Vorrede.
Wie der erste Theil dieses Buches fand auch der zweite Theil (unter dem Namen »Java«) eine sehr freundliche Aufnahme; aus Deutschland, Oesterreich, Bosnien, Holland, England und Russland kamen mir günstige Recensionen meines Buches zu. InIndienselbst wird es jedoch, wie ich höre, wenig gekauft und wenig gelesen — »weil ich zu viel in diesem Buche gelobt habe«.
Als vor ungefähr einem Jahre auf dem holländischen Markte ein Buch erschien, welches alles tadelte, was auf Java lebt und sich regt, welches in den schärfsten Worten den Europäer auf Java als den Auswurf der Menschheit bezeichnete und schilderte, der nur einen Gott habe —das Geld, der nur eine Tugend kenne —das Geld, und der darum cynisch, roh, ordinär, gemüths-, geist- und herzlos sei, nur einen Genuss kenne und suche — denBesitz des Geldes—, dieses Buch wurde in Indien viel gelesen und stark gekauft.
Vielleicht wird sich der dritte und letzte Theil meines Werkes auch in Indien, d. h. auf den Inseln des indischen Archipels, eines grossen Leserkreises erfreuen; ich habe darin nämlich leider Weniges zu loben, desto mehr zu tadeln.
Viele Worte des Lobes finde ich für den Boden Sumatras, seinen Reichthum u. s. w., dagegen nur wenige für die Europäer auf dieser meerumsäumten Insel.
Ihre Politik ist bis jetzt die eines kleinlichen, engherzigen und geizigen Spiessbürgers gewesen. Ihre neuen Goldminen sind von einem unpraktischen Bergrechte geschützt, welches dem Wucher, der Spiellust und selbst dem Schwindel Thür und Thor öffnet.
Im Westen der grossen Wasserscheide jagt der Büttel der holländischen Regierung den armen, bedauernswerthen (?) malaiischen Bauer zu Robottdiensten in die Caffeegärten, weil die holländische Regierung 24 fl. an jedem Pikol Caffee verdienen will.
Im Osten dieser Insel verzehrt das Sumpffieber den chinesischen Kuli, weil der holländische Pflanzer mit seinem Deckblatte den Havanatabak vom Weltmarkte verdrängen will.
Im Herzen Sumatras hausen noch Menschenfresser! und im Norden dieser Insel sind noch zahlreiche Völkerstämme, von welchen die Holländer kaum mehr als den Namen kennen.
Zwischen den himmelanstrebenden Gipfeln der Bergriesen Ophir, Telaman u. s. w. wohnen in ganzer Sittenreinheit die Epigonen der »Padri«, welche in ihrem siegreichen Zuge gehemmt wurden von den Holländern im Bunde mit Menschenfressern des Tobahsees!
Kurzsichtige Minister haben die schönste Perle der Krone Hollands in schmutziges, altes und verrostetes Eisen gefasst und dem Volke die Phrase zugerufen: Java ist die Königsinsel unseres grossen Kaiserreiches »Insulinde«; Gott gab ihr grosse Schutzmauern, die da heissen: Sumatra, Borneo und die Molukken. Java ist die Quelle unseres Reichthums, Java ist der Sitz unserer Macht und darum wollen wirnurJava hegen und pflegen.
Sumatra, Borneo und die Molukken sind aber keine dürre, leblose und unfruchtbare Mauer; sie haben einen fetten und humusreichen Boden; die Flora und Fauna ist hier wie dort üppig; Millionen Menschen rufen hier wie dort um Schutz für ihr Leben, für ihre Büffel und für ihre Töchter gegen ihre eigenen Fürsten, welche als Despoten des Landes Mark aussaugen.
Wohlan! Holland! raffe dich auf! Hebe auch die Schätze der Insel Sumatra und schaffeallenseinen Bewohnern ein menschenwürdiges Dasein!
Du sollst, denn du kannst!
Dieser Kassandraruf zieht wie ein rother Faden durch diesen dritten Theil meines Werkes: »21 Jahre in Indien«, obwohl ich mich bemüht habe, den ursprünglichen Charakter des Buches beizubehalten, d. h. zu erzählen, was ich auf der Insel Sumatra erlebt, zu beschreiben, was ich gesehen, und zu schildern — was ich dort gelitten habe.
Um einem oft geäusserten Wunsche der Kritik gerecht zu werden, habe ich in diesem dritten Theile meines Buches die Tropenfauna und Flora sowie die Ethnographie eines malaiischen Volksstammes nach den Mittheilungen bekannter Fachleute besprochen und in einem Anhange einige Tropenkrankheiten beschrieben. In einem zweiten Anhange brachte ich einige malaiische Melodien, in europäische Noten gesetzt — eine Arbeit, welche mit ausserordentlichen Schwierigkeiten verbunden war und vondem bekannten Recensenten Otto Knaap (Amsterdam) für mich in liebenswürdiger Bereitwilligkeit gemacht wurde.
Das Milieu meiner Mittheilungen sind Land und Leute des meerumspülten Sumatra, welches ich nicht nur in »Wort«, sondern auch in »Bild« vorführen will.
Ungefähr 400 Photographien standen mir zu diesem Zweck zur Verfügung, welche theilweise meiner Sammlung und theilweise Freunden meines Werkes angehören. Aus naheliegenden Ursachen musste ich mich auf die Wahl einer kleinen Anzahl beschränken, und so hoffe ich, dass die gewählten 26 Illustrationen hinreichen werden, den Text, wenn auch nicht zu vervollständigen, so doch zu ergänzen.
Gern schliesse ich mit einem Wort des Dankes an die VerlagsfirmaTh. Grieben’s Verlagin Leipzig, welche dieses Buch mit künstlerisch ausgestatteten Bildern versehen hat, und an jene Herren, welche mir ihre Sammlung von Photographien zur Verfügung gestellt haben, und zwar:
fürFig. 3dem Herrn Geh. Rath Dr. MaxBartelsin Berlin;
„ „4u.23dem Herrn OberingenieurYzermanin Amsterdam;
„ „22,24u.25dem Herrn OberingenieurDelpratin Java;
„ „2u.5dem Herrn Regierungsrath F.Heger, Vorstand des ethnographischen Museums in Wien;
„ „1dem Herrn Dr.Schmelzin Leiden;
„ „6,7,8,9,10u.11dem Herrn Dr. AxelPreyer, z. Z. in Cairo.
Figuren12,13,14,15,16,17,21,26undTitelbildsind meiner Sammlung entnommen.
Karlsbad, im Wonnemonat 1902.
Dr. H. Breitenstein.