11. Capitel.

11. Capitel.

Das „Liebesleben“ bei den Waldmenschen, Dajakern, Malayen und Europäern — Aphrodisiaca — Abschied von Borneo — Bandjermasing nach 100 Jahren.

Ein Lieutenant, welcher gegenwärtig einen hohen Rang in der indischen Armee einnimmt, liebte es, in müssigen Stunden zu — philosophiren (?) und bezeichnete vor vielen Jahren den Genuss der sinnlichen Liebe als denselben, welchen wir bei einem ergiebigen Stuhlgang hätten, mit andern Worten, er gab der sinnlichen Liebe dieselbe Basis als den übrigen Entleerungen des Körpers!! Zu einer so trivialen und so gemeinen Benennung der sinnlichen Liebe hat sich meines Wissens noch kein Materialist erniedrigt, der nur jemals einen wissenschaftlichen Gedanken in seinem Gehirn ausbrütete; denn die Endproducte des Stuhlganges sind, wenn nicht schädliche, doch gewiss überflüssige Producte, während die der sinnlichen Liebe das Schönste, Grösste und Mächtigste schaffen, das das ganze Weltall kennt: ein neues organisches Wesen. Nur als Curiosum habe ich also den Ausspruch dieses Officiers erwähnt und als Beweis, wie weit sich Menschen verirren können, wenn sie mit materialistischen Ideen prunken wollen; gerade wie es widerlich ist, wenn manche Leute als Gottesleugner mit ihren atheistischen Ideen sich brüsten.

Es ist ein heikles Thema, die Liebe der Naturvölker zu besprechen, schildern und unter dem Secirmesser der Kritik zu betrachten; ich kann jedoch nicht mit Stillschweigen darüber hinweggehen, weil in Indien so zahlreiche unrichtige Ansichten über dasGefühlslebender Eingeborenen im Allgemeinen colportirt werden.

Die stehende Phrase, welche gern von Europäern gebraucht wird, ist: Der Malaye ist gefühllos; nichts ist unrichtiger als dieses.Sie fühlen, aber es gehört nicht zum guten Ton, seine Gefühle zu zeigen, sondern sie zu verbergen.

Eines Tages wurde ich zu einem Fürsten gerufen, dessen Sohn vom Baume gefallen war und sich den rechten Vorderarm gebrochen hatte; wenige Minuten vorher war der Vater abgereist, und es gelang meinem Kutscher, den Reisewagen einzuholen und ihn zurückzurufen. Ich ging ihm entgegen, um ihm in schonender Weise von dem Vorgefallenen die Details mitzutheilen. So lange wir im Garten, umgeben von seinem Gefolge, waren, bewahrte der Regent seine unerschütterliche Ruhe, und keine Regung verrieth in seinem Gesichte, in seinen Worten und in seiner Haltung das väterliche Mitgefühl; kaum waren wir jedoch im Zimmer, befreit von den neugierigen Blicken des Gefolges, als sein Vaterherz miterregtenWorten von mir die Prognose, den Verlauf der Krankheit, ihre Dauer u. s. w. zu wissen verlangte.

Auch das Liebesleben der Malayen entzieht sich ganz dem Urtheile der Europäer, weil sie jede Liebesäusserung coram publico als unsittlich perhorresciren; man kann Jahre lang verheirathete Bediente in seinem Hause haben, ohne sie einen Händedruck, einen Kuss oder nur die geringste körperliche Berührung wechseln zu sehen, obwohl sie den ganzen Tag bei der oben beschriebenen Bauart des Hauses dem controlirenden Auge der Hausfrau und der Nachbarn ausgesetzt sind. Ich für meine Person habe z. B. noch niemals einen eingeborenen Mann eine Frau küssen gesehen, so dass ich nur von Mittheilungen anderer diesen Vorgang kenne; es soll, wie das Wort tjîum schon sagt, eine Art von Beschnüffeln sein (tjîum heisst nämlich ursprünglich riechen).

Ich muss es also wiederholen, dass nur scheinbar die »Gefühllosigkeit« der Malayen besteht, und dass diese Völker ebenso innig lieben und leidenschaftlich hassen können; ja noch mehr. Die Liebe erfasst in ihrem Sinnesrausch diese Menschen noch mächtiger als die Europäer. Gewiss die Hälfte der Morde geschieht im Feuer des Liebesrausches oder der Eifersucht, und das französische Sprichwort: Cherchez la femme, hat in der malayischen Sprache ein Synonym und zwar: Perkâra parampuwan = Affaire (durch) Frauen. Während in Europa der Raubmord, der Mord aus Gewinnsucht viel häufiger vorkommt als der aus Eifersucht, sehen wir bei der malayischen Rasse umgekehrt die Liebe viel häufiger den Dolch in die Hand des Eifersüchtigen drücken als die Habsucht.

Vor einigen Jahren lockte eine öffentliche Dirne in Triest einen jungen Mann in ihre Wohnung, und während sie auf seinem Schoosse sass und ihn liebkoste, legte sie, wie sie sagte, scherzend eine Schlingeum seinen Hals. Plötzlich sprang sie jedoch auf, und ihr Liebhaber, welcher in demselben Zimmer verborgen war, fasste die Schlinge mit kräftiger Hand und erwürgte diesen jungen Mann!!

Darauf wurde der Leichnam seiner ganzen Habe beraubt!! Einen solchen feigen und gemeinen Mordkannein Malaye unmöglich thun. Der Malaye wird in der Eifersucht den Kris ziehen und seinen Nebenbuhler durchbohren; er wird vielleicht, um Geld zur Befriedigung seiner Leidenschaft zum Spiele und zur Liebe zu bekommen, einen Raubmord thun; er wird vielleicht, um seinem Hasse zu genügen, Amok laufen; aber die Engelmacherei — kennt er nicht. Eine malayische erzürnte Mutter wird in der ersten Aufwallung ihres Zornes ihr Kind zwicken oder bei den Haaren ziehen; niemals jedoch wird eine malayische Frau durch Wochen langes Martern oder Hungern-Lassen ein Kind dem gewissen Tode weihen, wie man es so oft in Europa erzählen hört. Von solchen Fälschungen, wie sie die Dreyfussaffaire ans Tageslicht brachte, schweigt wahrscheinlich die Geschichte der Intriguen auf den Höfen von Djocja, Kutei u. s w. Die Auswüchse der europäischen Civilisation haben, mit einem Wort gesagt, die primitiven Sitten der malayischen Bevölkerung noch nicht verdorben.

Doch ad rem.

Die Waldmenschen kennen, wie mir im Jahre 1879 der Fürst von Murong und Siang mittheilte, kein fesselndes Band der Ehe; sie leben in einzelnen Familien, und ihre erwachsenen Kinder vereinigen sich wieder ohne den Segen eines Priesters und ohne Zustimmung irgend eines andern Häuptlings als ihres Vaters. Ihr Geschlechtsleben sei dasselbe wie das eines Schweines (Babi). Das ist alles, was ich von diesem dajakischen Häuptling über das Geschlechtsleben dieser primitiven Menschen zu wissen bekam. Auch hätten diese keine Geschlechtskrankheiten, wie ich schon früher mitgetheilt habe. Da dieser Häuptling nur im geringen Maasse der malayischen Sprache mächtig, und mein Dolmetsch (der Häuptling von Teweh) kein vertraubarer Berichterstatter war, musste ich davon absehen, nähere Details über das »Liebesleben« der Waldmenschen von Borneo zu erfahren.

Der Dajaker »heirathet« zwar, und grosse, langdauernde Feste geben dem Trauacte eine feierliche Weihe (??), aber die Basis ihrer Ehe ist die Liederlichkeit, die Sittenlosigkeit, welche die Dajaker selbst unter die Affen tief sinken lässt.

Der Dajaker heirathet nur, um eine kürzere oder längere Zeit den Gebrauch der Frau sich zu sichern, sei es als Krankenwärterin,sei es zur Befriedigung seiner thierischen Gelüste, oder sei es zur Erhöhung seiner Einkünfte. Wenn seine Frau einem anderen Manne Fallstricke legt — der Ehebruch wird ja mit dem Tode bedroht, aber nicht thatsächlich bestraft, — so wird er nicht nur mit Vergnügen das erhaltene Bussegeld in Empfang nehmen, sondern wird sich auch dessen rühmen, dass er eine so pîntare[66]Frau besitze, und dass sie schon zwei- oder dreimal diesen genialen Streich ausführen konnte u. s. w.

Schon die Vorbedingungen der Ehe sind unmoralisch. Der Dajaker erwartet von seiner Frau gar nicht die Jungfräulichkeit, selbst wenn er mit seiner zukünftigen Frau verlobt wurde, als sie noch Kind war.

Die dajakische Frau weiss aber auch, dass ihr zukünftiger Mann nicht jung heirathen würde, dass er vor der Ehe alle Laster von Sodom und Gomorrha geübt habe, und dass die Ehe ihr nur einen früh gealterten, kraft- und saftlosen Mann bringen werde.

Der Dajaker und die dajakische Frau stehen in ihrem Geschlechtsleben, wie gesagt, tief unter den Affen.

Ich hatte in Teweh ein Affenhäuschen und hatte daher Gelegenheit, auch in dieser Richtung die Affen beobachten zu können. Sie sind Onanisten im hohen Grade. Ich hatte einen kleinen Schweinsaffen, welcher Stunden lang an seinem Präputium saugte; ich bestreute dasselbe mit dem bittern Chinin, um ihn von dieser Gewohnheit abzubringen; ich amputirte das Präputium, welches durch das stete Zerren stark hypertrophisch geworden war. Nichts half jedoch; er ging tabetisch zu Grunde. Der Affe ergiebt sich in verschiedenen Weisen dem Genusse der gereizten Geschlechtsnerven; aber der Dajaker — übertrifft ihn.

Die dajakische Frau gebraucht den Balak, d. i. ein künstlicher mit Wachs überzogener Penis, und der dajakischeMannist stolz, mit einem Priester (Basir) ein eheliches Leben führen zu können! Dr. van der Burg erzählt, dass die Dajaker »den Penis mit einem Stückchen Holz oder Bein durchbohren und an den freien Enden hölzerne Kügelchen befestigen, mit dem Zwecke, die innere Fläche der Vagina zu reizen und dadurch stärkere Contractionen von dem Constrictor cunni zu bekommen. Ein so ausgerüsteter Penis befindet sich u. a. im pathologisch-anatomischen Cabinet des Militärhospitales in Weltevreden.«

Dieses Präparat habe ich in Weltevreden nicht gesehen, weil ichnicht daran gedacht habe, es zu suchen; ich habe aber auch von diesem Instrumente zur Zeit meines Aufenthaltes in Borneo kein Exemplar gesehen und auch nicht davon sprechen gehört (auch Perelaer reiht die Existenz dieses Instrumentes in das Reich der Fabel); ich schenke jedoch den Mittheilungen des Dr. van der Burg Vertrauen, weil ich ihn einer solchen Lüge unfähig halte und weil — es in den Rahmen des liederlichen Lebens der Dajaker passt und ein Analogon ist zu dem bei andern Nationen des indischen Archipels gebräuchlichen Verfahren, einen Büschel Pferdehaare um den Penis zu knüpfen, um den Geschlechtsgenuss der Frau zu erhöhen.

Den Schleier des ehelichen Lebens der Dajaker will ich nicht aufheben, weil es sich nur wenig von dem Geschlechtsleben der unverheiratheten Männer und Frauen unterscheidet. Bei den zahlreichen und lange dauernden Festen wird ja unter dem Einflusse des Tuwak jeder Unterschied zwischen Alt und Jung, zwischen ledig und verheirathet vergessen, und wenn ich einen Schluss mir erlaube von dem, was ich selbst gesehen habe, auf das, was mir mitgetheilt wurde, so ist es vielleicht besser, wenn ich den Schleier nicht weiter lüfte.

Die Malayen der Insel Borneo sind Mohammedaner, und als solche tragen sie die Keuschheit äusserlich in höherem Maasse zur Schau als die Europäer. Ihre Polygamie ist gesetzlich geschützt; aber ihre Leidenschaft ist zügellos, weil der Geist der mohammedanischen Religion in sie nicht gedrungen ist, und ihnen eine höhere Bildung fehlt, welche ihrem Geiste eine andere Nahrung giebt, als die Sorge für die Liebe und das Würfelspiel. Nebstdem ist der Kampf ums Dasein in der üppigen Natur der Tropen ein leichter; die Sorge um das tägliche Brod beherrscht in Borneo, ebenso wie auf den übrigen Inseln des indischen Archipels, nur ausnahmsweise den einfachen Kampongbewohner; um 10 Kreuzer sind seine täglichen Bedürfnisse gedeckt, und wenn der Bauer in seiner freien Zeit sich als Kuli vermiethet, so erhält er 15–20 Kreuzer pro Tag und ist im Stande, damit selbst den Unterhalt für seine Frau und Kind zu decken; denn sein Feld giebt ihm genug Reis für seine ganze Familie; die Hühner und Enten bereichern entweder seinen Tisch oder schaffen ihm durch den Verkauf der Eier einen kleinen Erwerb. Seine Frau webt sich allein den nöthigen Sarong oder bemalt den europäischen billigen Kattun in geschickter Weise mit den Farbstoffen des Landes, unter welchen der Indigo die erste Rolle einnimmt.

Das Gemeindeleben bringt nur zur Zeit der Wahlen einige Abwechselungin das eng begrenzte Geistesleben der Malayen; er concentrirt dieses also auf das Geschlechtsleben und auf das Spiel.

Dieses ist die wichtigste Ursache, dass der Malaye der Erhöhung des Geschlechtsgenusses im Allgemeinen eine hohe Sorgfalt zuwendet und mit der Wahl der Aphrodisiaca regelmässiger sich beschäftigt, als der Europäer.

Der grösste Theil der Aphrodisiaca, welche der Malaye gebraucht, sind Arzneien, Früchte, Fische u. s. w., welche die Dauer des Genusses verlängern sollen; es besteht aber ein Unterschied zwischen dem malayischen und europäischen Wüstling. Dieser gebraucht z. B. die Diablotins, um die Zahl der Opfer in einer Nacht zu vergrössern; der Malaye jedoch rühmt sich mehr, das Quale erhöht zu haben. Der europäische Don Juan schwelgt bei der Erinnerung an eine Nacht, in welcher er 4–5, vielleicht 6mal am Altare der Liebe hätte sein Opfer darbringen können, der Malaye jedoch, und noch mehr der Javane oder der Halbeuropäer, wetteifern in der Dauer eines solchen Opfers; ¼ Stunde im Tempel der Venus jedesmal weilen zu können, ist das Ziel des malayischen Liebhabers. Ein zweiter Unterschied charakterisirt den malayischen Schwelger; in seinen ruhmredigen Gesprächen gedenkt er des langdauernden Genusses, welchen er derFraugeboten hat, und lässt seine Person erst die zweite Rolle spielen, während der europäische Grosssprecher nur von seiner und nicht seiner Frau Leistungsfähigkeit spricht. Die Mittel, welche sie dazu gebrauchen, stammen aus der Pflanzen- und Thierwelt, und — Massage und Gymnastik. Die Gymnastik führt das halberwachsene Mädchen in die Schule der Liebe, die Medicamente sollen dem reifen Mannesalter seine Kräfte erhalten und dem beginnenden Greisenalter mit Hülfe der Massage den letzten Funken des männlichen Feuers erhalten.

Die Zahl der Aphrodisiaca ist gross; die Tripang, Schwalbennester, schwere Weine, zahlreiche Fischsorten, aromatische Kräuter, welche als Kataplasmen gebraucht werden; Pferdehaare, welche in den sulcus glandis mit hervorragendem Ende gebunden werden; der Penis von einem Kaiman oder einer Seekuh (Halicore Dugong) werden getrocknet zu einem Pulver gerieben und mit Wasser getrunken; die Eier der Schildkröten, die Stacheln der Haie; einige Sorten Käfer, welche das Pfeilgift legèn liefern sollen (??); einige Früchte,[67]Austern u. s. w.u. s. w. sind die am meisten gebrauchten. Ich hatte Gelegenheit, wenigstens den Einfluss des reichlichen Fischessens auf die Energie der Männer zu beobachten. Im Süden Javas, und zwar im Westen von dem Hafenplatz Tjilatjap, befindet sich ein kleines Dorf auf Pfahlbauten; der Meerbusen, an dessen Ufer dieses Dorf steht, heisst das Kindermeer (Kinderzee); die Fruchtbarkeit seiner Bewohner ist gross und — der Einfluss derausschliesslichenNahrung von den Fischen aus dieser Gegend liess sich auch bei den Europäern constatiren, welche sich dort aufhielten. Ob es eine einzelne Species der zahlreichen Fischsorten, oder im Allgemeinen das starke Consumiren der Fische war, was die Geschlechtslust der Männer in so hohem Maasse erregt, weiss ich natürlich nicht zu sagen; aber wahrscheinlicher ist, dass die eiweissreiche Nahrung auf den Organismus kräftigend und stärkend wirkt, so dass Männer und Frauen unter den günstigsten Lebensbedingungen leben und also auch im höchsten Grade fortpflanzungsfähig sind.

Wenn ich nun auch das Geschlechtsleben der Europäer in den Tropen mit einigen Worten bespreche, so bin ich mir der Schwierigkeiten bewusst, welche damit verbunden sind; denn nur die Erfahrung auswenigenFällen kann das Thatsächliche meiner Mittheilungen sein. Peccatur intra et extra muros Trojae. Ueberall wird gesündigt, in Europa und in Indien; aber unrichtig ist es, dass, wie so oft angenommen wird, in Indien die Europäer auf schlechtem Fusse mit der Moral im Eheleben stünden. Weil die Zahl der Europäer eine kleine ist, und weil die Wohnungen den ganzen Tag den neugierigen Blicken der Nachbarn exponirt sind, so werden die Sünden des Einzelnen schneller und leichter bekannt, als in Europa. Ich habe hier wie dort solide Ehemänner gekannt; ich habe in Indien ebenso viele Frauen gekannt, welche nicht der geringste Vorwurf einer ehelichen Untreue treffen konnte, als in Europa.

Andere behaupten wiederum das Gegentheil. Die Tropensonne sollte auf den Mann erschlaffenden und auf die Frau erregenden Einfluss nehmen. Dies ist sicher nicht wahr. Der Totaleindruck, den ich diesbezüglich während meines 21jährigen Aufenthaltes in Indien gewann, ist ein ganz anderer gewesen. Ob es nun die Gluth der Tropensonne, oder das üppige Leben, oder der Mangel an geistigen Genüssen sei, oder alle diese Factoren zusammen, thatsächlich ist auch das Geschlechtsleben der Europäer in Indien ein intensiveres als in Europa. Es ist aber doch ein grosser Unterschied, ob der Europäer in Indien oder inEuropa erzogen wurde. Hat der Europäer in Indien seine Wiege, sei er Vollblut-Europäer oder habe er eingeborenes Blut in sich, so wird durch den Umgang mit den eingeborenen Bedienten frühzeitig die Geschlechtslust erweckt, und es ist, wie ich schon früher erwähnt habe, keine Seltenheit, einen Realschüler oder einen Gymnasiasten an einer Blenorrhoe urethrae behandeln zu müssen. Auch die Mädchen werden frühzeitig in die Geheimnisse des Ehe- und Geschlechtslebens eingeweiht, so dass es oft den Eltern viel Mühe kostet, sie vor einem Falle zu schützen. Nebstdem sind die in Indien geborenen Europäer im Allgemeinen viel besser mit den Aphrodisiaca und mit den Kunstmitteln betraut, welche den Genuss in der Liebe erhöhen sollen. Auch das grosse Reich der Liebestränke der Eingeborenen ist ihnen geläufiger als jenen Europäern, welche in Holland ihre Erziehung genossen haben. Ich sah und sprach selbst mit europäischen Damen, welche in ihrem ganzen Denken und Fühlen, und besonders in der Unbefangenheit, mit welcher sie das geschlechtliche Leben besprachen, kaum von eingeborenen Frauen unterschieden werden konnten. Diese halten wohl, wie Dr. van der Burg schreibt, das Factum der geschlechtlichen Vereinigung und Alles, was damit zusammenhängt, vor der Umgebung geheim, d. h. nichts Anderes als die Handlung selbst; sie finden das Küssen coram publico unanständig, führen aber mit ihren Kameradinnen und anderen Frauen Gespräche, welche Damen, die dieses nicht gewohnt sind, die Schamröthe ins Gesicht treibt. Die »Sachen« werden ganz gewöhnlich und oft in ordinären Ausdrücken bei ihrem Namen genannt, und es ist nur schwer zu verhindern, dass europäische Kinder schon in ihrer frühesten Jugend in Sachen eingeweiht werden, welche selbst den Erwachsenen in Europa nicht immer bekannt sind. Kleine Kinder werden bei der Entbindung der Mutter nicht entfernt, sehen zu, was da geschieht, erzählen und besprechen die geschlechtlichen Unterschiede u. s. w.

Diese Charakterisirung der eingeborenen Frauen ist ceteris paribus auch auf die europäischen Damen anwendbar, welche in Indien geboren sind; natürlich zeigen nicht Alle diese Ungenirtheit im Gespräche in gleichem Maasse; aber alle sind freier in ihren Ausdrücken als Frauen desselben Standes in Europa. Ich selbst habe z. B. in Gesellschaft von drei Officiersfrauen Witze über mich ergehen lassen müssen, welche in Europa gewiss nie und nimmer in diesen Kreisen aus zartem Frauenmunde gehört wurden.

Im Jahre 188.. wurde ein Officier nach Atschin transferirt, wo seit mehr als 25 Jahren ein Guerillakrieg geführt wird. Sein Ersuchen,seine junge Frau mitnehmen zu dürfen, wurde nicht bewilligt und — seine Frau gab ihm ihre Zofe als »Haushälterin« mit.

Vor dem Forum der Moral wird die Toleranz dieser jungen Frau vielleicht verurtheilt werden; das Gelübde der ehelichen Treue bricht dieser Officier aber nur mit Wissen seiner Frau — volenti non fit injuria —, vom Utilitätsstandpunkte aus jedoch betrachtet, verliert dieser »Ehebruch« jeden Vorwurf.

Die Gelegenheit zu sündigen ist in Indien sehr gross; auch in Atschin giebt es zahlreiche Soldatenfrauen, und auf dem Strandplatz Oleh-leh zahlreiche malayische, chinesische und andere Prostituées (europäische werden von der holländischen Regierung im ganzen Archipel nicht zugelassen), welche jeden Strohwittwer in seiner freien Zeit in ihre Netzstricke zu locken suchen. Die Gefahren einer venerischen oder luetischen Erkrankung, welche ihrem Manne drohten, kannte diese junge Officiersfrau, während die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Mann bei dieser »Haushälterin« ein Kind würde bekommen, sehr klein war. Wenn man nämlich einer eingeborenen Frau verbietet, ein Kind zu bekommen, so weiss sie die Conception zu verhindern. Unsere junge Officiersfrau wählte also zwischen zwei Uebeln das kleinere, und nach 14 Monaten Abwesenheit kam ihr Mann, gesund an Leib und Seele, zurück. Die frühere Zofe wurde natürlich aus ihrer alten und neuen Stellung entschlagen und suchte und fand einen andern Dienst.

Da die eingeborenen Frauen gerne als »Haushälterinnen« bei den europäischen jungen Leuten in Dienst treten, da ihre eheliche Treue gegen ihre eigenen Männer vieles zu wünschen übrig lässt, und da die Zahl der gewilligen eingeborenen Frauen gross und die der Prostituées noch viel grösser ist, so ist, wie ich schon oben erwähnt habe, die Gelegenheit zu sündigen sehr gross; und doch sind auch in Indien, trotz der Gluth der Tropensonne und trotz des üppigen Lebens, die Fesseln der Ehe als Grundlage des ganzen gesellschaftlichen und staatlichen Lebens ebenso hoch geschätzt und geheiligt als in Europa.


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