Schluss.

Schluss.

Abreise von Magelang — Semárang — „Schuttery“ — Die chinesische Behandlung der Diphtheritis — Das ewige Feuer — Salatiga — Abschied von Semárang.

In Semárang, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz,[217]schloss ich meine indische Carrière.

Nach 10jähriger, ununterbrochener Dienstzeit hat der Officier und Beamte Anspruch auf einen einjährigen Urlaub nach Europa. Er bekommt freie Reise bis nach Holland für sich und seine ganze Familie und einen Urlaubsgehalt, der je nach dem Range des Officiers zwischen 1350 und 8000 fl. pro Jahr variirt. Im Juli 1896 trat für mich dieser Zeitpunkt ein, ohne dass ich aus verschiedenen Ursachen davon Gebrauch machte. Ich wohnte ja in einer Garnisonstadt, welche ein italienisches Klima hatte; ich hatte einen kleinen, aber angenehmen Kreis von Bekannten und wohnte in einem steinernen Hause, welches mir allen Comfort erlaubte. Zweitens sind die Sommer- oder Herbstmonate keine erwünschte Zeit für eine Reise nach Europa; ungeheure Wärme und heftige Stürme sind keine angenehmen Begleiter einer Seereise. Wer es kann, schiebt seine Reise für die Monate März und April auf; thatsächlich habe ich auf meiner Reise vom 12. April bis 13. Mai des folgenden Jahres das schönste Wetter gehabt, welches man sich denken kann, nur einen einzigen Tag war die See ein wenig unruhig. Wer wie ich leicht seekrank wird, rechnet gewiss mit diesem Factor. Als ich nach Semárang (am 17. August 1896) transferirt wurde, beschloss ich, im Frühjahr 1897 von meinem rechtlichen Anspruch auf einen einjährigenUrlaub nach Europa Gebrauch zu machen. Ich hielt also wiederum Auction und gab dem Commissionär den Auftrag, bis auf meinen Mylord und meine zwei Pferde, welche ich auch in Semárang würde gebrauchen können, alles, und zwar à tout prix zu verkaufen. Besonders mein Bücherkasten hatte einen bedenklichen Umfang erhalten. Leider hatte ich versäumt, den Platzcommandanten um seine Begünstigung zu bitten, und so geschah es, dass gerade an diesem Tage grosse Feldübungen abgehalten wurden, die Officiere erst um ein Uhr nach Hause kamen, und meine Auction wegen Mangels an kauflustigen Officieren ein sehr geringes Erträgniss hatte. 1000 fl. erzielte die ganze Einrichtung meines Hauses, Glas und Essservice, alle Kleider und ein Kasten voll Bücher. Wagen und Pferde verkaufte ich drei Monate später an einen Collegen, der mir 375 fl. dafür bezahlte. In Semárang selbst miethete ich kein Haus, sondern zog in das Pavillonhotel, in welchem ich und meine Frau für 250 fl. monatlich ganze Verpflegung und zwei Zimmer erhielten. Leider sollte ich die wenigen Monate bis zu meiner Abreise noch viel Misèren zu erleiden haben. Zunächst befiel mich eine heftige Furunculosis, welche in fünf Monaten ungefähr 200 Furunkeln, natürlich verschiedener Grösse, und zwar von der einer Erbse bis zu der einer Handfläche brachte, und zweitens war ein solcher Mangel an Aerzten, dass ich trotz meines so schmerzhaften Leidens ausserordentlich intensive Arbeit auf mich nehmen musste, und der Sanitätschef mir selbst den Urlaub nach Europa verweigern wollte und bei der Regierung den Vorschlag einreichte, wegen herrschenden Mangels an Aerzten ihnen den Anspruch auf einen Urlaub nach Europa zeitlich zu suspendiren. Der Gouverneur-General wies jedoch diese Zumuthung zurück mit der Motivirung, dass der Sanitätschef rechtzeitig für neue Aerzte hätte sorgen sollen, und dass es nicht anginge, in so leichtfertiger Weise einem Officier ein ihm zukommendes Recht zu verkümmern.

Das Hotel, in welchem ich wohnte, lag an der letzten Krümmung des »Bodjong’schen Weges«, einer schönen und breiten Strasse von 1½ Kilometer Länge, und zwar gegenüber einem Garduhäuschen (Fig. 29); das andere Ende zierte das Haus des Residenten, und daneben das des Landes-Commandirenden, welcher den Rang eines General-Majors bekleidete.

Dieser »Bodjong’sche Weg« ist eine Zierde der Stadt, welche imUebrigen vieles zu wünschen lässt. Artesische Brunnen und Dampftramway erinnern uns zwar an ihren Rang als dritte Stadt Javas, aber sie ist arm an Sehenswürdigkeiten, sie hat nur sehr wenige Plätze, kein einziges monumentales Gebäude, kein einziges Denkmal, keine Museen und nur ein unbedeutendes Theatergebäude, welches kaum diesen Namen verdient, ein Clubgebäude, eine Freimaurerloge und Gotteshäuser für die katholische, protestantische und mohamedanische Religion.

Doch ganz im Verborgenen bildet, den Meisten unbekannt, eine Perle der modernen Baukunst, die Capelle des katholischen Frauenklosters eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Auf dem grossen Wege nach dem Stationsgebäude, welches ebenfalls jedes architektonischen Schmuckes baar ist, steht die katholische Kirche zur rechten Seite und ihr gegenüber das Kloster der Franziskanerinnen, welche hier eine öffentliche Schule halten. Zur Seite der Schule steht eine Capelle, im Spitzbogen gebaut, welche im Innern die ganze Farbenpracht des maurischen Stiles aufgenommen hat. Es ist ein überwältigender Reichthum der Farben, welcher die Augen nicht beleidigt, sondern ergötzt.

Das Stadthaus ist ein einstöckiges Gebäude ohne Stil und ohne Schmuck. Ihm gegenüber liegt das Militär-Spital mit einigen Pavillons, und an seiner Nordseite schliesst sich die Landes-Irrenanstalt an. Das Spital ist zum grössten Theile aus steinernen Gebäuden, und der Officierspavillon besitzt acht schöne, grosse Zimmer für acht Patienten. Ein kleiner Garten grenzt an diesen und an den mittleren Pavillon, in dessen erstem Stock die Krankensäle für Gefangene sich befanden. Das Ganze ist mit einem eisernen Gitter umgeben und sieht nach dem grossen Platz, welcher von dem erwähnten Stadthause, der Moschee und der Wohnung des Regenten begrenzt ist. Hier werden Sonntags um 5 Uhr Nachmittags von der Militär-Capelle oder von der Landwehr Concerte gegeben, zu welchen sich die beau monde von Semárang einstellt. Auf der Strasse steht eine doppelte Reihe von Equipagen, und europäische, chinesische und arabische Sonntagsreiter und zahlreiche Radfahrer vervollständigen dieses schwache Bild eines Corso. Die alte und eigentliche Stadt wird von den angesehenen Europäern nicht bewohnt; diese haben ihre »Häuser« auf dem »Bodjong’schen Wege«, im Pontjol und Pendrian, welche sich auf einer beinahe parallel mit diesem gelegenen Strasse befinden. »Auf Pontjol« liegt auchdas alte, jetzt verlassene Fort »Prinz von Oranje«, und zwar mitten im Sumpfe; von der Strasse aus wird es gar nicht gesehen, weil Frucht- und andere Bäume es umgeben und sein Dach über die Bäume nicht hervorragt. Die bombensichern Casematten bestehen aus meterdicken Mauern, welche den Geschützen vergangener Jahrzehnte Widerstand bieten konnten; jetzt befinden sich nur die Bureaux der Intendantur und der Genie darin.

Von den Strassen der »Stadt«, welche jenseits des rechten Ufers des Flusses Ngaran oder Semárang liegen, lässt sich leider gar nichts Rühmenswerthes sagen; sie sind schmal, ohne Bäume, haben selten ein Trottoir, dafür aber offene, stinkende Canäle; ihre Häuser sind im altholländischen Stile gebaut, ohne Garten, sie sind noch hässlicher als die »alte Stadt von Batavia«. Nebstdem sind sie häufig den Ueberströmungen ausgesetzt, so dass nur der eine Wunsch ausgesprochen werden kann, dass die »Stadt« bald verlassen werden möge, und dass auf dem grossen Wege von Randosari, welcher sich an den »Bodjong’schen Weg« anschliesst, eine neue Stadt entstehen möge.

Der Hafen ist ein primitiver Landungsplatz, ohne den bescheidensten Ansprüchen der modernen Baukunde zu genügen. Auf dem Ueberschwemmungscanal (Bandjir-Canal) ruhen Hunderte von Kähnen, welche den Verkehr mit der Rhede vermitteln, und wenn wir noch die Tausende und Tausende Mosquitos erwähnen, welche sich jeden Abend aus den umgebenden Sümpfen, Sawahfeldern und Fischteichen erheben, um blutdürstig die Bewohner Semárangs zu überfallen, und der grossen Schwärme der niedlichen Reisvögel gedenken, welche den Bodjong’schen Weg beleben, dann ist alles Wissens- und Sehenswerthe dieser Stadt mitgetheilt.

Im Spitale war mein Wirkungskreis derselbe wie in Magelang. Ich hatte meinen »Saal« zur Behandlung europäischer Patienten und war wiederum Mitglied der Superarbitrirungs-Commission. Diese hatte sich auch mit bürgerlichen Angelegenheiten insofern zu beschäftigen, als jene Bürger, welche von den Stadtärzten ungeeignet zum Dienst für die Bürger- und Feuerwehr erklärt wurden, von uns superarbitrirt werden mussten. Diese Bürgerwehr befindet sich nur in den fünf Städten Batavia, Semárang, Surabaya, Djocja und Solo und hat die ganz richtige und gesunde Idee zur Basis, in Zeiten der Gefahr und des Aufruhrs, bei Mangel an Militär bei der Handhabung der Ruhe und Ordnung in diesen Städten zu assistiren; siebesteht also nur aus Europäern und Halb-Europäern, und der jeweilige Resident dieser fünf Provinzen ist der Ober-Commandant der Bürgerwehr (Schuttery), welcher im gegebenen Falle seine Truppen unter das Commando des militärischen Platz-Commandanten stellen kann. Dieses Princip, dass in Zeiten der Gefahr und der Noth die Bürger das Recht oder die Pflicht oder beides haben sollten, ihre Stadt zu vertheidigen und zu beschützen, wird aber nicht consequent durchgeführt, und dadurch wird die »Schuttery« zu einem »Veteranen-Verein« der kleinen Städte Deutschlands degradirt. Wenn es Pflicht eines jeden Bürgers ist, sein Vaterland oder seine Vaterstadt, zu vertheidigen, warum sind davon »Haus- und andere Bediente und Gemeindearme« ausgeschlossen? Wenn es ein Recht eines jeden Bürgers ist, sich in den Waffen üben zu dürfen, wieder mit dem Zwecke, in Zeiten von Aufruhr und Gefahr helfend und beschützend auftreten zu können, warum wird den genannten Personen dieses Recht vorenthalten? Warum wird diese Pflicht »hohen Beamten, Gerichtspersonen, Predigern, Apothekern, pensionirten Officieren, Eisenbahn- und Tramway-Beamten, Telephon-, Post- und Telegraphen-Beamten u. s. w. u. s. w.« nicht auferlegt? Die Kostenfrage spielt keine Rolle; denn die »Schutters« erhalten vom Staate nur die Waffen und im Bedarfsfalle einen den Soldaten entsprechenden Sold. Selbst die Uniform, welche nur für den Officier etwas kostspielig ist, bezahlen sie aus eigenem Vermögen; sie besteht aus weisser Hose und weissem Röckchen ohne Schösse. Die Officiere haben dunkle Kleider aus Tuch oder Serge und Epauletten und Fouragères (Schulterquasten mit Schnüren) aus Gold oder Silber. Die weissen Uniformen, aus russischer Leinwand oder ähnlichen Stoffen verfertigt, sind ganz hübsch und zweckmässig auf dem Exercierplatz und bei der Parade; sie haben aber den Nachtheil, dass das scharfe Licht der Tropensonne zu stark reflectirt wird. (Im abessynischen Kriege litten die Augen der englischen Soldaten dadurch, und sie waren nebstdem eine grosse Zielscheibe für den Feind.) Schon bei Manövern ist diese weisse Uniform unpraktisch, weil der geringste Schmutzfleck deutlich sichtbar ist. Im Kriege werden sie natürlich von den Soldaten und Officieren zu Hause gelassen, und für die »Schuttery« eine Ursache sein, sich an einer offenen Feldschlacht nicht zu betheiligen.

Fig. 29. Ein Garduhäuschen = Polizeiwachstube (im Ellothale).

Fig. 29. Ein Garduhäuschen = Polizeiwachstube (im Ellothale).

Wenn dieses Corps nur zu oft die Zielscheibe schlechter Witze von Seiten der Berufssoldaten und Officiere ist, so dass das Wort»Schutter« als Prototyp eines indisciplinaren und ungeschulten Soldaten in der Caserne heimisch ist, so ist die Organisation derselben doch eine richtige. Die Disciplin ist in keiner Armee Selbstzweck, sie ist nur Mittel zu dem Zwecke, ein geordnetes Zusammenleben von so viel Hunderten und Tausenden von Männern zu ermöglichen, und den Mann zu einem fügsamen und tauglichen Theil dieses grossen Mechanismus zu erziehen. Die »Schutter« sind aber nicht casernirt; ein grosser Factor, eine strenge Disciplin zu handhaben, entfällt also. Die Abrichtung und Erziehung des Schutters kann also bleiben, wie sie jetzt geübt wird. Aber die Pflicht zum Eintritt in die »Schuttery« werde verallgemeinert und das Ziel derselben möge keine »Soldatenspielerei« sein, sondern alle gesunden Männer zu kräftigen Wehrmännern heranziehen, welche in der Zeit der Noth sich und dem Staate vortreffliche Dienste leisten könnten.

Ich muss noch erwähnen, dass die unvermeidlichen Ausgaben der Verwaltung und der Musik aus dem Schutteryfonds gedeckt werden, zu welchem die »Befreiten« ihre jährliche Contribution und die »Gestraften« ihr Scherflein beitragen. Für die meisten disciplinaren Vergehen werden nämlich Geld- und keine Freiheitsstrafen auferlegt.

Die Superarbitrirungs-Commission hatte gegenüber diesen Herren oft einen sehr schwierigen Standpunkt. Einer derselben hatte z. B. über einen Herzfehler geklagt, und der Stadtarzt glaubte ihn dafür zu dem Dienste der »Schuttery« untauglich erklären zu müssen. Der Dienst dieser Leute ist nicht anstrengend; sie haben nur einmal in der Woche von 5–6 Uhr zu exercieren und sich in einigen Wochen im Jahre an der Scheibe zu üben. Nun, Herzfehler und Herzfehler können noch sehr differente Zustände sein. In unserm Falle hatte der Recrut, ein junger Halbeuropäer von 19 Jahren, ein leichtes Geräusch, wie es bei Anämie (Blutarmuth) vorzukommen pflegt. Mir ist nicht bekannt, was die Superarbitrirungs-Commission beschlossen hatte; dieses geschah im Jahre 1896, als ich noch in Magelang sass. Der junge Mann bekam jedoch eines Tages Lust, Soldat zu werden, er liess sich anwerben, bekam 300 fl. Handgeld, und sofort meldete er sich krank, er könne wegen eines Herzfehlers nicht exercieren! Dabei präsentirte er mir das Zeugniss des Stadtarztes, welcher ihn selbst für den Dienst bei der »Schuttery« untauglich erklärt hatte. Ich untersuchte ihn genau und fand, wie ich schon erwähnt habe, nur ein geringes anämisches Geräusch.Entrüstet hielt ich ihm vor, dass er auf diese Weise den Staat um so viel hunderte Gulden beschwindelt habe. Dies liess ihn natürlich kalt. Ich theilte ihm nebstdem mit, dass sein Herzfehler von keiner Bedeutung sei, dass er ganz unbesorgt seine dienstlichen Obliegenheiten verrichten könne, und dass ich es für Unwillen auffassen würde, wenn er sich jemals wieder wegen dieser fraglichen Krankheit dem Dienst entziehen würde.

Durch ganze zwanzig Jahre hatte ich keinen Diphtheritisfall gesehen. Wenn auch im Allgemeinen Erwachsene seltener als Kinder von dieser Krankheit ergriffen werden — der vielfach erwähnte Jahresbericht der indischen Armee vom Jahre 1895 weist keinen einzigen Fall dieser Krankheit auf —, so muss ich es dennoch für einen besonderen Zufall halten, dass ich in diesem langen Zeitraume keine einzige diphtheritische Erkrankung der Kehle zu Gesicht bekam. Der Zufall ist um so merkwürdiger, als in Indien diese Krankheit factisch häufig vorkommt und gewissenchinesischen Curpfuscherneine grosse Berühmtheit verschafft hat. Selbst der Chef-Apotheker der indischen Armee hatte vor einigen Jahren das Unglück, zwei seiner Kinder von dieser tückischen Krankheit ergriffen zu sehen. Auch er liess einen berühmten chinesischen Heilkünstler zu sich kommen, und trotzdem verlor er seine Kinder. Es ist eine traurige Erscheinung, welche ich im ersten Theile Seite 165 besprach, dass die Therapie der europäischen Aerzte bis jetzt nicht nur wenig in die tiefen Schichten der indischen Eingeborenen eingedrungen ist, sondern dass im Gegentheil die Behandlung vieler Krankheiten, wie sie von den Malayen geübt wird, die Europäer und selbst europäische Aerzte zu einem Hymnus veranlasst. Auch Dr.van der Burgschreibt über die Behandlung der Diphtheritis im zweiten Theile seines grossen Werkes,[218]Seite 380: ... Das Publicum setzt grosses Vertrauen in die Behandlung von diphtheritischer Kehlentzündung durch Chinesen,wodurch manchmal gute Resultate erzielt werden. Auch diese chinesischen Heilkünstler huldigen dem Principe aller Curpfuscher: Die günstigen Erfolge mit allen Glocken der Reclame urbi et orbi zu verkündigen; bei den übrigen Fällen ist der Rest — Schweigen.

Worauf sind denn die günstigen Erfolge der Chinesen basirt? 1. Auf die unrichtige Diagnose. Ich selbst habe im Jahre 1889 inNgawie eine Dame mit Erfolg behandelt, welche wegen ihrer »Diphtheritis« (??) von Geneng zu mir gekommen war; sie hatte eine Stomatitis crouposa, d. h. die ganze Mundhöhle war mit einem weissen Beschlag bedeckt, welchen sie und ihre Familie für einen diphtheritischen erklärten. Auch in Europa wird gegenwärtig die Diphtheritis viel häufiger diagnosticirt, als es sein sollte. Die Anwesenheit desLöffler’schen Diphtheritis-Bacillus ist die Basis dieser Diagnose, und wenn die Serumtherapie so günstige Erfolge aufzuweisen hat, ist zweifellos diese unrichtige Basis der Diagnose Diphtheritis, wie auchKassowitzund Andere mit Recht bemerken, der Urheber dieser Erfolge. Unschuldige Affectionen der Mundhöhle, des Rachens und des Kehlkopfes werden also von den chinesischen Curpfuschern als Diphtheritis behandelt, und der günstige Verlauf dieser Krankheiten wird von ihnen als Heilung der Diphtheritis durch ihre Therapie ausgeschrieen. 2. Giebt es zahlreiche Diphtheritisfälle, ja selbst Epidemien dieser Krankheit, welche durch ihre »Gutartigkeit« charakterisirt sind, d. h. bei jeder Therapie oft kaum 20% Todesfälle aufzuweisen haben. Dies gehört in Indien zu der Regel; nur selten geht dort der Process vom Rachen auf den Kehlkopf über und erfordert den Kehlkopfschnitt. Dies war der Fall mit jenem Patienten, welcher von Dr. W. behandelt und wegen drohender Erstickungsgefahr in das Spital geschickt wurde, und welcher der einzige Fall von Diphtheritis war, den ich in Indien beobachten konnte.

Der Curiosität halber glaube ich die Behandlung der Chinesen hier mittheilen zu sollen, wie sie Dr.van der Burgbeschreibt. Auch Dr.Vordermannhat s. Z. einige Recepte des chinesischen »Pulvers zum Einblasen« angegeben. Dr.van der Burgschreibt hierüber Folgendes: »Es wird von den Chinesen besonders schwache Nahrung und schwacher Luftwechsel verlangt; dann blasen sie ein röthliches oder grünliches Pulver mit einem dünnen, hohlen Bambusröhrchen auf die ergriffenen Stellen der Kehle ...« Die chemische Untersuchung des am häufigsten gebrauchten Pulvers ergab nachvan der Wielfolgendes Recept:

Theile

Sulphuret

dieses alles wird gemischt, pulverisirt und 2–3mal jede Stunde in den Mund eingeblasen!!

Auch die Diphtheritis fordert in Indien zur Zeit der Kentering[221]die meisten Opfer. In der Regenzeit verhindern die grossen Wassermassen mechanisch die Entwickelung schädlicher Bacterien, in der trockenen Jahreszeit versengen die heissen Strahlen der Tropensonne die Keime aller zymotischen Krankheiten. In der Uebergangszeit dieser beiden Jahreszeiten (Kentering) sind die Tropen ein Riesen-Brutkasten für alle Krankheitserreger, und ebenso sind unausgesprochene Monsune, die »trockene« Regenzeit (Westmonsun) und die »nasse« trockene Zeit (Ostmonsun) für das einzelne dazu disponirte Individuum die gefährlichste Zeit. Leider ging es auch mir während des Aufenthaltes in Semárang schlecht. Wir hatten zur Zeit des Westmonsuns viele, ja selbst zahlreiche Tage, an welchen es nur wenige Stunden, und noch dazu in kleinen Mengen regnete. Die Feuchtigkeit, organische Stoffe und Wärme waren in hinreichendem Quantum vorhanden, um ein üppiges Wuchern aller möglichen schädlichen Bacterien zu veranlassen; ich bekam die Furunculosis. So schmerzhaft die ersten Furunkeln waren, so wenig störten sie mich in meinen täglichen Arbeiten. Das Spital war in der nächsten Nähe; wenn ich auch unter Beschwerden den kurzen Weg dahin zurücklegte, und auch die Behandlung von 50–60 Patienten immerhin mit einiger Bewegung verbunden war, so überwand ich doch die Schmerzen, weil einerseits damit keine Gefahr verbunden war, weil ichandererseits zu Hause die Langeweile fürchtete, und weil ein solcher Mangel an Aerzten herrschte, dass schon durch den Ausfall Eines Arztes die Patienten des Spitals hätten leiden müssen. Unterdessen (Ende Februar) hatte ich mein Gesuch um einen einjährigen Urlaub nach Europa eingereicht und hoffte, da ein solches Gesuch gewöhnlich drei Wochen zu seiner Erledigung nöthig hat, Mitte oder Ende März abreisen zu können; sie erfolgte in dieser Frist nicht. Die Furunkeln heilten zwar, es kamen aber jedoch immer neue hinzu; ich kam herunter und endlich entschloss ich mich, den Dienst einzustellen, und der Garnisonsdoctor gab mir ein ärztliches Zeugniss, dass ich wegen allgemeiner Furunculosis einen Urlaub ins Gebirge dringend nöthig hätte. Am 25. März 1897 ging ich mit der Eisenbahn nach Salatiga. Leider habe ich dadurch das »ewige Feuer« nicht gesehen, von demVetheine ausführliche Beschreibung bringt und 5 km entfernt von Gubuk gefunden werden soll. Aus Oeffnungen in dem Boden strömt ein brennbares Gas aus, welches, einmal entzündet, wie Einige behaupten, zwar durch Stampfen in der Umgebung, starkes Blasen oder durch Wasser ausgelöscht werden kann, sich aber durch die Berührung mit der Luft immer wieder entzündet. In Kedong Djatti, welches seinen Namen den dortigen grossen Wäldern von Djattibäumen (Tectonia grandis) entlehnt, mussten wir umsteigen, um die Strecke nach Ambarawa zur weiteren Reise zu benutzen. Nur einige Kilometer hinter dieser Station betraten wir bei Gaga dalem eine Enclave von Solo,[222]und acht Kilometer weiter erreichten wir Bringin, von welchem Salatiga auf einer schmalen Strasse zu Pferde oder mit einem Dos-à-dos in ungefähr einer Stunde zu erreichen wäre. So wie die meisten Touristen fuhr ich jedoch weiter bis Tuntang, von wo aus eine schöne breite Strasse über Salatiga nach Solo und Djocja und an die Südküste führt. Der grosse PostwegJavas, welcher längs der Nordküste dieser Insel von Batavia nach Surabaya zieht, giebt auch in Semárang einen Zweig ab, welcher sich nördlich von Ambarawa (bei Baven) in zwei Aeste theilt. Der eine umkreist die westlichen Abhänge der Grenzgebirge Merbabu, Merapi u. s. w., während der andere im Osten dieser Berge nach dem Süden Javas zieht. In Tuntang stand ein grosser Reisewagen, und gegen 7 Uhr Abends kamen wir in Salatiga an. Im »Hotel Taman« fanden wir eine aufmerksame Wirthin, ein hübsches Zimmer, eine grosse Veranda mit einer schönen Aussicht und freiem Gebrauche des Bades »Kali taman«, und zwar für 8 fl. pro Tag. Die Babu bekam von mir täglich 20 Ct., wofür sie sich das Essen bezahlte, während eine gastfreundliche Collegin des Hotels ihr eine Schlafstätte gratis anbot. Zur Reise hatte sie sich nämlich nebst einem Kistchen aus Zinkblech für ihre Schätze an Sarongs u. s. w. ein Kopfpolster mitgenommen, welches in einer Matte eingerollt war; diese Matte wurde das Schlaflager unserer Babu. Am andern Tag besuchte ich sofort das Bad Kali taman, welches ungefähr einen Kilometer vom Hotel entfernt war; es bestand aus einem grossen Bassin, in welches sich aus einer Höhe von zwei Metern ein mächtiger Strahl von frischem, hellem und kühlem Bergwasser stürzte. Ein Schwarm Goldfische bewohnte das Bassin, und als ich auf der ersten Stufe stand, kamen ein paar Hundert dieser zierlichen Fischchen auf mich zugeschwommen. Es fiel mir auf, dass die kleinen in Gold- und Silberfarbe schimmernden Fische in der ersten Reihe schwammen, und in der Peripherie die grossen mit grauem, mattem Kleide es niemals wagten, sich uns zu nähern. Jetzt wurde es mir deutlich, warum mir beim Eintritt der Wächter des Bades ein grosses Blatt, gefüllt mit gekochtem rothen Reis, um 2½ Cent zum Kauf angeboten hatte. Die Fische waren gewöhnt, von den Badegästen gefüttert zu werden; späterhin verschaffte es mir viel Vergnügen, die klugen Aeuglein von Hunderten von Fischen und Fischchen auf mich gerichtet zu sehen, sie wurden so zutraulich, dass sie sich bis an meine Füsse heranwagten.

Salatiga liegt 574 Meter hoch und erinnert in mancher Hinsicht an die Riviera. Oft hatten wir es in den Morgenstunden nicht wärmer als 12° und um 12 Uhr nur 17–18° C. Wenn ich in der Veranda des Hotels auf meinem »Faulenzerstuhl« sass und meinen Blick über den grossen Schlossplatz warf, sah ich im Nordwesten den Unarang und im Südwesten den Merbabu ihre stolzenHäupter erheben, zwischen welchen Ambarawa eingeschlossen ist, und aus welchen sich die herabstürzenden Wassermassen durch eine Bergspalte in den Fluss Tuntang ergiessen. Schon seit 250 Jahren ist Salatiga als Luftcurort bekannt, und wenn die Vasallen zu dem grossen Fürsten des Mataramischen Reiches von Semárang zogen, hielten sie ihren ersten Rasttag in Unarang und den zweiten in diesem lieblich reizenden Bergstädtchen, das nach den drei Tempeln (Selá tiga), welche hier gestanden hatten und schon im vorigen Jahrhundert niedergerissen wurden, den Namen Salatiga behielt. Zahlreiche Pensionäre wohnen hier wegen des italienischen Klimas und wegen der Billigkeit seiner Lebensmittel. Der Besitzer des Bades Kali taman und eines grossen Landgutes kam zu meiner grossen Ueberraschung vor zwei Jahren nach Karlsbad, und ihm verdanke ich so manche Aufklärung über das politische Verhältniss der Landherren Javas einerseits zu der indischen Regierung und andererseits zu der ansässigen Bevölkerung. Nebstdem hat die indische Cavallerie ihren Sitz in Salatiga; der Stab dieses Corps liegt mit zwei Escadronen in dieser kleinen Stadt, welche vielleicht 500 europäische Seelen, 3000 (?) Javanen, 500 Chinesen und 50 (?) Araber als Einwohner hat.

Leider war es mir durch meine Furunkeln unmöglich, grössere Ausflüge zu machen, und weder das Gesundheits-Etablissement Ungaran noch Pelántungan zu besichtigen. Das erstere ist wie Salatiga ein Luftcurort (318 Meter hoch), während Pelántungan grosse und reiche jodhaltige Quellen besitzt, wo Lepra- und Syphilis-Patienten Heilung von ihren Gebrechen suchen, und sich seit 1844 eine Militär-Badeanstalt befindet. Noch mehr bedauere ich es, dass mir die Gelegenheit genommen war, das viel gepriesene Dienggebirge mit seinen Naturschönheiten und seinen zahlreichen Ruinen besuchen zu können. Ich sollte Salatiga, die Provinz Samarang und die Insel Java verlassen, ohne dieses Wunderland (das Dienggebirge) auch nur gesehen zu haben.

Schon im September 1896 hatte ich für mich und meine Frau bei der französischen Schifffahrts-Gesellschaft »Passage besprochen«, und Ende März 1897 konnte ich auf die Anfrage dieser Gesellschaft, wann ich doch meine Anweisung der Regierung für die Unkosten einreichen würde, nur ausweichende Antworten geben, weil noch immer keine Erledigung auf mein Urlaubsgesuch erfolgt war. Ja noch mehr; die Zeitungen brachten, wie ich schon erwähnt habe, die Nachricht, dassder Sanitätschef das Ersuchen an die indische Regierung gerichtet hatte, wegen grossen Mangels an Militärärzten diesen keinen Urlaub nach Europa zu gewähren.

Endlich erhielt ich am 8. April die telegraphische Nachricht, dass mir der Urlaub ertheilt werde, und da die Messagerie maritime mir auf mein Ersuchen eine Cajüte auf »dem Ernest Simon«, welcher am 20. April von Singapore abgehen sollte, reservirt hatte, eilte ich sofort am folgenden Tage nach Semárang, wo es mir durch das Entgegenkommen aller Behörden ermöglicht wurde, am 12. April mit dem Reael nach Batavia abreisen zu können.

Um 3 Uhr fuhr ich mit einem Wagen des Hotels zum Hafen. Für den Preis von 2 fl. pro Kopf brachte mich und die übrigen Passagiere eine Dampfbarcasse auf die Rhede, wo sich der kleine Dampfer Reael auf den Wellen der etwas unruhigen See schaukelte. Um 4 Uhr wurde der Anker gelöst, und geschützt von der Decke des Zeltes richtete ich zum letzten Male meine Blicke hinüber zu dem vielköpfigen Merbabu. »Die Stadt mit ihrer baumreichen Umgebung und den Bergprofilen im Hintergrund formen ein liebliches Panorama. Im Südwesten erheben sich der Prahu, der Sindoro und der Sumbing, und im Süden taucht der Telemaja auf, hinter welchem der breite, vielköpfige Scheitel des Merbabu am Horizonte erscheint. Zwischen dem Sumbing und Sindoro tritt der Unarang deutlich in den Vordergrund. Seine malerische, trachitische und mit Trachitblöcken bedeckten Vorhügel erstrecken sich bis in die Nähe der Stadt, und man kann von der Rhede aus ihre rohen Formen, ihre breiten, abgerundeten Scheitel und ihre arme Vegetation mit unbewaffnetem Auge unterscheiden. Hinter diesen ungefähr 250 Meter hohen Hügeln erhebt sich der Unarang mit sanft aufsteigenden Abhängen, welche nach und nach in das Dunkelgrün seines dicht mit jungfräulichen Wäldern bedeckten Scheitels übergehen.«

Lebe wohl, du schönes, liebliches Java! Lebe wohl! Slamat Tanah Djava!


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