5. Capitel.

5. Capitel.

Fort Buntok — Orang-Utang — Operationen — Prostitué bei den Affen — Darwinisten — Indische Häuser — Möbelfabrikanten — Französische Mode — Gefährliche Obstbäume — Einrichtung der Häuser — Dajakische Häuser — Götzenbilder — Tuwak oder Palmwein — Wittwenstand der Dajaker — Opfern der Sclaven — Todtenfest.

Als mein Vorgänger im April 1877 Teweh verliess, nach Batavia ging und von dort aus mir einen Brief schrieb, meldete er mir unter anderem, dass ich nicht lange in dieser abgelegenen Garnison bleiben würde, weil, wie ihm der Armee-Commandant mitgetheilt habe, die Aufhebung Tewehs eine beschlossene Sache sei. Es dauerte aber drei Jahre, bis (am 1. Januar 1880) das Fort eingezogen und nach Buntok verlegt wurde. Es war für alle drei Officiere eine mit strenger Arbeit verbundene Zeit, weil jeder einzelne in seinem Fach dafür sorgen musste, dass alles so gut als möglich eingepackt zur Uebersiedlung an diesem Tage bereit gehalten werde. Am 31. December kam ein Kriegsschiff uns holen; die Soldaten und Sträflinge brachten alles an Bord, und den folgenden Morgen sollten die letzten Geräthe mit der Mannschaft eingeschifft werden. Es regnete fürchterlich; in Strömen fiel der Regen zur Erde; gegen 11 Uhr war alles eingeschifft, und schon ertönte das Signal »Vorwärts«, als die drei Mächte, der Militär-Commandant, der Assistentresident und der Schiffscapitän, zu einer Besprechung am Hinterdeck des Schiffes sich zurückzogen. Der Commandoruf: »Stop« erscholl, und wir, »dii minores gentium«, suchten vergebens eine Erklärung für diesen Vorgang. Die Boote wurden wieder herabgelassen, und die ganze Besatzung mit den Sträflingen ging wieder ans Land — um die Palissaden niederzureissen. Erst im letzten Augenblick hatte der Assistentresident es für bedenklich erklärt, ein Fort zurückzulassen, welches dem Feinde bequem und leicht der Sammelplatz für seine Truppen werdenund verhindern könnte, dass späterhin, wie beabsichtigt war, die Palissaden aus dem Boden gerissen und nach Buntok gebracht würden, um dort wieder in Gebrauch genommen zu werden. Sie bestanden nämlich aus Eisenholz (Sideroxylon), welches trotz der 15 Jahre, welche sie im Gebrauch standen, noch immer ein theures, gut verwendbares Material war. Also unter einem heftigen Tropenregen zogen die Truppen die verbindenden Stangen aus den Balken, rissen sie aus dem Boden, und auf diese Weise blieben sie liegen, ohne eine Palissade zu sein; das Ganze war eine überflüssige Plagerei der Soldaten, weil ein etwaiger Feind in 1–2 Tagen, wenn er hätte wollen, die Palissade wieder in Ordnung bringen konnte. Wenn das Kriegsschiff schon die grossen schweren Baumstämme nicht mitnehmen konnte oder wollte, so war es auch zwecklos, im heftigsten Regenwetter die Soldaten Stunden lang arbeiten zu lassen. Endlich konnten wir unter Dampf gehen und kamen nach Buntok. Es war ein neues Fort in Viereckform mit zwei Bastionen im Westen und Osten; kopfschüttelnd betrachtete ich das neue Fort; vielleicht keine 15 Meter war es vom Ufer entfernt und die westliche Bastion keine 10 Meter!! Buntok liegt beinahe ganz im alluvialen Land; der Fluss Baritu kommt gerade oberhalb des Forts in einer scharfen Strömung gegen das Fort an; mit mathematischer Genauigkeit liess sich berechnen, dass in 5–6 Jahren das Fort einstürzen müsse, weil der Baritu die Palissaden in dieser Zeit erreicht haben müsse; und factisch hat schon zur Zeit meines Aufenthaltes der Kampf mit dem Wasser angefangen; es wurden Strombrecher angelegt, aber ohne Erfolg; ich weiss nicht mehr, wie lange dieser Unterspülungsprocess dauerte; Buntok musste verlassen werden, und das Fort wurde wieder nach Teweh verlegt.

Fig. 6. Mein zweiter Hausfreund.

Fig. 6. Mein zweiter Hausfreund.

Im Fort selbst wohnte der militärische Commandant; für den »Doctor« und den dritten Officier sollten zur Seite des Forts Wohnungen gebaut werden; unterdessen blieb ich im Kampong neben dem Controleur wohnen, und zwar zusammen mit dem Officiersstellvertreter v. E., welcher den Bau des Forts geleitet hatte. Meine kleine Menagerie hatte ich von Teweh mitgebracht; Jacob und Simon, die zwei kleinen jungen Orang-Utangs, konnten sich nur langsam an die neuen Verhältnisse gewöhnen. Als ich den folgenden Morgen nach dem Fort gehen wollte, welches ungefähr 10 Minuten von meiner Wohnung entfernt war, begleitete mich Jacob. Auf der Ebene bewegte sich der Orang sehr schwerfällig; die langen Arme gebraucht er zwar beim gewöhnlichen Gange, aber nicht mit der innern Fläche der Hand; erstützt sich auf den Rücken der eingeschlagenen Hand; dadurch kann er nur langsam vorwärts kommen; auch auf den Bäumen sind seine Bewegungen sehr langsam und träge, besonders im Vergleiche mit dem Gibbon, welcher mit Windeseile von Baum zu Baum springt, klettert oder sich schwingt. Um 8 Uhr sollte ich in der Caserne sein, weil um diese Zeit täglich der »Krankenrapport« gehalten wird. Mein Orang wollte sich, wie er es mit dem Bedienten zu thun pflegte, aufmeinem Unterschenkel festhalten, um auf diese Weise meine Gesellschaft nicht zu verlieren. Dies war mir jedoch eine lästige Anhänglichkeit stricte dictu und ich erlaubte es auch diesmal nicht. Darauf begann er so ein jämmerliches Geschrei und humpelte mir nach, so dass ich mit ihm Erbarmen hatte. Ich überliess ihn dennoch seinem Schicksale und ging eilenden Fusses in die Caserne, wohin unter denselben klagenden Tönen mein Jacob mir folgte. Der Krankenrapport war beendigt, und ich ging in’s neue Spital, um die erste Anordnung zu treffen, als auch mein vierhändiger Freund erschien, ohne dass ich es bemerkte; er aber fasste mich bei der Hand, um mich zu begrüssen und auf seine Gegenwart aufmerksam zu machen. (Fig. 6.)

Jacob blieb die ganze Zeit bei mir und folgte mit seinen verständigen Augen all meinem Thun und Lassen; um 11 Uhr verliess ich das Fort und liess den Orang durch meinen Bedienten nach Hause tragen. Hier lebte ich schon in einem grossen Comfort; meine Wohnung bestand aus Holz und hatte Fenster; ich konnte Spiegel und Gemälde aufhängen; ich konnte mit Vorhängen die Fenster verzieren; ich hatte eine Veranda, in welcher ich Gäste empfangen konnte, und ich hatte europäische Nachbarn, den Controleur mit seiner Frau. Noch bequemer hatten es Simon und Jacob; an das Haus grenzte ein kleiner Garten und hinter ihm der Urwald. Zwischen beiden war ein breiter Streifen âlang-âlang (Schilfrohr) und hier hatten sie ein pied à terre sich gebaut; nach dem Frühstück verschwanden sie, kehrten zum Mittagessen zurück; Nachmittags machten sie denselben Spaziergang, um vor Eintritt der Finsterniss zurück zu sein. Natürlich war ich neugierig, wo und wie sie ihre Zeit zubrachten; ich folgte ihnen eines Tages und sah sie im Schilfrohr — »Klima schiessen«.[14]Das Rohr war plattgedrückt, und sie lagen auf dem Rücken und zogen Grimassen, während der eine die Unterlippe schaufelförmig hervorstreckte und Speichel darin ansammelte, gab ihm der andere mit dem Zeigefinger einen kleinen Stoss, so dass der Speichel weithin spritzte. Die Ruhe ihrer Bewegungen, das Phlegma in allem ihrem Thun und Lassen steht im grellen Gegensatze zu dem sanguinischen Temperament und ausgelassenen Treiben der Gibbons. Eines Tages brachte ich meinen Wau-Wau, der ein Weibchen war, zu Jacob, der damals in seinem Käfig lag und sich in seine Decke eingewickelt hatte; Jacob stand auf, näherte sich demGibbon und spitzte die Lippen, wobei die Unterlippe die Form einer kleinen Schaufel bekam. Offenbar wollte er den Wau-Wau küssen. Dieser jedoch sprang zurück und verrieth deutlich, dass er von seiner Intimität nichts wissen wollte; dreimal wiederholte mein Orang seine Liebesbewerbungen, und als er zum dritten Male einen Korb geholt hatte, fasste er sein Kopfpolster, schlug es wüthend auf den Boden und zog sich schmollend in die Ecke seines Käfigs zurück. Wiederholt habe ich diese Scene aufführen lassen, und es wäre mir unmöglich gewesen, seinen Bewegungen eine andere Deutung zu geben, als die einer Liebeswerbung. Das Einwickeln in seine Decke ist für den Orang geradezu ein Bedürfniss, obwohl ich es nicht erklären kann, denn wenigstens in Teweh hatten wir keine Mosquitos und die Temperatur in der Nacht war zwar etwas niedriger als bei Tage, aber doch nicht empfindlich kalt. Das erste Mal, dass ich den Käfig des Abends nicht schloss, weil er schon an mich gewöhnt war, hatte er in der Nacht das Tischtuch vom Tisch genommen, um davon Gebrauch zu machen; natürlich musste am folgenden Tage das Tischtuch von dem Bedienten aufgehoben werden. In der Nacht wurde ich jedoch plötzlich wach; im ersten Halbschlaf glaubte ich, einen Gorilla vor meinem Bette stehen zu sehen; bald merkte ich jedoch, dass mein Jacob es war, der das Leinentuch unter meinem Körper hervorzuziehen trachtete. Den andern Tag gab ich ihm eine alte Militärdecke, und er war zufrieden. Die Intelligenz dieser Affen ist factisch sehr gross, und es ist kein Zufall, dass ein Dajaker und ein bekannter, seither verstorbener Larynkolog (im Jahre 1885) mich frugen, ob man dem Orang nicht sprechen lernen könnte. Wenn es auch sein grösstes Vergnügen war, auf dem Rücken zu liegen, mit den Füssen in der Höhe und die Lippen zu einer Schaufel zu spitzen und mit dem Speichel zu spielen, so suchte er doch Thätigkeit und fand sie in meinem Conversationslexikon; mit grösster Zufriedenheit betrachtete er die Bilder in diesem Buche, und als er eines Tages die Zeichnung des Elephanten zu Gesicht bekam, warf er das Buch weg; oder er stieg auf den Schreibtisch und zerlegte meine Lampe, er nahm Ballon und Cylinder ab und drehte den Dochtträger heraus. Auch war er sehr bald mein täglicher Gast zu Tisch; ich gebrauchte jedoch die Vorsicht, seinen Stuhl etwas von dem Tische entfernt zu halten, so dass er nicht mit seinen langen Armen in eine der Schüsseln greifen konnte; auf einem kleinen Teller bekam er seinen Reis mit Fleisch und Huhn u. s. w.: er ass Alles, was auf den Tischkam, und wenn er genug hatte, gab er den Teller auf den Stuhl, ohne ihn jemals fallen zu lassen, und entfernte sich.

Man kann ihn eine Caricatur von einem Menschen nennen; auf dem Stuhl sass er nämlich mit gekreuzten Füssen wie die Eingeborenen und fasste mit denselben den Teller; sein grosser Bauch erinnerte mich immer an den »Reisbauch« der indischen Kinder, wenigstens er hat dieselbe Form und dieselbe Grösse; sein Gesicht ist haarlos, und der übrige Körper ist mit Ausnahme der innern Flächen der Hände und Füsse mit rothbraunen Haaren bedeckt; er hat in der Jugend eine schöne, hohe Stirn, welche im Alter zurücktritt und zwar mit einer scharfen Kante von rechts nach links; dazu entwickeln sich im hohen Alter grosse Drüsen zu beiden Seiten des Gesichts (die Ohrspeicheldrüsen?), so dass er den menschlichen Typus verliert und ein geisterähnliches Ansehen erhält. Dieses erklärt auch, dass die Dajaker von zwei Sorten Orang-Utangs sprechen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass zwei so verschiedene Wesen denselben Ursprung haben könnten. (Nun, der vom hohen Alter gebückte Greis ist auch dem jungen Knaben sehr wenig ähnlich.) Nach Friedmann heissen die alten Orang-Utangs Pappan und die ohne die erwähnten Drüsen Rambi; ich habe jedoch nur alte Orang-Utangs mit diesen grossen Drüsen gesehen, während Friedmann erzählt, dass es auch junge Pappan gäbe. Ich habe ungefähr 25 Orang-Utangs bekommen, gewöhnlich um den Preis von 5–7.50 fl. per Stück, von diesen waren nur die zwei erwähnten, Simon und Jacob, lebend; die andern waren mit Pfeilen oder Gewehren geschossen; der grösste war 150 cm. lang und hatte einen so versteinerten Schädel, dass ich sein Alter auf 80–100 Jahre schätzte; ich habe noch keinen Menschenschädel gesehen, der ein so hohes Alter gezeigt hätte.

Vieles habe ich bereits über den Orang gelesen, und manches war insofern übertrieben, als ihrem Thun und Lassen manchmal Motive untergeschoben wurden, welche offenbar zu hoch gegriffen waren. Mein Simon liebte es z. B., in der Küche sich bei der Köchin aufzuhalten und ihr von Zeit zu Zeit den Sarong aufzuheben; ich habe niemals etwas anderes darin gesehen, als einen unschuldigen Zeitvertreib, während die Köchin ihn dafür einen »Nâckal« nannte, d. h. ausgelassener Junge, weil sie in dieser Bewegung seiner Hände etwas anderes suchte.

Ich kann nicht umhin, eine Erzählung von Spencer St. John mitzutheilen, obwohl sie wenig Vertrauen verdient, weil er offenbar zu viel den Mittheilungen der Eingeborenen vertraute; er spricht ja von einem5′ 2″!! grossen Orang. Er theilt also folgende Erzählung eines Dajakers mit: »Ein junger Dajaker wanderte an einem heissen Tage durch das Dickicht; er kam zu einem kleinen Bache, dessen klares Wasser ihn zum Baden einlud. Schnell entkleidete(?) er sich, legte seine Waffen, Schwert und Blasrohr, auf die Seite und sprang hinein. Als er sich erfrischt hatte und wieder aus Ufer stieg, bemerkte er, dass ein mächtiges Orang-Utang-Weibchen vor seinen Kleidern(?) Wache hielt und auf ihn zukam. Sprachlos vor Erstaunen stand er da; dasselbe steigerte sich noch mehr, als das Thier ihn beim Arme ergriff und ihn zwang, mit auf einen laubreichen Baum zu klettern. Dort musste er sich zu ihm setzen und bekam Früchte zu essen, doch bewachte es ihn eifersüchtig und litt nicht, dass er hinabstieg. Dies dauerte einige Zeit, bis die Wächterin sorgloser wurde. Der Mann benützte den günstigen Augenblick und entschlüpfte nach dem Platze, wo er seine Waffen gelassen hatte. Als der Orang ihm dahin folgte, erschoss er ihn aus dem Blasrohr mit einem vergifteten Pfeile.

Wer die Behendigkeit und die Schnelligkeit kennt, mit welcher sich ein Dajaker bewegt, und nur einmal die Unbeholfenheit des Orang gesehen hat, oder vielmehr, wie langsam dieser auf dem Boden geht und wie ruhig, gelassen, ich möchte fast sagen schwerfällig von Ast zu Ast auf den Baum klettert, den erfasst sofort die Unwahrscheinlichkeit dieser Erzählung.

Wir hatten z. B. in Teweh vor dem Fort eine Hütte stehen, wo wir nach unserm Spaziergange um 6 Uhr uns niederliessen und gewöhnlich ein Glas Limonade tranken; Jacob wartete auf den Augenblick, dass wir genug entfernt waren und, ich weiss nicht, ob es Zufall war oder Absicht, er stieg jedesmal hinauf, um das Glas des militärischen Commandanten zu nehmen und auszutrinken; sobald ich das sah, eilte ich natürlich zurück, und der Orang ergriff die Flucht; ich möchte sagen, dassjeder Mann, ohne gerade zu laufen, jeden Orang-Utang einholen kann und muss; Jakob wurde auch immer eingeholt und für seine Genäschigkeit bestraft, wobei er ein so jämmerliches Geschrei erhob, dass ich Mitleid mit ihm haben musste; wenn jedoch mein Gibbon bei irgend einem muthwilligen Streiche ertappt wurde, da war er auch, wie ein Wirbelwind, schon entflohen, und beinahe niemals gelang es, ihn einzuholen und sofort zu bestrafen.

Eines Tages sass ich bei der Theetafel, als er sich mit erhobenen Armen näherte, hin und wieder sich in der Achselhöhle kratzte und mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt den Kopf nach allen Seiten hindrehte; ich kannte meinen Pappenheimer zu gut, um nicht zu wissen, dass mein Gibbon irgend einen Bubenstreich ausführen wolle, wenn er solche Gleichgiltigkeit zeigte. Kaum hatte ich mich auch zur Seite gewendet, um ein Stück Zucker zum Thee zu nehmen, sprang der kleine Gibbon auf den Tisch, packte den silbernen Theelöffel und eilte hinweg. Es war das Werk eines Augenblickes stricte dictu; sofort sass er auf der Fallklappe, welche vom Dach des Hauses zur Palissade bei Sonnenschein oder Regen gelegt wurde. Mit dem Löffel in der Hand sah er mich mit seinen schelmischen Augen triumphirend an, und weder mein Bitten noch Drohen erreichten ihr Ziel. Endlich liess ich die Klappe schliessen, so dass entweder er oder der Löffel in die Chicane fallen musste. Der Löffel war dort nicht zu sehen, und der Affe sass hoch oben auf dem Dache. Zufällig fanden wir später den Löffel zwischen den Latten der geflochtenen Fallklappe.

Eines Tages sah ich, dass mein Gibbon einen traumatischen Staar am rechten Auge hatte; zu gleicher Zeit hatte ich einen malayischen Patienten, welcher centrale Flecken an einem seiner Augen hatte; durch Entfernung eines Stückes der Regenbogenhaut konnte er wieder den Gebrauch seines Auges bekommen. Ich schrieb also nach Bandjermasing an den Landes-Sanitäts-Chef d. G., welcher ein bekannter Oculist war, und bat ihn, die Augeninstrumente, welche zu diesen zwei Operationen nöthig waren, mir zu borgen. Vor der Operation liess ich den Gibbon von unten bis zum Halse einwickeln, um ihn zur Ruhe zu bringen; es half nichts; ich narcotisirte ihn also und führte die Staaroperation nach den Regeln der Kunst aus. Die Operation war bei ihm schwieriger als bei einem Menschen, weil zum Fixiren des Augapfels mir der Platz fehlte. Der Rand der Orbita ist nämlich beim Wau-Wau gerade so gross als die Cornea; den Augapfel durch die Cornea fixiren zu lassen, hielt ich für gefährlich; ich musste also mit der Pincette in die Orbita eindringen, um dort die Conjunctiva sclerae zu fassen. Kaum war die Operation beendigt und ein Verband angelegt, als auch schon der Affe erwachte, sich den Händen der assistirenden Krankenwärter entriss, davon eilte und den noch unvollkommenen Verband vom Kopfe riss. Ich war jedoch unter den herrschenden Verhältnissen mit dem Resultat der Operation zufrieden. Die Wunde heilte mit einem Vorfalle der Regenbogenhaut. — Auch folgende Operation einer Phlegmone bei einem Affen ist mittheilenswerth. Es war ein alter grosser Gibbon, 90 cm lang, welcher gefesselt mir gebracht wurde. Unter den Soldaten war ein Europäer, der in gewisserHinsicht das Factotum des Forts war. Tilly hiess er und war ein Belgier. Das Wort Furcht kannte er nicht, und er verstand alles. Ging eine Taschen-Uhr schlecht, reparirte er sie; brach ein Instrument von mir, von der Genie oder von der Artillerie, er brachte es in Ordnung; wollte ich eine Blechbüchse für meine Spirituspräparate haben, er machte sie mir aus Petroleumbüchsen u. s. w. Auf meine Frage, warum er noch nicht Korporal oder Feldwebel sei (denn auch seine Aufführung liess nichts zu wünschen übrig), antwortete er mir: Wozu soll ich Korporal u. s. w. werden? Mein Essen und Trinken habe ich; durch meine Arbeiten verdiene ich viel mehr als ein Feldwebel und habe gar keine Verantwortung; als Korporal ist man der Sündenbock von jedem und für jeden. Also, ich thue meinen Dienst und bin dann frei, zu thun, was ich will. Als mir dieser grosse Wau-Wau gebracht wurde, ersuchte ich den Dajaker, die Fesseln zu lösen, weil eine Hand stark geschwollen war und beim Palpiren die Anwesenheit von Eiter verrieth. Der Dajaker wagte dies jedoch nicht zu thun, weil er sich vor den starken Zähnen des alten Wau-Wau fürchtete. Ich liess also Tilly holen, welcher den Wau-Wau mit fester Hand im Nacken fasste, der Dajaker löste die Fesseln und legte sie über die Hüfte an und befestigte den Strick an einem grossen Nagel der Palissade. Mit traurigem und schmerzhaftem Gesichtsausdruck sass der Gibbon zwischen den Spitzen der Palissade und zeigte selbst meinem jungen Gibbon die Zähne, wenn er sich ihm näherte. Nun war das auch für mich eine gefährliche Nachbarschaft; ich gab jedoch den Muth nicht auf; ich nahm eine Wundspritze mit warmem Wasser und spritzte ihm diese aus respectvoller Entfernung auf die geschwollene Hand; offenbar war durch die Entfernung der Fesseln oder durch das Bespritzen mit warmem Wasser ihm deutlich geworden, dass ich gute Absichten mit ihm habe; genug an dem, schon nach ein paar Stunden konnte ich mich ihm nähern, streicheln und die Hand gut untersuchen und ihm die Phlegmone öffnen!! Nach der Operation legte er selbst seinen Kopf auf meine Schulter. Mit einem gut angelegten Verbande überliess ich ihn dann der Ruhe. Leider konnte ich ihn nicht auf der Palissade lassen, weil an dieser Stelle die Patrouille in der Nacht auf und ab ging. Vor Schluss des Thores liess ich ihn von Tilly hinausbringen und an einem Baume anbinden. Den andern Morgen war er geflüchtet, indem er die Fesseln vom Unterbauch abgestreift hatte.

Fig. 7. Der Schweinsaffe (Cercopithecus nemestrinus).

Fig. 7. Der Schweinsaffe (Cercopithecus nemestrinus).

Vor dem Fort hatte ich mir in Teweh ein Affenhäuschen bauenlassen, in welchem die Affen von niedrigem Range gemüthlich beisammen lebten. Der Cercopithecus nemestrinus, der Schweinsaffe, ist ein wilder Cumpan mit starkem Gebiss; er hat Backentaschen, Steissschwülen, kurzen, gekrümmten Schwanz und eine gelbliche Farbe. Ich hatte späterhin einen solchen Lampongaffen, welcher abgerichtet war, Cocosnüsse zu pflücken; zu diesem Zwecke wurde er mit einem langen Stricke zu der Cocospalme gebracht, an der er sofort schnell hinaufkletterte und begann, die einzelnen Nüsse um ihren Stiel zu drehen oder abzubeissen. Sah ich, dass die Frucht noch grün, d. h. zu jung war, so schüttelte ich nur mit dem Strick, und er nahm eine andere in Arbeit. In Sumatra werden die »Lampongaffen« allgemein zu dieser Arbeit abgerichtet; sie sind jedoch wie alle Affen im höheren Alter falsch und — ist es Zufall oder nicht — mein Exemplar eilte immer, sobald es losgekommen war, in die Küche gegen die weiblichen Bedienten, obzwar oder vielleicht eben, weil es selbst ein Weibchen war.Jene, welche ich jedoch auf Borneo hatte, waren noch jung und lebten friedsam mit den übrigen beisammen. Wenn ich hin und wieder meinen Gibbon in den Käfig brachte, so gab es fürchterliche Eifersuchtsscenen; denn mein Gibbon (ein Weibchen) zeigte in so auffallender Weise sein Verlangen, wieder einmal Liebesgenuss zu kennen, dass man ihn eine — Prostituée nennen musste. Das Geschrei der übrigen weiblichen Affen wurde so fürchterlich, dass ich um sein Leben besorgt war; gern folgte er in einem solchen Falle meinem Rufe, den Käfig zu verlassen. Affen gewöhnen sich leicht an den Menschen; wie oft entkam einer oder der andere, und er flüchtete höchstens auf das Dach des Forts; gegen den Abend kamen sie ohne Ausnahme zurück; hin und wieder selbst brachte ich meinen Hund vor den Käfig, welcher nun geöffnet wurde. Das neckische Spiel der Affen mit dem Hunde war interessant. Die Thür war noch keinen Meter hoch; der Hund stand vor der Thüre, und die Affen tänzelten um ihn herum, bis sie endlich einer nach dem andern den Käfig verlassen hatten; der Hund eilte ihnen nach; endlich sprang einer nach dem andern in den Fluss, und mein Hund that dasselbe; ruhig liess jeder Affe den Hund näher kommen, um im rechten Augenblick unterzutauchen. »Bela«, mein treuer Jagdhund, dreht sich rechts und links und sieht endlich in einer Entfernung von 20–30 Metern wieder ein Köpfchen auftauchen; er schwimmt dahin; endlich ist jeder der Affen des Spieles müde und lässt sich von dem Hunde packen, der sie, ohne sie zu verletzen, mit den Zähnen ans Ufer bringt. Hier werden sie von meinem Bedienten in Empfang genommen und wieder ins Häuschen gebracht. Wiederholt wurde behauptet, dass die Affen auch in der Gefangenschaft sich paaren; ich habe es jedoch niemals gesehen und kann daher diese Behauptung nicht unterschreiben.

Bevor ich dieses Thema verlasse, muss ich noch mittheilen, dass die Dajaker, zufolge einer Sage im Dusongebiete, Darwinisten sind; die Schöpfung der Menschen geschah auf diese Weise, dass Tempon Telon mit einem fürchterlichen Blasen in die Versammlung der aufrührerischen Thiere flog und dadurch drei Sorten von Affen Menschengestalt gab; aus dem Keesch (Cercopithecus cynomolgus) wurde der Javane, aus dem Orang-Utang der Dajaker und aus dem Nasenaffen mit weisser Glabella, und weissem Präputium der Europäer; da ich unsern Stammvater, d. h. den Nasenaffen, niemals besass, weiss ich nicht, ob der Nasenaffe dieser Sage mit dem Nasalis larvatus identisch sei.

Von den Halbaffen Borneos hatte ich nur den Tarsius spectrum und den Plumplori (Stenops tardigradus).

Auch die Frage von dem Vorkommen von Elephanten auf Borneo muss ich mit wenigen Worten besprechen, weil, um nur ein Beispiel anzuführen, ich in Batavia im Jahre 1896 darüber interpellirt wurde. Meines Wissens nach kommen sienichtauf Borneo vor; ich sass ja im Herzen von Borneo, niemand hatte sie gesehen, die dajaksche Sprache hat kein Wort für diese Ungeheuer des Waldes und der gebildete Dajaker spricht nur von gâdja, welches Wort malayisch ist; niemals sah ich einen Zahn oder sonst einen Theil eines Elephanten, und jede Information, die ich darüber nahm, hatte kein anderes Resultat als dass eine Rhinocerossorte, aber kein Elephant auf der Insel Borneo vorkomme. Bekanntlich wird erzählt, dass vor ungefähr 140 Jahren die ostindische Compagnie an den Sultan von den Sulu-Inseln (im Osten von Borneo) einige Elephanten zum Geschenk gegeben habe, dass er jedoch gefürchtet hatte, dass diese »theuren« Gäste seinen Vorrath von Reis in kürzester Zeit auffressen würden, und dass er sie also auf die Küste von Borneo bringen und weglaufen liess. Selbst Friedmann, welcher ebenfalls diese Erzählung mittheilt, fügt hinzu, dass jedoch Elfenbein allein von todten Thieren gefunden worden, und dass zu seiner Zeit niemals ein lebender Elephant gesehen worden sei. Aus obiger Ursache jedoch muss ich sogar annehmen, dass überhaupt die ganze Erzählung jeder historischen Basis entbehre.

Bei unserer Ankunft in Buntok am 1. Januar 1880 war das Fort fertig, aber für zwei Officiere fehlten noch die Wohnungen; der Platz-Commandant wohnte im Forte, ich zog zum Aspirant-Officier der »Genie« (= Ingenieurs), und der dritte Officier bezog vorläufig im Fort die Wohnung eines Feldwebels. Natürlich wurde der Bau passender Häuser für zwei Officiere sofort angefangen, und zwar wenige Schritte entfernt von der Südseite des Forts. Nicht nur in Holland, sondern auch in Indien bewohnt in der Regel jede Familie »ein Haus« und nicht »eine Wohnung«, und der echte holländische Spiessbürger hat nur Mitleiden für den Wiener oder Berliner, welcher kein eigenes »Haus« bewohnt, sondern mit vielen Andern den Gebrauch eines Hauses theilt. In Indien, wo der Grund ausserordentlich billig ist, hat nebstdem jedes Haus einen grösseren oder kleineren Garten, welcher in erster Reihe Fruchtbäume und nur ausnahmsweise Blumenanlagen hat.Natürlich sind die Häuser ohne Stockwerke, haben die Villaform im entarteten altgriechischen Stile und sind aus Bambus, Holz oder Stein gebaut. Wenn ich auch im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien, und zwar in Samarang, Häuser im Schweizerstil erbauen sah, so ist im Allgemeinen der TypusallerHäuser folgender: Das Haus hat die Form eines Oblongums und besteht aus einer vorderen und hinteren Veranda, welche mit einem Gange verbunden sind und zu dessen Seite je 2–3–4 Zimmer sich befinden. Ausserhalb des »Hauses« befinden sich die Speisekammer, Bedientenzimmer, Küche, Aborte, Badezimmer, Stall, Wagenremise und der Brunnen. Eine solche Wohnung wurde also auch für mich gebaut, und zwar aus Holz; die inwendigen Wände wurden mit Tapeten belegt, was ich seitdem niemals mehr gesehen habe. Es stand auf Pfeilern von ungefähr ½ Meter Höhe; dies ist eine zweckmässige Maassregel. Wenn auch der Grund des Hauses mit Steinen, trockenen Korallen oder Sand ausgefüllt ist, so dringt bei hohem Stande des Flusses das Wasser im weichen Alluvialboden nicht nurbisan, sondern auchindie Grundmauern des Hauses. Ist aber das Material des Unterbaues nicht gut trocken, was sehr oft der Fall ist, wenn es lange Zeit vor dem Gebrauche am Bauplatze aufgespeichert lag, oder wenn junge Korallen angewendet wurden, von welchen z. B. die Thiere noch nicht abgestorben sind, dann ist ein solches Haus auch bei niedrigem Wasserstande feucht; es entwickeln sich Miasmen und verpesten das Haus.

Wenn aber das Haus ½-1 oder selbst 1½ Meter über dem Boden sich erhebt, wenn unter dem Flur des Hauses sich ein Hohlraum befindet, z. B. ein grosses Gewölbe, oder wenn das Haus auf hohen Pfeilern steht, so dass der Wind die Zwischenräume gut durchstreichen kann, dann können die Miasmen, welche aus dem feuchten Grunde aufsteigen, mit jedem Windschlage vertrieben werden. Wenn nicht Sümpfe in der Nähe des Hauses sich befinden, so ist die Richtung von Nordost nach Südwest die beste, so dass weder den ganzen Vormittag, noch den ganzen Nachmittag die Schlafzimmer von den heissen Sonnenstrahlen erwärmt werden. So wählte auch ich das Zimmer im Osten zum Schlafzimmer; dadurch hatte ich zur Zeit meines Mittagsschläfchens keine Sonne auf den Mauern meines Schlafzimmers stehen, und auch zur Nachtzeit war die Temperatur darin weniger hoch als im Zimmer auf der anderen Seite. Sind jedoch Sümpfe in der Nähe, dann bestimmt die Lage derselben die Wahl der Thüren und Fenster; bei Nacht werden die aufsteigenden Miasmen durch keineversengenden Sonnenstrahlen vernichtet und darum ist es gefährlich, bei offenem Fenster zu schlafen, wenn der Wind die Miasmen aus den nahen Sümpfen gerade durch die Fenster ins Haus jagt. Dies war bei meinem Hause der Fall. Da ich unmöglich den Sumpf drainiren oder trocken legen konnte, liess ich zwischen meinem Hause und dem Sumpfe einen Schirm pflanzen, welcher das Ueberstreichen der Miasmen verhindern sollte. Weder Eucalyptus noch Sonnenblumen hatte ich zu diesem Zwecke gewählt; ich wollte rasch Hülfe haben, und dies war nur möglich durch die Wahl eines Baumes, welcher in kurzer Zeit hinreichend Laub erreicht. Auch vor dem Eingange des Forts stand ein Schilderhäuschen, welches den ganzen Tag den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt war, weil die Bäume kaum so dick als ein Spazierstock waren und nur geringes Laub trugen.Es waren nämlich einige Waringinbäume (Urostigna benjaminum) gepflanzt, welche erst nach Jahren eine stattliche Grösse erreichen; unterdessen sollte jedoch die Schildwacht doch auch etwas Schatten haben; ich schlug also vor, hier wie dort Warubäume (Hibiscus elatus??) pflanzen zu lassen, welche schon nach einigen Monaten ein stattliches Laub tragen.

Die Einrichtung des Hauses war die allgemeine, d. h. Rohrstühle aus Djatiholz (Tectona grandis), Kasten und Tische aus demselben Holz, Spiegel und Gemälde. Erst in den letzten 5 Jahren entwickelte sich der Luxus, gepolsterte Stühle, schwere Vorhänge und Fussteppiche in Gebrauch zu nehmen. Batavia begann damit, und schon in wenigen Jahren wird dieser Luxus sich bis in die entferntesten Garnisonen aller Inseln verbreitet haben; die Erfahrung muss erst lehren, ob dieser Luxus neben dem hohen Preis noch andere Vorzüge habe. Denn die Stühle aus Djatiholz mit Rottanggeflecht waren praktisch und schön. Die elegantesten Stühle werden nämlich auf Java von den chinesischen Möbelmachern gemacht; nach jeder Zeichnung und nach jedem Modell verfertigt der gezopfte Chinese Alles, und um einen Preis, der in Europa unerhört ist. Ich besitze momentan einen Rohrstuhl, welchen ich um 3 Fl. in Singapore gekauft habe und der geradezu das Erstaunen aller Fachleute wegen seiner schönen Arbeit, aber noch mehr um die Billigkeit erregt. Der Gebrauch der Teppiche an Stelle der Matten muss auch noch erprobt werden; die Matten haben zwar den Nachtheil, dass sie den blossen Füssen der Kinder (auch Erwachsene gehen oft ohne Schuh[15]und Strümpfe im Hause herum) nachtheilig werdenkönnen. Wenn sie nicht aus gutem Rottang (Calamus), sondern aus anderem ordinären Schilfrohr, oder gar aus Bambus geflochten sind, haben sie oft Unebenheiten, an welchen der Fuss oder der Podex der herumrutschenden Kinder sich verletzen kann, oder aber, was noch häufiger geschieht, sie sind so glatt, dass man häufig ausgleitet und fällt. Es hat gewiss so manchen hygienischen Nutzen, Teppiche zur Bedeckung des Bodens zu verwenden; wie sie sich jedoch zu der Feuchtigkeit des Bodens und zu den zahlreichen Motten, Mosquitos und Ameisen verhalten, dazu fehlt mir die Erfahrung. Auch was die Vorhänge betrifft, bleibt die Frage noch immer offen, ob das Neuere auch das Bessere sei. Ich hatte (wie überall) weisse Vorhänge aus Vitrage, welche mit Vorhängen aus mehr oder weniger schönen Cretonen garnirt waren. In den letzten Jahren sah ich jedoch schwere, theure Vorhänge aus Damast u. s. w. die Fenster verzieren. Zum Mildern des scharfen Lichtes habe ich weisse oder gefärbte Vitrage an den Fenstern selbst anbringen lassen; also zu diesem Zweck sind theuere, schwere Vorhänge entbehrlich; nebstdem werden sie in ihren Falten ein Heer von Insecten und selbst Eidechsen bergen, wenn sie nicht täglich ausgeklopft werden; aber die Zukunft wird es erst lehren, ob siebleibenddem Möbel eines Hauses in Indien eingereiht werden können.

Als ich im Jahre 189.. in Weltevreden bei einem Collegen zum ersten Male eine solche nach europäischer Mode eingerichtete Wohnung sah mit Divan, Teppichen, Vorhängen, Causeusen, Chaiselongues und diversen Phantasiestühlen, da bedauerte ich es, dass auch in Sachen der Mode Java am Gängelband von Europa läuft und jede Originalität aufgiebt.

(Auch in der Wissenschaft könnte Java sich von Europa emancipiren, und dies wird auch geschehen, aber wann?)

Ist es zu bedauern, dass in Europa die verschiedenen nationalen Trachten verschwinden und Platz machen der »französischen Mode«, noch mehr verdient es Tadel, dass die Mode Europas ihr strenges Scepter über Indien führt. Vor 20 Jahren trug keine Dame einen Hut, auch die Männer nicht nach Sonnenuntergang, welcher täglich zwischen 6–6½ Uhr stattfindet, wobei die Dämmerung nur 10–15 Minuten dauert; nur wenn eine Dame aus den höheren Ständen auf die Reise ging, und wenn die Herren im Laufe des Tages ihren Geschäften nachgingen, trugen sie Hüte. Gegenwärtig hat der Hut in allen Formen Indien erobert; bei den Empfangsabenden, welche um 7 Uhr Abends beginnen, hat gewiss schon die Hälfte der europäischen Damen den thurmhohen Hut auf dem Kopfe, und gewiss 90% der Männer einen modernen Filzhut in der Hand; ja selbst der Cylinderund der Claquehut haben sich der Köpfe der höchsten Würdenträger bemächtigt. Im Anfange dieses Jahrhunderts kamen die Damen im Sarong und Kabaya auf den Empfangsabend des Unterkönigs in Buitenzorg, und am Ende desselben Jahrhunderts in Seiden- und Sammetroben und Hüten von ½ Meter Höhe! O quae mutatio rerum.

Der Eingang in mein Haus befand sich im Garten und war üblicher Weise mit Blumentöpfen umgeben, welche theilweise auf der Treppe selbst und zum Theil in der Veranda standen. Diese Blumentöpfe waren jedoch nichts anderes als die leeren Petroleumbüchsen und leere Bier- oder Weinfässer, welche grün angestrichen waren. Andere Blumentöpfe aus Lehm gebrannt, welche in verschiedenen Formen gegenwärtig in Java um einen Preis von 8–25 Kreuzern gebraucht werden, waren auf Borneo damals unbekannt; die Petroleumbüchsen werden jedoch noch heute gerne überall zu Blumentöpfen umgewandelt, weil sie nicht brechbar sind. Das Petroleum kommt nämlich in Kisten in den Handel, welche zwei Büchsen zu je 18 Liter enthalten. (Im Innern Javas kosten diese 36 Liter Petroleum fl. 4·25 bis fl. 4·50. Die leeren Büchsen sind ein sehr gesuchter Handelsartikel geworden, weil sie, wie gesagt, zu Blumentöpfen und zur Versendung von Cocosöl u. s. w. gebraucht werden. Seitdem in Java und Sumatra ergiebige Petroleumquellen entdeckt wurden, werden diese Büchsen auch in Indien gemacht, und zwar aus dünnen Zinnplatten, welche aus Europa bezogen werden.) — Schön sind solche Blumentöpfe nicht, wenn sie auch grün oder braun angestrichen werden, aber dauerhaft sind sie. Auch im Garten selbst sieht man diese Blumentöpfe stehen, ohne dass sie den bescheidensten Ansprüchen des guten Geschmackes entsprechen; dass jedoch so selten Blumenbeete gefunden werden — ich sah sie nur bei Pflanzern — hat seine gute Ursache; ein grosser Theil der europäischen Bevölkerung ist flottirend, d. h. die Beamten und Officiere werden häufig transferirt; jedesmal hält der Transferirte Auction von seinen Möbeln u. s. w.; Blumenbeete können natürlich nicht transportirt werden, aber Blumentöpfe; hinc illae lacrimae. Da nebstdem die Blumen ein starker Modeartikel sind, so kann ein geschäftlicher Geist mit dem Verkaufe der Blumentöpfe oft einen hübschen Gewinn erzielen. Diese Aussicht hatte ich natürlich nicht, weil bei einer etwaigen Transferirung nur mein Nachfolger der einzige Käufer voraussichtlich war; denn damals hatten die eingeborenen Häuptlinge der Umgebung, im Gegensatze zu ihren Amtsbrüdern auf Java, noch kein besonderes Bedürfniss nachBlumentöpfen, Schaukelstühlen, Lampen, Tischen, Illustrationen aus alten illustrirten Zeitungen, alter Wäsche und Kleidern u. s. w. gezeigt, und ich war auf meinen Nachfolger angewiesen, wie viel von der Einrichtung verkauft werden würde; hätte er Möbel mitgebracht, so hätte ich alles um eine Kleinigkeit oder um gar keinen Preis an den Mann bringen können.

Bei der Wahl der Bäume im Garten kann man nicht genug vorsichtig sein; denn wenn man Kinder hat, welche gern im Garten spielen, können Bäume mit grossen Früchten sehr gefährlich werden. Noch vor Kurzem hat Dr. F. auf Java einen zweijährigen Sohn dadurch verloren, dass im Garten eine Cocosnuss diesem auf den Kopf fiel. Ich liess also keine Palmen, keine Durian und keine Nangka[16]pflanzen. Von Mangistan, Liberia-Kaffee, Mangga und Pisangbäumen liess ich Ableger aus dem benachbarten Kampong holen und sie in entsprechendem Abstand in den Boden stecken. Zu meiner Genugthuung fassten alle Ableger Wurzel. Die Umgebung der Bäume blieb, wie der ganze Garten, frei von Gras, weil ich Sand, mit Kalk und kleinen Kieselsteinen gemischt, zum Pflaster des Gartens gebrauchte. Der Graswuchs kann ja so üppig sein, dass es sehr viel Mühe kostet, es aus dem Garten fernzuhalten. Noch muss ich bemerken, dass weder die Fenster noch die Thüren des Hauses jemals durch die Bäume bedeckt werden konnten, so dass der Wind immer das ganze Haus durchstreichen konnte.

Natürlich erforderte das neue Haus eine landesübliche und standesgemässe Einrichtung. Dem »Standesgemässen« wird leicht Genüge geleistet. In der vorderen Veranda spielt sich nämlich, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, das Salonleben ab; hier empfängt man die Besuche; sie sind also darnach eingerichtet. Ein runder oder ovaler Tisch mit sechs Schaukelstühlen, Lampe und Blumentöpfen ist die Einrichtung eines kleinen Hauses in einem kleinen Orte; in grösseren Orten, oder wenn man verheirathet ist und einen »jour fixe« hält, ist eine zwei- oder dreimal so grosse Zahl von Stühlen mit einem oder zwei Divans unvermeidlich; sehr oft hängen an der Mauer schöne Gravüren (von Gopil z. B.) oder porzellanene Blumenvasen u. s. w. Auch ich war in der Lage, meinen »Empfangssalon« standesgemäss einzurichten, obwohl die Zahl der Stühle nicht gross zu sein brauchte; denn im Ganzen waren es ja nur fünf Männer und eine Dame, mitwelchen ein Verkehr möglich und erlaubt war; wenn jedoch ein Dampfer zu uns kam, da musste schon auf eine doppelte Anzahl gerechnet werden; nun dann nahm ich einfach die Stühle meines Schlafzimmers u. s. w. zu Hülfe.

Die hintere Veranda, in der holländischen Sprache »achtergallery« genannt, ist der Schauplatz des täglichen Familienlebens. In der Ebene und in warmen Gegenden im Allgemeinen ist die hintere Veranda ebenfalls eine offene Halle, und doch besitzt sie die ganze Einrichtung eines Familien- und Speisezimmers. Im Gebirge jedoch ist sie häufig, aber bei Weitem nicht immer, ein grosses Zimmer mit Fenstern, weil in der Morgen- und Abendstunde die Temperatur[17]oft so niedrig ist, dass der Gebrauch in der Haustoilette ein sehr unangenehmes Gefühl der feuchten Kälte mit sich bringt. Hier wird von der Hausfrau und den Kindern der ganze Tag verlebt, von hier aus hat sie Uebersicht über die Küche, über die Bedienten, über den Garten und über die Speisekammer; hier spielen die Kinder auf dem mit Matten bedeckten Boden, oder arbeiten die Schulkinder ihre Hausaufgaben, hier versieht die Hausfrau alle ihre Arbeiten, und hier wird auch gespeist. In einigen Häusern befindet sich über dem Tische die Pongka, d. i. ein grosser Fächer, der mit einem Stricke von einem der Bedienten während der Mahlzeit ununterbrochen in Bewegung gehalten wird. Dieser Fächer wird in Englisch-Indien häufiger gesehen als in Holländisch-Indien. Vor zwanzig Jahren war die Pongka auf Borneo, und selbst auf Java noch ganz unbekannt. Es wird mit ihr nämlich ein Luftstrom erzeugt, welcher besonders Menschen mit Rheumatismus Anfangs lästig ist. Gewöhnt man sich jedoch daran, dann bietet er eine angenehme Abkühlung.

Wie oft wird die malayische Rasse eine diebische genannt! In einer offenen Veranda, welche mitten in einem kleinen Garten steht, der von allen Seiten zugänglich ist, befinden sich nicht allein die grossen Möbelstücke, als Buffet, Tische und Stühle, sondern Gläser, silberne Messer, Gabeln und Löffel, zahlreiche Gemälde und Nippsachen zur Verzierung der Mauern und Tische, und wie selten hört man von einem Diebstahle! In jeder grossen Stadt Europas würde eine solche Veranda nicht eine einzige Nacht von den Langfingern unbehelligt bleiben. Einige Familien lassen zwar in der Veranda eine »Nachtwache« ...schlafen!welcheeigentlich nur verhindern soll, dass Räuber, Mörder oder Diebe in die geschlossenen Schlafzimmer eindringen können. Landherren haben jedoch auch »nichtschlafende Wächter«, welche vielleicht einige Dienste leisten.

Wie gross der Unterschied zwischen einer europäischen und einer dajakschen Wohnung sei, möge folgende Schilderung der letzteren, entnommen einem Vortrage, welcher in der geographischen Gesellschaft im Jahre 1885 von mir gehalten wurde, die beste Illustration geben. Ich muss hier jedoch für den Ethnographen bemerken, dass die Beschreibung die eines Hauses ist, welches auf dem Baritu gegenüber der Mündung des Tewehflusses, also gegenüber dem europäischen Fort lag und keine Palissaden hatte. Es sind echte Pfahlbauten (die ich übrigens auch noch im Süden von Java, an der sogenannten Kindersee und auf Sumatra gesehen habe).

Im Süden Borneos, und zwar schon von Buntok aus, bestehen die Kampongs (Dörfer) aus einzelnen Häusern, welche in gewisser Entfernung von einander liegen und darum auch keine gemeinschaftlichen Palissaden haben können; im Norden jedoch, wo die Dajaker in einem steten Kampfe unter einander leben, sind diese Kampongs nicht mehr als ein langes Haus von ungefähr 100 Meter Länge und stehen auf Pfählen von 1½-2 m Höhe. Vor dem Hause stehen hin und wieder einige Ampatong, das sind aus Eisenholz geschnitzte Figuren mit bis auf die Brust hervorragenden Zungen und stark entwickeltem Charakter ihres Geschlechtes, nach welchem sie auch in männliche und weibliche eingetheilt werden. Sie dienen gewissermaassen zur Vogelscheuche, um nämlich die in der Luft herumschweifenden Hantus, bösen Geister, von den lebenden Menschen selbst abzuhalten, und speculiren dabei auf die Sinneslust dieser feindlichen Bewohner der Luft. Die ganze Front des Hauses nimmt ein Vorsaal ein, in dem das öffentliche Leben sich abspielt. Gäste werden hier empfangen, Berathungen gepflogen, bei schlechtem Wetter ihre zahlreichen Feste gefeiert u. s. w. Hier münden auch die Thüren der Wohnungen der einzelnen Familien. In einer solchen Wohnung spielt sich das tägliche Familienleben in allen seinen Phasen im einzigen Raume ab. Auf dem Boden, der aus Latten von der Rinde der Arengpalme besteht, liegen Matten zur Schlafstätte; der reiche Dajaker hat auch einige Polster aus Kapok (indische Pflanzendaunen), manchmal sogar eine Matratze. Im Hintergrunde stehen auf einigen thönernen Herden, Dâpur genannt, die thönernen oder kupfernen Kessel auf Holzfeuern, und der Rauch findet nur schwer durch das kleine Fenster oder durch die Lücken der Matten den Weg nachaussen. Der Gestank der getrockneten todten Fische mischt sich dazu mit den Ausdünstungen der Menschen. Der Kranke oder das kleine Kind können nicht den Weg zum Flusse nehmen (wo der Abort steht), weil nur ein Baumstamm mit Einkerbungen, oder eine Leiter mit dünnen Bambusstäben die Treppe zum Flusse ist. Die Defäcationen geschehen also im Zimmer und zwar über den Löchern in der Flur, und Schweine und Hühner halten zwischen den Pfählen Wache, um den Dienst der Sanitätspolizei zu übernehmen. In den Dächern mengen sich unter das triefende Fischgeräthe, seien es Netze oder Seros, d. h. geflochtene Körbe in allen möglichen Formen, die Schädel der theuern abgestorbenen Familienmitglieder, oder erbeutete Schädel, die in einem Bündel von Flocken aus der Nipapalme eingehüllt sind.

In diesen Häusern werden alle Phasen des persönlichen, des Familien- oder des Gemeindelebens mit 4–8 Tage langen Festen gefeiert, bei denen Venus und Bacchus abwechselnd sich die Hände reichen. Bei Tag wird der Tuwak aus grossen Schalen getrunken, in Chören getanzt beim ohrzerreissenden Schall der Pauken, und der scheidende Tag ladet Jung und Alt, das ganze Dorf zur Orgie; ihre Priester (Bassirs) und Priesterinnen (Bliams) sind Prostituées im strengsten Sinne des Wortes, und wenn sie sich doch einer gewissen grossen Verehrung erfreuen, so wird es Niemand überraschen, der die dualistische Erklärung eines intelligenten Häuptlings vom Standpunkte eines Dajakers hört: »Die Verehrung gilt ja nur ihrem Geiste und nicht ihrem Körper.« Sie sind nämlich Zauberer und beschwören die Geister, welche über die Menschen Krankheiten bringen, sie bannen die Hantu’s, welche dem neugeborenen Kinde Unheil drohen, sie trachten die bösen Vorzeichen, welche einem kriegerischen Unternehmen entgegenstehen, zu beschwören, sie massiren die Kranken und Ermüdeten, wobei oft ein Splitter, kleine Schlangen u. s. w. aus dem Körper geholt werden und — prostituiren sich gegen Bezahlung; die lesbische Liebe und die Sünden Sodoms und Gomorrhas sind alltägliche Sünden, so dass ihre Priester eine zweite Ursache der geringen Bevölkerung von Borneo sind. (Die erste ist, wie wirSeite 61sahen, die Kopfjagd.)

Von den dajakschen Kampongs, welche vor ihren Palissaden hohe Stangen mit den Köpfen der getödteten Feinde stehen haben, und von ihren Tätowirungen weiss ich aus Autopsie nichts mitzutheilen. (Von der Religion und Sprache der Dajaker will ich auch nicht sprechen, weil dieses in den Rahmen eines ethnographischen Werkes und nicht in eine Reisebeschreibung gehört, und weil thatsächlich dasMaterial unter meinen Händen wächst, auch wenn ich mich begnüge, das selbst Erlebte und das mit eigenen Augen Gesehene mitzutheilen.)

Zu allen ihren Festen wurde ich von Dajakern eingeladen, weil ich ein dankbarer Gast war; ich brachte nämlich ein oder zwei Flaschen Genevre mit und begnügte mich, ein ganz passiver Zuschauer zu sein. Wenn jedoch der Herr Y. kam, liefen die Mädchen entweder ganz weg oder zogen sich mit ängstlicher Miene in eine Ecke zurück, wie erschreckte Schafe in einen Stall, nicht weil er ihre Keuschheitsgefühle (?) wiederholt beleidigt hatte,sondern weil er Tyrannengelüste als ein Servitut seiner Stellung beschaute, das nicht bezahlt werden dürfe. Das ist ja, wie wir bereits andeuteten, die ärgste Schande für ein dajaksches, ja selbst für ein malayisches Mädchen. Vor mir fürchteten die dajakschen Mädchen sich nicht, weil ich die Rolle des nüchternen Beobachters niemals verliess, und diesem Umstande verdanke ich es auch, dass ich in ihren Glauben und Liturgie, in ihre Gebräuche und Sitten einen Einblick erhielt, wie wenig Andere, obzwar der Controleur X.[18]darin einen wachsenden Einfluss meinerseits sah, der unterdrückt werden musste. Als ich z. B. (videSeite 80) meine Reise nach Telang antreten wollte, musste ich einen Kahn miethen, und zwar den einzigen, der in Buntok zur Verfügung stand, den des Kamponghäuptlings. Zufällig erkundigte ich mich Abends bei ihm, ob der Kahn schon gereinigt sei. Ja, erwiderte dieser, aber der Herr Controleur giebt mir nicht die Erlaubniss, den Kahn zu vermiethen!!

Ein andermal war ich bei einem Feste gewesen, und als ich nach Hause ging, folgte mir ein Dajaker mit einer Schüssel als Gegengeschenk für die zwei Flaschen (3 Liter) Genevre, welche ich gebracht hatte. Der Controleur erfuhr dies durch seinen Bedienten und schickte den Befehl, dem Feste ein Ende zu machen, weil der Controleur in seinem Mittagschläfchen gestört werde. Die Dajaker fühlten diesen Wink mit dem Zaunpfahle, schickten auch dem Controleur eine Schweinskeule und — mochten weiter singen, tanzen und spielen!! Ob solche Geschenke, Slametans (javanisch Sedekah) genannt, auch unter den Dajakern üblich seien, will ich bezweifeln. Bei den Malayen, bei den Javanen u. s. w. ist der Slametan eine Landessitte: Ein eingeborener Feldwebel verheirathet z. B. seine Tochter und möchte gerne die Officiere zum Tanzfesteeinladen. Er schickt also an die Frau oder Haushälterin der Officiere eine Schüssel mit einem geschlachteten oder lebenden Huhn, 10–20 Eier, eine Staude Pisang und andere Früchte. Der Anstand erfordert, dass man nicht nur diese Geschenke annimmt, sondern auch sofort ein Gegengeschenk, und zwar in Geld macht. Wenn der Betrag nicht höher ist als der Werth des gesendeten »Slamatans«, dann kann man in Zukunft von solchen Aufmerksamkeiten vielleicht verschont bleiben. Will man jedoch seine besondere Erkenntlichkeit für die Einladung zeigen, dann giebt man ½-1 oder 2 fl. mehr und wird beim Erscheinen des Festes besonders herzlich empfangen.

Dieser malayischen Sitte also wollten die Dajaker folgen, wenn sie mir, wie erwähnt, ein Gegengeschenk brachten, und zwar die Keule eines Wildschweines und einige Früchte.

Wenn sie auch den Tuwak[19]als Volkstrank stark gebrauchen, so ziehen sie doch den Genevre vor, obschon oder vielleicht weil sein Alcohol bedeutend grösser ist. Gewöhnlich hat der Tuwak 3–5% Alcohol und der Genevre 40–50%; ersterer kann dadurch in viel grösseren Mengen getrunken werden als der Genevre; alle Feste der Dajaker dauern 4–6–8 Tage; der Tuwak wird in grossen Töpfen (Blanggas) auf den Festplatz gebracht und von Alt und Jung, von Frau und Mann mit halben Cocosnussschalen aus den Blanggas geschöpft. Sie werden dadurch fröhlich, ausgelassen, aber nur selten betrunken. Eine solche Orgie muss man gesehen haben, um an sie glauben zu können. Es war ein »Todtenfest«, bei welchem ich zum ersten Male eine solche »Ausgelassenheit« der Dajaker sah, welche ein Beamter sittlich entrüstet nicht mit ansehen wollte.

Der Kamponghäuptling, zu dem ich im Jahre 1877 gerufen wurde, um ihm in seiner schweren Krankheit (Carcinoma vesicae) Hülfe zu leisten, war gestorben; sein Körper war auf das Feld gebracht und in einem hölzernen Sarge der Verwesung übergeben. Nach dieser Zeit sollte das Todtenfest beginnen. Eile hatte es damit nicht, weil die Wittwe zu alt war, um an eine zweite Heirath zu denken, und weil ein solches Fest viel Geld kostet. Nebstdem hatten sie gehört, dass Muarah Teweh aufgelassen werden sollte; sie konnten dann vielleicht zu Ehren der Verstorbenen einige Sclaven opfern, wie es bei den unabhängigen Dajakern damals noch üblich war. Da jedoch noch Ende 1878 das Fort Teweh bestand und noch immer keine Anstalten zumVerlassen der Boven-Dusson genommen wurden, entschlossen sie sich endlich, für ihn das Todtenfest zu halten, ohne Sclaven zu opfern; denn der Geist (liau) wurde zwar in den ersten 24 Stunden nach seinem Tode vom Charon (Tampon Telon) nach dem »Wolkensee« gebracht, aber die Seele, welche erst nach Ablauf des Todtenfestes dahin gebracht wird, um sich mit der »liau« zu vereinigen und die Freuden des Himmels zu geniessen, blieb, so lange der Sarg des Verstorbenen nicht bestattet ist, unbefriedigt schweben. Die Wittwe ist, so lange das Todtenfest nicht gegeben ist, »pali«; ihre Kinder sind »pali«, d. h. sie sind unrein und werden von den Sanggiangs (gute Geister) nicht erhört. Nebstdem muss die Wittwe die Trauerkleider, d. h. stets ein Kopftuch und schwarze Kleider tragen (unmittelbar nach dem Tode trägt sie jedoch weisse und erst später schwarze Kleider). Das sind genug Ursachen, um das Todtenfest sobald als möglich zu geben, d. h. sobald die grossen Ausgaben, welche damit verbunden sind, gedeckt werden können. Unser Häuptling hatte keine Sclaven officiell, d. h. er hatte nur »Schuldner, welche ihre Schuld durch Arbeit auf dem Felde und in dem Hause zu tilgen sich verpflichtet hatten«; diese aber beim Todtenfeste seines Vaters zu opfern, wagte er nicht wegen Anwesenheit des Forts; er wählte also dazu Karbouwen (indische Büffel), welche dasselbe Schicksal erlitten, als den Sclaven zugedacht war. Sie wurden an einem Opferstock festgebunden, und ihnen gegenüber nahmen die Männer in voller Kriegsrüstung in einer Reihe Platz; einer nach dem andern sprang aus der Reihe hervor, und unter dem Jubelgesang der Bliams und Bassirs schwang er seine Lanze gegen den unglücklichen Stier, der, nur leicht verwundet, ein fürchterliches Gebrüll ausstiess.

Ein fürchterlich schöner und doch erbärmlicher Anblick war es, ein solch colossales plumpes Riesenthier mit seinen gutmüthigen Augen und seinen massiven Hörnern machtlos und wehrlos gefesselt zu sehen und preisgegeben dem mordlustigen Spiele der Menschen. Wir Europäer sassen auf einem hohen Gerüst und waren ausser Gefahr, auch wenn es dem Büffel gelungen wäre, seine Fesseln zu brechen und in blinder Wuth sich auf seine Quäler zu stürzen. Drei Jahre später sah ich dieses. Ein Karbouw sollte geschlachtet werden; die Sundanesen (Bewohner des Westens von Java), welche seinen Kopf mit dicken Stricken auf dem Blocke festhalten sollten, liessen plötzlich die Stricke los, mit einem wilden Angstschrei zog sich der Büffel aus der Schlinge und stürzte in die umgebende Menge, welche sofort auf die nächstenBäume flüchtete; ich selbst hatte noch Zeit, mein Pferd zu besteigen, welches mich bald ausser Gefahr brachte. Wenn man im täglichen Leben einer Heerde dieser Riesenbüffel begegnet, oder sie im Sumpfe baden sieht, während nur ein kleiner Bube die ganze Heerde leitet und sie wäscht, dann bewundert man den sanften Charakter dieser Ungeheuer, welche jedoch ihrer Kraft sich ganz gut bewusst sind. In Tjilatjap fuhr ich mit meinem Mylord, welcher mit zwei Pferden bespannt war, durch eine Heerde von diesen Riesenbüffeln; um keinen Millimeter wichen sie aus, so dass das Spritzbrett meines Wagens zertrümmert, ohne dass nur ein Karbouw auch nur ein Haar breit zur Seite gedrängt wurde.

Endlich hatte der letzte der anwesenden Dajaker seine Lanze in das Herz des Karbouws gestossen, mit einem fürchterlichen Gebrüll, dem sofort das Todesröcheln folgte, stürzte der Riesenbüffel zusammen, und Alt und Jung stürzte sich auf ihn, um Stücke abzuschneiden und kochen zu lassen. Während dieser Zeit begann der Reigentanz; die dajakschen Schönen waren zu Ehren der anwesenden Gäste (der Resident, Assistent-Resident, Controleur und wir zwei Officiere) in Festgewand, mit Sarong, Badju und Selindang gekleidet und umstanden einen Opferstock, auf welchem eine Ziege angebunden war. Die weibliche Jugend umzog tanzend in einem Reigen den Altar, indem sie in der einen Hand die Tóte hielten und darauf bliesen, und mit der anderen Hand die der Nachbarin berührten; unter dem ohrzerreissenden Schalle der Pauken und der kupfernen Becken sangen sie ihr illa-la-hap, blieben stehen, beugten sich und drehten den Körper rechts und links, um wie eine Sprungfeder aufzuschnellen. Um diesen Reigen bewegten sich drei Bassirs mit vorausgestreckten Armen, in welchen grosse kupferne Ringe hingen, und die dritte Reihe bestand aus zwei — Clowns; sie trugen nur eine Schwimmhose und hatten eine Maske vor dem Gesicht.

Den ernsten Gesang der Bassirs begleiteten diese Bajazzos mit Sprüngen und ekelhaften körperlichen Bewegungen; bald näherten sie sich den Mädchen und ahmten unter dem schallenden Gelächter der Frauen die Bewegungen des Coitus nach, bald brachten sie ein Gläschen Genevre an die Lippen einer Schönen und liessen sie das Gläschen in einem Schluck leer trinken, und bald carikirten sie die Bewegungen der Bassirs. Ich habe noch nie so ein widerliches, ekelhaftes Fest gesehen, als dieses Todtenfest bei den Dajakern; ich muss jedoch beifügen, dass nur diesen einen Tag wir Europäer officiell Zeuge waren (es dauerte ja8 Tage), und dass nicht nur zu Ehren der Todten solche Orgien gefeiert werden, sondern bei jeder Gelegenheit; das für das Todtenfest charakteristische Abholen der Leiche von dem Felde, das Aufbahren der ausgetrockneten Leiche, das Schmücken derselben u. s. w. haben wir nicht gesehen, ebenso, als wir Abends nach Fallen der Sonne die Bassirs und Bliams nicht ihre Rollen vertauschen sahen. Sie haben aufgehört, Zauberer zu sein, und beim Scheine der kleinen Harzflammen beginnen jene schon angedeuteten Orgien, welche zwar in Europa nicht unbekannt sind, aber doch nur von Wenigen geübt werden. Wenn Rousseau etwas vondiesen»Naturmenschen« gewusst hätte, wäre in seinem Emil niemals ihnen eine Hymne gesungen worden.

Nach Perelaer lautet die erste Strophe des Liedes, welches die Bassirs beim Todtenfeste sangen, wie folgt:


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