3. Capitel.
Häufige Transferirungen — Die Vorstadt Simpang — Die ersten eingeborenen Patienten — Ein Danaergeschenk — Die „Stadt“ Surabaya — Das Mittagschläfchen — Eine Nonna — Eine Abendunterhaltung — Die Beri-Beri-Krankheit — Indische Militärärzte — Die Insel Bavean und Madura — Residenties Madura und Surabaya.
Die Transportverhältnisse auf Java haben sich seit jener Zeit sehr zu ihrem Vortheile verändert. Seit dem Jahre 1891 hat einerseits die indische Dampfschifffahrts-Gesellschaft mit ihren hohen Preisen der billigen Packetfahrt-Gesellschaft weichen müssen. (Die Reise von Batavia nach Samarang kostete damals z. B. 60 fl., nach Surabaya 90 fl. und nach Telekbetong auf der Südspitze Sumatras bei einer Dauer von nicht ganz zwanzig Stunden 70 fl.!!) Andererseits hat seit dieser Zeit das Eisenbahnnetz die grössten Städte dieser Insel untereinander verbunden.
Ihre Hauptlinie geht von Batavia in einem rechten Winkel nach Maos, einer Station vor Tjilatjap, dem einzigen Hafen von Bedeutung auf der Südküste Javas. Von hier geht sie in einem grossen Bogen wieder nach der Nordküste (nach Surabaya).
Ebenso wenig als es zweckmässig wäre, hier aller Dampfschifffahrts-Gesellschaften zu erwähnen, durch welche Java mit der übrigen Welt in Verbindung steht, oder die Routen anzuführen, mit welchen die seit dem 1. Januar 1891 ins Leben getretene »Packetvaart-maatschappij« im Archipel selbst die zahlreichen grossen und kleinen Inseln untereinander verbindet — ebenso hinreichend ist ein Blick auf die Karte von Java, um diese Hauptlinie der Eisenbahn zu übersehen. Nur muss ich noch erwähnen, dass auf Java Staatsbahnen und Privatbahnen mit verschiedener Spurweite existiren, und dass die Vertheidigung Javas viel zu wünschen übrig lassen wird, so lange Truppen, welche von Surabaya oder Batavia kommen, in Solo umsteigen müssen,weil die Privatbahn Samarang-Fürstenländer schmalspurig ist, während die Staatsbahnen normale Spurweite haben.
Meine Abreise von Batavia nach Surabaya hätte am 20. November stattfinden sollen; sie musste jedoch aufgeschoben werden, weil auf dem Dampfer, der an diesem Tage nach Surabaya ging, alle »Hütten« besetzt waren. Ungefähr 60,000(!!) »Gouvernementspassagiere« wurden damals mit der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft jährlich von einem Theile des Archipels zum andern transportirt. Die Transferirungen erfolgten damals nämlich äusserst oft. So wurde z. B. einer meiner Bekannten, ein Lieutenant der Infanterie, im Jahre 1877 von Batavia nach Surabaya transferirt, wofür an Transportkosten (ohne Diäten) 90 fl. bezahlt wurden; zwei Monate später ging er nach Menado, welche Reise 330 fl. kostete; dort blieb er drei Monate, um nach Atjeh transferirt zu werden, wofür die Dampfschifffahrts-Gesellschaft 720 fl. in Rechnung brachte. Mit Diäten kostete dieser Officier dem »Lande« in diesemeinenJahre mehr als 1400 fl.!! Mit der Transferirung der Militärärzte ging es s. Z. in gleicher Weise verschwenderisch zu; durchschnittlich war ⅓ (!) des Standes auf der Reise begriffen oder aus anderen Ursachen nicht activ, und nur wenige haben bei ihrer Pensionirung im Durchschnitt ein Jahr in einem Garnisonsort gewohnt. Ich selbst habe durch zufällige Umstände in meinen 21 Dienstjahren, inbegriffen drei Jahre Urlaub in Europa, nur in 21 Garnisonplätzen Dienst gethan.
Jeden fünften Tag ging ein Dampfer von Batavia nach Samarang und Surabaya, und es blieb mir also nichts weiter übrig, als noch fünf Tage in Weltevreden procul negotiis zuzubringen; für diese Verzögerung wurde ich reichlich durch die Gesellschaft entschädigt, welche ich auf dem Dampfer »Prinz Alexander« fand, als ich endlich am 25. November Batavia verlassen konnte. Der Schiffs-Capitän, ein gebildeter Mann, war der deutschen Sprache mächtig, und zeigte mir das Leben in den Tropen in einem anderen Lichte, als ich es bis jetzt gesehen hatte. Nebstdem befand sich an Bord ein französischer Seeofficier S., welcher sich in Surabaya vor Jahren als Commissionär einer grossen französischen Weinfirma angesiedelt hatte und mir in der Wahl eines Hotels u. s. w. so manche nützliche Winke geben konnte; nebstdem hatte er viele Jahre in Tonking geweilt und verglich bei unseren Gesprächen gern das Leben Javas mit dem in den französischen Colonien. Wenn ich mir auchspäterhin sagen musste, dass dieser Herr S. oft einseitig, und zwar zum Nachtheile der holländischen Colonien, viele Einrichtungen des socialen Lebens in Java beurtheilte, so war der Verkehr mit ihm, den ich in Surabaya weiter unterhielt, dennoch für mich sehr anregend; denn seine Mittheilungen über das Leben in den französischen Colonien gaben mir einen Maassstab zur Beurtheilung des Erlebten und des Gesehenen in den holländischen Colonien.
Am 29. November kam ich in Surabaya an und bezog in der Vorstadt Simpang das Hotel Wynveldt, welches ob seiner »Rysttafel« berühmt war und den Vortheil hatte, in der Nähe des grossen Militärspitales zu sein, welchem ich voraussichtlich zugetheilt werden sollte.
Für 90 fl. bekam ich in diesem Hotel die ganze Verpflegung (natürlich ohne Getränke), und 15 fl. bezahlte ich für den Wagen, der mich (zugleich mit meinem Nachbar, einem Apotheker) um 8 Uhr nach dem Spitale bringen, um 11½ Uhr von dort abholen und Nachmittags um 4¾ Uhr wieder dahin führen sollte. Die Abendvisite dauerte nicht lange; es war jedoch Usus geworden, nach der Visite in der Nähe des Thores mit den Collegen an die »Kletstafel« (= Plaudertisch) sich zu setzen und ein Glas Eiswasser zu trinken; unterdessen näherte sich die Sonne dem Horizonte. Ein sanfter Seewind zog durch die Strassen, und zu Fuss ging jeder nach Hause, und zwar meistens mit dem Hut in der Hand. Aus allen Häusern strömten die Spaziergänger, um sich in der frischen Abendluft von der Hitze des Tages zu erholen; offene Equipagen zogen durch die Strassen mit Damen (ohne Hüte), um dulce et jucunde durch die alte Stadt bis an »Modderlust« einerseits oder über Simpang eine Rundfahrt um die südlichen Vorstädte Surabayas zu machen; eine Spazierfahrt in einem offenen Wagen, sei es in einem Mylord oder in einer Victoria, ist um diese Zeit geradezu ein Genuss. Ein kühler Luftstrom mindert die Wärme, welche von dem trockenen Boden aus in dem Luftkreise sich ausbreitet, und darum findet man in Surabaya, sowie in ganz Indien nur wenige europäische Familien, welche sich den Luxus einer eigenen Equipage nicht gönnen würden. Dieser Luxus ist allerdings, wie wir später sehen werden, nicht gross.
Simpang ist die reizende Vorstadt von Surabaya, mit Häusern derjenigen Europäer, welche nicht in der alten Stadt wohnenmüssen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die alte Stadt von Surabaya ebenso wie die alte Stadt von Batavia und Samarang nurmehr die Bureaux der Handelsleute enthalten werde, dass Simpang die eigentliche Stadt Surabaya werden und sich bis Wanakrama, welches heute acht Kilometer weit vom Stadthaus der alten Stadt entfernt liegt, ausstrecken werde. Ein schöner Park ist das Entrée dieser Vorstadt. Zwischen Blumenbeeten mit Hibiscus- und Nerpenthessorten und kleinen Anlagen von Cicadëen und Fächerpalmen ziehen sich schöne Wege mit Götzenbildern aus den Ruinen des alten Reiches Madjapahit. Kleine Teiche mit Fischen, Volièren mit Vögeln, hohe Bäume mit Orchideen behängt, entzücken das Auge und leiten zuletzt zu dem Palaste des Residenten. Ein grosses Götzenbild steht vor seinem Thore, Djaka Dólóg genannt, welchem in früheren Zeiten von unfruchtbaren Frauen geopfert wurde, um Nachkommenschaft zu erhalten. Es ist ein garstiges Denkmal der alten Hinduschen Kunst und Religion. Neu-Surabaya hat schöne Strassen und Alleen von Tamarinden, Acacien und Waringinbäumen, hinter welchen mit zahlreichen Cocos- und Arangpalmen sowie Pisangstauden einzelne Kampongs (Dörfer) der Eingeborenen sich bergen. Wenn auch die Häuser der Europäer nur die Villenform haben und sich nicht hoch über den Boden erheben, so ist ein Spaziergang des Abends durch diese Strassen wirklich ein Genuss, weil alle Häuser weisse Mauern und weisse Säulen haben, von welchen die zahlreichen Lampen ein Meer von Licht auf die etwas schwach beleuchteten Strassen strömen lassen. Von den grösseren Gebäuden verdienen das Casino, die Loge und das grössere Militärspital erwähnt zu werden. Dieses ist ein grosses einstöckiges Gebäude mit zahlreichen Sälen für ±400 Kranke in der Form eines nach der Hauptstrasse offenen Quadrates (⊓). Der Hof zwischen diesen drei Gebäuden hat zwei grosse schöne Waringinbäume. Hinter der quervorlaufenden Front fliesst der Goldfluss, an dessen Ufer der Pavillon der Officiere, und in einer beträchtlichen Entfernung ein Pavillon für Infectionskrankheiten stehen. Zugleich schliessen sich daran die Mauern der benachbarten Landes-Irrenanstalt.
Wie überrascht war ich, als mir nach den üblichen Vorstellungen beim Landes-Commandirenden und Platz-Commandanten der Landes-Sanitätschef mittheilte, dass ich, als lediger Mann im Hotel wohnend, gewiss sofort meinen Dienst antreten könne, und dass er mir die Abtheilung der eingeborenen »internen Kranken« zuweisen werde. Unbekannt mit den herrschenden Bestimmungen sollte ich sofort eine Abtheilung des Spitals leiten, und unbekannt mitder malayischen Sprache sollte ich 80 bis 100 eingeborene Soldaten behandeln. Ich erlaubte mir gegenüber dem Oberstabsarzt L., welcher in collegialer Weise und in liebenswürdigem Tone mit mir sprach, den Zweifel auszusprechen, dass ich wohl einem solchen Wirkungskreise mich vorläufig nicht gewachsen fühlte; doch der Sanitätschef schnitt mir jede Motivirung dieses Zweifels an meine diesbezügliche Fähigkeit mit den Worten ab: »Wie im Mittelalter die Feldherren einen alten Feldwebel zur Seite hatten, der sie in die Geheimnisse der Verwaltung einweihen sollte, so bekommen Sie einen Ziekenvader = Krankenoberwärter, der Sie nicht nur in die Geheimnisse des Dienstes einweihen, sondern Ihnen auch vorläufig ein Dolmetsch für die eingeborenen Soldaten sein wird.Vorläufig, d. h. Sie müssen sich sofort bemühen, der malayischen Sprache so weit mächtig zu werden, dass Sie die wichtigsten Fragen an die eingeborenen Patienten selbst stellen können, und ich hoffe, nach vierzehn Tagen auf Ihre Abtheilung zu kommen, um mich persönlich davon überzeugen zu können. Ich bitte Sie also, morgen früh um acht Uhr im Saale Nr. 6 zu erscheinen, wo Ihnen Dr. X. alle Patienten übergeben, d. h. alles mittheilen wird, was er aus verschiedenen Ursachen nicht in der »Krankenliste« aufgenommen hat. Ich kann Ihnen jetzt sofort anrathen, diese »Krankenlisten« nicht zu vernachlässigen; es ist nicht hinreichend, die Recepte in diese niederzuschreiben, welche dann in der Apotheke verabfolgt werden, sondern auch die Anamnese und der ganze Verlauf der Krankheit muss in diesen Listen beschrieben werden; jeder Patient besitzt eine solche Liste, welche ein vollständiges Bild seiner Krankheit enthalten muss, weil es nur zu oft geschieht, dass der behandelnde Arzt krank wird, und sein Vertreter ohne diese Notizen keine richtige Einsicht in seine Krankheit haben kann.« Verlockend war die Voraussicht nicht, ein paar Wochen unter der Leitung eines Krankenwärters zu stehen, welcher den Rang eines Feldwebels bekleidete. Ich beschloss also, diesem etwas eigenthümlichen Verhältnisse so bald als möglich ein Ende zu machen, und fuhr sofort nach der Stadt, um mir zu kaufen: Ein »Recueil« der gesetzlichen Bestimmungen für die Militär-Spitäler Indiens und eine Grammatik der malayischen Sprache. Als Dr. X. den nächsten Tag mir »den Saal 6« mit 30 Patienten und den »Saal 7« mit 40 Patienten übergab, liess er die in den letzten 24 Stunden eingelangten Patienten unbesprochen, und mit gewisser Selbstbefriedigung besprach ich nach Uebergabe des Dienstes vonSeiten meines Vorgängers, mit den neuen Patienten ihre Krankheiten; prapa lama sakit? = wie lange bist Du krank? sakit apa? = was fehlt Dir? sukkah makan nassi? = hast Du Appetit, oder wörtlich übersetzt: Hast Du Lust Reis zu essen? ging mir so flott von den Lippen, als ob ich ein geborener Malaye wäre. Ebenso zuversichtlich dictirte ich dem Krankenwärter die »Diät« für diese Patienten mit den vorschriftsmässigen Abkürzungen: Portie, ½ Portie, ¼ Portie, Diät und ½ D. Wenn mir aber einer der Patienten auf meine Fragen eine etwas weitläufige Antwort gab oder Wünsche in Betreff des vorgeschriebenen Speisezettels äusserte, verstand ich natürlich kein einziges Wort und musste nolens volens die Hülfe der Krankenwärter in Anspruch nehmen. Als nach vierzehn Tagen der Spitalschef zugleich mit dem Landessanitätschef auf meiner Abtheilung erschienen und als stille Zuschauer eine Stunde lang der Behandlung der Patienten folgten, zu gleicher Zeit jedoch hin und wieder einen Blick unter die Kopfpolster warfen, ob darunter kein Tabak, Cigarren u. s. w. verborgen seien, und darnach die Aborte und die Baderäume der Abtheilung und die Kästen mit der Wäsche inspicirten, merkte ich aus einzelnen aufgefangenen Worten die Zufriedenheit meiner Chefs, und beim Weggehen stellte mir der Landes-Sanitätschef die Prognose, dass ich sehr bald die Fähigkeiten zu einem »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid« zu Muarah-Teweh werde erlangen können, welcher in einigen Monaten einen neuen Titularis werde erhalten müssen. Nach Ablauf des Dienstes begab ich mich in die »Conferentiekamer«, wo die übrigen Aerzte vor Erscheinen des Spitalschefs gemüthlich die Tagesfragen besprachen. Stolz auf die Belobung meines Chefs theilte ich meinen Collegen mit, dass ich für den Posten eines rangältesten Militärarztes zu Muarah-Teweh designirt sei. Statt Bewunderung oder Eifersucht sah ich zu meiner Ueberraschung auf allen Lippen nur ein spöttisches Lächeln.
»Ja, ja, dieses ist eine hohe Stellung, welche Ihnen in Aussicht gestellt wurde; ich muss Ihnen aber auch mittheilen, dass Sie nicht nur der rangälteste Militärarzt, sondern auch der Rangjüngste in Muarah-Teweh sein werden, d. h. der einzige Arzt in einem Stück Lande, das so gross als ganz Holland ist; Sie werden aber auch in einem Hause wohnen, welches das einzige in diesem Bezirke ist, und Ihre ganze Gesellschaft wird aus zwei Officieren bestehen, welche in demselben Hause wie Sie wohnen werden. Sie kommen in ein Land — es liegt im Herzen Borneos —, »hinter welchemüberhaupt kein Land mehr ist«,[18]und da Sie mit den Soldaten nicht verkehren dürfen, so können Sie mit den Orang-Utangs oder anderen Affen verkehren, und unter den Kopfjägern, den Dajakern in den benachbarten Kampongs, werden Sie vielleicht einen finden, der Malayisch spricht; aber es wird rathsam sein, auch diesem einzigen gebildeten Dajaker nicht zu viel Vertrauen zu schenken, weil Sie sonst Gefahr laufen, Ihren einzigen Kopf eines Tages auf den Pfählen seines Kampongs hoch in den Lüften baumeln zu sehen.« »Dafür haben Sie,« fügte ein zweiter College ebenfalls in spöttischem Tone hinzu, »das erfreuliche Bewusstsein, ein Protegé des Sanitätschefs zu sein; als solcher können Sie einer »schönen« Garnison zugetheilt werden, zu welchen z. B. Batavia und Surabaya gehören, d. h. Städte, in welchen das gesellschaftliche Leben sich wenig von dem einer grossen Stadt in Europa unterscheidet; Sie können aber auch eine »gute« Garnisonstadt erhalten, d. h. in einen Ort versetzt werden, in welchem Sie eine grosse Privatpraxis erlangen können; in Djocja z. B. kann man leicht 5–600 fl. monatlich bei seinem Gehalt verdienen; in Banda (Molukken) selbst 1000 fl. So viel werden Sie natürlich in Muarah-Teweh nicht verdienen; Sie können aber auch nichts ausgeben. Die Dajaker haben noch keine Oper, Tingel-Tangel, und nebstdem sorgt die Regierung auch für die Kost der Officiere, weil ausser dem Lieferanten, welcher für die Verpflegung der Truppen sorgen muss, kein Kaufmann und kein Geschäft sich dort befindet, von welchem Sie etwas kaufen könnten. Da Sie im Fort selbst wohnen müssen, so brauchen Sie kein Quartiergeld zu bezahlen; und weil die Wohnung nur aus einem Zimmer mit Bambuswänden besteht, also nicht den Anforderungen einer Officierswohnung entspricht, bekommen Sie das Quartiergeld, 70 fl. pro Monat, ausbezahlt. Was die Kost betrifft, erhalten Sie diese natürlich nicht aus der Menage der Soldaten, sondern in Natura, d. h. die Zubereitung der »Vivres« können Sie sich selbst besorgen. Sie erhalten eine »europäische« und zwei »eingeborene« Rationen; Sie bekommen z. B. täglich 0·5+2×0·6 = 1·7 Kilo Reis. Butter, Oel, Pfeffer, Rindfleisch, Petroleum, Salz, Thee und Kaffee werden Ihnen in solcher Menge verabfolgt, als ein europäischer und zwei eingeborene Soldaten täglich für ihren Lebensunterhalt nöthig haben. Sie sehen also, dass die holländische Regierung sehr freigebig ist; Sie erhalten für das »süsse Nichtsthun«Ihren Monatsgehalt von 225 fl. und 30 fl. für zwei Pferde Fourage und 70 fl. Quartiergeld und 50 fl. für die Armenpraxis und gänzliche Verpflegung. Sie werden nämlich nicht viel zu thun haben, weil die Garnison nur aus einer Compagnie Soldaten (incl. ungefähr 25 Frauen und einiger Kinder) besteht.«
Nach diesen Mittheilungen konnte ich nicht viel Erfreuliches für die nächste Zukunft erwarten, und arg enttäuscht verliess ich um 11½ Uhr das Spital. Da der Apotheker, welcher mit mir den Wagen benutzen sollte, »die Wacht hatte«, d. h. 24 Stunden im Spitale bleiben musste, konnte ich den Wagen zu einer Rundfahrt in der »Stadt« benutzen (natürlich gegen Beibezahlung von 2 fl.).
Ein ungefähr zwei Kilometer langer Weg trennt die Vorstadt Simpang von »der Stadt«, welche im Jahre 1743 an die Compagnie abgetreten und zum Sitz des Gouverneurs von Javas Osten wurde, nachdem schon zwei Mal (1677 und 1679) diese Stadt von den Holländern erobert worden war.
Schon bei dem Officiers-Club »Concordia«, welchen ich sofort beim Eintritt in die Stadt zu meiner rechten Hand sah, zeigt sich dem Beobachter ein ganz anderes Bild, als dies in Batavia der Fall ist. Es ist eine holländische Stadt aus dem Anfange dieses Jahrhunderts mit kleinen, niedrigen Häusern, welche ohne Garten die Wege begrenzen und in grösserer oder kleinerer Anzahl zu einem Gebäudecomplex vereinigt sind; schmale Wege, Stege, Gassen und Strassen wechseln mit Grachten (Wassercanälen), und nur die Dreh- und Aufzugbrücken fehlen, um das Bild einer alten, schmutzigen Kleinstadt in Holland zu vervollständigen. Der Goldfluss (Kali Mas) theilt die Stadt in eine östliche und westliche Hälfte, und die »rothe Brücke« verbindet den europäischen mit dem chinesischen (östlichen) Stadttheil. Gegenüber der Concordia liegt das Haus des Regenten mit einem Schlossplatz; hier wird Sonntag Nachmittags ein Militär-Concert gegeben, welches die jeunesse dorée von Surabaya zu einem Rendez-vous einlädt. Ein eigenthümliches Gebäude ist die Moschee, welche eine hübsche Combination von griechischem, maurischem und gothischem Styl zeigt. Im chinesischen Viertel fielen mir die Tempel und die zahlreichen Geschäfte auf; daran schloss sich der Kampong der Malayen mit einem grossen Marktplatz, auf welchem lange, grosse, auf steinernen Pfeilern ruhende Markthallen standen. Hierauf kam ich zu den »Mooren, Bengalesen und Arabern«; schmutzige, enge Strassen, schmutzige, kleine Geschäfte,wie auf einem alten Tandelmarkt, und noch schmutziger waren die weissen Kleider und Turbane der arabischen Bewohner.
Im Osten und Norden dieser Kampongs der »fremden Orientalen« sind die Eingeborenen, und zwar nach bestimmten Handwerken geordnet; in dem einen Kampong sah ich nur Töpfer, in einem zweiten nur Klempner, in einem andern wohnten nur Kammmacher, Mattenflechter u. s. w. In dem Kampong Ampel sah ich eine alte Moschee und das Grab von Raden Rachmat, dem ersten Susuhunan[19]von Ngampel, welcher hier 1467[20]starb.
Denselben Weg, d. h. über die »rothe Brücke«, fuhr ich zurück, um mich in dem europäischen Viertel ein wenig umzusehen. Wie in einem Bienenkorb wimmelt es in den Strassen von Hausirern mit Waaren aus Elfenbein, Perlmutter, Schildkröten, Horn, Bein, Gold, Silber u. s. w., welche den Neuangekommenen auf Schritt und Tritt verfolgen. Equipage auf Equipage durchkreuzten die Stadt, und auch hier war ich verwundert über die grosse Zahl alter und schmutziger Wagen, welche unter dem Namen »Kossong« (= leerer) langsam durch die Strassen fahren, um einen Passagier (50 Cts. für eine Tour) zu finden. Es ist ein auffallender Unterschied zwischen den beiden Städten Batavia und Surabaya, welcher in vieler Hinsicht an jenen zwischen Haag und Amsterdam erinnert. Surabaya ist grösser und hat mehr Einwohner als seine Schwesterstadt im Westen.[21]Batavia ist durch den Sitz der Regierung eine Beamtenstadt; Beamte und Officiere sind die tonangebenden Kreise. Surabaya ist eine Handelsstadt stricte dictu und hat schon seit vielen Jahrzehnten einen ausgesprochenen europäischen Mittelstand, es ist darum gemüthlicher; man fühlt sich heimischer und läuft nicht Gefahr, in dem ersten besten Europäer, welchen man im Club kennen lernt, einem Beamten oder Officier zu begegnen, welcher ängstlich die Geheimnisse seines Departements bewahren und jedes Wort auf die Goldwaage legen muss, um nichts von jenen staatsgefährlichen Geheimnissen entschlüpfen zu lassen, welche den andern Tag durch die Tagespresse orbi et urbi verkündigtwerden. Surabaya ist aber nicht allein eine bürgerliche Handelsstadt, sondern auch eine Fabrikstadt, und zahlreiche grosse Fabriken und noch mehr die zahlreichen kleinen europäischen, javanischen und chinesischen Werkstätten machen sie zu einem Emporium der Industrie und des Handels nicht allein der Insel Java, sondern auch des ganzen indischen Archipels. Von den zahlreichen grossen Unternehmungen dieser Stadt will ich keine einzige ausführlich beschreiben, weil ich als Laie in der Technik nur Unvollkommenes mittheilen könnte; wie ich aber von Fachleuten hörte, sind einige von ihnen, wie z. B. das Marine-Etablissement, die Artillerie Constructie Winkel und die pyrotechnische Werkstätte, die vielen Privat-Fabriken für Dampfkessel u. s. w., geradezu mustergiltige Fabriken, welche in jeder Hinsicht allen Anforderungen der modernen Technik Genüge leisten.
Leider hat Surabaya Mangel an gutem Trinkwasser, und es ist bis jetzt noch nicht gelungen, artesisches Wasser zu erhalten, obwohl die Provinz in ihrem südlichen Theile stattliche und hohe Berge besitzt, z. B. den Ardjuno, 3363 Meter hoch, den Berg Penanggungan (1650), Welirang (3150), Andjomora (2270) u. s. w., und im Westen die Hügelländer von Tuban (400), von Lamongan, Kendeng und Modokasri zahlreiche Quellen besitzen. Demzufolge entstehen beinahe jedes Jahr grössere oder kleinere Cholera-Epidemien, welche meistens in der Citadelle »Prinz Hendrik« ihren Ausgangspunkt nehmen. Sie besteht bereits 60 Jahre, ist von der Mündung des Goldflusses 1800 Meter entfernt und war der Mittelpunkt einer Vertheidigungslinie von ungefähr zwei Kilometern mit 17 Bastionen u. s. w. Sie ist ein starkes Fort, welches bequem 1500 Mann fassen kann, aber — sie muss aus obigen Gründen unbenutzt stehen bleiben und kann nur als Magazin der Armee noch einige Dienste leisten.
Sollte es der modernen Technik nicht gelingen, aus den grossen Wassermassen, welche der nahe Javasee und die Flüsse der Provinz Surabaya, Porong, Brantas (mit den Aesten: Goldfluss, Fluss Porong und Perigien) und Solo (mit den Mündungsarmen Fluss Ngawen und Miring), Anjer, Pepeh u. s. w. in sich bergen, brauchbares und gesundes Trinkwasser zu schaffen? Ich weiss, dass alle modernen Filtrir-Apparate der grossen europäischen Städte noch weit von diesem Ziele entfernt sind, weil das Delta-Land, auf welchem diese Stadt liegt, einen grossen Reichthum an faulenden Stoffenbirgt; aber in der Wärme haben wir ja ein ausgezeichnetes Mittel, diese radical zu zerstören. Wenn auch viele Europäer das filtrirte Wasser ¼ bis ⅓ Stunde bei einer Temperatur von 100–120 °C. kochen, so bleibt doch die grosse Menge der Eingeborenen, der Chinesen und der Orientalen blind für die Gefahren eines ungesunden Wassers; für diese muss die Regierung etwas thun. Eine Stadt von ungefähr 150,000 Seelen muss ein Trinkwasser haben, welches allen Anforderungen der Hygiene entspricht.
Um 1 Uhr hatte ich meine Rundfahrt durch die Stadt beendigt und erquickte mich an der »Rysttafel«, welche mit Recht den Ruf verdiente, dessen sie sich erfreute; sie bot nicht nur eine grosse Wahl der Speisen,[22]sondern auch jede einzelne Schüssel war mit Sorgfalt bereitet. Eine Flasche Bier trank ich dazu, indem ich in ein Glas ein grosses Stück Eis gab und das Bier darauf goss. Wahre Bierfreunde trinken es unverdünnt durch das Wasser des schmelzenden Eises; aber jeder Versuch, reines Bier (von einer Temperatur von 22–25 °C.) zu trinken, verleidete mir gänzlich diesen Genuss. Gegenwärtig wird jedoch das Bier in den Clubs und in manchen Hotels in Eiskübeln frappirt, so dass man den erfrischenden Geschmack des kühlen Bieres erhält, ohne gleichzeitig durch Wasser des schmelzenden Eises seinen Alcoholgehalt zu verdünnen. Nach Tisch ging ich zu Bett und befahl dem Bedienten, mich um 4 Uhr aufzuwecken, weil ich um 5 Uhr wieder im Spitale sein musste. Um 4 Uhr wurde ich wach, aber ich fühlte mich müde und schwach; in Schweiss gebadet, wechselte ich zunächst die Kabaya und das Flanellhemd, in welchem ich geschlafen hatte, schwankte wie ein Betrunkener zur Thür, öffnete sie und fiel in der Veranda auf den Lehnstuhl nieder, als ob ich einen Marsch von zehn Kilometern gemacht hätte. Unterdessen hatte mir der Bediente eine Schale Thee, eine Flasche Apollinariswasser und ein Glas mit einem Stück Eis gebracht. Der lauwarme Thee und danach das kalte Apollinariswasser belebten sofort meine schlaffen Lebensgeister, ich nahm mein Schiffsbad,[23]zog mir europäische Kleider an und fuhr nach dem Spitale. Ich hatte einen Zuwachs von sechs Patienten, von welchen zwei an Beri-Beri, drei an Malaria und einer an Dysenterie litten. Da ich wusste, dass um 5½ Uhr den Patienten das Abendessen gebracht werden sollte und den Neuangekommenenvom »Doctor der Wacht« bereits Medicinen vorgeschrieben worden waren, begnügte ich mich damit, für diese sieben Patienten die »Diät« für den folgenden Tag dem »Ziekenvader« mitzutheilen,[24]ging zu einzelnen Patienten, welche mich besonders interessirten, oder welche irgend ein Ansuchen an mich richten wollten, verliess, nur theilweise befriedigt, die Krankensäle und setzte mich zu den übrigen Collegen, welche bereits an der »Kletstafel« sassen und mich, jeder in seiner Weise, über meinen Beruf als Oberarzt der indischen Armee zu belehren suchten.
Da mir viele, wenn nicht alle ihre Mittheilungen fremd und oft sogar unglaublich erschienen, weil ich nicht wusste, wie viele derselben Scherz oder Ernst waren, so steigerte sich noch mehr das Gefühl des Unbefriedigtseins in mir, und als um 6 Uhr die Collegen aufstanden, um das Spital zu verlassen, blieb ich beim »Doctor der Wacht« zurück, um von ihm das Thatsächliche der Neckereien zu erfahren. Zu meiner grössten Ueberraschung entsprach alles der Wirklichkeit, und nur der Ton der Erzählungen war ein scherzhafter gewesen; auch hatte ich späterhin oft genug Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Mittheilungen zu überzeugen. Die Sonne war untergegangen, und bevor ich das Hotel erreicht hatte, war es finster geworden, und ein Javane lief vor mir, um die Petroleumlampen[25]anzuzünden. Das Hotel stand an der grossen Heeresstrasse, welche nach Gedong und Sidoardjo führte. Hier standen nur an einer Seite einige europäische Häuser, darunter das des Landes-Commandanten Colonel R., welcher das grosse Vorrecht hatte, neun Töchter zu besitzen. Ich verliess das Hotel mit der Absicht, auf dieser wenig besuchten Strasse mich ganz dem Genusse des Alleinseins zu ergeben und den ersten Tag meiner neuen Carrière einer Kritik zu unterwerfen, und arglos näherte ich mich dem Hause des Colonels R. Da traf ein silberhelles Lachen meine Ohren, und ein Paar feurige, schwarze Augen suchten mit neugierigen Blicken den Fremdling zu erforschen, der sich aus dem Getümmel der Stadt in die Ruhe der unbewohnten Poststrasse geflüchtet hatte. Es war eine reizende Nonna — ihre Grossmutter war eine Javanin gewesen — welche sich an meiner Verlegenheitergötzte, indem ich nämlich zögernd einen Gruss stammelte, nachdem ich bereits einen Schritt weit sie passirt hatte. Sie war noch »ungekleidet«, d. h. noch in indischer Haustoilette; der seidene Sarong umschloss die breiten Hüften, die reich garnirte Kabaya bedeckte die schön geformte Büste nur zum Theil, weil durch die Spitzen des oberen Theiles die lichtbraune Haut durchschimmerte; das schwarze Haar war nach hinten in einen dicken Knoten (Kondé) gebunden; bei ihrem schalkhaften Lächeln zeigte sie ein elfenbeinernes Gebiss von tadellosen Zähnen, und über den schwarzen Augen wölbten sich ein Paar grosse, dichte Augenbrauen. Die Flamme einer Laterne umsäumte dieses schöne Bild mit einem goldenen Saume, und während ich, erfüllt von dieser reizenden Erscheinung, weiter schritt, kicherte Jemand hinter mir und zog mich zurück; es war der kleine Schalk Cupido.
Noch eine halbe Stunde folgte ich der langen Poststrasse, nachdem schon lange kein europäisches Haus zu sehen war und die kleinen Petroleumlämpchen der Eingeborenen nur schwach das Innere ihrer kleinen Häuschen und die Strasse beleuchteten. Ich kehrte um, ging in’s Hotel und fand — eine Einladung zu einer Hausunterhaltung bei dem Landes-Commandanten. Um 8 Uhr ging ich zur Table d’hôte, welche uns ein »europäisches Mahl« bot, d. h. Suppe, Rindfleisch, Gemüse, Braten, Mehlspeise, Kaffee, Obst und Käse, und um 9 Uhr stand ich, in Frack, schwarzer Hose und weissen Handschuhen gekleidet, vor dem Eingange des Hotels, um zunächst die Theilnehmer an diesem Feste passiren zu sehen. Equipagen auf Equipagen mit europäischen Damen und Herren in Uniform und Frack fuhren bei mir vorbei; einzelne Dos à dos (nur mit einem Pferde bespannt) mit jungen Officieren und Beamten kamen in langsamem Schritt vorgefahren. Auf dem Bocke einer Victoria sass ein Polizeimann mit dem goldenen Regenschirm (Pajông) und brachte den Residenten der Provinz. Hinter ihm folgte ein Mylord, in welchem der Regent, der eingeborene Häuptling, sich befand; auch er hatte neben dem Kutscher einen Polizeimann, der einen weiss und gold gefärbten Pajông aufrecht trug. Ein Chinese in Mandarintracht folgte mit seiner Frau, welche einen schwer seidenen Sarong und Kabaya trug, und endlich wagte ich es, den ersten Schritt in die »indische Gesellschaft« zu thun. Ein schöner Anblick bot sich mir beim Eintritt in die Thüre der manneshohen Mauer dar, welche das Haus und den kleinen Garten des Colonels R. von der Strasse trennte. Auf der Treppe, welche zur Säulenhalle des Hauses führte,sassen die Polizisten der hohen Beamten wie Marmorsäulen und hielten den Pajông aufrecht vor sich. Die Säulenhalle war weiss, und die Flammen strahlten in doppelter Helle ihr Licht über den Garten; in dieser Halle und dem Saale, welchem sich erstere anschloss, strömten die Menschen auf und ab; sehr viele Uniformen und sehr wenige Fracks oder Salonröcke, während die Damen in europäischer Salon- oder Balltoilette an Reichthum und Eleganz, aber weniger an »Mode« ihre Schwestern in Europa übertrafen. Sofort erschien der Hausherr in seiner wenig kleidsamen Uniform, stellte mich seiner Frau und den zwei Damen vor, welche neben dieser sassen, und führte mich dann in einen Nebensaal, wo die Jugend versammelt war. Das Brummen und Summen der eifrig flirtenden Jugend übertönte seine Stentorstimme, als er den »jüngsten Aesculapius von Surabaya« vorstellte, und er verliess mich sofort, um seinen Hausherrnpflichten auch anderwärts gerecht zu werden.
»Sie sind also der grosse Philosoph, welcher vor drei Stunden bei unserem Hause, gewiss in weltbewegende Gedanken vertieft, vorbeiging und mich um 6 Uhr, sage um 6 Uhr, noch in Sarong und Kabaya gekleidet sah.« Mit diesen Worten trat eine reizende Brünette von ungefähr 19 Jahren mir entgegen. Ich wusste nicht, dass es unschicklich sei, wenn junge Damen um 6 Uhr noch in Haustoilette sind, ich fand kein holländisches Wort und ich fand auch keine deutsche Antwort, als sie mit schalkhaftem Blick diese Frage an mich richtete, und pries das Geschick, welches mir in diesem Augenblicke den Bedienten mit einer grossen Platte sandte. Schalen mit Kaffeeextract und mit Thee, eine grosse Kanne Milch und eine Zuckerdose mit pulverisirtem Zucker hielt er mir unter die Nase und frug mich in malayischer Sprache, welchen Trank ich vorziehe. Fräulein Marie wiederholte seine Fragen in holländischer Sprache, und endlich gelang es mir, den Gesellschaftston zu finden und in einem Kauderwelsch, welches weder Deutsch noch Holländisch war, unterhielt ich mich lebhaft mit dieser Schönsten der Schönen. Kaum hatte ich den Kaffee ausgetrunken, als ein zweiter Bedienter kam und drei Sorten von Liqueuren mir anbot. Wieder war es meine reizende Nachbarin, welche die fürchterlich entstellten Namen der Liqueure mir übersetzte, und eben wollte ich zu einem Gläschen Vanilleliqueur greifen, als aus dem Hintergrunde des grossen Saales die lauten Klänge einer Polonaise erschallten. Wie von einem electrischen Funken erschüttert sprangen alle jungen Damen undHerren von ihren Sesseln auf und gingen Arm in Arm in den grossen Saal. Sehr gern wäre ich mit meiner Schönen in dem kleinen Saal geblieben, um noch lange, sehr lange mit ihr zu plaudern, aber ein fragender, selbst vorwurfsvoller Blick erinnerte mich an meine Pflicht, ich gab ihr den Arm und folgte dem Zuge ihres Armes, der mich hinter den Assistent-Residenten brachte, welcher die Frau des Regenten führte. Wie ich später wiederholt sah, folgen bei allen Festlichkeiten die Gäste einer bestimmten, nach Rang und Würde geordneten Reihe. Der Hausherr eröffnet mit der angesehensten Dame den Reigen, ihm folgte deren Mann mit der Hausfrau u. s. w. Erst die dei minorum gentium schliessen die Reihen, ohne sich an den Rang der Tänzer zu halten. Zweimal hatte die grosse Colonne den Saal nach dem Tacte der Musik durchschritten, als sie plötzlich einen Walzer anstimmte; einige der alten Herren und Damen traten aus; alle Uebrigen — nur ich nicht — stürzten sich in den Strudel der walzenden Paare. Wiederum sah mich »meine Dame« mit fragenden und vorwurfsvollen Blicken an, als ich sie bat, auf einer nahen Causeuse Platz zu nehmen und unser unterbrochenes Gespräch fortzusetzen. Zum ersten Male in meinem Leben bedauerte ich es, niemals tanzen gelernt zu haben, und bevor ich noch diesem elenden Gefühl Worte verleihen konnte, näherte sich ein Lieutenant der Infanterie, welcher diese Scene beobachtet hatte, und bat um den Walzer.
»Sehr gerne,« sagte meine Dame mit gehässigem Nachdruck, und sofort verschwand das schöne Paar in der Menge der Walzenden. »Dieser Oberarzt bleibt nicht lange in Surabaya,« brummte ein alter Herr en passant, und als ich mich fragend umblickte, was dieser Orakelspruch bedeute, setzte er fort, als ob er einen Monolog hielt, und ohne mich anzusehen: »Männer, welche nicht tanzen können, gehören nicht in den Salon, auf den Aussenbesitzungen unter den Wilden ist ihre Heimath.« Unterdessen sah ich den Hausherrn bei den alten Herren und Damen hin und her eilen, um sie zu einer Partie Whist, L’hombre oder Quadrille einzutheilen, und wieder zogen einige Paare Arm in Arm, jedoch mit gelassenen und gemessenen Schritten in die hintere Veranda und in ein paar kleine Säle, wo die Spieltische mit Karten und Marken sie erwarteten. Auch mich frug der Colonel, an welchem Spiel ich mich betheiligen wolle, da er sehe, dass ich nicht tanzlustig sei. Als ich ihm wieder bekennen musste, dass mir das Whistspiel nur dem Namen nach bekannt sei, unddass ich von den beiden anderen Spielen nicht einmal die Namen kenne, frug er mich erstaunt, wo ich denn meine Erziehung gehabt habe, dass ich weder tanzen, noch Karten spielen könne, und liess mich stehen. Der zweite Theil der Polonaise war endlich zu Ende, und die tanzende Jugend versammelte sich wieder im kleinen Saale, um zu lachen und zu scherzen und zu flirten. Bediente erschienen und präsentirten Rothwein, Rheinwein, Eiswasser, Mineralwasser und Brandy-Grog; ich selbst wählte ein Glas Mineralwasser und trat in den kleinen Saal, um wenigstens einen Blick »meiner Dame« zu erhaschen; sie sah mich jedoch nicht, und als ich mich ihr näherte, um eines der vielberühmten Ballgespräche mit ihr anzufangen, wandte sie sich zu ihrem Tänzer mit der Frage, ob der Walzer oder die Polka den höchsten Genuss ihm biete. Ich war in Ungnade gefallen. Ich verliess diesen kleinen Saal und ging hinaus in die Vorhalle, in welcher Alle sassen, welche nicht tanzen konnten und wollten, und welche aus verschiedenen Ursachen auch nicht an dem Kartenspiele theilnahmen. Gern hätte ich mich mit dem Regenten oder mit dem »Major der Chinesen« in ein Gespräch eingelassen, aber schon beim Vorstellen sah ich, dass sie der holländischen und natürlich noch weniger der deutschen Sprache mächtig waren. Beide sprachen wie ihre Frauen die malayische Sprache, die allgemeine Umgangssprache zwischen Europäern und Eingeborenen, aber mein Wissen und Können dieser Sprache reichte noch nicht weiter, als bis zu den einzelnen Fragen um das körperliche Befinden, und so sah ich mich gezwungen, andere Gesellschaft aufzusuchen. Endlich wurde es zwölf Uhr, und wieder erschienen Bediente, diesmal jedoch mit grossen Schüsseln, gefüllt mit Brötchen, gefüllt mit Schinken oder Wurst oder Paté de foie gras, während ein zweiter Bedienter auf der Platte kleine Teller, Messer und Kaffeeservietten anbot. Die Tanz-Pause war eingetreten. Der Berg mit belegten Brötchen wurde immer kleiner und kleiner, und der Bediente erschien nun wieder mit den diversen Getränken. Ich nahm wieder ein Glas Apollinariswasser, als plötzlich aus dem Zimmer der tanzlustigen Jugend: »Bier her, Bier her, oder ich fall um, juchhe!« zu meinen Ohren drang; ich sprang von meinem Stuhle auf, und mit tiefgehaltenem Tenor fuhr ich an der Thüre fort: »Soll das Bier im Keller liegen, und ich nur ein Wasser kriegen« und — das Eis war gebrochen. Von allen Seiten stürmten die Schönen auf mich ein, noch ein anderes deutsches Studentenlied zu singen, und nach diesem musste ich eindrittes singen, bis endlich die Accorde eines Lancier die jungen Damen und Herren in den Tanzsaal riefen. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit gethan — ich konnte wieder gehen.
Fig. 4. Der Palast des Gouverneur-General in Buitenzorg (Südseite).
Fig. 4. Der Palast des Gouverneur-General in Buitenzorg (Südseite).
Um 2 Uhr empfahl sich der Resident und seine Frau dem Gastgeber; ihnen folgten alle Uebrigen, welche nicht tanzten; auch ich nahm Abschied, und als ich auch »meiner Dame«, der jüngsten Tochter des Hauses, meinen Dank für den herrlichen Abend aussprechen wollte, rief sie mir scherzend zu: »Nein, den Dank begehre ich nicht; ein junger Mann, der nicht tanzt, kann sich nicht amüsiren. Adieu.« Einen Hut[26]hatte ich nicht, ein kühler Nachtwind trocknete die triefende Stirne, und mit wechselnden Gefühlen ging ich zu Bett, unbefriedigt von meinem ersten Thun im Spitale und unbefriedigt von meinem ersten Thun und Lassen im indischen Salon.
Der Dienst im Spital gefiel mir mit jedem Tage besser. Wenn der erste Tag das Gefühl des »Unbefriedigtseins« im hohen Grade in mir wach gerufen hatte, so lagen die Ursachen dafür nicht in mir, sondern in den herrschenden Verhältnissen. Ich stand 80 Patienten gegenüber, von denen ich absolut nichts wusste; wenn auch mein Vorgänger in der »Krankenliste« die Diagnose ihrer Krankheit aufgenommen hatte, so war mir damit nur wenig geholfen; 49 von ihnen litten an Malaria, 20 an Beri-Beri, 3 an Dysenterie, und die übrigen 8 hatten Lungenentzündung und andere mir geläufige Krankheitsbilder. Von der Beri-Beri-Krankheit hatte ich in Europa nicht einmal den Namen, geschweige denn das totale Krankheitsbild, den Verlauf und die Ursache gekannt. Unter meinen 20 Fällen dieser Krankheit befanden sich alle möglichen Formen und Stadien der Erkrankung, und vergebens war alle Mühe, aus ihnen nur ein einheitliches Bild dieser Krankheit zu bilden. Hier lag ein Mann unter den schwersten Symptomen der Herzbeutelwassersucht, und dort stand ein Mann, bei dem ausser einem Puls von 100 Schlägen in der Minute kein anderes Symptom gefunden wurde; der Eine hatte geschwollene Füsse und eine bleiche, krankhafte Hautfarbe, und der Andere war »bis auf das Skelet« abgemagert. Beim Dritten hatte Dr. C. notirt, dass sein Puls in der Ruhe 120 mal und nach einiger Bewegung 200 mal in der Minute schlage, undbei einem Vierten war angegeben, dass er bis über die Mitte des Oberschenkels anästhetisch = unempfindlich sei. Nicht viel besser ging es mir mit den Malariapatienten; als den Typus der Malaria kannte ich nur das Wechselfieber mit scharf abgegrenztem Hitze- und Kältestadium, und von meinen 49 Malariapatienten zeigte kaum ein einziger dieses Bild. Wenn ich an diesem Tage aus den Notizen der Krankheitsliste und aus den objectiven Befunden obiger 49 Malariapatienten, unabhängig von dem weiteren Verlaufe der Krankheit, die Diagnose hätte stellen müssen, wäre das Wort Malaria kaum in 10 Fällen ausgesprochen worden. Der Eine zeigte ausgesprochene Lungenverschleimung, der Zweite litt an Diarrhöe; ein Dritter hätte mich an Typhus und ein Anderer an Hirnhautentzündung (Meningitis) denken lassen; ein Sergeant hatte alle Erscheinungen des Mumps (Parotitis) und der letzte Malariapatient hatte selbst das ausgesprochene Bild der Cholera! In diesem Labyrinth der Erscheinungen der Malariakrankheit halfen mir theilweise meine Bücher auf den richtigen Weg; über die Beri-Beri jedoch musste ich mich von den älteren Collegen informiren lassen. Leider waren ihre Informationen nur nach einer Richtung hin befriedigend. Wassersucht, verbunden mit geringer Lähmung (Parese) der Beine und erhöhter Arbeit des Herzens, veranlasste die Diagnose der häufigsten Form der Beri-Beri. Geringe Lähmung und hochgradige Abmagerung der Extremitäten gab die Diagnose: Beri-Beri kring = trockene Beri-Beri.
Seit dieser Zeit hat, wie wir im III. Bande mittheilen werden, die Frage dieser verheerenden Krankheit vielfach die indische Regierung und die Gelehrten der medicinischen Welt beschäftigt; aber für den denkenden Arzt war es damals geradezu eine beschämende Arbeit, Patienten gegenüber zu stehen, von welchen man beinahe gar nichts wusste. Welche Bedeutung diese Krankheit für die indische Armee hat, will ich an dieser Stelle nur andeuten, und zwar durch Abdruck der Ziffern, welche die Verbreitung dieser Krankheit in der Armee vom Jahre 1893–1897 demonstriren:
Stand derArmee
Beri-Beri-Patienten
an Beri-Berigestorben
super-arbitrirt
Malaria
1893
34,186
6170 = 18%
218
573
13,332 = 39%
1894
37,532
4908 = 13%
231
796
11,631 = 31%
1895
38,568
5652 = 14%
276
516
14,706 = 38%
1896
42,782
5780 = 13%
151
726
14,639 = 34%
1897
42,080
2211 = 5%
92
442
17,534 = 41%
Ich folgte also, was die Behandlung dieser unglücklichen Patienten betraf, dem Beispiele meiner Collegen und nahm die einzelnen Symptome zur Basis meiner Recepte; wir können ja leider bei den meisten Krankheiten, von welchen wir unter dem Scepter der Bacteriologie alles zu wissen glauben, auch nicht viel mehr thun. Auf diese Weise habe ich mein ärztliches Gewissen damals beschwichtigt und schon nach einigen Wochen mich ebenso sicher oder ebenso unsicher wie die übrigen Collegen gegenüber den Beri-Beri-Patienten gefühlt. Glücklicher Weise hatte ich noch andere Patienten, wie z. B. chirurgische, syphilitische und venerische Fälle oder andere mir geläufige Krankheitsformen, wie z. B. Herzfehler, Lungenkrankheiten u. s. w. in Behandlung und dadurch auch hinreichendes Material, um das Selbstvertrauen in meine ärztliche Kunst nicht allzu stark erschüttert zu sehen. Damals folgte nämlich der Sanitätschef dem Principe, dem jungen Arzte alle möglichen Krankheitsformen in Behandlung zu geben, um eine vielseitige Ausübung seiner ärztlichen Kunst zu ermöglichen. Der Militärarzt in Indien hat ja nur zu oft Gelegenheit, ohne Hülfe eines Collegen oder eines Consiliarius, alle Zweige der ärztlichen Kunst ausüben zu müssen. Jeder wird für kürzere oder längere Zeit in die Aussenbesitzungen gesendet, wo er oft in einem Gebiete, das so gross wie eine holländische Provinz ist, der einzige Arzt ist, und bei den mangelhaften Verkehrswegen erst nach vielen Tagen oder Wochen einen Collegen in’s Consilium erlangen könnte. Der indische Militärarzt muss also vielseitig entwickelt sein und selbständig in allen Fächern der Medicin auftreten können. Zu diesem Zwecke erhielten damals die jungen Aerzte nicht Abtheilungen, welche mit bestimmten Krankheitsformen belegt waren, sondern Krankensäle, welche, analog der Truppenformation, Europäer, Eingeborene, Unterofficiere[27]und Officiere[27]enthielten.
Von den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen bekam ich in den ersten Monaten meines Aufenthaltes in Indien kein richtiges oder besser gesagt gar kein Bild. Eine grosse Kluft trennt sie von den Europäern; ich selbst sprach keinen andern Eingeborenen alsmeinen Bedienten und wechselte mit den Patienten meiner Abtheilung kein Wort, das nicht unerlässlich für die Behandlung war. So geht es allen Officieren, vielen Beamten und allen übrigen europäischen Bewohnern Javas. Eine Ausnahme machen hiervon einige junge Leute, welche mit einer eingeborenen Frau im Concubinat leben; da aber eine solche Njai = Haushälterin aus der Hefe des Volkes genommen wird, ist ihr Bildungsgrad ein sehr niedriger, und sie wäre gewiss die unreinste Quelle, aus der man sein Wissen in der malayischen oder javanischen Ethnographie schöpfen könnte. Auch sind einzelne und dann meistens halbeuropäische Familien in jeder Stadt, welche mit den eingeborenen Häuptlingen gesellschaftlich verkehren; diese sind allerdings dann gut auf der Höhe der malayischen oder javanischen Sitten und Gebräuche. Die übrigen Europäer aber haben nur ein oberflächliches Wissen von den Gewohnheiten ihrer Stadtgenossen und beurtheilen die Eingeborenen nur nach dem äusseren Schein und dem oberflächlichen Wellenschlag des täglichen Lebens auf der Strasse und auf dem Marktplatz. Mir ging es schon darum in Surabaya nicht besser, weil mein ärztlicher Beruf ganz andere Arbeiten als das Studium der Sitten der Eingeborenen mir zur Pflicht machte. Ich musste die holländische und malayische Sprache mir aneignen, musste dem Studium der Tropenkrankheiten und Tropenhygiene mich widmen, und musste mich zunächst in das Leben und in die Gebräuche der Holländer einleben. Erst in späteren Jahren beschäftigte ich mich auch mit der »Land- und Völkerkunde« der Insel, auf der ich lebte.
Ende Februar las ich in dem »Locomotief«, dass Dr. F. von Muarah-Teweh (im Innern der Insel Borneo) nach Batavia berufen wurde, um dort sein Examen für den Rang eines Regimentsarztes abzulegen. Seitdem sind leider diese Prüfungen abgeschafft, welche für Indien geradezu ein Bedürfniss sind; die jungen Aerzte, welche oft viele Jahre in den »Aussenbesitzungen« stationirt sind, haben dort ein geringes Material. Es fehlt ihnen der Sporn zu wissenschaftlichen Arbeiten, und sie vergessen daher den grössten Theil ihrer auf der Universität erworbenen theoretischen und praktischen Wissenschaften. Wenn sie jedoch nach einer gewissen Anzahl von Jahren sich wieder einem Examen unterwerfen müssen, dann sind sie gezwungen, sich auf der Höhe der Wissenschaft zu halten. Im Jahre 1882 wurde die Verpflichtung zu dieser Prüfung für alle Doctoren abgeschafft, welche nach dem neuen holländischen Reglementden Titel Arts = Arzt erworben hatten, d. h. Doctores universae medicinae geworden waren. Aber auch diese sind nur Menschen und werden ohne Sporn zu weiteren wissenschaftlichen Arbeiten leicht der Schablone verfallen. In der österreichischen Armee bestehen Prüfungen für den Rang des Stabsarztes; die Candidaten müssen den Beweis liefern, dass sie in der Militärhygiene wie in der Organisation der Armee u. s. w. ebenso bewandert sind, als in jenen Fächern, welche die Physicatsprüfung fordert; sie müssen Terrainkarten lesen und die Ausrüstung der Feldspitäler anordnen können u. s. w. Wenn sich also eine so grosse Armee Sicherheit verschafft, dass mit dem goldenen Kragen ihrer Aerzte auch ein grösseres Quantum von Wissen verbunden sei, als der subalterne Militärarzt in der Regel besitzt, so kann oder vielmehr muss auch die indische Armee bei den herrschenden Verhältnissen Maassregeln treffen, dass ihre Aerzte, welche in der Regel gut vorgebildet die Schule verlassen haben, auch weiterhin auf der Höhe der Wissenschaft sich erhalten und über jenes Quantum von Wissen verfügen können, welches der jeweilige Rang erfordert. (Vide 1. Theil: Borneo, Seite 34.)
Mit dieser Zeitung in der Tasche begab ich mich zu dem Hospitalchef, der gerade an diesem Tage seinen Jour hatte; es war 7 Uhr, als ich in seinem Hause erschien; einige Officiere und Bürger waren schon anwesend, und sofort nach der Begrüssung der Hausfrau und meines Chefs wurde mir von allen Seiten zu meiner bevorstehenden Transferirung Glück gewünscht. Das »Surabayische Handelsblatt« hatte nämlich nicht nur die Berufung des Dr. F. von Muarah-Teweh mitgetheilt, sondern auch die Vermuthung geäussert, dass ich wahrscheinlich sein Nachfolger in jenem von der menschlichen Civilisation hundert Meilen entfernten Fort werden würde. Mein Chef, welcher natürlich darüber am besten informirt war, enthielt sich jeder Aeusserung, weil meine Transferirung ihm noch nicht officiell mitgetheilt war, glaubte jedoch einige Worte des Trostes mir sagen zu müssen, falls sich diese Vermuthung bewahrheiten sollte. »Ach, Sie sind ja ledig, für Sie ist also eine Transferirung eine unbedeutende Sache, und Muarah-Teweh wird für Sie eine Vorschule des Bivouaclebens sein, wenn Sie späterhin nach Atjeh geschickt werden sollten.« Diese Worte waren gerade nicht sehr ermuthigend, und als ich ihn um 8 Uhr verliess, wollte mir der Widerspruch dieser tröstenden Worte und der Glückwünsche der übrigen Officiere nicht recht einleuchten. Am nächsten Tag erhielt derLandes-Sanitätschef vom Landes-Commandirenden den officiellen Bescheid, dass ich nach Bandjermasing, der Hauptstadt des südöstlichen Borneos, transferirt sei und mit dem Dampfer, welcher Ende März dahingehe, »meiner Bestimmung folgen« sollte. Nach viermonatlichem Aufenthalte auf Java verliess ich diese Insel, welche ich erst 3½ Jahre später, und zwar im October 1880, wieder sehen sollte.
Die »Residentie« (= Provinz) Surabaya ist stark bevölkert (ungefähr 20,000 Seelen auf die ☐Meile), und obschon beinahe alle Rassen des indischen Archipels in der Hauptstadt und ihrer Umgebung vertreten sind, stammt die grösste Zahl von der Insel Madura, welche seit vielen Jahrhunderten den ganzen Osten der Insel Java mit ihren Bewohnern überschwemmt.
Die benachbarte Insel Bavean, welche administrativ zur »Residentie« Surabaya gehört, erfreute sich niemals eines solchen Ueberschusses an Menschen, dass eine Emigration nach dem Festlande (?) = tanah Java stattfinden konnte; sie ist ja nur 3,6 ☐Meilen gross und hat ungefähr 40,000 Seelen; ihre Hauptstadt Sangkapura mit einem Assistent-Residenten und einem eingeborenen Häuptling bietet nichts Sehenswerthes; desto grösser ist die Zahl der Naturschönheiten, und es ist mir unverständlich, dass beinahe niemals die Europäer von Surabaya sich die Mühe nehmen, sie zu besichtigen; in 13 Stunden kann sie ja per Dampfschiff erreicht werden. Die Berge Tinggi und Radja sind zwar nicht hoch (600 Meter), aber sie geben ein herrliches Panorama über die ganze Insel. Ein Bergsee, unterirdische Gänge, ein Wasserfall (des Tapa-Flusses), eine üppige Flora, das interessante Bild wahrer Seemänner, reich verzierte Wohnungen der Eingeborenen u. s. w. belohnen in reichem Maasse den Touristen, welcher in zwei Tagen diese kleine Insel durchforschen und besichtigen kann.
Die Heimath der Maduresen, die Insel Madura, ist 81,176 ☐Meilen gross und wurde im Jahre 1892 von 509 Europäern, 4338 Chinesen, 1595 Arabern, 139 Orientalen und 1,523,639 Eingeborenen bewohnt; sie soll noch vor 700 Jahren mit der Insel Java verbunden gewesen sein. In einem Kahn kann man in einer Stunde von Surabaya aus diese Insel erreichen, und dennoch hatte ich niemals die Gelegenheit, sie zu betreten. Da ich nur jene Provinzen (Residenties) von Java ausführlich zu beschreiben beabsichtige,welche ich aus Autopsie kenne, muss ich den wissbegierigen Leser diesbezüglich auf Veth’s Java und andere Quellen verweisen; da ich aber im III. Bande von den »Barisans« von Madura sprechen will, so muss ich jetzt schon mittheilen, dass dies Hülfstruppen der indischen Armee sind, welche die Fürsten dieser Insel auf Ersuchen der indischen Regierung in Zeit der Noth einberufen müssen; sie sind 1319 Mann mit 34 (eingeborenen) Officieren stark, erhalten jedoch von der indischen Regierung europäische Instructoren. Es sind tüchtige Soldaten, welche zu wiederholten Malen vortreffliche Dienste der indischen Regierung geleistet haben.
Minder zahlreich als die Maduresen sind in der Provinz Surabaya die Malayen (videTitelbild). Diese bewohnen die Küsten aller Inseln, und ihre Sprache ist die allgemeine Verkehrssprache geworden (Vide Band I, Seite 35). Im Ganzen hat diese Provinz 2,088,303 Einwohner[28]bei einer Grösse von 104,453 ☐Meilen; darunter befanden sich 7546 Europäer, 18,451 Chinesen, 2853 Araber, 504 »andere Orientalen« und 2,058,949 Eingeborene. Wie viel von letzteren Javanen stricte dictu sind, ist nicht bekannt. Unter Javanen versteht man eben auf Java nur die Bewohner des mittleren Java, welche sich streng abscheiden von jenen des Westens, welche Sundanesen heissen, und den Maduresen, welche den Osten Javas bewohnen. Der Unterschied in der Sprache, in der Literatur (und theilweise in der Kleidung) ist so gross, dass, wie wir später sehen werden, eine strenge Scheidung dieser vier Stämme gerechtfertigt ist. Wie viel Javanen, Maduresen, und wie viel Malayen in dieser Provinz leben, ist eben nicht bekannt; zu oben erwähnten zwei Millionen Eingeborenen gehören auch noch die zahlreichen Makassaren von Celebes und eine kleine Anzahl von Borneonesen, welche jedoch mit mehr oder weniger Recht zu den Malayen gerechnet werden. Unter fremden Orientalen (»vreemde oosterlingen«), deren in dieser Provinz 504 vorkommen, versteht man in erster Reihe die Handelsleute, welche von Vorder-Indien nach Java kommen und sich dort ansiedeln; andere rechnen auch die Armenier und alle Bewohner dazu, welche von den benachbarten Inseln Sumatra, Borneo und Molukken abstammen.
Die Küste der Provinz Surabaya ist sumpfig und sandig im östlichen Theil, während von Grissé aus gegen den Nordwesten derKüste der Boden trocken und sandig ist;[29]an diese schliessen sich nach dem Süden ein Kalkhügelland und ein weites fruchtbares Gebirge an. Jodiumquellen, eine Guwa-Upas, d. h. eine Stickstoff enthaltende Höhle (auf dem Dersono), zwei eigenthümliche Moorhügel, aus welchen geruchlose Gase aufsteigen, Sandsteinhügel, aus welchen vortreffliche Wasserfiltrirapparate gewonnen werden (bei Grissé), Salpetergruben, Höhlen mit essbaren Vogelnestern und Petroleum (seit dem Jahre 1863 befinden sich fünf kleine Petroleum-Unternehmungen in dieser Provinz), sind die wenigen erwähnenswerthen Producte dieser Berge. Seit dem Jahre 1899 weht ein liberaler Geist in der Gesetzgebung des indischen Bergbaues; die engherzige Auffassung von dem ausschliesslichen Rechte des Staates auf alles, was unter der Oberfläche des Bodens verborgen liegt, war geradezu ein Hemmschuh für eine gedeihliche Entwicklung der Bergbau-Industrie; das neue Gesetz[30]befreit den Unternehmungsgeist von den Fesseln, auch die Schätze des Bodens in Indien zu heben, welche sehr wahrscheinlich auf allen Inseln des ganzen indischen Archipels sich befinden und bis nun von dem Drachen des gewinnsüchtigen und eifersüchtigen Fiscus streng verborgen gehalten wurden.
Wie zahlreich sind im Gegensatz zu diesen wenigen Bergbau-Unternehmungen, auf der Oberfläche dieser fruchtbaren Berge, die Plantagen und Fabriken dieser Provinz, welche von der Regierung jeglicher Hülfe und Stütze sich erfreuen! Ich war im Jahre 1897 in Modjokerto, der zweitgrössten Stadt dieser Provinz;[31]hier ist der Sitz des »Vereins der Surabayischen Zuckerfabrikanten«. Der Fluss Brantas hat hier eine grössere Breite als der Rhein in seinem Unterlauf, und dennoch ist zu Irrigationszwecken eine Schleuse gebaut (welche ein Kunstwerk des modernen Wasserbaues genannt werden muss), um nach Bedürfniss einen beliebig grossen Theil oder selbst beinahe ¾ der ganzen Wassermasse in die seitlichen Canäleabzuleiten, ohne dass die Schifffahrt auf dem Flusse selbst nur einen Augenblick gestört würde. In diesem Bezirke findet man die Ruinen der alten, einstens so mächtigen Stadt Modjopahit, aus deren Ruinen viele Zuckerfabriken der Umgebung gebaut sind. Sieben Zuckerplantagen mit Gouvernements-Contract findet man in diesem Districte, zwei in dem Districte Djombang, elf in dem Districte Sidoardjo; sieben »Erbpachtländer« giebt es im Districte Modjokerto, in welchen Kaffee (in einem China- und im neunten Liberia-Kaffee) producirt wird; nebstdem giebt es zahlreiche Plantagen, welche mit freiwilligen Contracten der Eingeborenen arbeiten; deren giebt es im Districte Modjokerto fünf, von denen die eine in Ngembeh nur Tabak pflanzt; in dem Districte Djombang bestehen acht und in dem Districte Sidoardjo vier Plantagen. Auch hat diese Provinz noch 32 Privatgüter, welche Reis, Zucker, Indigo, Kaffee und Tabak produciren.
Die Provinz Surabaya ist eine blühende, reiche Provinz, und ihre gleichnamige Hauptstadt ist die grösste Handelsstadt des indischen Archipels und erfreut sich einer reichen Industrie.