Anhang.
Geschichte des Süd-Ostens von Borneo.
Die Dajaker haben keine eigene Schrift. Als Gott die Menschen erschaffen hatte, gab er allen Rassen nicht nur ihre eigene Sprache, sondern auch die Schrift. Die Vertreter von Borneo jedoch verzehrten das ihnen geschenkte Alphabet, wodurch dieses sich mit ihrem Körper vereinigte und zumGedächtnissemetamorphosirte. Die Dajaker behaupten also, dass sie an Büchern kein Bedürfniss hätten, um die Wissenschaft ihrer Religion und Geschichte bewahren zu können.
Die Tradition ist dadurch die einzige Quelle, aus welcher der Geschichtsforscher schöpfen muss, um dieUrgeschichtedieser Insel kennen zu lernen bis zu jener Zeit, in welcher der Strom der Völkerwanderung auch Borneo erreichte. An dieser nahmen die Chinesen, Hindu, Malayen, Araber, Buginesen (von Celebes) und zuletzt die Europäer ihren Antheil.
Borneo bestand nach der sagenreichen Tradition in den urältesten Zeiten nur aus den Bergen Pararawan und Bundang, welche von zahlreichen Klippen umgeben waren. Die Voreltern der Dajaker waren in einem goldenen Schiffe angekommen und hatten von der Insel Besitz genommen. Nach und nach hätte der Schlamm des Meeres die Riffe und Klippen mit den genannten Bergen zu einem Ganzen verschmolzen.[69]
Aber auch die Ethnographen beschäftigen sich mehr mit der Frage, wann und welche Menschenrassen zuerst die Insel Borneo bevölkert hätten, und besprechen nur skeptisch die Möglichkeit der Existenz von Urbewohnern dieser Insel. Aus der Aehnlichkeit der Gottesvorstellungen u. s. w. suchen die Ethnographen einen Zusammenhang der Urbewohner Borneos mit den Afrikanern, mit Assam, dem Gebiete des Himalaya,mit Tibet und Mongolei, mit den Hindus und mit den Chinesen, und finden selbst den Weg, den, unter Einfluss von Winden, vor Jahrtausenden die Bewohner dieser Theile der Erde auf Kähnen nach Borneo genommen hätten.
Es ist wahr, dass zahlreich die Stämme der Dajaker sind und zahlreich die Dialekte der dajakschen Sprache; der Unterschied im Körperbau ist gewiss nicht grösser als z. B. zwischen den Holländern und Deutschen. Wenn der eine Stamm grössere Geschicklichkeit im Bearbeiten des Eisens, der andere im Weben von Sarongs zeigt, wenn der eine den Oberleib, der andere die Waden tätowirt, und der dritte gar nicht diesen Gebrauch kennt; wenn der eine Stamm als Nomade und nur in einzelnen Familien in den Urwäldern an den Flüssen wohnt, der andere in mehreren Familien, und zwar unter einem Häuptling, einen Kampong bewohnt, ein dritter jedoch seinen Kampong mit Palissaden umgiebt und ein vierter sogar Kanonen auf Bastionen in seinem Fort aufpflanzt; wenn der eine Hatallah oder Mahatara (= Mata-hari = das Auge Gottes) seinen obersten Gott nennt; der zweite dreimal täglich La-ilaha, illa llahu wa Muhamadun rasul-l-lahie mit dem Antlitz nach Mekka laut ausruft, und ein dritter zu Christus, dem Sohne Gottes, betet; wenn der Dajaker mit dem Mandau, Blasrohr, Schild (telawang), mit dem Ziegenfell (ajong) auf der Brust und mit dem Tapoh (aus Rottang geflochtene, mit Thierhaut bedeckte Mütze) sein Ngayau unternimmt, und ein zweiter auf seinem Assanzug mit dem Gewehr sich bewaffnet u. s. w.; wie gross auch der Unterschied in allen Sitten und Gebräuchen der Dajaker ist, und wie oft auch Analoga auf den benachbarten Inseln und im Herzen Asiens und Afrikas gefunden werden, so kann ich darin dennoch keinen Beweis sehen, dass Borneo keine Aborigines haben sollte.[70]
Seit Jahrhunderten sind auf der Westküste Borneos chinesische Colonien; Hindus, Malayen, Buginesen und Araber sind seit langer Zeit auf den Küsten, und selbst weit ins Innere des Landes, ansässig; sie haben den Eingeborenen des Landes vieles eingeimpft und viele ihrer Sitten und Gewohnheiten aufgedrungen. Schwer fällt es mir aber zu glauben, dass die Einwanderer entweder die ganze Urbevölkerung verdrängt hätten oder dass vor ihrer Ankunft Borneo unbevölkert gewesen sein sollte.
Die Verwandtschaft der gegenwärtigen Dajaker, was ihre Sagenwelt,ihren Aberglauben, ihre Religion, ihre Sitten und Gewohnheiten betrifft, mit denselben anderer Inseln oder anderer Continente lässt sich viel leichter erklären durch das Axiom: Gleiche Ursachen und gleiche Folgen, während die Theorie, dass voneinemPaare die Welt bevölkert worden sei,nur gezwungendie Urbevölkerung Borneos auf Einwanderung basiren lässt.
Nach Schwaner ist die Schöpfungsgeschichte der Dajaker, welche sich am meisten von islamitischen Anschauungen fern gehalten haben, folgende:
Im Anfang war das Wasser, in welchem sich Naga bussai bewegte, eine ungeheure Schlange von herrlicher Farbe und geschmückt mit Krone und Diamanten, und einem Kopf so gross als die Erde. Hatalla (Gott aus dem Arabischen, jetzt auch Matara von matahari = Auge Gottes = Sonne genannt) warf Erde auf den Kopf von Naga, welche sich als Insel über das Wasser erhob. Ranjing Atalla stieg hinab und fand 7 Eier; zwei von ihnen enthielten einen Mann und eine Frau, welche jedoch todt waren — die andern 5 enthielten den Keim von allen Pflanzen und Thieren. Ranjing Atalla kehrte zum Schöpfer zurück, um den Lebensgeist für diese zwei Menschen zu holen. Unterdessen hatte Sangsang Angai (= der Gott des Windes) sich auf die Erde niedergelassen und blies ihnen den Athem ein, womit sie jedoch den Keim des Todes aufgenommen hatten. Ranjing Atalla, welcher den Menschen den Geist der Unsterblichkeit bringen wollte, fand bei seiner Ankunft die Arbeit von Angai (D = Wind). Er kehrte trauernd zum Himmel zurück und nahm nicht nur die Unsterblichkeit der Menschen mit, sondern alle göttlichen Geschenke, welche er für den Menschen bestimmt hatte: die ewige Jugend, allgemeines Glück und Ueberfluss ohne Arbeit.
Nur schwer lässt sich aus der Sagenwelt der Dajaker weiter die Entwicklungsgeschichte der Urbewohner Borneos verfolgen; Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende lebten sie friedlich in den Wäldern, nährten sich von den Früchten der Bäume, Weichthieren, Insecten und später vom Wild des Waldes, in einzelnen Familien ohne jede staatliche Gemeinschaft; sie schützten sich mit dem Laub der Bäume vor den Unbilden des Wetters, und erst viel später (in historischer Zeit) bedeckten sie ihre Scham und gebrauchten Waffen. Erst die Einwanderer brachten den Bewohnern der Küste die Segnungen der Civilisation,welche nur langsam in das Innere der Inseln drangen, und bis heute nur theilweise die O. Punangs und Olo-Ott erreicht haben.
Die ersten Einwanderer waren die Chinesen; auf der Westküste erschienen sie bereits im 4.-6. Jahrhundert auf ihrer Pilgerfahrt nach Indien, um die Lehre von Buddha an der Quelle zu studiren, und zwar unter Fa Hiën (399 p. Ch.); im 7. Jahrhundert ist Phala = Brunei = Borneo proper bereits an China tributpflichtig.
Aber auch an der Südküste von Borneo scheinen die Chinesen schon seit den ältesten Zeiten sich angesiedelt zu haben, wie Valentyn mittheilt; sie haben sich jedoch auf die Staaten der Küste beschränkt und nicht, wie auf der Westküste, sich im Innern des Landes angesiedelt.
Wie Veth mittheilt, waren Araber die folgenden Einwanderer im Bandjermasingschen Reiche, obzwar es noch zweifelhaft ist, ob die Namen Mihradj und Sobormah, welche in arabischen Reisebeschreibungen vorkommen, thatsächlich die Insel Borneo andeuten.
Die erste Colonisation des Bandjermasingschen Reiches stricte dictu stammt von Java, und zwar im 14. Jahrhundert unter dem Klingalesen Lembong Mangkurat, welcher sich in Amuntay festsetzte. Der Sage nach soll er sich eine Zeit lang der Askese gewidmet haben, wodurch aus dem Schaum der See eine schöne, reizende Fürstin entstiegen sei: Putri Djundjong Buhi. Lembong Mangkurat hatte nämlich bei der Stiftung der Colonie einen Waringinbaum als ersten König und sich zu seinem Propheten auserkoren; als aber der Baum abzusterben begann, suchten sie einen Menschen, der durch seine hervorragenden Eigenschaften würdig sei, dem Waringinbaum zu folgen. Die schöne Prinzessin müsste jedoch einen ebenbürtigen Mann bekommen. Unter den Eingeborenen des Landes war dieser natürlich nicht zu finden, und so zogen die Aeltesten zu dem Sultan von Madjopahit (Java), dessen Sohn ein Krüppel war. Der Fürst von Madjopahit erlaubte nach langem Zögern seinem Sohne, dahin zu gehen. In der Mündung des Baritu stürzte er sich in den Fluss, und nach acht Tagen stieg er unter den Tönen einer Gamelang schön und wohlgebaut aus den Wellen. Als Pangeran Surja Nata wurde er Gründer und Stammvater des Reiches von Bandjermasing, welcher auch sofort eine Theilung in »Stände« veranlasste, und zwar in den eigentlichen Adel (O Bangsawan), Sclaven (Abdi), Bediente (Budak), Kriegsgefangene und Verwandte des Adels (Mardika).
13 Sultane hatte diese Dynastie der Hindus, welche sich jedochauf die Küstenstaaten, und besonders auf die des Ostens, beschränkten; die Unterwerfung der Dajaker längs des Stromgebietes des Baritu ging nur sehr langsam vorwärts; denn nur so weit der Arm der bewaffneten Herrscher reichte, unterwarfen sich die Dajaker den Befehlen ihrer Fürsten auf Amunthay, später in Martapura und zuletzt in Bandjermasing. Ihre patriarchalische Regierungsform verleugneten sie selbst nicht einmal unter der Herrschaft der Europäer. Wie schon früher erwähnt, wurde der Islam unter Pangeran Samatra, einem Enkel des Akar Sungsang, am Ende des 16. Jahrhunderts eingeführt. Dieser hatte nach der Auflösung der Ehe mit seiner Mutter wieder geheirathet und vier Kinder bekommen. Seine Tochter Putri Kalarang verheirathete er mit einem Dajaker, und deren Sohn Pangeran Samatra ernannte er zu seinem Thronfolger. Dieser wurde also der Gründer der Hindu-Dajakschen Dynastie, welche bis zur Auflösung des Sultanats von Bandjermasing im Jahre 1864, also 256 Jahre lang den südöstlichen Theil von Borneo beherrschte und aussog.
Die Einführung des Islam geschah unter Sultan Surja Angsa 1608 mit Hülfe des Sultans von Demak (Java), dem die neue Dynastie tributpflichtig wurde; aber schon im Jahre 1642 ging zum letzten Male eine Gesandtschaft (unter Sultan Agun) nach Java, um dem Fürsten zu huldigen und den Tribut zu bezahlen.
Unterdessen hatte schon so mancher Europäer vor Bandjermasing die Anker seines Schiffes fallen lassen. Während derPortugieseLorenzo de Gomez im Jahre 1518, derSpanierMagellan im Jahre 1521 Borneo besucht hatten, im Jahre 1526 Don Jorge de Menges von Portugal zum Gouverneur der Molukken ernannt wurde und auf seiner Reise dahin auf Borneo gelandet war, und während schon im Jahre 1530 der Portugiese Gonsola Pereira von dem Sultan von Brunei gastfreundlich empfangen wurde, haben dieHolländererst im Anfange des 17. Jahrhunderte mit Bandjermasing Handelsverbindungen angeknüpft. Im Jahre 1607 kam selbst nach Bantam (Java) die Trauermähr, vide Valentyn (»Alt- und Neu-Ost-Indien« III, Seite 244), dass Gillis Michielszoon, welcher von Jan Willemsz Verschoor den 14. Februar 1606 nach Bandjermasing geschickt worden war, von dem Sultan dieses Reiches ans Land gelockt und ermordet wurde. (Gleichzeitig, und zwar im Jahre 1609, sollen die Engländer im S. O. der Insel Borneo erschienen sein.) Sechs Jahre dauerte es, bis die Holländer(im Mai 1612) Bandjermasing dafür züchtigten und zerstörten. Die Residenz des Sultans wurde dann nach Martapura verlegt. Der Handel mit dem Pfeffer jedoch, welcher damals eine bedeutende Rolle spielte und viel Geld und Blut kostete, blieb in den Händen der chinesischen Kaufleute, da die Holländer, in Kriege mit dem Sultan von Bantam verwickelt, erst 14 Jahre später (1626) unter Jan de Coster und Adriaan de Marees mit zwei Schiffen (de Haen und de Fortuyn) wiederum mit dem Sultan des Bandjermasingschen Reiches einen Handelsvertrag schlossen, dem zufolge unter anderem der Pfeffer ausschliesslich an die N. Compagnie geliefert werden sollte, obwohl kurz vorher einige batavische Bürger auf ihrem Kreuzzug gegen die Spanier und Portugiesen ein bandjermasingsches Schiff erobert und dessen Bemannung nach Batavia gesendet hatten. Aber auch 2 Jahre später sah Martapura wieder ein holländisches Schiff in seinem Hafen, im Jahre 1629 (unter P. Croocq) und zwar das Schiff Velsen, und am 21. October 1630 den Rhederer Adolf Thomasz, welcher hier starb und durch Sebald Wonderaer ersetzt wurde. Dem Seeraub der Bandjeresen, welche die javanischen Fischer selbst bis zu den »nördlichsten Inseln von Batavia« verfolgten, machte zeitlich die »Tayovan« 1631 ein Ende.
Da Mattaram um diese Zeit seine Macht nur noch schwach gegen die holländische Compagnie vertheidigen konnte, schickte der Sultan von Bandjermasing den 2. September 1631 eine Gesandtschaft nach Batavia zum Zwecke eines Bündnisses, um die Javanen nicht mehr in sein Reich zuzulassen. Gerrit Corsz, welcher 5 Jahre später in Atschin (Sumatra) Handelsbeziehungen anknüpfte, ging am 18. Februar und im Juli 1633 nach Martapura, ohne grosser Erfolge sich erfreuen zu können, so dass die Maccau nur 235 Pikols Pfeffer (1 P = 62½ Kilo) den 20. November 1633 nach Batavia bringen konnten, weil die Macassaren den übrigen Vorrath bereits angekauft hatten. Martapura setzte sich unterdessen in Vertheidigungs-Zustand, und als Gysbert von Lodenstein mit sechs Schiffen nach Bandjermasing kam, stellte sich der Sultan mit 2–3000 Mann ihm entgegen. Vielleicht durch diesechsSchiffe eingeschüchtert, sah er von jedem feindlichen Anfall ab und begab sich mit dem Gefolge auf das Schiff des Commandanten, den er um Hülfe nicht nur gegen die Javanen, sondern auch gegen die Macassaren bat. Zu gleicher Zeit wurden 1140 Picols Pfeffer und 2382 Bündel Rottang zum Verkaufe angeboten. Doch den 26. September liess die holländische Compagnie durch eine Gesandtschaftdem Sultan mittheilen, dass seine zweideutige Haltung ein Ende nehmen müsse. Der Sultan versprach dieses. Im Jahre 1635 sollte Martapura holländisches Geld (Ryksdaalders) aufnehmen und die spanischen Realen von sich abstossen. Die Silberarbeiter fanden jedoch dieses Silbergeld für feine Arbeiten nicht geschickt, und die holländisch-indische Regierung sah sich genöthigt, im September 1635 wieder die alten Realen dahin zu senden.
Unterdessen hatte der Sultan von Martapura sich die kleineren Fürsten von Mendawa, Pulu Laut, Kota-Waringin, Succadana, Landak Samba, und selbst die ganze Ostküste der Insel tributpflichtig gemacht.
Als daher den 24. Juli 1635 sein Gesandter auf dem holländischen Schiffe Manilla nach Batavia kam und den Holländern den ausschliesslichen Handel mit Pfeffer anbot, bewilligte die Regierung gern seine Gegenforderung, welche in der Hauptsache auf einen Vorschuss für den noch zu liefernden Pfeffer und auf die Entfernung der javanischen und macassarschen Kaufleute aus dem Reiche Pasir (Ostküste Borneos) sich bezogen.
Es scheint, dass die Portugiesen schon damals, und nicht erst nach 1669, die Südküste Borneos besucht hatten; sie trieben zwar nur auf der Insel Laut mit Gold und Sclaven einen ausgebreiteten Handel; aber die Bandjeresen gebrauchten sie gerne, um für ihren Vorrath an Pfeffer durch ihre Concurrenz grössere Preise von den Holländern zu erzielen.
In demselben Jahre (1635) waren jedoch auch englische Kaufleute unter Tewseling in Martapura erschienen, brachten einen Empfehlungsbrief und Geschenke vom englischen Präsidenten mit und boten gegen Gewährung von Freihandel dem Sultan so viel Geschütze und Pulver an, als er besitzen wollte. Auch von der holländischen Regierung erhielt der Sultan von Martapura zwei vollkommen ausgerüstete Kanonen mit einem Briefe, in welchem besonders auf das zweideutige Benehmen des Radja Itam hingewiesen wurde. Dieser liess nämlich den Engländern alle mögliche Hülfe zur Errichtung einer englischen Factory leisten. Der holländische Schiffscapitän Soop protestirte natürlich dagegen; der Sultan jedoch erklärte, dass der Handel mit Pfeffer von dem Freihandel ausgeschlossen werden würde und das Privilegium der hohen indischen Regierung bleibe.
Natürlich fuhr Martapura fort, trotz dieser schönen Versprechungen, einen ausgebreiteten Pfefferhandel mit Siam, China, Macassar, Cochinchina u. s. w. zu treiben.
Demungeachtet richtete sich die holländische Compagnie zum Zuge gegen Pasir und Kutei, und am 7. October 1635 ging der Sultan von Martapura an Bord eines der Schiffe, welche von Markus Heyndriksz commandirt wurden, nach der Ostküste Borneos, um Pasir von fremden Kaufleuten zu befreien. Den 8. November kamen sie nach Kutei, dessen Sultan jedoch durch geheime Boten davon verständigt wurde und also Zeit hatte, sich in Vertheidigungszustand setzen zu können. Der Führer der holländischen Flotte wagte es nicht, einen Anfall auf die zu stark befestigte Hauptstadt dieses Reiches zu unternehmen, und begnügte sich, Unterhandlungen mit dem Sultan anzuknüpfen. Es gelang ihm auch, mit ihm, der den langen Namen Ady Patty Cinom Pangy Amodappa Ingh Martapura führte, einen Vertrag zu schliessen, demzufolge sein Reich die Souveränität des Sultans von Martapura anerkannte, und er den Bandjeresen und Holländern freien ungehinderten Handel gewährte. Der Sultan von Pasir zeigte sich jedoch viel weniger gefügig, worauf die Stadt beschossen, in Asche gelegt und 50 grössere oder kleinere Schiffe, welche in dem Hafen lagen, vernichtet wurden. Als der König von Martapura dies erfuhr, gab er den 2. December dem Commandanten ein grosses Diner und einen schmeichelhaften Brief an den Gouverneur-General, in welchem er alle seine Versprechungen wiederholte. Darunter war das wichtigste Versprechen, dass er an England keinen Pfeffer liefern wolle und jeden Handel mit diesem unterdrücken würde.
Unterdessen hatte jedoch Wollebrand Geleinsz, während der König vor Kutei lag, mit seinen Vertretern Radja Itam und Retua dy Ratya so wenig Erfolg (weil diese die Engländer begünstigten), dass den 24. Januar 1636 Pool mit sechs Schiffen dahin zog, um einen bindenden Contract zu erhalten. Der Sultan war jedoch noch nicht in Martapura anwesend; die Flotte zog also vorläufig nach Celebes, um die »Feinde der Compagnie zu vernichten« in der Erwartung, bei ihrer Zurückreise den Sultan in Martapura zu treffen.
Auch mit Cochin-China trieben die Martapuresen in damaliger Zeit ausgebreiteten Handel, und es ist unbegreiflich, dass in den letzten Jahrzehnten, ja selbst seit mehr als 100 Jahren, der Handel des Bandjermasingschen Reiches so darniederlag, und selbst heute noch überhaupt kein Pfeffer exportirt wird.
Natürlich blieben die Martapuresen auch mit den Engländern, Javanen, Macassaren und Malayen in steten Handelsbeziehungen, obwohl ihr Sultan stets mit 3–4000 Realen bei der holländischen Regierungim Schuldenbuch stand. Ja noch mehr. Der Einfluss der Engländer wuchs mit jedem Tage, sie mochten selbst den Baritu aufwärts fahren, um direct mit dem Sohne des Sultans Handel treiben zu können.
Die Behinderung der Javanen an dem Handel auf der Ostküste Borneos verschaffte dem Sultan von Martapura neue Feinde, und zwar den Kaiser von Mattaram, den Sultan von Surabaya und den Fürsten von Cheribon (welche drei Staaten auf der Nordküste von Java lagen), so dass er sich stark genug fühlte, sein Reich gegen einen gemeinsamen Angriff dieser drei Reiche zu vertheidigen.
Auf sein Ersuchen wurde also in dem untersten Theil des Barituflusses ein holländisches Schiff stationirt, um eine Ueberrumpelung seiner Hauptstadt von Seiten der javanischen Fürsten unmöglich zu machen.
Die englische Partei auf seinem Hofe bekam jedoch wieder bald das Uebergewicht über die der Holländer. Radja Itam veranlasste den Sultan, nach Bandjermasing zu gehen und dieses zu befestigen. Wenn er auch schon nach kurzer Zeit diese Arbeit wieder einstellte und in Martapura wohnen blieb, so triumphirte in allem andern die englische Partei.
Den 16. April 1638 brachte ein atschinesisches Schiff die Nachricht nach Batavia, dass die ganze holländische Colonie in Martapura ausgemordet und das Schiff Hoogcarspel, welches in dem Barituflusse lag, verbrannt wurde.
Danach schloss der Sultan von Martapura mit dem Herrscher von Macassar ein Offensiv- und Defensivbündniss, welcher dem Bandjeresischen Gesandten Bahong mittheilte, dass »auch er die Holländer in sein Land zugelassen hätte, und dass er sie ebenfalls später, wenn sie genug Schätze erworben und ein schönes Haus erbaut haben würden, zu ermorden gedenke, um gerade wie sein guter Freund von Martapura auf diese Weise Reichthümer zu erwerben«.
Aber auch seinen Collegen von Kota Waringin überredete der Sultan von Martapura, ein gleiches Blutbad unter den Holländern anzurichten. Der »Oberkaufmann« Nicolaas Cloet (= Clut) wurde mit seiner Mannschaft zu einem Gastmahle auf das Land gelockt, ermordet und die 2 Schiffe »de kleine Maan« und der »indische Zwaan« überrumpelt und geplündert.
Natürlich sah Bandjermasing sehr bald (April 1638) die rächende Flotte an seinen Ufern. 27 gefangene Martapuresen wurden, an Ohren,Nase und Genitalien verstümmelt, nach der Hauptstadt gesandt, um Schrecken und Furcht unter der Bevölkerung zu verbreiten. Um seinen Unterthanen etwas Muth einzuflössen und zu verhindern, dass sie sich in die Urwälder flüchteten, liess der Sultan urbi et orbi verkündigen, dass ein sehr alter, in seinem Palaste verpflegter Heiliger bei einem Anfall der Holländer den ganzen Fluss 40 Tage hintereinander vergiften und auf diese Weise die Feinde zum Abzug zwingen werde. Zu gleicher Zeit liess er Schanzen und Verstärkungen anlegen, an welchen besonders die in Martapura anwesenden Chinesen sich betheiligen mussten.
Radja Ade Patty Tape-Sana hatte sich an dem Morde der Holländer nicht betheiligt, weil er mit ihrer Hülfe den Thron zu erobern suchte, und hielt sich auch bei diesen Befestigungsmaassregeln passiv.
Dieses benutzten die Holländer, um ihn zu einem Bündniss zu bewegen, die Mörder auszuliefern, um dann mit Hülfe der Holländer »als König über das ganze Land in Ruhe und Frieden regieren zu können«.
Martapura wurde also vorläufig blockirt, und zwar 3 Monate lang. Als die Schiffe nach 3 Monaten zurückkehrten, hatten sie 7 Bediente der Compagnie an Bord, welche früher zum Uebertritte zum Islam in ihrer Gefangenschaft gezwungen und gegen 7 Martapuresen ausgetauscht worden waren.
Als übrigens während der Blockade die Nachricht gekommen war, dass in Kota Waringin der letzte Rest der anwesenden Holländer ermordet wurde, mussten die übrigen gefangenen Martapuresen das Schicksal ihrer früheren Leidensgenossen theilen. Verstümmelt wurden sie ans Land gesetzt, um Furcht und Schrecken in der Hauptstadt des bandjeresischen Reiches zu erregen.
Da der Sultan vor einem günstigen Erfolg des Tape-Sama sich fürchtete, vielleicht auch, um den Zorn der holländisch-indischen Regierung zu besänftigen, liess er einen Brief mit Friedensvorstellungen nach Batavia schicken. Sein Ziel erreichte er jedoch nicht. Denn schon den 21. October desselben Jahres wurden 4 Schiffe nach Bandjermasing gesendet, »um den Mördern keine Erholung zu geben und ihre Flüsse fortwährend abgeschlossen zu halten«, die Auslieferung aller Mörder und Rädelsführer zu verlangen und für die grosse Expedition alle nothwendigen Maassregeln zu nehmen.
Unter den übrigen Nationen, welche auf der S. O. Küste Borneos Handel trieben, waren auch Dänen.
Gegenüber diesen und den Engländern sollte der Commandant Walravens nur mildere Saiten aufziehen.
Die Martapuresen liessen sich durch diese Blockade nicht die geringste Furcht einjagen; denn bei Nacht, und selbst bei Tage, konnten bequem kleine Kähne, beladen mit Nahrungsmitteln und Munition, von Macassar oder von Java die Blockade brechen, weil die grossen Schiffe der Holländer ohne günstigen Wind sich kaum bewegen konnten. Auch den Canal Kween hatten die Martapuresen so stark und so geschickt verbarricadirt, dass selbst das Einfahren (am 26. November) diesen grossen Schiffen unmöglich wurde.
Nur eines Erfolges konnte sich diese Expedition erfreuen. Das englische Schiff The Providence, dessen Capitän 20000 Realen von dem Sultan eincassiren wollte, musste unverrichteter Sache abziehen.
Als aber den 1. April Walravens wegen des ungünstigen Gesundheitszustandes seiner Matrosen unverrichteter Sache nach Batavia zurückkehrte, zog das englische Schiff de Coster mit »Flagge« und »Wimpel« bis Martapura.
Am 27. März 1641 wurde also Gillis van den Rande dahin gesendet, um die erbeuteten Kanonen und die schuldigen 50000 Realen, wenn auch nicht in Pfeffer, so doch mit Gold, Wachs, Rottang, Perlen und Diamanten bezahlen zu lassen.
Tapesana hatte im Jahre 1642 den Thron bestiegen und durch chinesische und malayische Handelsleute mit der holländischen Regierung Verbindungen angestrebt; da er sich jedoch zur Auslieferung der geraubten Kanonen und der Mörder nicht entschliessen konnte, blieb Batavia — bei dem Drohen mit einem grossen Revanchekrieg. Dieser kam auch niemals zu Stande. Ja, noch mehr. Im Jahre 1660 wurde mit Martapura ein neuer Vertrag geschlossen, bei welchem dem Sultan die alte Schuld von 50000 Realen erlassen wurde!!
Wenn auch 1664 dieser Contract dahin erweitert wurde, dass der ganze Handel in den Händen der Holländer bleibe, erhielt Antonie Hurdt im Jahre 1665 doch nicht mehr als 36 Lasten Pfeffer. Unterdessen hatten die Engländer auch nicht müssig gesessen und alles zur Errichtung einer Factory vorbereitet. Es war nämlich im Jahre 1669 der holländische Bevollmächtigte ermordet worden, und der Sultan hatte den Wunsch geäussert, dass sein Nachfolger sich an dem Aufsuchender Mörder betheiligen sollte. Aber auch diesen ermordeten die Martapuresen.
Endlich hatten die Martapuresen ihr Ziel erreicht und auch die Engländer in ihre Falle gelockt; diese errichteten im Jahre 1698 in Martapura eine Factory und erklärten diese Stadt als den Hauptplatz ihres indischen Gebietes. Zu diesem Zwecke wurden einige hundert Buginesen gemiethet, welche die Factory bewachen sollten, und während der Chef auf dem Flosse wohnte, wurde auf dem Lande eine kleine Redoute mit 10 kleinen Kanonen gebaut. Als zur selben Zeit eine englische Colonie in Kambodja angegriffen und geschlagen wurde, flüchteten sich die Reste nach Martapura, und dasselbe geschah in Siam, dessen Chef die Factory in Martapura übernahm. Sie betrugen sich mit so viel Stolz und Uebermuth, dass der Hof und die Einwohner von Martapura nur in stiller Wuth dieses ertrugen und endlich den Plan fassten, die englische Factory auszumorden. Die Engländer bekamen davon Wind und ergriffen die Offensive. Sie eroberten Bandjermasing, Tatas, Kaju Tinggi und Martapura, 7 Kanonen, 100 Gewehre und 20 Kojang Pfeffer.
Gegen eine Kriegsentschädigung von 3000 spanischen Matten gaben sie jedoch alles an die Martapuresen zurück. Im Jahre 1707 jedoch, und zwar am 1. November, schüttelten diese das verhasste und unerträgliche Joch der übermüthigen Engländer ab und ermordeten die ganze englische Factory bis auf ihren Chef Thiems, welcher auf einem holländischen Schiffe, und einen Schiffscapitän, welcher auf einem englischen Schiffe nach Batavia entkam. Der Sultan von Martapura erklärte jedoch, gegenüber dem Hass seiner Unterthanen gegen die Engländer ohnmächtig zu sein, in Zukunft zwar mit ihnen weiter Handel treiben zu wollen, aber niemals mehr die Errichtung einer englischen Factory zulassen zu können. Dieses dauerte jedoch nur bis zum Jahre 1746.
Nach dem Blutbade von 1669 sah Martapura 23 Jahre lang kein holländisches Schiff vor seinen Ufern. Nachdem im Jahre 1692 der Holländer Jacob Jansz wieder in diesen Hafen eingelaufen war, konnte er nur mit den Portugiesen und Engländern zugleich einigen Pfeffer erstehen, so dass vorläufig der holländische Handel untergraben blieb.
Im Jahre 1712 drohte Martapura mit Brunei in einen Krieg verwickelt zu werden, und beide riefen die ostindische Compagnie zur Hülfe. Zu Martapura befanden sich zwar seit dem vorigen Jahre (1711)holländische Schiffe unter N. van der Bosch und Abraham Poele, um den Chinesen den Handel mit Pfeffer zu entreissen; es gelang ihnen dies nicht, und doch blieben sie in dem Hafen, um nach erhaltenem Auftrag von Batavia ihre Hülfe gegen Brunei zu verlehnen. Der Sultan von Martapura jedoch drang darauf, ein Bündniss mit Batavia zu schliessen (1714), welches im Jahre 1733 erneuert wurde. Obzwar den Holländern der Alleinhandel versichert wurde, und diese gestatteten, dass jährlich ein Jonk mit Pfeffer nach China gehe, konnte Martapura mit allen möglichen Nationen und besonders mit China und England Handel treiben. Sobald ein holländisches Schiff ankam, waren alle möglichen Ausreden bei der Hand, um ihnen keinen Pfeffer zu verkaufen. Bald war eine schlechte Ernte, bald ein zu kleiner Vorrath, bald etwas anderes die Ursache, dass Martapura an die Holländer keinen Pfeffer liefern wollte.
Die Waffen mussten also im Jahre 1746 den Sultan von Martapura zwingen, sein immer und immer gegebenes Versprechen einzuhalten. Lieutenant Ackerveldt blockirte den Hafen und zwang alle Schiffe der Engländer, Chinesen u. s. w., die Insel zu verlassen; als nebstdem im nächsten Jahre (1742) van der Heyden mit sechs Schiffen vor der Mündung des Martapuraflusses erschien, schloss der Sultan, ohne eine Beschiessung der Stadt abzuwarten, denselben Contract als im Jahre 1664. Er übergab nämlich den ganzen Handel mit seinem Reiche an die Holländer und gestattete, dass diese zur Sicherstellung des Vertrages zwei Forts in seinem Reiche bauten, und zwar auf Tabenio und Tatas (bei Bandjermasing).
Dies ist der Anfang vom Ende des Bandjermasingschen Reiches mit einem Hindu-Dajakischen Fürsten.
Im Jahre 1756 wurde holländisches Geld eingeführt; die Diamantengruben mussten ihre Erträgnisse an die Holländer abliefern, 15000 Pikols Pfeffer wurden an diese abgeliefert, und ein Bündniss gegen Sintang, Berouw, Kutei und Melavei geschlossen, wofür an die Holländer 80 Pikols Vogelnester, 160 Pikols Wachs und 340 Tail Gold gegeben werden sollten.
Der definitive Zusammenbruch des Reiches geschah doch erst am 13. August 1787.
Es war nämlich im Jahre 1780 (?) der Reichsverweser Pangeran Nata im Kampfe um den Thron mit dem unmündigen Sultan, welcher sich nach der Ostküste geflüchtet hatte. Hier hatten sich schon seit langer Zeit Tausende von Buginesen (von Celebes) angesiedelt, und imJahre 1785 zogen 3000 von ihnen nach Tabanio, um die Partei des jungen Sultan zu nehmen, und plündernd und mordend verfolgten sie den Reichsverweser bis nach Martapura. Dieser wandte sich endlich an die »Compagnie« um Hülfe. Capitän Hoffmann zwang die Buginesen zum Rückzuge; der Preis, den Sultan Nata dafür bezahlen musste, war gross.Er wurde ein Lehnsmann der ostindischen Compagnie.
Nach grossen und kleineren Aufständen verliess unter Daendels im Jahre 1809 Holland das Bandjermasingsche Reich, Bandjermasing sandte 1811 eine Gesandtschaft an das englische Interregnum, welches im Jahre 1812 Alexander Hare als Residenten und Commissar dahin schickte, um mit Bandjermasing einen Vertrag zu schliessen, demzufolge dieses Reich ein englischer Lehnsstaat werden sollte. Offenbar hatte Alexander Hare noch bedeutende persönliche ehrgeizige Pläne; denn er errichtete mit Hülfe von javanischen Bauern (Landstreicher nennt sie die Geschichte) eine Ackerbaucolonie, welche jedoch, wie überhaupt das ganze Bandjermasingsche Reich, nach dem Sturze Napoleons im Jahre 1816 wieder in den Besitz der Holländer überging. Natürlich wurden die alten Verträge von den Jahren 1787 und 1812 jetzt von den Holländern erneuert, aber weder die Bevölkerung noch der Sultan hatten ernstliche Absichten, auch thatsächlich deren Bedingungen zu erfüllen. Zwei holländische Kreuzer, ein kleines Fort und ein Polizeicommissar mit seiner Mannschaft wurden vernichtet, und als der Commissar van Boekholtz die Mörder zu verfolgen und zu bestrafen sich bemühte, äusserte der Sultan darüber unverhohlen sein Missvergnügen. J. H. Tobias machte jedoch der despotischen Regierung ein Ende.
Im Jahre 1824 kam Halewyn, um die Anordnungen von J. H. Tobias auszuführen. Der Haupträdelsführer war ein gewisser Kendet, welcher beim Kampong Pelokkan ein Fort errichtete, welches von Halewyn angegriffen und erobert wurde. Am 2. März 1825 ergab sich Kendet an den Sohn des Sultans Soleiman, der ihn an den Residenten auslieferte. Kendet wurde hingerichtet, und für längere Zeit blieb nun die Ruhe Bandjermasings ungestört.
Am 3. Juni starb nach 17jähriger Regierung der Sultan Soleiman, welcher ein Tyrann im strengsten Sinne des Wortes war (seinen Bruder Ismael hatte er erwürgt), und ihm folgte sein Sohn Adam Alwas Sikh Billah, welcher mit M. H. Halewyn einen neuen Contract schloss, dem zufolge Tatas, Tandjong, Burong, das ganze Land im Süden vom Messaflusse, Tanah Laut, Tanah Bumbu, Pagattan, Passir, Kutei, Sambaliung, Bulangan, Bekompey, das Flussgebiet des obernLaufes des Baritu und die Südküste von Borneo bis Pontianak in volles Eigenthum von Holland abgetreten wurden. Nebstdem sollte die Wahl des Reichsverwesers und Thronfolgers des Bandjermasingschen Reiches von der indischen Regierung bestätigt werden müssen.
Sultan Adam hatte vier Söhne und drei Töchter von seiner Frau Ratoe (Sultanin) Kamala Sarie, welche herrschsüchtig, goldgierig und der eigentliche Herrscher des Reiches war. Nebstdem hatte der Sultan bei einer andern Frau zwei Söhne und eine Tochter, wovon der eine, Tamjid Illah, seine unheilvolle Rolle als Thronfolger zum Untergange der Dynastie lange spielte.
Im Jahre 1816 waren auch die Reiche der Ostküste wieder an Holland gefallen, weil sie ja, wenn auch in verschiedenem Maasse, Vasallen des Sultans von Bandjermasing waren.
Weder der Sultan von Kutei, noch von Pasir, noch von Berouw kümmerten sich viel um Bandjermasing; die Communication über Land war ja sehr schlecht, die Entfernung sehr gross und die Verbindung über See liess alles zu wünschen übrig. Im Jahre 1825 ging also George Müller von Surabaya (Java) aus nach der Ostküste, zunächst um die Küste topographisch aufzunehmen. In Passir gelang es ihm nicht, Fuss zu fassen. Der Sultan von Kutei jedoch erklärte sich bereit, seine Souveränität aufzugeben und Lehnsfürst der holländischen Regierung zu werden, von der er gegen eine jährliche Entschädigung alle Steuern eintreiben liess. Kurz darauf wurde jedoch Müller ermordet, ohne dass die holländische Regierung seinen Tod rächte. Java gab ja um diese Zeit Holland viel zu thun, und nebstdem brachte Bandjermasing keinen directen Gewinn.
Um diese Zeit unternahm John Dalton von Singapore aus einen abenteuerlichen Zug nach Kutei, umsegelte mit einem Kahn dieses Sultans, in Gesellschaft des Dänen Hecksler, die Südküste von Borneo, kam am 25. October in den Fluss Pegatan, wo sich der Räuberhäuptling Raga aufhielt, und kehrte am 4. December nach Kutei zurück. Hier blieb er 11 Monate, zog auf dem Mahakanfluss ins Innere des Landes, schloss mit dajakischen Häuptlingen Freundschaft und erzählte in seinen Reisebriefen eine Reihe von fürchterlichen Greuelthaten, welche Raga und der Sultan von Kutei sich zu Schulden kommen liessen.
Zur Zeit der Verwahrlosung Borneos von Seiten der holländischen Regierung hatten die Engländer den Norden von Borneo besetzt, James Brooke sich zum Radja von Serawak gemacht und (im Jahre1844) Erskine Murray einen Zug von Hongkong unternommen, um dort eine Factory zu errichten. Dieser wurde jedoch von den Dajakern ermordet. Die holländische Regierung schickte den Herrn Weddik dahin, um den Mord zu untersuchen und die Missethäter eventuell zu bestrafen. Der Sultan fürchtete natürlich die Rache Englands; er übergab also sein Reich der holländischen Regierung, welche einen Assistenz-Residenten in seiner Hauptstadt Samarindah anstellte und ihm die Verpflichtung auferlegte, mit allen Kräften dem Seeraube entgegenzutreten. Ein ähnlicher Vertrag wurde mit dem Sultan von Passir geschlossen, ohne dass ein europäischer Beamter zur Controle dahin versetzt wurde.
Auch Berouw, welches die Nordgrenze von Kutei bildete, wurde um diese Zeit zum S. O. Borneos eingetheilt.
Es strandete nämlich ein englisches Schiff an der Küste dieses Reiches, und 7 Engländer und einige Bengalische Laskars retteten sich und begaben sich in den Kampong Gunung Tabur, welcher schon im Jahre 1834 Holland als Lehnsherrn anerkannt hatte. 12 Laskars kamen in die Hände des Fürsten von Bulongan, während die 6 andern als Sclaven an den Sultan der Sulu-Inseln verkauft wurden. Die englischen Matrosen wollte der Sultan von Berouw nach Macassar schicken; sie flüchteten jedoch den 18. August zu dem Sultan von Tidung, welcher sie an den holländischen Commissar auslieferte.
Sir Edward Belcher erhielt davon Nachricht und zog mit seinem Kriegsschiff »Semarang« nach den Suluinseln und von dort nach Gunung Tabur, dessen Sultan mit den Engländern ein Freundschaftsbündniss schloss; dann ging er nach Bulongan, um die 12 Laskars aus der Gefangenschaft zu befreien, schloss dasselbe Bündniss mit diesem Sultan und kehrte Anfangs Januar 1845 nach Gunung Tabur zurück, wo ihm der Sultan die Insel Maratuwa zur Errichtung eines Forts anbot.
Um diese Zeit wurden unter Dewall, welcher »Civil-Befehlshaber« von Kutei war, bedeutende Kohlenminen in Kutei, auf den Ufern des Berouwflusses, auf der Insel Laut, Nangka und Sewangi; Diamantgruben von Kusan, Goldgruben auf Tanah-Laut, und eine auf Pegaton und der gegenüber liegenden Insel Laut entdeckt. Auch wurden wiederholt Kreuzzüge gegen die Seeräuber unternommen. Schon im Jahre 1836 hat die Rheinische, und später die Barmer Genossenschaft, ihre Missionare nach dem S. O. Borneos gesendet.
Wie schon erwähnt war Sultan Adam ein Pantoffelheld, und als im Jahre 1852 sein Sohn und Thronfolger Sultan Muda Abdul Rachmann gestorben war, glaubte die holländische Regierung den Einfluss der herrschsüchtigen Königin am besten zu schwächen, dass sie nicht deren Sohn Hidajat Ullah, sondern den Sohn einer Haushälterin des Königs, Namens Tamdjit Illah, zum Thronfolger ernannte, obschon oder gerade weil dieser eine unbedeutende Persönlichkeit, schwach, geizig und dem Genusse des Alcohols und des Opiums ergeben war. Trotz des Einwandes des Sultans ernannte die indische Regierung den Sohn der Sultanin zum Reichsverweser und den Sohn seiner Haushälterin zum Sultan muda = Thronfolger.
Dieses war die äussere und erste Veranlassung des fürchterlichen Krieges, welcher vier Jahre dauerte, von den Holländern mit abwechselndem Glücke geführt wurde und, da Sultan Adam den 1. November 1857 gestorben war, mit der Verbannung beider Thronprätendenten und Auflösung der Hindu-Dajakschen Dynastie endete.
Seit dem Jahre 1864 mussten die Holländer noch einmal, und zwar im Jahre 1882, zu den Waffen greifen; seitdem aber erfreut sich der ganze Süd-Osten der Insel Borneo der Ruhe, ohne darum ein gewinngebender Theil des grossen »Insulinde« geworden zu sein.
Erst im letzten Jahrzehnt wendet sich Hollands Unternehmung und Handelsgeist diesem Lande zu, in dem noch Millionen Gulden an Schätzen verborgen liegen.