltes in Seruway meinen Geist beschäftigt; der Verkehr mit den übrigen fünf Europäern beschränkte sich auf wenige Minuten des Tages und, als ich krank wurde, nur auf wenige Augenblicke in der Woche; die Eingeborenen bekam ich aus mir heute noch unbekannter Ursacheniemals zu Gesicht; von den Unterofficieren war keiner so gebildet, dass ich den besonders in kleinen Forts unvermeidlichen Abstand zwischen Unterofficier und Hauptmann (diesem Rang war ich »assimilirt«) ausser Acht lassen konnte; mein Bedienter war der Typus eines stillen, wortkargen und gelassenen Malaien; seine Frau, welche das Amt einer Köchin versah, war eine sehr schöne Frau, welche aus naheliegenden Ursachen alle Befehle nur durch den Mund ihres Mannes erhielt; die Praxis im Marodenzimmer beschäftigte mich täglich im Durchschnitt nicht mehr als eine viertel Stunde; also Bücher, Bücher und wiederum Bücher mussten mir Ersatz für Alles bieten, was die menschliche Civilisation zur Befriedigung des Geistes, des Herzens und des Gemüthes seit Jahrhunderten geschaffen hat.
Ich wurde auch krank. Mein Rheumatismus stellte sich in heftigem Grade ein; ich konnte nur mit Mühe den Weg zum Marodenhaus zurücklegen, der nicht länger als 15 Schritt war. Ich bekam auch ein Recidiv eines schmerzhaften Ohrenleidens (Otitis media), welches im Jahre 1877 auf Borneo mich überfallen hatte und seit dieser Zeit hin und wieder mir rasende Schmerzen verursachte. Aber noch eine dritte Krankheit trat gleichzeitig mit diesen zwei schmerzhaften Erkrankungen auf. Ich bekam Blutungen aus der Blase! Ohne häusliche Pflege und ohne ärztliche Hülfe eines Collegen lag ich der Verzweiflung nahe und wartete auf meinen Nachfolger, um den ich bei dem ersten Anfall des Ohrenleidens nach Batavia geschrieben hatte. Den 23. Februar konnte dieser eintreffen. Es waren traurige Tage; durch Morphium wollte ich die Schmerzen nicht stillen, weil ich den Morphinismus fürchtete, welcher in den meisten Fällen durch chronische langdauernde Krankheiten veranlasst wird; zum Genever oder zur Weinflasche als Betäubungsmittel hatte ich niemals meine Zuflucht genommen, weil ich den Alcoholismus als Schreckgespenst im Hintergrunde sah; nur Eines hielt mich in diesen traurigen Tagen aufrecht: Am 23. Februar kommt ein College, welcher mich durch locale Behandlung radical von meinem Ohrenleiden und von meiner Blasenblutung befreien wird.
Der 23. Februar kam, die Post kam, aber mein Nachfolger kam nicht; und es kam ein Privatschreiben des Landessanitätschefs von Medan, in welchem er mir mittheilte, dass ein officieller Brief von Batavia von ihm Aufklärung verlange, was denn dem Regimentsarzte Dr. Breitenstein fehle, dass er sofortige Ablösung verlange,und dass das Vermuthen nahe liege, dass dieser nur darum um Ablösung ersucht habe, weil es ihm in diesem »abgelegenen Posten« nicht mehr gefalle. Dr. X. ersuchte mich also, ihm die nähern Details meiner Krankheit mittheilen zu wollen.
Es war der traurigste Tag meines Lebens: von Schmerzen in den beiden Kniegelenken und im linken Ohr gepeinigt, bedroht durch die Blutungen aus der Blase und jeder Aussicht beraubt, vor vier Wochen ärztliche Hülfe erlangen zu können. Psychisch und physisch das Opfer der traurigsten Verhältnisse griff ich in derselben Nacht — zum Revolver. Doch die Lebenslust behielt die Oberhand — ich sollte ja in wenigen Wochen erst 36 Jahre alt werden. Ich warf den Revolver in die Ecke des Zimmers, schleppte mich zum Schreibtische und schrieb ein Telegramm an den Sanitätschef in Batavia und einen Brief an den »Militär-Commandanten zu Seruway«. In dem Telegramme theilte ich einfach mit, dass ich wegen Krankheit mit der nächsten Gelegenheit Seruway verlasse, und in dem Briefe an meinen Nachbar bat ich, die Dampfbarcasse, welche die Post gebracht hatte, einige Stunden auf mich warten zu lassen, weil ich sofortige Hülfe für mein Leiden unerlässlich erachte und mich evacuiren müsse, und verständigte ihn davon, dass gleichzeitig ein Telegramm nach Batavia geschickt werde, mit der Bitte, sofort einen Nachfolger zu senden.
Früh um 6 Uhr bat ich den Agenten des Garnisonlieferanten, meine Möbel in Commission zu nehmen, liess meinen Bedienten die Koffer packen und um 10 Uhr sass ich in der Dampfbarcasse, die mich nach Pankalan Siatas brachte, und Abends um 8 Uhr bestieg ich den Dampfer der »indischen Dampfschifffahrtsgesellschaft«, welcher zwischen der »Ostküste Sumatras«[58]und Batavia einen 14tägigen Verkehr unterhielt. In Riouw, der damaligen Residenzstadt der Provinz »Riouw und Vasallenstaaten«, traf ich Dr. X., der vielleicht (?) schon vor Erhalt meines Telegramms[59]angewiesen war, mich abzulösen.
Der Herr Gideonse besorgte mir den Verkauf meiner Möbel,welcher nicht mehr als fl. 295.25 erzielte, während zwei Monate später die Auction des Militär-Commandanten fl. 1900 aufbrachte. Es ist ja eine alte Erfahrung, dass die Freundschaft mit den Verwaltungsbeamten in den holländischen Colonien buchstäblich viel Geld werth ist. Wie ich schon früher[60]mittheilte, bedingt die flottende europäische Bevölkerung die Existenz eines Auctionsamtes, in welchem von der Regierung entre autre der Verkauf der Einrichtungen der transferirten Beamten und Officiere besorgt wird. Die Versteigerung wird gerne von den Eingeborenen besucht, welche sich auf bequeme und billige Weise mit europäischen Möbeln und Schmuckgegenständen versehen und zugleich »ein Andenken an ihre europäischen Freunde« für ihr gutes Geld verschaffen können; es liegt im Charakter des Eingeborenen, in erster Reihe in allen Männern von Einfluss »ihre Freunde« zu suchen und dem neu auftretenden Würdenträger zu zeigen, wie hoch und wie theuer sie das Andenken an »ihren Freund« zu erwerben bereit sind. So erklärt es sich, dass alle Beamten und Officiere, welche mit den Eingeborenen bei Lieferungen und Arbeiten für die Regierung in Verkehr stehen, trotz zahlreicher Transferirungen keinen geldlichen Schaden erleiden, während die dii minorum gentium »drei Transferirungen für einen Brand« erklären. Auch die guten Freunde der Verwaltungsbeamten participiren an diesen Vortheilen, weil die Eingeborenen und auch die Chinesen schon aus der Art und Weise, wie eine Auction von den Verwaltungsbeamten poussirt wird, einen Maassstab für die Bedeutung und Einfluss des abtretenden »Freundes des Beamten« sich schaffen. Ich wiederhole aber gerne, was ich schon im zweiten Bande mitgetheilt habe: Das Auctionsamt in Indien entspricht geradezu einem dringenden Bedürfnisse der herrschenden Verhältnisse, und die damit verbundenen Missbräuche vermindern sich von Jahr zu Jahr.
Ende Februar kam ich in Batavia an und wurde vom Sanitätschef etwas unfreundlich empfangen, weil ich mich einer bessern Gesundheit erfreute, als er erwartet hatte. Die Blutungen hatten aufgehört, die Attaque des Rheumatismus war abgelaufen und die Otitis hatte sich so weit gebessert, dass die Schmerzen mir nicht mehr die Nachtruhe raubten. Ich wurde zur weiteren Behandlung im Spitale aufgenommen, und erst am 3. Mai konnte ich einen2jährigen Urlaub nach Europa antreten, wo ich radicale Heilung meiner Krankheiten suchen und finden sollte.
Den 20. Mai 1886 heirathete ich in Rotterdam die Tochter eines Buchdruckers und trat sofort die Rückreise nach Indien an; die Hochzeitsreise führte mich nach Wien, wo ich zwei Wochen bei meiner Familie mich aufhielt, und schiffte mich den 19. Juni in Marseille ein. Den 20. Juli kamen wir wohlbehalten in Batavia an, und schon den 25. Juli las ich in der Zeitung, dass ich nach Atjeh in Nord-Sumatra gehen müsste, wo seit 1873 ein Guerillakrieg mit abwechselndem Kriegsglücke für beide Seiten geführt wurde. Am 30. Juli schiffte ich mich mit meiner Frau auf der »Tambora« ein, nachdem mir telegraphisch vom Gouverneur von Atjeh die Erlaubniss mitgetheilt wurde, meine Frau mitzunehmen.
Im folgenden Capitel werde ich mich mit meinen Erlebnissen unter diesem freiheitsliebenden Volke und theilweise auch mit ihren Sitten und Gebräuchen beschäftigen. Aber ich kann nicht umhin, hier an dieser Stelle ein kleines Bild von der Flora der Insel Sumatra zu geben und zwar darum an dieser Stelle, weil die Flora des mittleren Sumatra, d. h. gerade der Provinzen, welche im obigen Capitel besprochen wurden, von einem Fachmanne ausführlich beschrieben wurde. In dem Reisebuche des Ingenieurs Yzermann (y = ei und z = s) entwirft der Förster Koorders, welcher späterhin mit Hülfe eines holländischen Botanikers seine Sammlungen classificirt hat, ein geradezu erschöpfendes Bild von der Pflanzenwelt, welche er im Gefolge dieses Ingenieurs gesehen und bewundert hat. Dieses Buch ist in holländischer Sprache geschrieben und darum der deutschen Gelehrtenwelt nicht allgemein bekannt; ich glaube also nur eine nützliche Arbeit zu leisten, wenn ich im Auszuge die Mittheilungen des Herrn Koorders an dieser Stelle wiederhole.