Chapter 20

Fig. 18. Eine Scene aus einem Wájang orang am Hofe zu Djocja (nach Dr. Gronemann).(Sultan Agung nähert sich in der Gestalt einer Nymphe der reizenden Endel, welche ihre bedrohte Tugend mit Pfeil und Bogen vertheidigt.)

Fig. 18. Eine Scene aus einem Wájang orang am Hofe zu Djocja (nach Dr. Gronemann).(Sultan Agung nähert sich in der Gestalt einer Nymphe der reizenden Endel, welche ihre bedrohte Tugend mit Pfeil und Bogen vertheidigt.)

Für mich waren in Djocja auch die Stunden des Vormittags dem Nichtsthun geweiht; wenn man jedoch Jahre lang an intensive Arbeit gewöhnt war, dann ist der Müssiggang ein bis zwei Tage lang sehr angenehm, den dritten und vierten Tag redet man sich ein, dass das Nichtsthun angenehm sei, aber am Ende der ersten Woche tritt das Schreckgespenst der Langenweile in dem Hintergrunde des täglichen Lebens auf. Den ganzen Tag zu lesen ist ja auch ermüdend, wenn man gesund »am Herzen und der Seele ist«. Bekannte oder Freunde kann man ja auch nicht aufsuchen, weil sie in ihrem Berufe thätig sind; in dem Club erscheinen erst um 11½ bis 12 Uhr die Mitglieder; ich besuchte ihn aber nicht gern, weil ich nicht gewöhnt war, etwas zu trinken, ich langweilte mich also in der ersten Hälfte des Tages. Die zweite Hälfte ging jedoch viel rascher vorbei; um 1 Uhr ging ich zur »Rysttafel« und nach dieser zu Bett; um 4 Uhr stand ich auf, nahm meinen Thee und ein Glas Eiswasser, las die unterdessen angelangten Briefe und medicinischen Zeitungen, ging um 5 Uhr ins Schiffsbad und warf mich danach in europäische Kleidung. Der Zustand meiner vergrösserten Leber und Milz erlaubte zwar nicht grosse Spaziergänge; eine Stunde lang hielt ich es in der Regel aus, und um 7 Uhr konnte ich meine Bekannten aufsuchen, nachdem ich vorher um die Erlaubniss gebeten hatte, »mit meiner Frau meine Aufwartung machen zu können«. Um 8 Uhr ging ich nach Hause, nahm das Abendessen, und punkt 11 Uhr begab ich mich zu Bette.

Schon nach der ersten Woche liessen die Schmerzen in der Leber bedeutend nach, so dass ich mich zu grösseren Ausflügen entschliessen konnte. Die Provinz Djocja ist ja sehr reich an alten Tempeln, besonders in der Nähe der Grenze der Provinz Surakarta, und die bedeutendsten sind die von Prambánan (Fig. 17). Eines Tages entschloss ich mich also, mit meiner Frau und einer Ingenieursfamilie dahin zu gehen: um 7 Uhr 10 Min.und 12 Uhr 21 Min. geht die Eisenbahn von Djocja nach Samarang, und um 9 Uhr 43 Min. nach Solo. Beide Züge konnte ich benutzen, weil sie beide in der Station Prambánan anhalten; für die Rückfahrt konnte ich die Züge benutzen, welche von Samarang (via Solo) um 11 Uhr 46 Min. und 3 Uhr 34 Min. oder von Solo allein um 6 Uhr 5 Min. ankommen.

Auf Wunsch unserer Reisegenossen fuhren wir mit dem Zuge um 12 Uhr 21 Min. Leider trugen die Waggons den Anforderungen des Tropenklimas in keiner Weise Rechnung; ja noch mehr; vielfach wird sogar behauptet, dass sie aus zurückgestellten und untauglichen Waggons Hollands bestanden. Die zweite Classe hatte zwar hölzerne Bänke mit Sitzflächen aus Rohr; sie sollten aber auch Fauteuils haben, weil man in Indien noch leichter als in Europa durch eine vielstündige Fahrt ermüdet; für Ventilation ist beinahe gar nicht gesorgt, und noch weniger für Gänge an den Längsseiten. (Für Speisesalonwagen ist bis jetzt noch kein Bedürfniss.)

Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht länger als ungefähr eine Stunde. Die »Halte« Prambánan liegt an der Grenze Surakartas. Dort mussten wir noch beinahe eine Viertelstunde zu Fuss zurückgehen, bis wir nach einer kurzen Krümmung des Weges plötzlich den schönsten Tempel von ganz Java vor uns sahen. Der Buru Budur ist grösser, ist colossaler, ist vielleicht zehn bis zwanzig Mal so gross als dieser; schöner in den Detailarbeiten ist gewiss der von Prambánan. Ich kann leider nur eine Beschreibung des Aeusseren aus Autopsie geben, weil mir damals das Treppensteigen zu viel Schmerzen verursachte und es mir unmöglich war, das Innere zu besichtigen. In der Mitte des Tempels war nämlich eine grosse Oeffnung nach Osten, und dahin führte eine steinerne Treppe ohne Geländer; die einzelnen Treppen waren vielleicht 40 cm hoch, und sofort nach meinem ersten Versuch, hinauf zu kommen, musste ich wegen intensiver Schmerzen in der Leber zurückkehren. Doch ich sah genug, um die Baukunst der alten Hindu bewundern zu können und das Bedauern meiner Frau gegenüber zu äussern, dass ganz Europa von diesen wunderschönen Resten alter Sculpturen beinahe gar keine Ahnung hat.[145]Selbst die holländischen Officiere und Beamten durchziehen gleichgiltig den ganzen Archipel, ohne sich hier, wäre es auch nur für einen Tag, aufzuhalten, und nur wennsie der Dienst zwingt, in Djocja, Solo oder Magelang einige Monate oder Jahre zu bleiben, dann nehmen sie sich die Mühe, diese Stätte des alten Hindudienstes aufzusuchen! Ich habe (im Jahre 1884) bei Kairo eine Pyramide und eine Sphinx gesehen, und unbefriedigt zog ich weiter, weil das Massive und das Grosse dieser zwei Denkmäler alter Baukunst eben auf mich keinen Eindruck machten. In Prambánan jedoch stand ich entzückt vor einer Schatzkammer der Bildhauerkunst. Der Tempel selbst war vielleicht 20 bis 25 Meter hoch, und seine Länge und Breite schätzte ich auf ungefähr 20 Meter. Die Basis hatte übrigens die Form eines russischen Kreuzes mit der Längsfront nach Osten; im Süden schloss sich ein zweiter noch mehr verfallener Tempel (tjandi J.) an. An dem ersteren konnte man noch die ursprüngliche Form vermuthen; sie war die eines Kegels; der zweite jedoch war eine Ruine, welche wahrscheinlich mehr durch den Vandalismus der Mohamedaner als durch den Zahn der Zeit gelitten hat und heute eine formlose Menge zahlreicher und unzählbarer gemeisselter Steine ist. Ueberall zerstreut und offenbar durch die Sorgfalt der jetzigen Regierung gegen die Tempel angelehnt liegen wunderschöne Reliefs und Hautreliefs; es sind die bekannten Figuren der indischen Bildhauer; aber feiner ausgearbeitet, und jedes einzelne Stück verräth den Meister. Einige Stücke, welche sich rechts von dem Eingange an die Grundmauer frei lehnten, würde einThorwaldsennicht besser geliefert haben, und diese Schatzkammer der indischen Bildhauerkunst ist hier unbewacht und unbeschützt dem Sturm des Wetters und der Zeit ausgesetzt!! Das Innere desselben habe ich ebensowenig gesehen als die »Tausend Tempel«, welche ungefähr 1 Kilometer hinter Prambánan liegen; ich lasse also, — natürlich nur auszugsweise —Veth’sBeschreibung hier folgen:[146]

»Wenn man sich von Djocja nach Solo begiebt, kommt man zunächst an den Tjandi (Tempel) Kalason oder Tj. Kali Bening,[147]welcher einer der schönsten und besten bearbeiteten Tempel von ganz Java und ein wenig rechts vom grossen Wege abseits gelegen ist. Er wurde gebaut in der Form eines griechischen Kreuzes mit hervorspringenden Ecken und hatte vier Räume. Das Ganze ruhte auf einem Fussstück, welches in schönster Abwechselung von glattenLeisten und Bändern mit Blumen und Vasen umzogen war. Darauf erhoben sich die Wände mit wunderschön verzierten Thüren, welche von Fächern mit flachen Nischen flankirt waren. In jeder derselben stand ein beinahe lebensgrosses Bild mit dem Gürtel der Brahmanen um die Lenden, und zwar als Hautrelief. Die Eingänge lagen nach den vier Himmelsrichtungen und hatten über dem oberen Rande eine nackte Frau, welche mit den Füssen eingeschlagen auf dem Boden sass. Man kam auf Treppen dahin, welche jetzt durch Wegnahme der Steine beinahe ganz verschwunden sind. Ein wunderschönes Pilaster und Kronarbeit umfasste die Eingänge, und diese waren wiederum nur ein Theil eines zweiten Pilasters, welches sich bis an die Kronleiste der ganzen Gebäude erhob. Glatte Leisten zogen hier auf zwei colossalen Elephantenköpfen mit hoch erhobenem Rüssel herab, welche sich auf jeder Seite des Einganges befanden. Sie trugen eine Krone, welche aus kleinen Tempeln mit Pilastern und pyramidenförmigen Dächern bestand, und diese waren wieder bis zur Spitze mit Figuren bedeckt, welche in der verschiedensten Weise die Demuth und Ergebenheit anzeigten. Zwischen der Krone und den Leisten über dem Eingange war das gewöhnliche Monster, von den Javanen Banaspati genannt, breit, ohne Unterkiefer, mit frei hängenden Haaren und fürchterlich hervorstehenden Augen. Darüber zog sich um das ganze Gebäude eine massive Kronleiste, welche von einer ganzen Reihe Figuren getragen wurde, welche wiederum die Hände über dem Kopf, die Kniee und den Nacken gebogen hielten.« Ueber den letzten Theil des Daches kann man nichts Bestimmtes mittheilen, weil es abgefallen und mit Wucherpflanzen ausgefüllt war; wie auchFig. 17zeigt, hatte es Pyramidenform, welche die meisten dieser Tempel charakterisirt.

»Drei Nischen sind noch deutlich zu sehen, und man hat darin Buddhabilder entdeckt, welche auf dem Lotusthrone sassen. Der Eingang gegen Osten war am schönsten verziert, und hier war auch der grösste Saal. Vor diesem Zimmer war eine Halle, 3 Meter breit und 5 Meter lang, mit drei Nischen für Figuren und mit einem verschwenderischen Reichthum an Laub und anderen architektonischen Verzierungen. Von hier aus kam man in den Hauptsalon von quadratischer Form, ungefähr 12–13 Schritte breit und lang, und gewiss 20 Meter hoch; eine der Wände ist von einem Piedestal eingenommen, worauf wahrscheinlich der Gott sass, dem der Tempel geweiht war. Von diesem ist jetzt keine Spur mehr zu finden. Die dreianderen viel kleineren Zimmer waren in gleicher Weise eingerichtet, hatten aber keine Vestibule. Auch aus diesen sind die Gottesbilder verschwunden. Die Länge und Breite von dem Gebäude betrug 20 Meter, und die Höhe wird wohl zur Zeit, als das Dach complet war, 23 Meter betragen haben.«

Von den zahlreichen Ruinen, welche in den »Fürstenländern« gefunden wurden, habe ich, wie erwähnt, nur den Tempel von Prambánan gesehen. Leider war es mir nicht gegönnt, auch die »tausend« Tempel zu sehen, und ich muss mich daher begnügen, ihrer mit einigen Worten aus dem WerkeVeth’sErwähnung zu thun. Bei Kalasan findet man grosse Ruinen von dem »Palast von Prambánan«; 1½ Kilometer weiter ist die Tjandi »Loro Djongrang«; ebenso weit ist die Tjandi Séwu und die Tjandi Lumbung. Die »tausend Tempel« = Tjandi Séwu ist eine Gruppe von 254 Tempeln, welche wahrscheinlich sowohl dem Dienst Siwah als des Buddha geweiht waren. Es fällt mir die Wahl schwer, aus den Beschreibungen das Interessanteste mitzutheilen, und ich verlasse dies Thema momentan um so lieber, als ich später Gelegenheit hatte, den Riesentempel Buru Budur und den von Mendut in der Provinz Kedu zu sehen, welche beide ich sowohl vom ästhetischen als vom historischen Standpunkte aus werde beschreiben müssen.

Die alten Hindu müssen ein Volk von Bildhauern gewesen sein. Wenn ich die ungeheure Zahl der Bilder berechnen wollte, welche diese tausend Tempel besitzen, ich käme zu Ziffern, welche kein Land in Europa aufweisen kann; ich muss es auch wiederholen, ich sah in den Ruinen, welche bei dem grossen Tempel zu Prambánan zerstreut längs der Mauer lagen, einzelne Reliefs, welche an Reinheit der Formen beinahe mit denen einer Broncefigur wetteiferten. Eins verstehe ich nicht, die ganze civilisirte Welt schwärmt von den Pyramiden Aegyptens, und niemand spricht von dieser reichen Schatzkammer von Sculptur und Architektur, welche Java in seiner Mitte birgt.

Das Fieber hatte sich seit meinem Aufenthalte in Djocja nicht wieder eingestellt, der Magen begann wieder regelmässig zu functioniren, der Appetit kam zurück, die schnelle und leichte Ermüdung wich, und nur ein zeitweiliger Schmerz in der Leber und hin und wieder in der rechten Schulter erinnerten mich an die überstandeneMalaria-Infection. Regimentsarzt X. besuchte mich einige Male in der Woche, und eines Tages entdeckte er — eine Geschwulst im Pylorus![148]Die häufigsten Geschwülste an dieser Stelle sind der Krebs. So niederschmetternd diese Diagnose für mich auch war, so wenig dachte ich an ihre Richtigkeit, ohne es aber wissenschaftlich begründen zu können.

Vielleicht hielt mich das Bewusstsein aufrecht, dass sich bei einem Carcinom des Magens unmöglich das allgemeine Befinden so bessern könnte, wie es bei mir der Fall war. Ich hatte leider diesbezüglich schon einige Erfahrung, solche schweren Diagnosen der Collegen mit gewisser Vorsicht aufzunehmen. Im Jahre 1883 litt ich an einem Blasenkatarrh und liess mich im Militärspital zu Batavia aufnehmen.

Nach vierwöchentlicher Behandlung bekam ich »wegen Morbus Brightii«[149]Urlaub nach Europa. Ich hatte im Jahre 1884 kein Nierenleiden und ich habe es glücklicherweise heute noch nicht. Ich hatte im Jahre 1891 keinen Pyloruskrebs und ich habe ihn heute, nach acht Jahren, glücklicherweise auch noch nicht.

Am häufigsten werden die Officiere, welche an Malaria gelitten hatten, auf ärztliches Zeugniss des Garnisondoctors in ein »kühles oder Berg-Klima« transferirt; für Aerzte gab es in der zweiten »Militär-Abtheilung« hinreichende Garnisonen, welche diesen Bedingungen entsprachen: Salatiga, wo die Cavallerie ihren Stab hatte, Magelang, wo 2 bis 4 Bataillone lagen, Willem I und Djocjakarta, welches für alle Militärärzte geradezu ein Eldorado war. Ein herrliches Klima, Gelegenheit zu einer Privatpraxis von 800–1000 fl. pro Monat, leichter und angenehmer Dienst, eigenthümlich interessanter Verkehr mit den Fürsten der Provinz und mit den Landherren, die günstige Lage an einer Eisenbahn, waren Vorzüge, welche selten vereint in einer Stadt in Indien gefunden werden. Ich war jedoch kein Fieberpatient, ich hatte einen Pyloruskrebs (??); über meine weitere Zukunft musste also die Superarbitrirungs-Commission in Samarang entscheiden. Am 7. Februar ging ich also nach Samarang und liess mich, freiwillig gezwungen, in das Militär-Spital aufnehmen. Es besteht nämlich keineVerpflichtung für einen Officier, sich im Spitale behandeln zu lassen; mit verschiedenen Phrasen zwingt man jedoch jene Officiere dazu, welche man maassregeln will. Bei mir war Folgendes der Fall: In Ngawie war der Schwager des Sanitätschefs in Garnison, welcher »wegen Gesundheitsrücksichten« nach Europa gehen wollte; er erschien mit mir gleichzeitig »vor der Commission«. Er bekam sein diesbezügliches Gesundheitszeugniss und wollte sofort seine Reise antreten, worauf er gerechnet hatte. Ich selbst war zur Disposition, also sollte und musste ich wiederum nach Ngawie; dafür musste jedoch eine Ursache gefunden werden, weil ich Reconvalescent nach Malaria war und als solcher ein »kaltes resp. Berg-Klima hätte erhalten sollen«. Diese Ursache konnte nur gefunden werden, wenn ich im Spitale selbst beobachtet werden konnte. Es wurde mir also nahe gelegt, wie zweckmässig für mich eine Behandlung und Beobachtung im Spitale wäre, weil die Differentialdiagnose zwischen Lebertumor und Magenkrebs auf sichere Basis gestellt werden müsse.

Ich liess meine Frau bei einer bekannten Officiersfamilie Gastfreundschaft geniessen, ging ins Spital, und schon nach drei Tagen war die Diarrhöe constatirt, welche es dringend nöthig machte, dass ich wieder nach Ngawie versetzt wurde. Die Commission constatirte, dass ich keinen Magenkrebs, sondern eine Lebervergrösserung hätte, und diese dürfe, wenn sie mit Diarrhöe gepaart ginge, nur in einem »warmen Klima« behandelt werden. Ich theilte dem behandelnden Arzte mit, dass ich seit dem Jahre 1886 stets in denheissestenGarnisonen gelebt hatte, welche ganz Indien kenne, 2 Jahre in Atschin, 1½ Jahr in Ngawie und 1 Jahr in Tjilatjap, dass ich geradezu Bedürfniss hätte, meinem durch das Malariafieber erschöpften Organismus in einem Bergklima Erholung zu gönnen, dass der kurze Aufenthalt in Djocja dies bewiesen hätte, aber Roma locuta est. Ich wurde wieder nach Ngawie versetzt.

Für Officiere, welche keine Frau haben, oder für die Behandlung gewisser Krankheiten, welche z. B. eine Operation nöthig machen, ist die Spitalsbehandlung in Indien aus vielfachen Ursachen der häuslichen Pflege vorzuziehen; denn die Verpflegungsgebühren für einen Officier sind nicht hoch; er bezahlt als Lieutenant 2,50 fl., als Hauptmann 3 fl. und als Stabsofficier 5 fl. pro Tag und erhält eine in jeder Hinsicht reichliche Tafel mit Getränken (Wein, Mineralwasser u. s. w.) und ein grosses Zimmer. Natürlich ist es conditio sine qua non, dass der Spitalschef auch fürAbwechselung in dem Menu sorgt. Wenn in Berlin eine Kochschule als Postulat für Aerzte erklärt wird, wie viel nöthiger sind gastronomische Studien für einen Militärarzt in Indien. In meiner ganzen zwanzigjährigen Laufbahn sah ich nur einen einzigen Chefarzt um die Küche des Spitals in gleicher Weise wie um alle anderen Zweige seines Dienstkreises besorgt.

Für verheiratete Officiere wird in Indien die Aufnahme in ein Spital nur bei grösseren Operationen eine Nothwendigkeit, und darum verpflichten die gesetzlichen Bestimmungen keinen Officier, ins Spital gehen zu müssen. Muss die Superarbitrirungs-Commission eine Entscheidung über einen Urlaub nach Europa, über Pensionirung u. s. w. treffen, so ist der bisherige Modus agendi nicht immer zweckmässig. Der betreffende Candidat wird von dem »Garnisondoctor« behandelt und beobachtet; dieser erstattet einen ausführlichen schriftlichen Bericht über seine Beobachtungen, macht seine Vorschläge, verfasst eine zweckentsprechende Krankengeschichte, und auf Grund dieser Berichte entscheidet der Präsident der Commission, ob und wann sich der Candidat der Commission vorstellen soll. Sie untersuchen den Patienten auf Grund der erhaltenen Mittheilungen und sind in der Regel in der Lage, ein Urtheil über die Vorschläge des Garnisondoctors aussprechen zu können. In einzelnen Fällen ist aber eine längere Observation des Candidaten nöthig und wünschenswerth. Ich erinnere mich folgenden Falles aus der Zeit, als ich Mitglied der Superarbitrirungscommission in S. war. Oberstlieutenant X. war in Ungnade beim Armeecommandanten verfallen, ohne dass dieser gesetzliche Gründe hatte, den missliebigen Officier dem Gouverneur-General[150]zur Pensionirung vorzuschlagen. Da er seit längerer Zeit ein Magenleiden hatte, welches ihn oft an seinem Dienste verhinderte, erging also an den Landescommandanten der Befehl, ihn durch eine ärztliche Commission untersuchen zu lassen. Mir war bekannt, dass sein Leiden in einem Magengeschwür bestanden hatte; zur Zeit seiner »Affaire« befand er sich vollkommen wohl, d. h. objectiv liess sich nichts nachweisen. Zwei objective Symptome hätten uns vielleicht in den Stand gesetzt, eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose zu stellen und zwar der Gehalt an Magensäure und der Appetit; die erste Frage erregtezweierlei bedeutende Bedenken; der Arzt darf ja nicht zum Zwecke einer Diagnose einen sonst gesunden Menschenmehrere Male, sei es durch Medicamente, sei es durch die Magensonde, zum Erbrechen zwingen. Nebstdem ist die chemische Untersuchungalleinnicht im Stande, mit Sicherheit eine Magenerkrankung auszuschliessen oder zu constatiren. Bequemer war natürlich die zweite Frage, die des Appetites dieses Patienten (?). Mit Zustimmung des Präsidenten nahm ich es auf mich, ihn bei seinen Mahlzeiten zu beobachten, und theilte ihm zu diesem Zwecke mit, dass wir nur ein Mittel hätten, ihn für gesund zu erklären, und zwar wenn wir in der Lage wären, in unserm Attest unsere Ansichtenmotivirenzu können. Natürlich fügte ich hinzu, dass wir seinen Mittheilungen vollkommen Glauben schenkten, dass aber das Armee-Commando von uns ein objectives und motivirtes Urtheil über den Zustand seines Magens erwarte. Oberstlieutenant X. verstand mich sofort und lud mich ein, Zeuge seines guten Appetites zu sein. Er ass seine ganze »Reistafel« und brachte den andern Tag den Beweis, dass diese auch ganz verdaut war. Es giebt also zahlreiche Fälle, welche die Commission veranlassen, den Candidaten eine längere Zeit hindurch zu beobachten, bevor sie ihr endgiltiges Urtheil aussprechen kann, und darum sollte die gesetzliche Verpflichtung bestehen, dass alle Officiere, über welche die Superarbitrirungs-Commission ein Urtheil aussprechen muss, sich — und wäre es nur für einen Tag — ins Spital aufnehmen lassen müssen. Mir sind ja Fälle bekannt, dass Officiere, welche die Controle der Commission fürchten mussten, dem Sirenengesang der Phrasen, es wäre in ihrem eigenen Interesse, wenn sie sich zur Observation ins Spital begeben würden, u. s. w. nicht Folge leisteten, ja selbst brutal ihre Weigerung mit den Worten motivirten, sie hätten keinen Beruf, die Arbeit der ärztlichen Commission zu erleichtern, und — vollen Erfolg ihrer Pläne hatten. Mir wurde also wiederum die Garnison Ngawie angewiesen.

Fig. 19. Tempel bei Mendút (Provinz Kedú).

Fig. 19. Tempel bei Mendút (Provinz Kedú).

Die »Hölle Javas« eignete sich aber gar nicht dazu, mich von meiner Vergrösserung der Leber zu befreien; die Schmerzen blieben, und zwei Monate später (18. April) ersuchte ich wieder, durch eine Commission nach einem »kalten Klima« transferirt zu werden; es wurde mir ebenso wenig als drei Monate später die Gelegenheit geboten, durch einen längeren Aufenthalt in einem Bergklima von meinem Leberleiden befreit zu werden, und eine hochgradige Hypochondrie bemächtigte sich meiner, welche am 18. September denHöhepunkt erreichte. An diesem Tage wurde mir ein Knabe gebracht, welcher von einem tollen Hunde gebissen war und sich beim Fallen auf die Erde an der Stirn verletzt hatte; ich liess den zufällig anwesenden Doctor-djawa die Wunde reinigen, und da die Wunde auf der Stirn glatte Ränder hatte, beabsichtigte ich, sie zu nähen. Beim Einfädeln stach ich mich in die Finger. Die gebissene Wunde hatte ich nicht einmal berührt; dennoch — erwachte ich in der darauf folgenden Nacht mit dem Angstgefühl der Lyssa!! Ich hatte Schlundkrämpfe, Speichelfluss und eine fürchterliche Aufregung, verbunden mit dem Gefühle, Lyssa zu haben!

Wenn ich mir auch das Lächerliche und Unwissenschaftliche des Gedankens, inficirt zu sein, vor Augen hielt, weil ich gar nicht in Contact mit der gebissenen Wunde gewesen war, und weil die Lyssa doch wenigstens 5–6 Wochen Zeit zur Entwicklung nöthig hat (Incubations-Zeit), so blieb doch diese fürchterliche Aufregung Tage lang bestehen, und erst nach Jahresfristkametwas Ruhe in mein Nervenleben. Ich war ein Neurastheniker geworden, und diese unbillige Behandlung, wegen eines Leberleidens in ein »warmes Klima« versetzt zu werden, weil zufälliger Weise eine solche Stelle offen war, war natürlich Oel ins Feuer gegossen. Gleichzeitig hatte ich Schwierigkeiten mit dem Platz-Commandanten, welche ich früher erzählt habe, und welche mir so viele Schreibereien verursachten, dass ich bei meinen anderen vielseitigen Arbeiten oft vor 2 bis 3 Uhr nicht schlafen gehen konnte; meine Nerven hielten diesen Choc nicht aus. Auch ein Mann mit gesunden Nerven wäre ihm erlegen, und so wurde der Ausbruch einer acuten Hypochondrie der Vorläufer eines Jahre langen Nervenleidens. Major X. ging mit Urlaub nach Batavia und scheint dort über meinen Zustand persönlich Bericht erstattet zu haben, denn kurz darauf wurde ich nach Magelang transferirt, welches in der Provinz Kedu auf einer Höhe von 384 Metern liegt.

Ich hielt also wieder Auction von der Einrichtung meines Hauses, welche mir 1200 fl. einbrachte, und zog diesmal nur mit einigen Kisten beladen nach Magelang. Es hatte sich nämlich bis auf meine Equipage für alle Möbelstücke und auch für meine zwei Pferde ein Käufer gefunden. Der Assistent-Resident und der Platz-Commandant hatten uns für die letzten Tage unseres AufenthaltesGastfreundschaft angeboten. Ich konnte es nicht annehmen, weil der Oberlehrer der europäischen Schule, Herr X., sobald meine Transferirung bekannt geworden war, sofort zu uns gekommen war und als selbstverständlich die Hoffnung und den Wunsch aussprach, dass wir auch diesmal vor unserer Abreise seine Gäste seien. Er und seine Frau waren ehrenwerthe Menschen, welche von dem früheren Assistent-Residenten boycottirt waren.

Zur Illustration des Lebens in den kleinen Städten Indiens glaube ich den weiteren Verlauf dieses Boycotts mittheilen zu sollen.

Als ich zum zweiten Male nach Ngawie kam, folgte ich meiner Gewohnheit, mich allen kleinlichen und engherzigen Streitigkeiten fern zu halten, und da diese Familie während meines ersten Aufenthaltes nicht nur meine Patienten waren, sondern geradezu liebenswürdige Gastfreundschaft an uns geübt hatten, war es nur selbstverständlich, dass ich und meine Frau den alten Verkehr mit ihnen wieder aufnahmen, obschon »das ganze Fort«, d. h. alle Officiere dem Boycott durch die Frau des Assistent-Residenten sich angeschlossen hatten. Diese für diese braven Menschen unangenehmen Verhältnisse änderten sich sofort, als wir sie in den Kreis unserer Bekannten einzogen und so unzweideutige Beweise unserer Sympathie gaben. Man muss so etwas gesehen oder mitgemacht haben, um zu verstehen, dass ich an dieser Stelle davon spreche. Für den gesellschaftlichen Verkehr bot dieser kleine Platz nichts, absolut nichts als den Officiersclub, in welchem auch die Bürger Mitglieder waren. In dem Club geschah auch nichts anderes als Kartenspielen und Tanzen bei den Klängen eines alten, verdorbenen Leierkastens. Wenn nun, was immer an einem Sonnabend geschah, ein »geselliger Abend« im Club stattfand, bemühte sich Niemand der Anwesenden mit dieser Familie; sie sassen allein. Aber die rächende Nemesis brachte ihr bald die grösste Satisfaction. Die Frau des Assistent-Residenten, welche den Bannfluch über diese braven Menschen ausgesprochen hatte, war eine energische Dame und ertrug keinen Widerspruch. Kurz nach unserer Ankunft mussten auch ich und meine Frau den freundschaftlichen Verkehr mit ihr und ihrem Manne leider einstellen. Eines Tages erhielt ich nämlich das Ansuchen, ihrer Tochter ärztliche Hülfe zu bringen. Ich kam dahin, und bei der Treppe empfing mich diese Dame mit der fertigen Diagnose und mit der nöthigen Behandlungsweise. Sie theilte mir nämlich mit,dass ihre Tochter Dysenterie hätte und darum eines Abgusses von Simaruba bedürfe. Ihre autokratische Sprechweise war mir schon bekannt, und darum fragte ich sie mit officiellem Lächeln auf den Lippen, ob sie sich nicht vielleicht in der Diagnose irre und ein unschuldiges Hämorrhoidal-Leiden vorläge, und ob keine andere Arznei vorgeschrieben werden dürfe, weil gerade bei der Dysenterie Simaruba erst in einem späteren Zeitpunkte gegeben werden dürfe. (Patientin, ein hübsches Mädchen von zehn Jahren, stand daneben und hatte gar keine Spur von Dysenterie.) Aber für einen Gedankenaustausch war sie nicht zugänglich. In gereiztem Tone antwortete sie: »Wenn Sie mir die Simaruba nicht geben wollen, lasse ich sie mir von Madiun kommen.« Die Sache wäre damit erledigt gewesen. Aber ihr Mann glaubte jetzt, mich seine Macht als Assistent-Resident fühlen zu lassen. Kurz vorher hatte ich ihn ersucht, frischen Vaccinestoff für die Bevölkerung kommen zu lassen. Zwei Tage nach meinem Besuche bei seiner Frau erhielt ich einen officiellen Brief mit der Nachricht, dass der Vaccinestoff angekommen sei und ich den nächsten Mittwoch in der »Kabupaten«, d. h. in der Veranda des Regenten einimpfen solle. Ich schrieb zurück, dass ich in meiner Stellung nach Staatsblad Nr. 68 vom Jahre 1827 keine Befehle von ihm annehmen könne noch dürfe, und dass ich nächsten Montagim Fortdie Frauen und Kinder der Soldaten impfen werde. Er wiederum verbot mir, den Vaccinestoff für »meine Militär-Familien« zu gebrauchen, worauf ich telegraphisch den Residenten von Madiun um Erlaubniss ersuchte, den Vaccinestoff für die »Soldatenkinder« gebrauchen zu dürfen. Dieser Federkrieg zwischen uns Beiden entfremdete uns natürlich so sehr, dass jeder freundschaftliche Verkehr abgebrochen wurde.

Den Sonnabend derselben Woche war wieder gemüthlicher Abend im Club. Damals spielte sich eine jener Scenen ab, welche so charakteristisch und so typisch für das Leben in kleinen Orten sind, dass ich sie trotz ihrer Unbedeutendheit mittheilen zu sollen glaube. Das Clubgebäude bestand, wie wir oben sahen, aus einer grossen »Binnengalerie«, welche nach europäischer Anschauung Tanzsalon genannt werden kann, und der vorderen und hinteren Veranda. Das unentbehrliche Möbelstück für jeden Club ist in Indien die »Kletstafel«,[151]das ist ein grosser runder Tisch, mit einer Stütze für die Füsse. Wenn die Herren um 11½ Vormittags und um 7 Uhr Abends in den Club gehen und kein Billard spielen, vereinigen sie sich alle an der »Kletstafel« und besprechen etwaige Ereignisse des Tages oder die letzten europäischen Nachrichten, oder bearbeiten die grossen und kleinen Fehler der Abwesenden zu einer chronica scandalosa. Die hintere Veranda des Clubgebäudes zu Ngawie hatte zwei solche Tische. Nach und nach füllte sich die »achtergallery«, und zuletzt erschien der Assistent-Resident mit seiner Frau. Liebenswürdig grüssten sie nach allen Seiten und setzten sich an den Tisch — an welchem wir nicht sassen. Jetzt kam die erste Enttäuschung. In der Regel eilen sofort alle jungen Mitglieder nach ihnen, verbeugen sich und wechseln einen Handdruck. Die verheirateten Mitglieder theilen sich immer und überall diesbezüglich in drei wohl charakterisirte Gruppen. Die eine Gruppe hält an dem Grundsatze fest, dass es im Club keinen Rangunterschied gäbe, und wer zuletzt käme, habe diePflicht, zu den Anwesenden zu gehen und sie zu begrüssen. Die zweite Gruppe sind wahre Opportunisten; für diese ist die Machtstellung des Würdenträgers auch im Club anerkannt. Man könne nicht wissen, wie man die »grossen Herren« nöthig hätte, und sie selbst sind und bleiben »die mindere« und eilen dahin, um sie zu begrüssen. Die dritte Gruppe ist wieder sehr gewissenhaft in der Beurtheilung des Rangunterschiedes; sie kennt allein einen Rangunterschied der Männer und nicht der Frauen, sie selbst gehen also sofort zum Assistent-Resident und seiner Frau, um sie zu begrüssen, und erwarten dann, dass auch der Assistent-Resident sofort zu ihrer Frau gehen werde, um »das Compliment abzustechen«. Diesen Abend blieb jedoch alles auf seinem Platz — bis auf den Platzcommandant, welcher ledig war und seinen neutralen Standpunkt nicht verleugnen wollte. Diese Kraftprobe der Frau O. war also nicht gelungen, und eine zweite sollte die Machtstellung dieser Dame rehabilitiren. Nach dem pousse-café vereinigen sich die einzelnen Gruppen zu dem eigentlichen Zwecke der Zusammenkunft. Einige der älteren Herren und Damen gehen an die Spieltische zu einer Partie Whist, L’hombre oder quadrilliren; die Jugend sucht und findet sich zum Flirten oder zum Tanzen — Andere gehen ins benachbarte Zimmer zum Billard und Einige setzen sich zur »Kletstafel« und geniessen bei einem Glase Grog, sei es ein Brandy-Soda oder sei es ein Whisky-Soda — die herrliche Nachtluft. DasTanzen ist aber in Indien kein bevorzugter Genuss der Jugend; Grossväter und Grossmütter sieht man in Indien mit ebenso viel Eifer der Kreuzpolka und dem Walzer huldigen, als sie es vor 30 und 40 Jahren gethan haben. Frau O. gab also bald das Zeichen zum Anfang des Tanzes; aber o weh! der Leierkasten war verdorben und gab nur ohrenzerreissende, schnarrende Töne; sofort schickte auf Ersuchen der Frau O. der Platzcommandant einen Bedienten in das Fort und liess einen Korporal kommen, welcher durch seine Virtuosität auf der Harmonika bekannt war. Mit lautem Hurrah wurde seine Ankunft von der Frau des Assistenten begrüsst, ohne dass jemand anders in diesen Freudenruf einstimmte. Das war ein bedenkliches Symptom!? Aber noch Aergeres geschah. Die Harmonika hatte schon die Hälfte der Polonaise gespielt, und noch immer blieb alles auf seinen Sesseln. Der Major B. hatte pflichtgemäss die Frau O. ersucht, mit ihr die Polonaise eröffnen zu dürfen — sie Beide standen aber allein; die zweite Kraftprobe dieser Dame war verunglückt! Sie trachtete in liebenswürdiger herablassender Weise durch persönliche Intervention wenigstens die ledigen Herren zum Tanzen zu bewegen; jeder derselben aber dankte unter irgend einem Vorwande, und sie begnügte sich also mit einem Tanze mit dem Platzcommandanten. Die Familie X. war also gerächt.

Solche kindische und kleinliche Reibereien giebt es in allen kleinen Orten in Europa und in Asien und in Amerika, überall, wo Menschen auf einem engen Raum beisammen wohnen, so dass sich alle ihre Fehler bemerkbar und auch fühlbar machen; es ist ja z. B. bekannt, dass dieselben Reibereien auf den grossen Dampfern sich einstellen, auf welchen die Passagiere wochenlang beisammen leben, und dass dieses noch häufiger auf jenen Seglern geschah, welche zu ihrer Reise nach Batavia oft mehr als 100 Tage nöthig hatten. Für den Nichtbetheiligten sind sie eine reichliche Quelle von Zerstreuung; die davon Betroffenen verbittern sich aber dadurch das Leben und verfeinden sich oft für die ganze weitere Zukunft. Dieselbe Dame O. scheint in Madiun, wo ihr Mann früher stationirt gewesen war, sich auch Feinde gemacht zu haben. An dem Tage ihrer Ankunft in Ngawie bekam ich nämlich eine Correspondenzkarte, welche mich zwar entrüstete ob der Gemeinheit, welche der Grundton des kleinen Briefchens war, andererseits aber wirklich ein Unicum anonymer Lästersucht darstellte. In der offenen Correspondenzkartewurde mir nämlich mitgetheilt, dass mir zwei Stück Käse dieser Tage als Geschenk geschickt würden, dass der Absender bedaure, keine bessern liefern zu können; der eine und zwar der grössere sei nicht übel von Gestalt, aber wurmstichig im Innern; der zweite sei in jeder Hinsicht hässlich, ekelhaft und ungeniessbar. Arglos und ohne den tiefen Sinn dieser Worte zu ahnen, wollte ich den nächsten Tag beim Assistent-Residenten O. diese zwei Käse holen lassen; vielleicht war ein Brief beigepackt, der mir eine Aufklärung von einer Bestellung geben sollte, deren ich mich nicht erinnerte. Zufällig kam der Präsident desLandesgerichts[152]denselben Abend zu mir, und ich frug ihn, ob er den Schreiber der Correspondenzkarte kenne, welcher mir zwei »Präsent-Käse« schickt, ohne dass ich sie bestellt hatte. Glücklicher Weise durchblickte der Rechtsgelehrte sofort die Mystification, und niemals hat der seither verstorbene Assistent-Resident O. etwas von dieser Correspondenzkarte erfahren, und der Schreiber dieses anonymen Schmutzbriefes hatte von seiner gemeinen Intrigue nicht den geringsten Erfolg.

Ende October 1891 verliess ich also Ngawie und zwar wiederum via Solo.

Zu wiederholten Malen habe ich Solo passirt und zwei mal für einige Stunden mich dort aufgehalten, so dass ich auseigenerAnschauung nur wenig über die Stadt selbst, aber mehr über die gleichnamige Provinz Surakarta berichten kann. Sie ist die reichste Provinz der ganzen Insel Java und hat zahlreiche Plantagen und andere Unternehmungen; nicht weniger als 23 Plantagen für Indigo, 13 für Indigo und Tabak, 4 für Indigo, Tabak und Kaffee, 7 für Tabak; 17 für Zucker, 4 für Zucker und Indigo, 20 für Indigo und Kaffee, 87 für Kaffee, 1 für Kaffee und Tabak, 1 für Kaffee und Chinin und 1 für Zucker und Kaffee, also 178 grosse Unternehmungen hat diese »Residentie«, obwohl sie nur 112,905 ☐Meilen gross ist, drei grosse Berge hat und zahlreiche kleine Gebirgsketten das Land durchziehen. Im Süden der Hauptstadt ist eine grosse Ebene, welche in einem grossen Bogen längs dem Solofluss bis weit in das Gebiet der Provinz Madiun sich hinzieht. Drei grosse Berge begrenzen die Provinz als drei mächtige hohe Grenzpfähle im Ostenund Westen. Ueber die Spitze des Lawuberges, welcher 3254 Meter hoch ist, zieht ihre östliche Grenze zwischen Solo und Madiun, und die beiden Bergriesen Merapi (2866 Meter hoch) und der Merbabu (3116 Meter hoch) trennen sie von den Provinzen Kadu und Djocjokarta. Der grösste Fluss ist der Solofluss oder, wie er in dieser Provinz genannt wird, der Bengawan-Fluss, der auf dem Berge Merapi entspringt und auch der grösste Fluss der ganzen Insel (Java) ist; er ergiesst sich bei Surabaya in die Javasee und wird als billiger Transportweg von den Unternehmungen in den Provinzen Surakarta, Madiun, Rembang und Surabaya häufig benutzt. Auf dem Berge Lawu, auf dessen Gipfel oder vielmehr in der Nähe desselben ich als Arzt in einem modernen Romane den rettenden Engel gespielt habe, sind neben zahlreichen Ruinen aus der Zeit der Hindus noch zahlreiche Mofetten und andere warme Mineralbrunnen bekannt; an seiner Westseite findet man z. B. bei dem Dorfe Djurang Djerok zwei kleine Teiche, aus denen stets giftige Gase aufsteigen, und bei den Dörfern Pablingan und Gamping grosse schwefelhaltige Quellen. Die Hauptstadt Surakarta, häufiger Solo genannt, macht keinen freundlichen Eindruck. Sie hat zwar einige Sehenswürdigkeiten und trägt wie ihre Schwesterstadt Djocjokarta noch ausgesprochener das Gepräge einer rein javanischen Fürstenstadt. Sie leidet aber, wie ich schon früher erwähnt habe, so oft und so stark durch die Ueberströmungen der Solo- und Pepéflüsse, an deren Vereinigungspunkt sie liegt, dass es noch lange dauern wird, bis sie den Anforderungen einer reinen, schönen Stadt gerecht werden kann.

Fig. 20. Ein malayisches Mädchen mit Sirihdose und Spucknapf aus Messing.

Fig. 20. Ein malayisches Mädchen mit Sirihdose und Spucknapf aus Messing.

Entsprechend der politischen Eintheilung des Landes hat die Hauptstadt eine vierfache Vertretung. Der Kaiser wohnt in seinem Palast, Kraton genannt; dieser ist gerade so wie der zu Djocja, eine kleine Stadt mit Mauern und Gräben umgeben und hat seinen »Dalem«, d. i. die Wohnung des Fürsten, den Sitinggil, die grosse Halle, wo sich der Fürst dem Volke zeigt, denAlang âlang = Schlossplatz und hunderte kleine Gebäude für das Gefolge. Das zweite stattliche Gebäude ist das Fort Vastenburg, dessen Kanonen den Kraton bedrohen. Das dritte ist der Palast des Gegenfürsten Mangku Negoro in europäischem Stile, welcher einen sehr schönen und grossen Empfangssalon mit elektrischer Beleuchtung hat. Das vierte ist das Gebäude des Residenten, welches bei Weitem nicht so schön eingerichtet ist als das seines Collegen in Djocja. Dann folgen zahlreicheHäuser für die Landherren der Provinz, eine protestantische Kirche, der Club, Theatergebäude, drei Hotels, wovon das eine gegenüber dem Fort liegt und »Jungfernheim« genannt wird, weil die meisten ledigen Lehrerinnen dort wohnen, der Thiergarten mit einigen exotischen Thieren u. s. w. Natürlich fehlen in Solo weder der Hofhalt in allen seinen Abstufungen, wie echte Prinzen mit ihrem Gefolge unter Aufsicht des Kronprinzen und unechte Prinzen unter Controle eines zweiten Sohnes des Sunans, noch die gut abgegrenzte Eintheilung des Adels, der Geistlichkeit und des »kleinen Mannes«. Auch wird in Solo so viel als möglich für feierliche Aufzüge, Galavorstellungen und Empfangsabende, und zwar mit demselben Ceremoniell als in Djocja gesorgt. Ebenso wenig fehlte der Wâjang orang (Fig. 18).

Von den übrigen Städten dieser Provinz sind noch zu nennen: Kartasura, welches früher die Hauptstadt des Sultanats war,[153]Klaten, in welchem bis vor einigen Jahren in dem Fort Engelenburg das Strafdetachement für europäische Taugenichtse bestand, Bojolali, wo ein altes, verlassenes Fort steht, die Schlucht bei Sukabumi, Patuk Pakis an der Küste mit seinen Schwalbennesterhöhlen u. s. w.

Auf dem Vulcane Lawu, welcher seit seinem letzten Ausbruch am 1. Mai 1752 seine jetzige Form und Gestalt bewahrt hat, bin ich zweimal gewesen, und jedesmal entzückte mich dieses Bild einer wildromantischen Natur, wo mächtige erratische Blöcke, Trachitfelsen, Lianen,Cäsarinen, Grotten, heisse Quellen, Mofetten, Abgründe und kahle, steile Wände in die Wolken gehüllt zu meinen Füssen lagen. Es war die Nordostseite, welche ich zu besteigengezwungen wurde. In Djamus hatte Herr R.... eine Kaffeeplantage; um dahin von Ngawie zu gelangen, musste ich viermal die Reise-Vehikel verändern. Von Ngawie brachte mich meine Equipage nach Paron, wo ich die Eisenbahn bis Walikukung benutzte; hier erwartete mich ein Dos-à-dos, mit welchem ich bis Gidoro gelangte, ungefähr 1000′ hoch, wo Herr K.... eine reizende Plantage von Kaffee, und wenn ich nicht irre, auch von Muscatbäumen hatte. So ein gepflegter Kaffeegarten gewährt einen lieblichen, anmuthigen Anblick; der Baum wird zwar nicht höher als 6–7 Meter (der Liberia-Kaffeebaum, den ich in meinem Garten in Magelang hatte, erreicht nicht einmal die Höhe von 4 Metern), auch hat er keine stattliche, breite Krone, aber jede Baumreihe hat einen grossen Schattenspender; man wählt dazu am häufigsten den Dadapbaum (Erythrina indica), eine Papilionacee, welche grosse, scharlachrothe Blüthen hat, deren Blätter und Rinde von den Eingeborenen gegen Asthma und Fieber und deren Holz als Decoctum gegen Hämaturie gebraucht wird. Die Blüthe des Kaffeebaumes ist schneeweiss, hat ein herrliches Jasmin-Aroma und fällt schon nach 8 Tagen auf den Boden, der dadurch eine herrlich duftende, schneeweisse Decke bekommt. Nach einigen Monaten erscheinen die Früchte in grüner Farbe, welche sehr bald kirschroth werden und die Grösse einer halben Haselnuss haben. Zu dieser Zeit hat der Kaffeebaum einen gefährlichen Feind in dem Paradoxurus Musanga. Die reifen Früchte sind seine Lieblingsspeise, den Kern jedoch verdaut er nicht; er begnügt sich mit dem Fleische der Frucht, und die überflüssigen Kaffeekörner — sind die theuerste und beste Kaffeesorte, NB. nachdem sie den Darm des Musangs verlassen haben. Mir wurde ein solches Excrement eines Musangs gezeigt; es bestand aus drei Kaffeekörnern, welche mit einer schwarzen Masse untereinander verklebt waren. Diese Kaffeekörner stehen in so hohem Ansehen, dass sie als besondere Gunstbezeigung den Europäern zum Geschenke angeboten werden. Wenn die Früchte kirschroth geworden sind, werden sie gepflückt und auf Platten aus Rohr dem Fermentiren überlassen. Hierauf werden sie getrocknet und gestampft. Ihre Heimath ist Arabien, von wo sie schon im Jahre 1698 importirt wurden; doch erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (seit 1723) nahm die Kaffeecultur einen bedeutenden Aufschwung, seitdem die Regierung mit sanftem Druck die Eingeborenenzum Bau desselben zwang.[154]Das Erträgniss des Kaffeebaumes ist sehr variabel. Ich erhielt von meinem Baume stets mehr als 1 Kilo Bohnen, und wie ich es damals auf dem Lawu mittheilen hörte, ist nur alle drei bis vier Jahre eine reiche Ernte zu erwarten.

Bei Herrn K.... konnte ich nicht länger bleiben, als die Zeit der »Rysttafel« dauerte. Nach dieser konnte ich noch bis Ngrambe von dem Dos-à-dos Gebrauch machen. Der Weg war gut und so breit, dass selbst ein zweiter Wagen passiren konnte, ohne besondere Vorsicht gebrauchen zu müssen. Hier wohnten einige Europäer, und darunter auch die Frau X. Ihr Mann ersuchte mich, sie zu untersuchen, weil sie schon seit vielen Jahren durch eine Schwäche in den Füssen kaum das Bett, aber niemals das Zimmer oder das Haus verlassen hätte.

Bei meiner Visite fand ich eine alte Dame, welche frischen Geistes ihr Leiden mit bewunderungswürdigem Gleichmuth ertrug; sie litt an Osteomalacie, d. i. einer Knochenerweichung, welche sie nach der letzten Entbindung erhalten hatte. Es war das erste Mal und leider auch das letzte Mal, dass ich sie damals sah. Einige Wochen später wurde sie ermordet, und die leichtfüssige Fama beschuldigte sie des Selbstmordes! Mir wurden davon während eines Festes beim Regenten in Ngawie die einzelnen Details mitgetheilt;man fand sie im Bette mit durchschnittenem Hals unter einer Bettdecke und nebstdem mit einem blutigen Messer im Aermel der Kabaya?? Ich theilte dieses dem Assistent-Residenten X. mit und erwartete, dass ich sofort mit einer gerichtlichen Commission zur Untersuchung dahin gesendet würde; der Herr scheint aber so bestimmte Nachricht von ihrem Selbstmord erhalten zu haben, dass er zu einem Einschreiten keinen Anlass fand. Mir freilich konnte es nicht einleuchten, dass eine Frau, welche seit vielen Jahren mit Knochenerweichung an das Bett gefesselt war, den Muth und die physische Kraft haben sollte, sich selbst den Hals durchzuschneiden!? Auch in der Affaire, welche mich nach Djamus führte, hatte Herr X. eine ganz unrichtige Auffassung der Verhältnisse; es war vielmehr seine Frau, welche auch den geschäftlichen Ideengang ihres Mannes beeinflusste; er weilt nicht mehr unter den Lebenden, und so kann ich etwas ausführlicher in der Mittheilung dieser Affaire sein, ohne fürchten zu müssen, jemandem direct oder indirect zu schaden.

In Gendingan konnte ich schon einige sichere Nachrichten über die junge Dame erhalten, deren Untersuchung von den Eltern von mir verlangt wurde, weil ein Angestellter sie beschuldigte, diese eine Tochter — sie hatten deren 7 — zu verwahrlosen und unter dem Vorwande, dass sie irrsinnig sei, ihrer Freiheit zu berauben! Dieser Privatbeamte schickte mir später die Abschrift der ganzen Correspondenz zwischen ihm und dem Vater dieses unglücklichen Mädchens; ich besitze sie noch heute, und fast möchte ich glauben, wenn ich sie wiederum lese, dass dieser bona fide gehandelt hat. In allen Briefen betont er die Nothwendigkeit, die Patientin der Einsiedelei auf dem Berge zu entreissen und sie der Gesellschaft zurückzugeben. Aber falsch sind die Motive, die er den unglücklichen Eltern in der Behandlung ihrer Tochter unterschiebt. Die Plantage gehörte in nomine der Frau, und ihr Mann sollte seine eigene Tochter zu dem geistigen Tode verurtheilt haben, um als gesetzlicher Vormund ihr Erbe zu werden. Diese Briefe wurden dem Assistent-Residenten X. gesendet mit der officiellen Anklage, dass der Herr X. seine majorenne Tochter der Freiheit beraube und sie durch schlechte Behandlung dem Wahnsinn in die Arme führen wolle!! Das Traurigste in dieser Affaire ist, dass dieser Beamte oder vielmehr seine Frau diesem Märchen Glauben schenkte,und als ich in dieser Sache als Gerichtsarzt vernommen wurde, mir die zweifellose Richtigkeit mit dem nöthigen Nachdruck vorgeleiert wurde. Ein Vater, der sieben Töchter hat, sechs von ihnen eine gute Erziehung in Europa angedeihen lässt und für jede derselben mehr als 1000 fl. jährlich bezahlt, ein solcher Vater sollte mit dem Wissen und Willen seiner Frau eine solche Missethat begehen!? Dieser Einwand blieb ohne Erfolg, und der Assistent-Resident liess als »Hilfsofficier der Justiz« dem Rechte seinen Lauf. Der Herr X. wurde von der gegen ihn erhobenen Anklage verständigt und beschloss nun, durch mich den Wahnsinn seiner Tochter constatiren zu lassen und bat mich, zu ihm zu kommen. Ich frug vorher jedoch bei ihm an, ob ich meine Frau mitnehmen könnte, welche gern einmal eine Plantage im Hochgebirge besuchen und besichtigen möchte. Im August des Jahres 1889 begaben wir uns also auf die Reise, die ich oben bereits angedeutet habe. In Ngrambe mussten wir das Dos-à-dos verlassen, weil hinauf ins Gebirge kein Fahrweg bestand. Für mich stand ein kleines Pferd und für meine Frau eine Sänfte zur Verfügung.

Es war ein Fusspfad, den das herabströmende Regenwasser in den Berg gegraben hatte; erratische Blöcke, Geröll und Sand wechselten mit Grasflächen, und sicheren Schrittes trug mich das kleine javanische Pferd über alle Hindernisse. Die Begleitung meiner Frau bestand aus 6 Kulis, von denen abwechselnd je vier die Sänfte bald auf den Schultern, bald mit den Händen trugen, je nachdem der Weg eben oder wellenförmig war. Bei jeder Pause erfreute uns das herrliche Panorama hinter unserem Rücken. Bald erhob sich das grosse Thal des Soloflusses in deutlichen Linien auf dem Horizont, hinter welchem das Wellisgebirge seinen breiten Bergrücken uns zeigte, später sahen wir den Smeru und den Kelut am östlichen Horizont auftauchen. Auf dem Berge Lawu selbst sahen wir nur niedriges Gesträuch, eine sanft aufsteigende Hochfläche, begrenzt von kleinen Hügeln, welche bald Tjemarabäume, bald Acacien, Gnaphalien und Vaccinia trugen.

Nach ungefähr zwei Stunden erreichten wir die Plantage Djamus in einer Höhe von 1500 Metern. Tief unter uns lagen dichte, schwarze Wolken, aus denen eine zweite Spitze des Lawu hoch hervorragte und nur mit Mühe die Schlucht zwischen beiden erkennen liess. Die dritte Spitze des Berges habe ich nicht zu Gesicht bekommen.

Der Kaffee war gepflückt, fermentirt, getrocknet und gestampft, und Frau X. sass mit eingeborenen Frauen, die Körner zu assortiren. Unsere Ankunft entriss natürlich die Familie ihrer täglichen Beschäftigung, und bald sassen wir in der Veranda, eine Schale warmen Thees zu trinken; es war kühl; vielleicht nicht mehr als 12° C., und wir Beide kamen aus »der Hölle Javas«. Die Familie kam unsern Wünschen entgegen, und wir zogen uns ins Haus zurück, wo auch die Fenster geschlossen werden mussten, um uns von dem unangenehmen Gefühl des Fröstelns zu befreien. Bald waren wir im Gespräche über die unglückliche Tochter, und es war das alte Lied: Den Anfang und die Ursache des Wahnsinns zu constatiren, welchen der Laie gern unvermittelt durch plötzliche Eruption, sei es durch Schreck u. s. w. entstehen lässt; das ganze traurige Familienleben entrollte sich vor mir, das ein irrsinniges Mitglied bedingt, weil der Wahnsinn in seinen ersten Symptomen verkannt wurde. Die Grenze zwischen psychischer Gesundheit und psychischem Kranksein kann ja von niemandem gezogen werden. Endlich wurde mir mitgetheilt, dass die Patientin sich in ihrem Zimmer im danebenstehenden Pavillon befinde. Ich ging dahin und sah beim Fenster ein Wesen stehen, welches das traurige Bild des Wahnsinns in allen seinen Zügen zeigt. Verwahrlost in ihrer Kleidung, mit wirren Haaren, starrte sie mich mit fragenden Blicken an, und als ich ihr einen Gruss zurief, antwortete sie mir kurz, dass sie einen verheirateten Liebhaber nicht haben wolle, warf die Pantoffeln nach mir und sprang aus dem Fenster der andern Seite und verschwand im Gebüsche. Gegen das Abendessen gelang es mir, sie in der Nähe zu sehen und zu sprechen. Sie kam in die Küche, ihr Nachtmahl zu holen. Ich ging mit dem Vater dahin, und mit dem charakteristischen Lächeln des Wahnsinns liess sie mich näher kommen, ohne sich im Essen stören zu lassen. Der Schmutz hinter den Ohren und die schmutzige Kabaya, sowie die schmutzigen Nägel, begründeten meinen Vorschlag, die Unglückliche in eine Anstalt aufnehmen zu lassen, in welcher die geschulten Wärterinnen die Geschicklichkeit, Tact und Muth haben, solche Patienten zur Reinlichkeit anzuhalten.

Natürlich kamen auch die Motive zur Sprache, welche den Privat-Beamten X. veranlassten, den Anwalt dieser Unglücklichen zu spielen. In seinen Briefen ist das Mitleiden mit seiner »Nichte«, welche keinen Bruder habe, um ihr Recht zu vertheidigen, der einzigeGrundton, und in allen Tonarten äusserte sich dieses Mitleiden. Herr X. aber fand ein egoistisches Motiv, welches mir nicht recht einleuchten wollte. Seine Tochter musste wiederholt aus der Wohnung des Privat-Beamten X. geholt werden, welche sich am Fusse des Berges befand; vielleicht hoffte dieser durch eine Ehe mit dieser Unglücklichen sich dann in den Besitz eines Theiles dieser grossen Plantage zu setzen. Es waren im Ganzen 7 Töchter, und im günstigsten Falle wäre ⅛ Antheil nach dem Tode der Mutter dem Manne dieser Irrsinnigen zugefallen; um einen solchen Preis eine irrsinnige Frau zu erhalten — wäre eine schlechte Speculation.

Diese Pflanzer waren so an die niedrige Temperatur ihres Ortes gewöhnt, dass sie keine Oefen im Hause hatten. Die Biologie liegt in allen Fragen darnieder, welche die »Gewohnheit« betreffen. Als ich im Jahre 1897 Ende April durch das rothe Meer fuhr, war es so kalt, dass nicht allein ich — dann könnte es individuellen Empfindungen zugeschrieben werden, sondern alle Passagiere ihre Ueberzieher, Mäntel oder Plaids u. s. w. in Gebrauch nehmen mussten, und das Thermometer zeigte 17° C.! Es ist richtig, dass wir aus warmen Ländern kamen und dass wir so niedrige Temperatur nichtgewöhntwaren. — Welcher chemische Vorgang erklärt das »Gewohntsein«? Was geschieht z. B. im Rachen oder im Gehirn oder im Magen des jungen Mannes, welcher nach der ersten Cigarre den heftigsten Gastricismus bekommt und nach ½ Jahren anstandslos die schwerste Cigarre raucht? U. A. w. g.

Wir sassen also den ganzen Abend bei geschlossenen Fenstern und Thüren, und für die Nacht holte die liebenswürdige Hausfrau alle wollenen Decken herbei, um uns in ihrem Heim nicht eine ganze Nacht »frieren« zu lassen. In einem schönen Gedichte hat diese Dame den Berg Lawu besungen. Mit Bedauern verliessen wir unsern Gastgeber am folgenden Tage, weil mich meine Berufspflichten nach Ngawie riefen. Aber länger als eine Woche über den Wolken nur die bewaldeten Gipfel eines Berges zu sehen — NB. ohne Berufspflichten oder andere Arbeit zu haben — d. h. dort zu logiren, das wäre doch zu viel verlangt.

Hierauf beantwortete ich alle Fragen des »Officiers der Justiz« über das Wesen der Krankheit dieser unglücklichen jungen Dame und über die Symptome, welche mich bewogen hatten, in diesemFalle den Wahnsinn zu constatiren. Sie wurde entmündigt, ihr Vater zum Curator ernannt und der Assistent-Resident X. wurde nach Kudus transferirt.

Die westlichen Grenzpfähle der Provinz Surakarta, die Berge Merapi und Merbabu mit ihrem Ausläufer Telomojo (1883 Meter hoch) habe ich fünf Jahre lang beobachten können, und ich will ihrer im folgenden Capitel erwähnen. Die »Fürstenthümer Javas« sind reiche Länder und hochinteressant wegen ihrer Vergangenheit und zahlreichen Denkmäler aus der Zeit der Hindu-Herrschaft.


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