Fig. 25. Buddha-Statue im Innern des Tempels bei Mendút.
Fig. 25. Buddha-Statue im Innern des Tempels bei Mendút.
In den späten Abendstunden erhält mit grosser Leichtigkeit der Officier und Unterofficier alle gewünschten Getränke von seiner Haushälterin oder von seinen Kameraden, und er braucht sich nur etwas Mühe zu geben, um die hineingeschmuggelten Waaren vor den Augen der inspicirenden Aerzte zu verbergen. Das Personal, d. h. die Krankenwärter wagen es nicht, den Verräther zu spielen. Im Jahre 1881 lag ich im Spitale zu Weltevreden als Patient; ein Lieutenant war mein Nachbar, dem der behandelnde Arzt erlaubt hatte, den Koffer in seinem Zimmer zu behalten. Dieser war jedoch mit Conserven gefüllt, obzwar der Patient an chronischer Dysenterie litt!! Die lästigsten Patrone sind diesbezüglich die Unterofficiere. Der gemeine Soldat hat vor dem »Ziekenvader« Furcht und Respect; bei den Officieren giebt es nur wenige, welche sich nicht vor dem Krankenwärter geniren würden, Speisen und Getränke hineinzuschmuggeln. Die Unterofficiere jedoch glauben, es ihrer Stellung schuldig zu sein, sich so viel als möglich der Disciplin, welche im Spitale ebenso nöthig ist, als in der Caserne, zu entziehen. Ich war einige Jahre in Magelang mit der Behandlung der »zweiten Abtheilung« betraut, und ich war gezwungen, die ganze Strenge meiner Stellung gegenüber den Unterofficieren zur Geltung zu bringen.Einmal kam ich dadurch in eine fürchterlich unangenehme Lage gegenüber dem Hospitalschef, dem Oberstabsarzt X., welchen ichohne mein Wissen und Willendem Spott der Unterofficiere blossgestellt habe.
Der Pavillon der zweiten Abtheilung, d. h. der Unterofficiere, bestand aus zwei Theilen, und jeder derselben hatte zwei Säle, welche durch den »Tagverbleib« von einander getrennt waren. Eines Morgens war ich in dem einen Saale mit der Untersuchung der Brust eines Feldwebels beschäftigt, als ich im nächsten Saale sprechen hörte; ich wollte mich in der Auscultation nicht stören lassen und rief: »Ruhe im andern Zimmer.« Als demungeachtet das Sprechen nicht aufhören wollte, ging ich raschen Schrittes in den benachbarten Saal und rief: »Wer wagt es zu sprechen, wenn ich »auf dem Saale« bin?« Es war der Spitalschef. Ich entschuldigte mich bei ihm, dass ich von seiner Anwesenheit nichts gewusst hätte; aber das unterdrückte Lächeln der Patienten und des Personals verrieth das Komische der Situation, dass ein Oberstabsarzt von einem Regimentsarzte in dem heftigsten Tone der Ruhestörung beschuldigt wurde. Meine Entschuldigung hielt er offenbar für eine Ausrede, weil ich gerade zwei Tage vorher seinem lästigen Benehmenwissend und wollendentgegengetreten war. Er hatte nämlich eine ganz falsche Auffassung von der Verantwortlichkeit eines Spitalschefs. Das Gesetz bestimmt entsprechend den herrschenden Verhältnissen den Chef als die Person, welche das Spital nach Aussen hin vertritt und auch die Verantwortung für alles auf sich nehmen muss, was in dem Spitale geschieht, und im gegebenen Falle zum Einschreiten der militärischen und civilen Behörden Anlass geben kann; die Behandlung der einzelnen Aerzte kann und muss natürlich, wenn sie sich in gewissen Grenzen bewegt, ihnen überlassen werden. Oberstabsarzt B. glaubte aber auch die »Leitung« derjüngernOber-Aerzte nicht nur auf deren Diagnosestellung, Behandlungsweise und Vorschreiben der Diät ausdehnen, sondern auch den älteren Regimentsärzten gegenüber dasselbe thun zu müssen. Manche Ober- und Regimentsärzte waren so verständig (?), sich diesem zu unterwerfen, und waren nichts mehr und nichts weniger als seine Receptenschreiber. Andere aber wollten ihm gegenüber ihre Selbständigkeit bewahren und kamen dadurch in manche Conflicte, wobei sie den Kürzeren ziehen mussten. Ich selbst war um ein Jahr älter als mein Chef und glaubte ihn manchmal auf diesen unrichtigen Standpunkt aufmerksam machen zu müssen, mit dem Hinweis, dass er sich selbst den Dienst erschwere,um 5–600 Patienten zu behandeln. Seine Eitelkeit behielt die Oberhand, und so geschah es, dass er während der Zeit der Visite »auf alle Säle« ging, die Diagnose, die Behandlung und Diät aller Kranken controlirte und seine Ansichten dem behandelnden Arzte mittheilte. Eines Tages kam er auch »auf meinen Saal«, der 30 Meter lang war und für 21 Patienten Betten enthielt. Ich war am äussersten Ende des »Saales«, als er bei der Thür erschien; in militärischem Schritt ging ich ihm entgegen, er winkte mir jedoch mit der Hand ab und fügte hinzu: »Lassen Sie sich nicht stören.« Anstatt aber den Saal zu verlassen, ging er zu den Patienten und begann seine Controle! Ich konnte unmöglich etwas anderes sagen oder thun, als meine Arbeit einzustellen und zu warten, bis der Oberstabsarzt am Ende des Saales sein Gespräch beendigt hatte. Wiederum rief er mir zu: »Lassen Sie sich nicht stören.« Es war ein Saal mit internen Kranken; beim besten Willen konnte ich nicht auscultiren, wenn nicht die grösste Ruhe im Zimmer herrschte; ich hielt also wieder mit meiner Arbeit ein und stellte mich wie ein preussischer Grenadier in »Position«. Endlich verliess er den Saal, ohne zu grüssen. (Zwei Tage später geschah oben erwähnter Vorfall in dem Unterofficierspavillon, und seit dieser Zeit blieb ich während der Visite von seiner Anwesenheit verschont.) Dieser Saal war die Hälfte der sogenannten Tolletbaracken, deren es zwei gab, und zwar zu beiden Seiten der Küche, welche in dem offenen Raum gegenüber dem Eingange lag. Diese Baracken (No. VI,Fig. 24) sind sehenswerthe Pavillons für ein Spital in den Tropen; sie stehen auf kleinen, steinernen Pfeilern von ungefähr 40 cm Höhe und bestehen aus zwei Sälen, welche durch »das Tagverbleib« von einander getrennt sind. Dieses hat zu beiden Seiten je ein kleines Zimmer für die Krankenwärter und einen Bergeplatz für gewisse Geräthe; im Hintergrunde befindet sich der Waschplatz mit zahlreichen Waschbecken und der Wasserleitung. Der Vortheil dieser Baracken besteht in ihrer bedeutenden Höhe und dass die Wände aus einer doppelten Reihe von Brettern mit einem Zwischenraume bestehen; unten und oben sind Oeffnungen, durch welche die Luft hinaufziehen und durch die Dachventilation nach Aussen strömen kann. Drei Fehler zeigten diese Säle. Weil sie auf Pfählen standen, dröhnte es fürchterlich, wenn man mit militärischem Schritt durch den Saal schritt. Mein Vorschlag, diesem dadurch abzuhelfen, dass man Laufteppiche legen sollte, wurde mit der Motivirung zurückgewiesen, dass in Indien solche Laufteppiche die Brutnester zahlreicher Insecten werden würden. Die Hohlräume in derWand könnten die Brutstätte von Mäusen und Ratten werden, und drittens lag die eine Fensterfront nach dem Westen frei, so dass die Sonnenstrahlen in den Saal dringen konnten und thatsächlich die Kranken stark belästigten. Aus »ästhetischen Motiven« wurde mein Vorschlag, über den Fenstern kleine Marquisen anzubringen, abgelehnt. Leider hatte das Spital nur zwei dieser übrigens sehr praktischen Pavillons.
Nebstdem befanden sich noch zu beiden Seiten der Küche je drei, und parallel mit der Hauptfront des Gebäudes und hinter der Küche ein neunter Pavillon. Vier von diesen Pavillons hatten mehr oder weniger Holztheile, während die drei letzten nur aus Bambus bestanden und nicht einmal einen steinernen oder hölzernen Flur hatten; diese hiessen temporäre Gebäude, die übrigen Pavillons, welche nur theilweise aus Bambus bestanden, trugen den stolzen Namen semipermanente, und die Tolletbaracken waren permanente Gebäude. So lange die Baracken aus Bambus neu sind, sehen sie ganz hübsch aus, leisten aber in den Tropen nicht immer gute Dienste. Durch die Lücken der Matten findet ein steter Luftwechsel statt, und bei hoher Temperatur der Aussenluft herrscht im Innern eines solchen Gebäudes eine unerträgliche Hitze. Werden sie alt, haben sie eine schmutzige, graue Farbe, Spinnen, Wespen und andere Insecten nisten in ihnen, Staub und Holzmehl bedecken die Oberfläche, und jeder geringe Sturm oder Wind schüttelt dieselben auf die Bewohner. Im Jahre 1877 wohnte ich in einem solchen Fort, welches bereits 15 Jahre stand. Jedesmal, wenn das Gebäude durch einen etwas heftigen Wind erschüttert wurde, während ich mein Abendmahl verzehrte, musste ich den Pajong über den Suppenteller halten lassen, um nicht ein unerwünschtes Gewürz in meine Speise zu erhalten. Solche Gebäude sollten also aus Reinlichkeitsursachen alle drei bis vier Jahre ganz erneuert werden, was schon ihr Name temporär erwarten lässt; aber leider hat kein Spitalschef den Muth, einen diesbezüglichen Vorschlag einzureichen, wie mir s. Z. ein Hauptmann »der Genie« mittheilte. Kurz vor meiner Abreise kam ein Fall von Tetanus vor, und dennoch wurden die Wände nicht sofort erneuert.
Auch die Abtheilung für Infectionskrankheiten (No. XXVII,Fig. 24), welche im äussersten Norden des Terrains lag, hatte solche temporäre Gebäude, und zwar mit einem Cementflur. Es war ganz entsprechend den Anforderungen der modernen Wissenschaft für ansteckende Krankheiten eingerichtet, d. h. es war ganz isolirt, hatte einen Desinfectionsofen, der im Grossen und Ganzen gut functionirte, obwohl er irrthümlicher Weise in Magelang nicht an seinem Platze war, aber die Gebäudewurden nicht erneuert, wenn vereinzelte Fälle von Cholera, Blattern u. s. w. vorkamen. Wenn auch die Kosten einer solchen Renovirung geradezu unbedeutend[185]zu nennen sind, so wurde mein diesbezüglicher Vorschlag vom Spitalschef jedesmal zurückgewiesen mit der Motivirung, dass er unmöglich wegen einesvereinzeltenCholerafalles einen solchen Vorschlag an die Regierung einreichen dürfe.
Die Hauptfront des Gebäudes, mit der Apotheke, Magazinen, Bureaux für den Chef und den wachthabenden Doctor und Apotheker und Operationszimmer,[186]bestand aus Ziegeln.Dieses Spital ist also eine Versuchsstation der indischen Baukunstund kein architektonisches Ganzes oder Einheit und gewiss kein monumentales Gebäude; es ist ein durcheinander geworfenes Mosaikbild aller Baumaterialien, welche in den Tropen zum Bau von Gebäuden verwendet werden können. »Die Genie« braucht auf dieses Gebäude nicht stolz zu sein.
Die Wasserleitung war gut; in einer Entfernung von ungefähr 1000 Metern befand sich im Thale des Elloflusses eine Quelle mit Gebirgswasser; ein Pumpwerk trieb das Wasser in das Spital, wo es in einem Wasserthurme als Reservoir aufgefangen und danach mit Röhren in das ganze Spital geleitet wurde.
Die Canalisirung war ebenfalls praktisch angelegt; ein grosses Ableitungsrohr mündete in bedeutender Entfernung in das rechte Ufer des Elloflusses. Die Aborte hatten das Tonnensystem, an ihrer hinteren Seite befand sich eine kleine Thür, und Sträflinge wechselten täglich die grossen Tonnen aus dickem Eisen.
Die Beleuchtung war anfangs so schlecht als möglich. Die Beleuchtung in den Sälen brauchte nicht stark zu sein, weil die Patienten um 9 Uhr zu Bette gehen mussten, aber die langen Corridore hatten wegen des wellenförmigen Terrains hin und wieder Treppen; der erste Spitalschef liess diese schwarz und weiss anstreichen und darüber die »glimmenden Nägel« aufhängen. Die Petroleumlampen waren zu klein, um die »Runde« hinreichend zu erleuchten, und verdienten mit vollem Rechte den Namen »glimmende Nägel«. Um diesem Uebelstands abzuhelfen, wurden endlich die Treppen entfernt, und die langen Corridore bildeten dann eine sanft auf- und absteigendeüberdeckte Strasse. Im »Tagverbleib« der einzelnen Pavillons und in den Zimmern der kranken Officiere und der wachthabenden Aerzte und Apotheker befanden sich grosse Stehlampen oder Hängelampen, welche hinreichend Licht gewährten.
An die »Wissenschaft« wurde beim Bau des Spitales sehr wenig gedacht; ein Häuschen für »Schwefelwasserstoffentwickelung« befand sich in der Nähe der Apotheke, wurde aber als Rumpelkammer benutzt; in der Nähe der Abtheilung für Infectionskrankheiten befand sich das Leichenhaus mit einem Cabinet[187]für mikroskopische Untersuchungen; neben dem »Conferenzzimmer« befand sich ein Cabinet mit der stolzen Aufschrift: Bibliothek, welches von mir zur Untersuchung des Urins eingerichtet wurde; in einem Spitale für 4–600 Patienten konnten keine chemischen Untersuchungen des Mageninhaltes, keine Blutuntersuchungen, keine bacteriologischen Arbeiten gemacht werden; es sei denn, man ersuchte einen der Apotheker darum, welcher in der Regel mit der Receptur so viel zu thun hatte, dass eine specielle Ausbildung in diesen Fächern nicht erwartet werden konnte.
Wenn ich noch mittheile, dass die »Badekammern« auch hölzerne Wannen für warme und heisse Bäder[188]neben den üblichen Douchen hatten, dann habe ich nichts vergessen aus dem mit grosser Raumverschwendung errichteten Militärspitale zu Magelang, welches als eine Sehenswürdigkeit Javas gepriesen wird.
Die Harmonie zwischen den beiden Mächten des Staates war in Magelang anfangs sehr gut. Der Militär- und zugleich Platz-Commandant war ein Ehrenmann, der durch die Ruhe seines Charakters und durch die Humanität seines Denkens und Fühlens keinen Feind hatte; der Resident A. war, ich möchte sagen, aus demselben Stück Eisen geschmiedet; beide Männer füllten mit grosser Gewissenhaftigkeit, aber auch mit allem Tact und Ehrlichkeit ihre Stellung aus und vermieden durch rechtzeitiges Entgegenkommen jeden Conflict; niemals gab es Reibereien. Aber unter den Civilbeamten ist noch eine Kategorie, welche durch die undeutliche Competenzgrenze ihrer Stellung häufig zu Reibereien Anlassgiebt, und leider führt dieser Federkrieg oft genug auch zur Entfremdung der beiden Würdenträger.
Die jüngste Reorganisation des Rechtswesens hat nämlich den Gerichtsbeamten beinahe eine ganz unabhängige und, ich möchte fast sagen, isolirte Stellung im indischen Staatswesen eingeräumt. Die Erfahrung muss erst den Beweis bringen, ob dieses Princip für die Colonien ein richtiges sei; die administrativen Beamten konnten sich bis jetzt nur schwer in die neuen Verhältnisse hineinfinden, obwohl ihnen ein grosser Theil ihrer Arbeit und der Verantwortung ihrer vielseitigen Leistungen abgenommen wurde. Die Gerichtsbeamten gewannen dadurch so viel Freiheit in ihren Entschlüssen, dass sie vollständig unabhängig und selbständig ihren Berufspflichten nachkommen konnten. In beschränkten Köpfen musste diese Freiheit der Stellung eine Begriffsverwirrung mit der Freiheit der Person veranlassen, und so geschah es, dass der Landesgerichtsrath X. zu Magelang neben seinen Berufspflichten die der Controle über den Residenten auf sich nahm und zwar in derausgesprochenenAnsicht, dass die Gerichtsbeamten in jedem Staate die einzigen und höchsten Stützen und Leiter seien. In recht komischer und drastischer Weise bekundete der Herr X. diese Anschauung gegenüber einem Major der Infanterie, welcher wegen seines universellen Wissens eine sehr geachtete Stellung überall, zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft einnahm.
Diese beiden Männer besprachen das Thema, dass Niemand mit seinem Stande zufrieden sei und dass Jedermann seine Kinder eine höhere Stellung, als er selbst bekleide, anstreben lasse. Dabei entwickelte Herr X. eine gesellschaftliche Leiter und gab die vorletzte Stufe derselben dem Officier und die höchste und letzte Stufe dem Juristen.
Leider ist die Organisation des Rechtswesens Schuld an den zahlreichen Reibereien der betreffenden Beamten. Während die Regierungsform durch und durch centralistisch ist, der Absolutismus im weitesten und ausgebreitetsten Sinne das Scepter über die Europäer führt und den Eingeborenen nur sehr geringe Communalangelegenheiten in eigener Verwaltung überlässt, so dass der Verwaltungsbeamte beinahe im strengsten Sinne des Wortes der Patriarch seines Verwaltungsbezirkes ist, gab sie den Gerichtsbeamten eine zu weit gehende autonome Organisation, so dass dies Regierungsprincip in seinen Grundpfeilern erschüttert wurde. Die Zulassung der Europäer und »fremden Orientalen« in N.-Indien, die Verbannung von Personen aus N.-Indien, die Aufsicht über die Magistratsverordnung und über die Gefängnisse, dieGesuche um Errichtung von Actiengesellschaften oder Vereinen, die Naturalisation, die Aufsicht über die Presse, über Volksversammlungen, die Waisen- und Nachlasskammer gehören in das Departement der Verwaltungsbeamten,[189]die sich bei ihren Studien in Delft auch eine hinreichende Fülle des juridischen Wissens diesbezüglich aneignen. Das Polizeiwesen blieb in Händen der Verwaltungsbeamten, und auch die Zuweisung nach den Strafrichtern, welche so viel als möglich die diesbezügliche Competenz an sich reissen wollen und dadurch eine unerschöpfliche Quelle von Streitigkeiten geschaffen haben.
Der Europäer erscheint nämlich nur vor einem Gerichtshof aus Europäern, deren drei auf Java bestehen, und zwar in Batavia, Samarang und Surabaya, während zahlreiche Landesgerichte mit einem europäischen Juristen als Präsidenten, einem europäischen Secretär und einigen Häuptlingen mit dem Panghulu (mohamedanischen Priester) als Beisitzer über die Eingeborenen die Jurisdiction üben. Es würde mich zu weit führen, das Rechtswesen auf Java ausführlich zu beschreiben, und ich will daher zu dem Ausgangspunkte dieses Capitels zurückkehren.
Es herrschte in Magelang ein gemüthlicher Ton unter der Herrschaft dieser zwei Würdenträger; als der Colonel P. wegen körperlicher Gebrechen, denen er leider bald danach erlag, in Pension gehen musste, kam ein Misston in das gesellschaftliche Leben der Residenzstadt, und bald standen sich zwei feindliche Parteien gegenüber, welcher zwar die Grenzen der Höflichkeit nicht überschritten, aber einen gemüthlichen Verkehr derselben unmöglich machte. Lieutenant X. war ein Günstling des Residenten, welcher ein Schulkamerad seines Vaters gewesen war; seine Frau, eine liebenswürdige, schöne und gebildete Dame, verkehrte daher gern im Hause des Residenten, und als ihr Mann in Conflict mit seinen Vorgesetzten kam, fanden sie beide im Hause dieses hohen Beamten Trost und Stütze in ihren Leiden.
Lieutenant X. war mit seinem Kameraden Y. so befreundet, dass sie gelobten, sich tolerant auf die gegenseitigen Fehler aufmerksam zu machen und einander in Leid und Freud beizustehen. Doch bald darauf bestand keiner von beiden die Feuerprobe ihrer Freundschaft; beide standen bei demselben Bataillon und in derselben Compagnie. Beide waren Oberlieutenants; Lieutenant Y. war aber im Range um acht Monate höher und um 6 Jahre älter als Lieutenant X. In Vertretung des kranken Compagnie-Commandanten führte eines Tages Lieutenant Y.seine Compagnie auf das Exercierfeld bei dem Berge Tidar. In einer Ruhepause blieb X. reglementswidrig nicht bei der Truppe stehen, sondern begab sich zu seinem Freunde Y. Dieser glaubte dieses rügen zu müssen und schickte seinen Freund X. auf seinen Platz. Lieutenant X. beantwortete diese strenge Auffassung der Dienstvorschriften mit einer brüsken Antwort, worauf sein Freund Y. die Sache an den Bataillons-Commandanten rapportirte. Lieutenant X. bekam vier Tage Arrest und forderte Lieutenant Y. zum Duell. Dieser weigerte sich, das Duell anzunehmen, und theilte dieses wieder höheren Ortes mit; in dem weiteren Verhalten in dieser Affaire zeigte sich Lieutenant X. so unbotmässig, dass er sich die Sympathie seiner Freunde selbst unter den Officieren verscherzte. Der Colonel beschuldigte jedoch den Residenten, ihn zu seinem indisciplinaren Vorgehen aufgereizt zu haben, wofür er, ich zweifle keinen Augenblick, keinen einzigen objectiven Beweis haben konnte. Dies war die Veranlassung zu einem gespannten Verhältnisse zwischen diesen beiden Würdenträgern, welche aber ihrerseits bei öffentlichen Gelegenheiten den äusseren Schein des freundschaftlichen Verkehrs bewahrten. Dazu gab es sehr oft Gelegenheit. Die Soldaten hatten nämlich zwei Theatergesellschaften, welche in der Cantine oft Vorstellungen gaben, und ich selbst hatte unter den Officieren und Bürgern die »Thalia« errichtet. Im Jahre 1893 war nämlich in Magelang ein Wettrennen, welches mit einer Ausstellung der Industrieproducte der Provinz Kedu verbunden war. Nebstdem hatten einige Herren und Damen zu dieser Gelegenheit ein Lustspiel einstudirt und für den zweiten Abend einen Tingel-Tangel eröffnet. Das Lustspiel und das Café chantant wurde in der Vorgalerie des Residenten gegeben, welcher zu diesem Zwecke die Coulissen aus der Cantine entlehnt hatte. Diese hatten solchen Anklang gefunden, dass nach Ablauf der Wettrennen einige Bürger und Officiere zur Gründung eines Dilettantentheaters zusammentraten. Zum ersten Director wurde meine Wenigkeit gewählt; jedes Mitglied sollte 1 fl. monatlich bezahlen, und dafür sollten vier Vorstellungen im Jahre gegeben werden. Mitglieder fanden sich in hinreichender Zahl; ausübende Mitglieder gab es auch hinreichend; aber alles Andere fehlte. In erster Reihe machte mir die Platzfrage sehr viel Sorge; endlich wurde ich auf die Turnhalle der Schule für die Häuptlingssöhne aufmerksam gemacht; obwohl hier jeden zweiten Sonntag von dem »Domine« Gottesdienst gehalten wurde, der zu diesem Zwecke von Djocja nach Magelang kam, wurde mir vom Residenten dieser Saal gerne zu diesem Zwecke abgetreten.Die zweite Frage galt der Beschaffung der Coulissen. Der Verein hatte im Anfang keine hinreichenden Geldmittel, um Coulissen malen zu lassen. Ich miethete also für die erste Vorstellung, welche die Feuerprobe der Existenzfähigkeit dieses Vereins geben sollte, die Coulissen des Theaters aus der Cantine; als ich dessen sicher war, berief ich die erste Versammlung der mitwirkenden Mitglieder, und nach langer Debatte über die Wahl des Stückes wurde für die erste Aufführung das echt holländische Drama »Janus Tulp«, und für die zweite die holländische Uebersetzung des deutschen Lustspieles »Der Störefried« angenommen. Das Lesen und Einstudiren der Rollen brachte der Jugend Magelangs gemüthliche und unterhaltende Abende, zu denen sich natürlich ganz heimlich auch der kleine Schalk Amor hin und wieder einstellte, bis endlich die Opfer seiner Intrigue am Traualtar einander ewige Treue schworen. Zahlreich waren die Detailarbeiten und sehr lästig für mich, weil ich in die Geheimnisse des Coulissenlebens gar nicht eingeweiht war. Endlich kam der grosse Tag der ersten Aufführung. Um 9 Uhr Abends sollte sie stattfinden; ein schwerer Tropenregen schaffte ganz unerwartet Hindernisse. Der Turnsaal stand mitten im Hofraum zwischen den Pavillons für die Zöglinge der Anstalt; zwei Zimmer wurden bereitwilligst von dem Director für diesen Abend der »Thalia« zur Verfügung gestellt. Hier sollten die Herren und Damen sich schminken lassen und den Toilettenwechsel besorgen. Mit einem Regenschirm konnten sie sich gegen den strömenden Regen schützen. Wie sollten sie aber durch die entstandenen Pfützen trockenen Fusses auf die Bühne gelangen? Zwei Stunden vor dem Anfang nahm ich also meine Equipage und überfiel den Residenten in seinen häuslichen Arbeiten. Er sollte und musste als Mäcen den mit Lebensgefahr (??) bedrohten Schauspielerinnen helfen! Der brave Mann schaffte Hülfe. Eine Bretterwand stand unbenutzt vor einem vollendeten Gebäude; eine »Truppe« Sträflinge (25 Mann) erhielt den Befehl, sofort diese Wand abzubrechen und nach dem Turnsaal zu bringen. Der Regen hatte um 9 Uhr aufgehört, die entstandenen Pfützen wurden mit den Brettern bedeckt, und ohne Lebensgefahr (?) konnten die Schauspielerinnen und Schauspieler trockenen Fusses auf die Bühne gelangen. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen, und stolz rühme ich mich noch heute dieser That. Janus Tulp[190]ist ein echtes Volksstück mit einem kräftigen Dialog und gesunder Tendenz. Ein Barbier wird durch ein LoosBesitzer eines grossen Vermögens und Protz in optima forma. Seine Frau und seine Tochter jedoch bewahren ihre einfachen Sitten und kommen dadurch in Conflict mit den hochfliegenden Plänen ihres Vaters. Die Tochter ist die Heldin des Stückes und wurde von der Frau des oben erwähnten Lieutenants Y. mit solcher Wärme und Natürlichkeit gespielt, dass kein Auge trocken blieb. Frau Y. hätte auf jeder Bühne Europas eine Zierde sein können. Um 11½ Uhr war das Drama beendigt; zum Nachhausegehen hatte aber Niemand Lust. Die Schauspieler beeilten sich, die Schminke abzuwaschen, und schon nach einer Viertelstunde formten alle ausübenden Mitglieder unter dem Präsidium des Residenten einen Aufzug. Die Militär-Musik, welche in den Zwischenacten gespielt hatte, stellte sich an die Spitze, und unter den fröhlichen Klängen eines Tara-ra-bum-Marsches zogen wir Alle in das Clubgebäude. Die Lampen wurden angezündet, die Musik nahm im Tanzsaale Platz, und bis zur frühen Morgenstunde wurde nun der Terpsichore gehuldigt.
Fig. 26. Ein Feld aus dem grossen Fries in den Mauern des Buru Budur.
Fig. 26. Ein Feld aus dem grossen Fries in den Mauern des Buru Budur.
Wenn ich nun des Croquetclubs erwähne, welcher manchmal einige Wochen oder Monate lang bestand, dann habe ich alles mitgetheilt, was den Bewohnern Magelangs an Vergnügungen geboten wurde. Wollte man also in die Monotonie des täglichen Lebens Abwechselung bringen, dann musste man es in der Lectüre, in gesellschaftlichen Zusammenkünften oder im Genuss der schönen Natur und der zahlreichen Ruinen suchen, an welchen die Provinz Kedu aussergewöhnlich reich ist.
DietäglicheLectüre war die »Locomotief«, welche in Samarang herausgegeben wurde, oder der »Javabode«, welcher in Batavia täglich erscheint; erstere kostete 40 und die Batavische Zeitung 20 fl. pro Jahr. Natürlich erscheinen auf Java auch noch andere Zeitungen, z. B. in Surabaya, in Djocja ein in malayischer Sprache geschriebenes Tageblatt u. s. w., welche eine ausgezeichnete Controle der Regierung sind, ja noch mehr; wenn auch in militärischen und Beamten-Kreisen Jedermann ein trauriges Stigma hat, welcher »in den Zeitungen schreibt«, so findet dennoch die Fama regelmässig ihren Weg in die Redactionsstube, und manche Unregelmässigkeit, Nachlässigkeit oder Uebergriff der Bureaux wird rechtzeitig der Kritik der öffentlichen Meinung überliefert. Auch ohne diese stete und ununterbrochene Controle der Würdenträger hat die indische Presse geradezu einen bedeutenden Einfluss und pädagogischen Werth, der nicht hinreichend gewürdigt wird. Mit mehr oder weniger Unrecht wird das persönliche Verdienst derRedacteure hierbei geschmälert, nämlich durch die Behauptung, dass der Scheere der Löwenantheil an diesem Verdienste gebühre; dies ist wahrscheinlich richtig; aber die Mildthätigkeit hat auch oft andere Quellen als das Verlangen, den Armen zu helfen; wer wird eine mildthätige Stiftung zurückweisen, weil die Eitelkeit an ihrer Wiege sass? Ob nun der Redacteur aus der Tiefe seines Geisteslebens schöpft oder mit der Scheere bei seinen europäischen Collegen eine Anleihe macht, kümmert den Leser gar nicht; Thatsache ist, dass die indischen Zeitungen sehr instructiv und oft unterhaltend sind. Das Verdienst ist um so grösser, weil Indien keine Gemeindevertretung[191]hat, wodurch viele locale Blätter in Europa Stoff zu täglichen, meterlangen Mittheilungen erlangen.
Nebstdem war ich Mitglied zweier Lesegesellschaften; die eine hatte ihren Sitz in Magelang und bot ihren Mitgliedern eine reiche Auswahl in europäischen periodischen Zeitschriften; oft erhielt ich jeden Sonnabend 20 Nummern, wie z. B. Fliegende Blätter, Ueber Land und Meer, De aarde en haar volken, London News, Journal pour rire, Wiener Caricaturen u. s. w. Die zweite wurde von einem Civil-Arzt in Samarang verwaltet und besorgte die Fachlectüre; deutsche, holländische und französische medicinische Wochenschriften wurden jede Woche nach Magelang gesendet.