5. Capitel.

5. Capitel.

Fleischspeisen auf Java — Deng-deng — Vergiftungsfälle — Bediente — Malaria — Geographie von Bantam.

Pecuniär war mein Aufenthalt in diesem unwirthlichen, unglücklichen Bantam günstig zu nennen; denn neben meinem fixen Gehalt bekam ich 6 fl. Diäten und Meilen-Gelder für mich und für meinen Bedienten. Es bleibt aber immerhin ein magerer Trost, zu hören, das »Geld versüsse die Arbeit«. Dieses erinnert mich an die Erzählung, dass Friedrich der Grosse eines Tages in später Abendstunde einen Courier empfing und dem Intendanten befahl, dem hungrigen Courier etwas zu essen zu geben. Am andern Tage erkundigte sich der König nach dem Abendessen des Couriers. Als dieser dem König mittheilte, dass er vom Intendanten einen Thaler erhalten habe, liess er denselben kommen und steckte ihm einen silbernen Thaler in den Mund mit den Worten: »Jetzt esse Er einmal.«

Auch ich hatte wenig von dem Bewusstsein, während meines Aufenthaltes unter diesen unglücklichen Menschen einige hundert Gulden mehr als gewöhnlich zu verdienen; ich bekam zwar täglich meinen Reis mit diversen Saucen und einigen Gemüsen und getrocknetes Fleisch und Huhn; ich musste es mir aber von Serang, d. i. ungefähr 50 Kilometer, von einem Kuli bringen lassen. Keine frische Milch, keine Erdäpfel zu haben, war ich schon längst gewöhnt; aber schwer vermisste ich täglich das Brot beim Kaffee und — die Zeitung; aber schliesslich war ich zwanzig Jahre jünger als heute, und in einem Alter, in dem die Elasticität des Körpers mit der des Geistes gleichen Schritt hält, und in dem man sich leicht und bequem in veränderte Lebensbedingungen schickt. Währendmeines fünfmonatlichen Aufenthaltes in Bantam habe ich kein einziges Mal frisches Rindfleisch bekommen. Wurde für die Bevölkerung hin und wieder ein Büffel geschlachtet, so machte ich aus naheliegenden Gründen davon keinen Gebrauch. Die Eingeborenen essen es gerne, obzwar das Fleisch einen süsslichen Geschmack hat, der nicht Jedermann befriedigt. (»Weisse« Karbouwen, welche nicht weiss, sondern gelblich weiss sind, werden aber niemals auf die Schlachtbank gebracht.) Kalbfleisch wird überhaupt in Indien aus mir nicht bekannten Gründen nicht auf den Markt gebracht. Aber Schafe, Hirsche, Ziegen, Kidangs (Cervus muntjac), Kantschils (Moschus javanicus), ein Sorte Hasen (Lepus nigricollis), Kaninchen (Lepus cuniculus), Schweine, Wildschweine, Pferde, Hunde, Kalongs (Pteropus edulis) kommen hin und wieder auf den Tisch. Selbstverständlich waren alle diese mehr oder weniger angenehmen Fleischspeisen aus den verschiedensten Ursachen für mich in dieser unglücklichen Provinz unerreichbar. Ich war also auf Fleisch aus Conserven angewiesen. Schinken blieb natürlich hors concours; für mich allein einen Schinken kommen zu lassen, um davon einen oder zwei Tage zu essen und das andere wegwerfen zu müssen, war zu kostspielig; er kostete ja in Batavia 8–12 fl., und in Tjileles hätte er mich sicher 14 fl. gekostet. (Der Kuli, welcher höchstens ½ Pikol = 31¼ Kilo trug, bekam ja für jeden zurückgelegten Paal = 1,5 Kilometer 5 Cts.) Würste zu geniessen, hatte ich von jeher in Indien abgelehnt; die Würste in Conserven, von denen ich natürlich jetzt spreche, kommen aus Europa und liegen oft Monate lang bei einem Importeur in den grossen Städten, und deren Provenienz ist nicht immer sicher. Sehr häufig werden Saucis de Boulogne in den Hôtels auf den Tisch gebracht, obschon vor einigen Jahren ein Fabrikant dieser Würstchen schwer bestraft wurde, weil er zur Fabrikation seiner Würstchen das Fleisch kranker Thiere verwendet hatte. Uebrigens haben alle Fleischsorten in Conserven denselben unangenehmen Geschmack von ausgekochtem Fleisch, und deren täglicher Gebrauch ist geradezu unmöglich. Nebstdem fehlen in keiner Haushaltung Büchsen mit Sardinen in Oel, Sardellen, paté de foie gras, worin die Gänseleber oft nur die Grösse einer Haselnuss hat, und alle möglichen Sorten von Geflügel, als: Fasanen, Lerchen u. s. w. Wenn man sich die Augen zubindet, kann man beim Essen dieser Vögel aus Conserven keinen Unterschied finden; sie haben alle denselben Geschmack.

Ich hatte also in Tjileles während meines Aufenthaltes von fünf Monaten keine grosse Abwechselung auf meinem Tische. Glücklicherweise ist das Deng-deng eine so schmackhafte Fleisch-Conserve, dass ich sie jeder Heeresverwaltung für den Krieg empfehlen würde. Es werden nämlich dünne Scheiben von Fleisch (Rind, Hirsche u. s. w.) von Fett und Sehnen befreit und auf beiden Seiten mit Salz, Pfeffer, Tamarinde und langkwas gut eingerieben und dann den versengenden Sonnenstrahlen zum Trocknen übergeben. Es hält sich Monate lang, ohne an seinem angenehmen Geschmack das Geringste zu verlieren. Dieses Deng-deng liess ich mir bei jedem Transport von Lebensmitteln kommen und hatte dadurch eine kleine Abwechselung mit dem Huhne, welches mir zuguterletzt auch widerstand. Meistens wurde das Deng-deng von meiner Hausfrau in Cocosöl oder in Butter gebacken; aber auch einfach über dem Feuer, z. B. auf einer Roste, gebraten, behält es seinen guten Geschmack.

Als Getränke hatte ich für mich einen kleinen Vorrath von rothem Wein und für meine etwaigen Besucher eine Flasche des unentbehrlichen Genevre mit Bitterextract im Hause. Auf meinen Wanderungen trank ich stets Klappermilch (tjai duwegan S.). Dies lehrte mich Herr v. d. P. mit Hinweis auf die in Multatuli mitgetheilten Vergiftungsfälle. Ein Beamter, der zwischen dem Dilemma steht, die Autorität der eingeborenen Fürsten nicht nur zu handhaben, sondern auch durch die Autorität dieser Fürsten zu regieren, andererseits aber gerade die Bevölkerung vor den Erpressungen dieser Fürsten zu beschützen, der kann oft in die Lage kommen, den Einen oder den Andern fürchten zu müssen; darum trank Herr v. d. P. auf seinen Inspectionsreisen nichts anderes als die Klappermilch aus den Cocosnüssen, welche in seiner Gegenwart vom Baume herabgeholt und von seinem »Oppas« geöffnet wurden. Ich selbst hegte diese Furcht nicht, schon darum, weil ich überzeugt war, dass die häufigen Vergiftungsfälle in Indien zu den Sagen gehören.

In N.. sprach ich einen Pflanzer, der die Javanen nicht anders als das »Vieh vonLaban« nannte. Er erzählte mir, dass er eines Tages auf dem Sawahfelde mit einem Kuli inspiciren ging, als ihn ein heftiger Regen überfiel, ohne dass er einen Pajong (Regenschirm) bei sich hatte; »und denken Sie sich, wie brutal so ein Kuli sein kann,« fügte er hinzu, »dieser Kuli nahm ein Pisangblatt und bedeckte damit seinen Kopf! Sie begreifen, dass ich ihm eine Ohrfeigegab, dass ihm Hören und Sehen verging und er nimmermehr einen Regenschirm gebrauchen wird, wenn sein Herr ohne einen solchen im Regen gehen muss!!« Wenn solche Menschen sich ihres Lebens nicht sicher fühlen und, ich möchte fast sagen, überall einen Mord wittern, ist es verständlich, aber nicht richtig. Eine ganze Mythologie besteht auf Java über die Vergiftung aus Eifersucht und aus Rachsucht; sobald ein Europäer an einer chronischen Erkrankung des Darmes, der Lungen u. s. w. leidet, wird die geschwätzige Nachbarin bald eine eingeborene Frau gefunden haben, welche früher seine Haushälterin war, oder einen Bedienten, dem er früher eine Ohrfeige gegeben habe, und welche ihm Gift, und zwar »Pflanzengifte, welche natürlich bei der Section nicht gefunden werden können«, eingegeben hätten.

Diese Sucht, Vergiftungsfälle als tägliche Erscheinungen hinzustellen, entspringt in der Regel dem schlechten Gewissen, die eingeborenen Bedienten nicht menschlich zu behandeln; der Javane oder Malaye findet es selbstverständlich, dass er bestraft wird, selbst durch einen Schlag, wenn er sich ein Vergehen hatte zu Schulden kommen lassen; es können aber besonders Damen nicht nur in Indien, sondern in der ganzen Welt oft eine solche Ungeschicklichkeit zeigen, mit den Dienstboten umzugehen, dass es oft unglaublich erscheint, dass sich überhaupt noch Dienstboten bei ihnen anmelden. Von Indien kann ich geradezu behaupten, dass immer die Frau (oder der Herr) die Schuld tragen, wenn sie keine guten Bedienten erhalten können oder jeden Augenblick neue Bediente suchen müssen. Der indische Dienstbote ist bescheiden in seinen Ansprüchen; er begnügt sich oft mit einem »Zimmer im Garten«, wo sein Kamerad in Europa nicht einmal eine Stunde sich aufhalten würde; wenn er nicht geradezu provocirt wird, vergisst er niemals den Abstand zwischen »Herr und Knecht«; er ist gelassen und still, weil er niemals Alcoholica gebraucht und die Höflichkeit (besonders bei den Javanen) eineNationaltugend ist. Es ist Regel, dass der Bediente oder der Dienstbote sich mit 3 fl. pro Monat für die Kost begnügt, wenn auch sein Gehalt 10–15 fl. beträgt. Wenn man seinen Bedienten nicht schimpft und nicht schlägt, so erhält man immer gute Bediente, welche gewiss Jahre lang in demselben Dienste bleiben; ich habe die Frau eines Collegen gekannt, welche oft fünf bis sechs Befehle auf einmal gab, und wenn dann einer oder der andere vergessen wurde, mit den heftigstenScheltworten den Bedienten empfing. Ein guter Bedienter lässt sich nicht schimpfen, und bei einem schlechten hilft es nicht. Ihr Mann überhäufte seinen Kutscher mit den heftigsten Vorwürfen und Schimpfworten auf der Strasse, weil ein Lederriemen an seinem Wagen gebrochen war. Diese sonst so guten und braven Menschen konnten keine 14 Tage einen Dienstboten halten, während diese bei mir vier bis fünf Jahre lang blieben. Eine andere Dame wiederum zog nicht nur den Werth eines jeden zerbrochenen Tellers von dem Gehalt des Dienstboten ab, sondern berechnete jede Viertelstunde, welche er zu spät »in’s Haus« kam, mit 2–5 Cent!! Es ist unglaublich, dass diese Dame immer und immer ihre Klagelieder anstimmte »über die indischen Dienstboten, welche schlechter seien als das Vieh in Europa; denn sie lügen und sie stehlen wie die Raben«. Die Lüge ist das Lieblingskind der Tyrannei, und der Javane war bis vor kurzer Zeit ein Spielball in den Händen seiner Fürsten; es ist also wahr, dass sie oft schon aus Höflichkeit lügen; dennoch — wollen wir sie darum nicht so strenge verurtheilen wie jene Dame, weil die Wahrheitsliebe der europäischen Dienstboten auch nicht gar so hoch steht, und weil im täglichen Verkehr dieser Fehler sich selten fühlbar macht. Die zahlreichsten Fälle sind ja jene, bei welchen der Dienstbote den Preis von irgend einem zerbrochenen Glase oder einer Schale ersetzen muss. Mit dem ernstesten Gesicht in der Welt wird ein Bedienter in einem solchen Falle die Antwort geben: Sie irren sich, Herr, ich habe es nicht gethan; und wenn man vielleicht aufgeregt rufen wird: Wer denn? dann wird er, wenn möglich, mit noch ruhigerem und bescheidenerem Tone antworten: »tuwan sadja« = der Herr selbst. Da er doch bezahlen muss, nun, so macht es ihm Vergnügen, seinen Herrn in Harnisch zu jagen und im Garten bei seinen Kameraden diese Comödie zu besprechen. Wenn er dies nicht zu fürchten hat, d. h. wenn er nicht alles und jedes bezahlen muss, was er zufällig zerbricht, dann wird auch seine Wahrheitsliebe ebenso gross sein als die eines Europäers. Was das »Stehlen« betrifft, so ist dies einfach nicht wahr; der malayische Bediente ist ehrlich und viel ehrlicher als sein europäischer College. Er wird bei sehr sparsamen Damen vielleicht ein bischen Zucker, Thee oder Kaffee naschen, vielleicht wird er bei Sorglosigkeit seines Herrn hin und wieder eine Flasche Petroleum verkaufen — aber welch’ europäischer Bedienter würde dies nicht thun, wenn keine Controle geübt werden würde. Ichhabe einen Advocaten in Surabaya gekannt, der seine Einnahmen ungezählt und ohne Controle seinem Bedienten übergab, wenn er nach Hause kam, und der Bediente musste das Geld in die Kasse einsperren und die täglichen Bedürfnisse damit bestreiten. Ja, wenn ein Mann so nonchalant sein kann und vielleicht zu faul ist, um nicht einmal in persona das Geld in die Kasse einzusperren — verdiente es dieser Mann nicht, dass er endlich eines Tages bemerkte, dass ihm 1400 fl. fehlten! Nun, ich will das Capitel »Bediente« nicht schliessen, ohne die Versicherung Jedermann zu geben, dass eine bescheidene Controle hinreichend ist, um jeden Bedienten als ehrlichen Mann Jahre lang halten zu können.

Das Fieber, diese Geissel der Tropen, hatte in seinem epidemischen Auftreten die Bewohner Bantams sehr schwer heimgesucht. Die Sümpfe sind die Stätte der Malaria — dies bezweifelt Niemand — ihre aufsteigenden Miasmen verpesten die Luft und bringen Menschen und Thieren den tödtlichen Keim — auch dieses bezweifelt Niemand. Wie diese in den menschlichen Organismus gelangen, hat bis auf die jüngste Zeit Niemand bezweifelt; die Luft führt das fieberbringende Gift in den Organismus. Aber Prof.Kochhat während seines zweijährigen Aufenthaltes in Englisch-Indien ein anderes ätiologisches Moment gefunden: die Mosquitos.Pulvirentiwill den Nachweis bringen, »dass die Krankheit (die Malaria) allenthalben dort entstehen kann, wo organische Materien in Fäulniss gerathen«.

MeineErfahrungen bestätigen die BeobachtungenPulvirenti’s in vollem Maasse, während die des Prof.Kochwahrscheinlich auf einem post hoc etiam propter hoc beruhen.

Wo Mosquitos sind, dort sind Sümpfe, und dort kommen Malariafälle vor; aber es giebt auch in den Tropen Landstriche, welche frei von Mosquitos sind und doch vom Fieber heimgesucht werden.Grassikonnte in allen jenen Gegenden, wo Malaria vorkommt, eine eigenartige grosse Mückenspecies nachweisen. Bei der Untersuchung dieser Insecten, nachdem sie das Blut von Malariakranken gesogen hatten, fand er die Gegenwart von geisseltragenden Elementen im Thierleibe.[45]Ohne geradezu des Köhlerglaubens mich schuldig zumachen, glaube ich gerne, dass Prof.Koch’sBeobachtungen richtig seien — sie sind ja im Ganzen und Grossen dieselben als die vonGrassi, wie wir sahen — aber ich glaube nicht, dass es die einzige Ursache sei, und dass Luft und Wasser gleichfalls eine grosse Rolle spielen in der Aetiologie der Malaria.

Auch im Gebirge entstehen ja oft verheerende Fieber-Epidemien, ohne dass Mosquitos oder andere Insecten die Vermittler derselben sind. Um nur ein Beispiel von hundert anderen zu bringen: in den Achtziger Jahren wurde in Magelang ein neues Campament gebaut, d. h. Casernen mit Officierswohnungen, und zahlreiche Fieberfälle kamen unter den Arbeitern vor. Ueberall undohne Ausnahmetritt in Java eine Fieberepidemie auf, sobald der Boden aufgelockert wird, und dieses stimmt auch mit der Behauptung vonPulvirenti, dass die Malaria dort entstehen kann, wo organische Materien in Fäulniss gerathen — Magelang hat keine Mosquitos.

Auf Borneo, wo ich an der Grenze des Diluviums sass, hatten wir keine Mosquitos, zu gewissen Zeiten aber heftige Fieberfälle, ja noch mehr. Die indische Regierung sorgt für eine zweckmässige Irrigation des Landes, um dem Reisbau in allen Theilen des Landes eine ergiebige Ernte zu ermöglichen, und wo der Boden zu diesem Zwecke aufgewühlt wird, entsteht eine Fieberepidemie, ohne dass damit eine Einwanderung von Mosquitos stattfände. Ueberall giebt es auf Java Plätze und Gegenden, welche eine Zeitlang ob ihrer »Gesundheit« berühmt sind, um nach einigen Jahren wieder von Fieberepidemien heimgesucht zu werden. Wenn auch in vielen Fällen dafür eine Ursache gefunden wird, z. B. das Anlegen von neuen Reisfeldern oder ausgedehnten Bauten, so fehlen uns dafür oft genug nachweisbare Ursachen — Mosquitos waren im Gebirge nicht eingewandert. — Es könnten vielleicht (nachGrassi) andere Insecten die Vermittler sein; aber welche? Die Hunde haben in Indien Flöhe, aber nicht die Menschen; Wanzen kommen nur in Spitälern und Gefängnissen vor. Auch Fliegen findet man; sie stechen aber nicht, und es muss erst der Nachweis gebracht werden, dass eine intacte Haut den Zutritt der Mikroorganismen gestattet, abgesehen davon, dass a priori diese Annahme beinahe unmöglich ist.

ProfessorKochweilt momentan (December 1899) in Batavia, um die Entstehungsursachen der Malaria zu studiren. Das Uebertragendes Giftes (der Plasmodien) dieser Krankheit durch Mosquitos scheint, nach den spärlichen Berichten zu urtheilen, welche mir darüber bis jetzt zugänglich waren, die Hauptfrage zu sein, welche diesen Bacteriologen bei seinen Untersuchungen beschäftigt. Ich will gerne jurare in verba magistri und das Resultat seiner Arbeiten selbst kritiklos annehmen, weil er der Meister auf diesem Gebiete ist. Aber trotzdem muss ich wiederholen, was ich im ersten Bande, Seite 20 behauptet habe, dassauchdas Wasser ein Vermittler der Malaria ist, und dass die indische Regierung eine grosse Unterlassungssünde begehen würde, wenn sie in der Sorge, das Land von den verheerenden Verwüstungen der Malaria zu befreien, sich auf die Vernichtung des schädlichen Einflusses der Mosquitos[46]beschränken würde.

Die Provinz Bantam ist schwach bevölkert. Nach der letzten Volkszählung von 1893 hatte sie nicht mehr als 638,567 Einwohner bei einer Grösse von 140,664 ☐Meilen, d. h. 4520 auf die geogr. ☐Meile. Darunter befanden sich 275 Europäer, 1657 Chinesen, 36 Araber, 32 Orientalen und 636,567 Eingeborene (worunter die zahlreichen eingewanderten Javaner, Sumatraner, Malayen und Bewohner von West-Borneo, der Insel Banda u. s. w. inbegriffen sind).

Zahlreiche Gebirgszüge durchziehen das Land, und nur die Nordküste ist flach; nur die Vulcane Karang (1600 Meter hoch) und Pulusari (1200 Meter), der Trachytkegel Pajung (133 Meter) und die Berge Endut (120 Meter) und Tukung (700 Meter) sind aus der grossen Zahl der Berge dieser Provinz erwähnenswerth.[47]

Grosse Ströme oder Flüsse besitzt Bantam ganz und gar nicht; nur wenige Meilen weit in’s Innere des Landes sind der Tjikandi und der Pontangfluss befahrbar; die kleinen Flüsse Pandan, Tjimanok, Tji-Panimbang und Tji-Barenoh sind kaum nennenswerthe Verkehrswegedes übrigens sehr unbedeutenden Handels mit den Naturproducten des Landes.[48]

Fig. 7. Ein Wâjang Kulit (Schattenbilder) mit der Gamelang (Capelle) und Regisseur hinter dem Schirme.

Fig. 7. Ein Wâjang Kulit (Schattenbilder) mit der Gamelang (Capelle) und Regisseur hinter dem Schirme.

Eine grosse Zahl Inseln liegt in der Nähe der nördlichen, westlichen und südlichen Küste dieser Provinz (die Ostgrenze formt die Provinz Preanger); die wichtigsten darunter sind in der Sundastrasse die Insel Krakatau und im indischen Ocean die Prinzen-Inseln (= Pulu Panaïtan). Im Jahre 1883 (27. [?] August) erfolgte eine so heftige und mächtige Eruption des seit Jahrhunderten ruhenden Vulcanes auf der Insel Krakatau, dass die ganze Westküste Bantams mit der Hafenstadt Anjer und die Südküste von Sumatra fürchterlich heimgesucht wurden; beinahe 20,000 Menschen fielen ihr zum Opfer. Als ich zum letzten Male (im Jahre 1897) die Sundastrasse passirte, zeigte die Insel Krakatau nur das unschuldige und liebliche Bild eines kleinen, dicht bewachsenen Hügels von vielleicht 80 Meter Höhe, und nichts verrieth mehr die ungeheure Verwüstung und Verheerung, welche vor 14 Jahren dieser kleine Berg oder diese kleine Insel über das unglückliche Land Bantam gebracht hatte. Auch die Insel Panaïtan, auf welcher schönes Bauholz gefunden wurde, verlor im Jahre 1883 alle ihre Bewohner theils durch die glühende Lavamasse, theils durch den Hunger. Eine solche ungeheure Bimssteinmasse hatte die ganze Sundastrasse bedeckt, dass nur unter den grössten Anstrengungen der indischen Regierung die Schifffahrt-Verbindung mit der Provinz Lampong (Süden von Sumatra) am 29. August wieder eröffnet werden konnte. Die Insel Panaïtan jedoch verlor alle Einwohner, weil die Feuermassen alle Lebensvorräthe — pflanzlicher und thierischer Herkunft — verbrannt hatten, und erst nach vielen Wochen ein Verkehr mit dem festen Lande ermöglicht wurde. Heute ist diese Insel wieder gut bevölkert, weil sich dahin alle Bewohner des südlichen Bantams flüchten, welche durch die Tiger in ihrem Leben sich bedroht sehen.[49]

Keine Provinz Javas hat im Laufe dieses Jahrhunderts von allen möglichen Unbilden so viel als diese Provinz gelitten. Fieber-Epidemien, Viehpest, Hungersnoth, Ausbruch der Vulcane, Ueberschwemmungen, und nicht am wenigsten Krieg haben in den letztenJahrzehnten zu wiederholten Malen diese unglückliche Provinz heimgesucht. Wie wir im letzten Capitel sehen werden, war der Sultan von Bantam ein mächtiger Despot. Der Letzte, Namens Mohammed Tsafiu ’d-din, regierte vom Jahre 1815–1832 und wurde wegen Theilnahme an Seeraub von der indischen Regierung abgesetzt und nach Surabaya verbannt. Natürlich erhoben sich darauf zahlreiche Prätendenten, und nur zu häufig musste Gewalt diese Aufstände unterdrücken. Die bedeutendsten darunter waren die von den Jahren 1834, 1836, 1839, 1850 und 1888. Seit dieser Zeit ist der willkürliche Despotismus der einheimischen Fürsten gebrochen, und nur einzelne fanatische — meistens arabische — Priester nähren die schwache Gluth der Unzufriedenheit unter entthronten kleinen Despoten. Die holländische Regierung steht hier vor einer schönen Aufgabe: Eine durch zahlreiche Unglücksfälle in Verfall gerathene Provinz zur alten Wohlfahrt zu erheben. Wenn früher Bantam durch seine Ausfuhr von Pfeffer, Reis, Indigo, Kaffee u. s. w. blühte, so kann es ja durch eine weise Regierung seine frühere Blüthe wieder erreichen. Zucker, Catechu, Thee, Chinabaum, Muskatbäume u. s. w., kurz, alle Producte der Tropenwelt finden in Bantam einen üppigen Boden, und in der Tiefe der Gebirge sind noch viele Schätze verborgen, welche von unternehmenden Männern gehoben werden können.


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