Fig. 9. Eine malayische Njai (= Haushälterin) in einfacher Haustoilette.
Fig. 9. Eine malayische Njai (= Haushälterin) in einfacher Haustoilette.
Unser Nachbar im Hotel war Mr. A., ein Advocaat, dessen Mutter und Vater keine Vollbluteuropäer waren; die Mutter Beider war eine javanische Frau gewesen; er gehörte also zu der Rasse Sinju, sowie jede Frau, welche, sei es auch im zweiten oder dritten Geschlecht, das Blut eines Eingeborenen in sich hat, Nonna genannt wird, während seit kurzer Zeit der Name Creole für die Europäer gebraucht wird, welche in Indien von europäischen Eltern geboren werden. Ich muss betonen, dass beinahe immer nur von einemeuropäischenVater und von einer eingeborenen Mutter die Sinjus und Nonna abstammen, und dass der umgekehrte Fall, dass nämlich ein Eingeborener eine europäische Frau geheiratet hätte, zu selten vorkommt, um ihre Kinder in eine bestimmte Classe oder unter einen gemeinsamen Namen zu classificiren. Wahrscheinlich würden sie officiell zu den Eingeborenen gerechnet werden. Der einzige mir bekannte Fall einer solchen Ehe blieb kinderlos. Er war der Sohn eines angesehenen Fürsten von Djocja und ging als Knabe mit einem Pastor nach Europa. Hier genoss erin der Familie dieses protestantischen Predigers eine sorgfältige Erziehung und wurde Ingenieur. Schon frühzeitig erwachte in ihm die Neigung zu der Tochter seines Pflegevaters, welche mehr als schwesterliche Gefühle für ihn hegte. Ich will den Inhalt des Romanes, in welchem Ismangong und seine Frau die Heldenrollen spielen, ganz ausser Betracht lassen und mich nur an das Thatsächliche halten, welches ich von meinem Freunde Ismangong erfahren habe. Er fühlte für die Tochter des Pastors van Steeden eine innige und aufrichtige Liebe und — war Mohamedaner; diese war in gleicher Liebe ihm zugethan und war — Protestantin. Weder Ismangong noch seine Braut wollten ihrem Glauben untreu werden; ihm drohte der Fluch seiner kaiserlichen Familie, ihr machten die diversen Tanten und Nichten die Hölle heiss und zeigten die Schreckensbilder der Polygamie in fürchterlichen Farben. Die Liebe siegte aber über alle Bedenken, und als glückliches Ehepaar zogen sie nach Java. In Batavia bewarb er sich als Ingenieur vom Fach um eine Anstellung in Staatsdiensten. Beamter zu werden, ist ja für die Söhne aller Häuptlinge das Endziel aller Wünsche, und gerne dienen sie viele Jahre lang als Magang = Volontär in den diversen Bureaux, um endlich Schreiber mit einem monatlichen Gehalt von 30 fl. und zum Tragen eines Pajongs berechtigt zu werden. Mein Freund Ismangong konnte, als Verwandter der kaiserlichen Familie von Djocja, unmöglich Privat-Ingenieur werden, und als Abtrünniger angewiesen auf den Erwerb durch sein technisches Wissen bat er um eine Stellung beim Ministerium der öffentlichen Bauten. Dieses Gesuch kam der indischen Regierung jedoch sehr ungelegen. Ein Javane sollte mit europäischen Collegen gleichberechtigt die Stufenleiter der hohen Beamten besteigen, um nach zwei oder drei Jahrzehnten an die Spitze des technischen Departements gestellt werden zu müssen!! Damit wären ja zu viel Inconvenienzen verbunden gewesen! Sie ernannte ihn also zum Adjunct-Inspecteur für die Unterrichts-Anstalten der Eingeborenen. (Volksschulen, Lehrer-Seminar und Bürgerschulen für die Söhne von Häuptlingen.) In dieser Eigenschaft lernte ich ihn im Jahre 1892 in Magelang kennen. Seine Frau war ein Jahr nach ihrer Ankunft in Java an Lungentuberculose gestorben, und die böse Welt behauptete, sie sei vergiftet worden. Ismangong war ein gebildeter Mann und trug ganz das Gepräge eines javanischen Fürsten; gelassen und gemessen im Gespräche und in seinen Bewegungen imponirte er durch sein allgemeines Wissen, durch seine Bescheidenheit und durch sein liebenswürdiges und höfliches Benehmen. Seine Zwitterstellung als Mohamedaner und »europäischer Beamter«gab nach seinem Tode unerwartete Schwierigkeiten. Sollte er als Mohamedaner nach islamitischem Ritus begraben werden, oder sollte sein Grab auf dem Friedhofe der Europäer sich befinden?
Nach dem Tode seiner ersten Frau hatte er eine Prinzessin von Djocja geheiratet, welche mit dem Regenten von Magelang verwandt war. Dieser veranlasste den Residenten, ein mohamedanisches Begräbniss anzuordnen. Als jedoch das Testament eröffnet wurde, in welchem der Bruder seiner ersten Frau zum Testamentsvollstrecker ernannt wurde, ordnete dieser ein europäisches Begräbniss auf dem Kirchhofe der Europäer an, und der Resident musste seinen gegentheiligen Erlass zurückziehen. Ismangong war ein Ehrenmann, der mit Tact und würdevollem Auftreten die Schwierigkeiten seiner Zwitterstellung überwand. Requiescat in pace.
Leider hatten wir in Sindanglaya auch eine Nachbarin, welche quasi als Pendant zu dieser gesetzlichen Ehe einer europäischen Frau mit einem Eingeborenen den Beweis brachte, dass Gott Amor keine Standes- und keine Rassenunterschiede kenne.
Den Abend vor unserer Abreise sass ich um 12 Uhr Nachts in der Veranda des Hotels. Alle übrigen Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen, die Lampen waren gelöscht, und in majestätische Ruhe war alles gehüllt. Da klang plötzlich eine scharfe und nicht angenehme Stimme aus dem Hintergrunde eines kleinen Pavillons in der bekannten sentimentalen Arie der indischen Pantons:
Djerok whangie, Blimbing Djapara,Djangan nangis muka njang kentara.(Duftende Citrone, Blimbing von Japara,Weine nicht — Deine Züge würden entstellt.)
Djerok whangie, Blimbing Djapara,Djangan nangis muka njang kentara.(Duftende Citrone, Blimbing von Japara,Weine nicht — Deine Züge würden entstellt.)
Djerok whangie, Blimbing Djapara,Djangan nangis muka njang kentara.(Duftende Citrone, Blimbing von Japara,Weine nicht — Deine Züge würden entstellt.)
Djerok whangie, Blimbing Djapara,
Djangan nangis muka njang kentara.
(Duftende Citrone, Blimbing von Japara,
Weine nicht — Deine Züge würden entstellt.)
Es war eine unglücklich Liebende, welche ihr Leid den Lüften klagte, denn die zweite Zeile hätte im anderen Falle von dem Manne gesungen werden müssen. Obwohl der Mond beinahe mit Tageshelle den Garten beleuchtete, sah ich keine sterbliche Seele in dem Gartenhäuschen, aus welchem die Stimme deutlich zu meinen Ohren drang:
Burung KakatuwahTerbáng di djandélla(Der Vogel KakaduFliegt gegen das Fenster)
Burung KakatuwahTerbáng di djandélla(Der Vogel KakaduFliegt gegen das Fenster)
Burung KakatuwahTerbáng di djandélla(Der Vogel KakaduFliegt gegen das Fenster)
Burung Kakatuwah
Terbáng di djandélla
(Der Vogel Kakadu
Fliegt gegen das Fenster)
sprach sie hierauf mit ängstlicher Stimme, und die Silbe délla liess sie in einem gedehnten Seufzer ausklingen, und noch immer folgte keine Antwort; mit wehmüthiger Stimme endigte sie endlich den Panton:
Nonna suda tuwa,Gigi tingal duwa.(Die Jungfrau, sie ist alt,Es blieben ihr der Zähne (nur) zwei.)
Nonna suda tuwa,Gigi tingal duwa.(Die Jungfrau, sie ist alt,Es blieben ihr der Zähne (nur) zwei.)
Nonna suda tuwa,Gigi tingal duwa.(Die Jungfrau, sie ist alt,Es blieben ihr der Zähne (nur) zwei.)
Nonna suda tuwa,
Gigi tingal duwa.
(Die Jungfrau, sie ist alt,
Es blieben ihr der Zähne (nur) zwei.)
Zu gleicher Zeit näherte sich zu meiner Rechten ein Mann in Spitalkleidern; es war ein eingeborener Soldat und nur mit einem blauen Sarong bekleidet.
Tanam melatti di tanah miering,Di sînie bau — di sâna bau(Pflanze die Melatti auf den Abhang (des Berges),Dahin dringt der Duft, dorthin dringt der Duft)
Tanam melatti di tanah miering,Di sînie bau — di sâna bau(Pflanze die Melatti auf den Abhang (des Berges),Dahin dringt der Duft, dorthin dringt der Duft)
Tanam melatti di tanah miering,Di sînie bau — di sâna bau(Pflanze die Melatti auf den Abhang (des Berges),Dahin dringt der Duft, dorthin dringt der Duft)
Tanam melatti di tanah miering,
Di sînie bau — di sâna bau
(Pflanze die Melatti auf den Abhang (des Berges),
Dahin dringt der Duft, dorthin dringt der Duft)
sang dieser Soldat so laut, dass sofort mit fröhlicher Stimme aus dem Strauche die Antwort erfolgte:
Ini tuwan, topi jang miering,Di sîni mau — di sâna mau.(Jener Herr, sein Hut sitzt schief,Dahin will er — dorthin will er.)
Ini tuwan, topi jang miering,Di sîni mau — di sâna mau.(Jener Herr, sein Hut sitzt schief,Dahin will er — dorthin will er.)
Ini tuwan, topi jang miering,Di sîni mau — di sâna mau.(Jener Herr, sein Hut sitzt schief,Dahin will er — dorthin will er.)
Ini tuwan, topi jang miering,
Di sîni mau — di sâna mau.
(Jener Herr, sein Hut sitzt schief,
Dahin will er — dorthin will er.)
Unser Leander antwortete mit fester Stimme:
Deri mâna dâtangja tschinta(Woher kommt die Liebe)
Deri mâna dâtangja tschinta(Woher kommt die Liebe)
Deri mâna dâtangja tschinta(Woher kommt die Liebe)
Deri mâna dâtangja tschinta
(Woher kommt die Liebe)
und eine ausgelassene frohe Stimme antwortete:
Deri mâtá turun di hâti.(Aus dem Aug steigt sie zum Herzen [wörtlich: Leber].[77])
Deri mâtá turun di hâti.(Aus dem Aug steigt sie zum Herzen [wörtlich: Leber].[77])
Deri mâtá turun di hâti.(Aus dem Aug steigt sie zum Herzen [wörtlich: Leber].[77])
Deri mâtá turun di hâti.
(Aus dem Aug steigt sie zum Herzen [wörtlich: Leber].[77])
Jetzt sah ich in dem Gartenhäuschen von der Bank die Gestalt der Frau Hauptmann X. sich erheben und ihrem Geliebten entgegeneilen, und während sie ihren schönen blanken Arm um den braunen, nackten Hals des Marssohnes schlang, flüsterte sie in neckischem Tone:
Deri mana datang — ja linta(Woher kommt der Blutegel)
Deri mana datang — ja linta(Woher kommt der Blutegel)
Deri mana datang — ja linta(Woher kommt der Blutegel)
Deri mana datang — ja linta
(Woher kommt der Blutegel)
und siegesbewusst antwortete er mit der Gegenfrage:
Deri mana datang — ja tschinta
Deri mana datang — ja tschinta
Deri mana datang — ja tschinta
Deri mana datang — ja tschinta
und während sie lispelte:
Deri sawah turun di Kali(Von dem Reisfelde steigt er zum Flusse hinab)
Deri sawah turun di Kali(Von dem Reisfelde steigt er zum Flusse hinab)
Deri sawah turun di Kali(Von dem Reisfelde steigt er zum Flusse hinab)
Deri sawah turun di Kali
(Von dem Reisfelde steigt er zum Flusse hinab)
brummte er zwei Mal:
Deri mâta turun die hati.
Deri mâta turun die hati.
Deri mâta turun die hati.
Deri mâta turun die hati.
Diese pflichtvergessene Frau hatte ihren Mann verlassen, als seine Ordonnanz, ein eingeborener Soldat, zur Erholung seiner durch Fieber geschwächten Gesundheit nach Sindanglaya gesendet wurde. Ein anonymer Brief verständigte einige Tage später den Hauptmann von dem Asyl seiner Frau und von der Gesellschaft, in welcher sie die nächtlichen Stunden verbrachte. Da sie bei ihrer Flucht nicht nur den Rest seines Gehaltes mitgenommen, sondern auch die Compagnie-Kasse beraubt hatte, welche er ersetzen musste, erstattete er die Anzeige gegen Beide. Unser brauner Leander konnte seine Unschuld an dem Diebstahl seiner Geliebten beweisen; er blieb straflos und behielt — seine Geliebte; sie zog zu ihm in die Caserne!!
Wie ich schon andeutete, sind dieses sehr vereinzelte Fälle und bestätigen die Regel, dass die europäische Frau für den Javanen zu hoch steht, um seine Frau oder seine Geliebte zu werden. Umgekehrt sieht man häufig europäische Beamte mit eingeborenen Frauen eine Ehe schliessen, nachdem die malayische, chinesische oder javanische Frau als Njai (= Haushälterin) (Fig. 9) ihrem Herrn ein oder mehrere Kinder geschenkt hat. Der Officier darf, so lange er im Dienste ist, »die Mutter seiner Kinder« nicht heiraten; aber es giebt zahlreiche pensionirte Officiere, welche mit dem Dienstrocke auch diese Art von Standesehre ablegen und ihren Kindern durch eine Heirat mit ihrer Mutter officiell und gesetzlich den eigenen Namen geben. Diese Sinjus und Nonnas tragen den Stempel ihrer Abstammung stets in ihrem Angesicht; die Gesellschaft tolerirt sie aber, sobald sie eine hinreichende Bildung erworben haben; wenn sie jedoch, was vor 20 Jahren noch häufig geschah, kaum lesen oder schreiben konnten und nur mangelhaft der holländischen Sprache mächtig waren, dann allerdings müssen sehr günstige Verhältnisse herrschen, um ihnen den Salon der Europäer zu öffnen. In den letzten Jahren ist jedoch ihr Bildungsniveau bedeutend gestiegen, und sie bekleiden oft die höchsten Stellen im Staate; nur bleiben sie manchmal mit Recht eine reichliche Quelle von unterdrücktem mitleidigen Lächeln und tolerantem Ertragen einiger Eigenthümlichkeiten; so z. B. verwechseln sie gern das g mit dem h. Eine solche halbeuropäische Hauptmannsfrau rief mir eines Tages zu: »Sehen Sie, Herr Doctor, hier kommt mein Hans«; nirgends sah ich einen grossen oder kleinen Hans; aber eine dicke fette Gans kam angewackelt.
Noch komischer war folgender lapsus linguae. In grosser Gesellschaft wurde von der grossen Summe Geldes gesprochen, welche der langjährige Guerillakrieg in Atjeh gekostet hatte, und plötzlich rief eineNonna mit lauter Stimme: »Mein Gott, wo sind die Helden Atjehs geblieben?« Sie wollte Geld(en) sagen, und ein schallendes Gelächter brachte diese Dame so in Verlegenheit, dass sie entrüstet den Saal verliess. Ein Officier hatte das Unglück, im Tanzsaale auf die Schleppe einer Nonna zu treten und bat um Pardon. Diese Dame drehte sich aber entrüstet gegen diesen Schlemihl und sprach das seither geflügelte Wort: »Was, Gott verdamm, erst Sie reissen mein Rock in Stücke und dann Sie rufen Gott verdamm, Sie Kurang adjar (M. = Lümmel).« Diese Typen der indischen Gesellschaft sterben aus; wenigstens in den besseren Ständen werden nur ausnahmsweise Frauen gefunden, welche der holländischen Sprache nicht vollkommen mächtig sind.
Auf der Insel Java[78]hat nämlich das Unterrichtswesen einen solchen Aufschwung in den letzten dreissig Jahren genommen, dass nur selten Jemand für die Dauer seine Kinder den Besuch einer Schule entbehren lassen muss, und wenn man solchen ungebildeten Frauen oder Männern in den niederen Ständen begegnet, sind diese meistens von abgelegenen Inseln abstammend, wo sich nicht überall öffentliche Schulen befinden, und die Eltern waren pecuniär nicht in der Lage, durch eine Gouvernante u. s. w. ihren Kindern einen Ersatz für den Mangel einer Schule bieten zu können.
Die Stellung der half-cast ist im Staate vollkommen gleichberechtigt mit der der Vollblut-Europäer, und gesellschaftlich ist sie nur von der Individualität des Einzelnen abhängig.
Ein Herr de L. in Batavia war dreimal verheiratet und hatte nebstdem zwei »Vorkinder« von einer früheren Haushälterin. Seine Frauen waren eine Europäerin, eine Nonna und eine Chinesin, d. h. eine Frau, welche die Tochter eines Chinesen und einer malayischen Frau war. Von jeder dieser Frauen hatte er Kinder, und diese vertrugen sich nicht nur untereinander sehr gut, sondern hatten auch die zwei »Vorkinder« in ihren Freundschaftskreis aufgenommen. Die Kinder gaben ein gutes und deutliches Mosaikbild der Ethnographie Javas. Herr de L. war — ein Jude.[79]
Ich kann diese kleinen Skizzen über die Mischrassen auf Java nicht beendigen, ohne auch deren geistige Eigenschaften mit einigen Worten beschrieben zu haben.[80]Gewöhnlich wird behauptet, dass die Sinjus und Nonnas nur die Fehler, aber nicht die guten Eigenschaften beider Rassen in sich vereinigen. Dies ist ganz unrichtig. Wenn ich nur von zwei meiner Bekannten, welche mir momentan vor Augen schweben, den Charakter unter das Secirmesser der Kritik bringe, so zeigt sich diese Behauptung in ihrer ganzen Nacktheit. Der Eine ist ein Sinju und war im Jahre 1891 Assistent-Resident zu T. — Er war ein intelligenter Mann, ein eifriger Beamter und jeder Zoll ein Ehrenmann. Die Zweite war eine Nonna und die Frau eines Stabsarztes in S. Sie war eine liebenswürdige, gebildete Dame und eine liebevolle solide Gattin, und immer führte ich sie als Beweis an, dass die Nonnas gerade wie ihre europäischen Schwestern der Bildung des Geistes und Herzens zugänglich sind und in gleicher Weise Sinn für das Gute und Schöne haben.
Der Aufenthalt in Sindanglaya bot keine andere Zerstreuung, als den Spaziergang und während des Regens die Lectüre und den Verkehr mit den übrigen Gästen des Hotels. Wenn ich den Mr. A. oben (Seite 129) als unsern Nachbar speciell anführte und seine Abstammung von halbeuropäischen Eltern zum Ausgangspunkt einiger Bemerkungen über die Sinjus und Nonnas machte, so hat dies zwei Ursachen. Sein Vater war ein hoher Beamter, und ich hatte im Jahre 1882 so viel Gastfreundschaft von ihm und seiner Frau genossen, dass ich noch heute dafür eine dankbare Erinnerung bewahre. Ich verkehrte also viel mit diesem Nachbar. Nebstdem hatte er so viel dichterischen Schwung in seiner Sprache und bestieg so oft den Pegasus, dass meine Frau, welche damals erst zwei Jahre in Indien war und noch wenige halbeuropäische Männer von grösserer Bildung kennen gelernt hatte, ihre Verwunderung über seine poetische Begabung mir gegenüber äusserte. Es lag in seinen Gedichten, welche wir von ihm erhielten, eine Poesie und eine Gluth der Leidenschaft, welche wir in den Tropen, denen bekanntermaassen die Musen nicht besonders freundschaftlich gesinnt sind, nicht erwartet hätten. Seit einigen Jahren ruht er seinen ewigen Schlaf unter den Palmen, welche er so schön, wie kein Anderer, besungen und gepriesen hat.
Der vierzehntägige Urlaub war beendigt, und die Pflicht rief mich nach Batavia zurück. Ich wählte die kürzere Route, obwohl sie nur mit dem Dos-à-dos, und noch dazu über den 1482 Meter hohen Puntjak zurückgelegt werden konnte; wir mussten selbst von zwei Büffeln unsern kleinen Wagen auf die Spitze des Berges ziehen lassen; aber ein herrliches Panorama entzückte unsere Augen. Hier ruhte unser Blick auf den stolzen Gipfeln des Salak, Pangerango und Gedéh, zu unserer Rechten hatten wir den Berg Lemo (1862 Meter hoch), dort fiel er auf Abhänge, welche mit Sawahfeldern bedeckt waren und in ihrem sanften Grün einen schönen Contrast zu dem dunkelgrünen Walde formten. In der Nähe der Grenze beider Provinzen lag ein Bergsee, Telaga Warna = Farbensee, welcher mit so warmen Worten von dem Kutscher gepriesen wurde, dass wir ausstiegen und den einen Kilometer langen Pfad durchschritten, um dieses Naturwunder besichtigen zu können. Zwei sundanesische Frauen (Fig. 10u.11) waren unsere Führerinnen. Wir wurden reichlich für diesen kleinen Marsch zu Fuss belohnt. Es war ein ausgebrannter Vulcan, in dem das Regenwasser zu einem See sich angesammelt hatte,[81]der in seiner majestätischen Ruhe eine verborgene und verschollene Welt in sich schloss. Die Trachitwände dieses Kessels sind mit Farrenbäumen, Waringinbäumen und wilden Bananen bedeckt, und der Schatten dieser dunkelgrünen Bäume spiegelt sich in der Fluth und spielt mit dem braunen und grauen Licht des Bodens in einem bunten Farbenkreis, welchen die kleinen Fischchen durch ihren unruhigen Marsch in dem süssen, krystallhellen Wasser immer weiter und weiter ziehen. Nicht das Zwitschern eines bunt gefärbten Vogels, nicht das Zirpen einer Grille, nichts störte die Ruhe dieses alten, ausgestorbenen Vulcans, und beklommen und ängstlich blickte meine Frau hinauf zu dem Rande des Kraters, um nur irgend einen Sonnenstrahl zu erhaschen oder irgend ein lebendes Wesen zu erblicken. Wir Beide waren in dieses Sonderbare, Düstere, Lautlose tief versunken, als plötzlich die Stimme des Kutschers uns dem Zauber dieses grossen Grabes in der herrlichen Tropenvegetation entriss mit der Mahnung, unsere Reise fortzusetzen.
Von nun an ging es immer bergab, bis wir Gadok (487 Meter) erreichten, wo wir den Kreis der Heeresstrasse schlossen; 1 km lag dieser Luftcurort von der Heeresstrasse entfernt, welche, Batu-tulis zur linken Hand passirend, uns wieder nach Buitenzorg brachte.