Chapter 23

Ansicht von Gafat. Nach Lejean.Ansicht von Gafat. Nach Lejean.So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen, Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden, aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe, befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit europäischem Maßstabe mißt.Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl.S. 136) fingen an, im Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten zur Folge, daß die Handwerker 1861 inGafat, drei Viertelstunden von Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“, schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen JudenHeinrich SternundRosenthal. Beide waren nur unter der Bedingung zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen, allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste[pg 281]in Ketten werfen und nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische KonsulCameronin Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt, keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein Konsul dort anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem Kampfe, den er am Rahadflusse – als er noch Kasa hieß – gekämpft, sein Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt, war der größte Dorn in Theodor’s Augen.Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“ Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend wurde jedoch erst ein anderer Umstand.Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen[pg 282]eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert, jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man ist nie klar darüber geworden, was mit demselben geschah – kam keine Antwort. In ganz Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam. Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren. Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb nicht gern auf Unterhandlungen ein.Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den KonsularagentenRassam, einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am 12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei; sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an Rassam geschrieben: „Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie[pg 283]im Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen verzeihen werde.“ Der Schluß lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im Ueberfluß gegeben.“Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener hätten sich durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert, gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser LandsmannFlad, von dem früher die Rede war (S. 136,182), hatte die Unterhandlungen mit dem Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte, kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley, der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst dann ausgeliefert werden sollten, wenn[pg 284]Theodor die Gefangenen durch eine Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten, Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt, antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches mir verweigert wird.Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen; bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!“Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat, fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut. Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden, namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.Die vielgenannte BergfesteMagdalaliegt an der Grenze von Wollo-Galla im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und nach Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.[pg 285]Vordringen der Engländer auf Magdala.Vordringen der Engländer auf Magdala.Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta, dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt, hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150 Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf, die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.[pg 286]Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die, wie der Platz selbst,Islam Gie(Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist zugleich der Marktplatz für die Festung.Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte. Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt 100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige Getreidemagazine bauen.So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet, und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner Krone zu wahren.“Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche AnsichtInnerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. Originalzeichnung von E. Zander.Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und[pg 287]die indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000 Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten, welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum Kommandanten der Armee wurde GeneralRobert Napierernannt. Auch ein ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und – im Auftrage des Königs von Preußen – der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen.Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs; namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich viele Kameele und Maulthiere, minder durch dieUngunstdes Klimas als durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien, Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte, unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste, des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet, denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme. Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet, des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und[pg 288]geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen, bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit der Aufschrift: „Route nach Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das Plateau hinauf.Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen, Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth. Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten[pg 289]Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst, welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht. Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber weder die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen. Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen, welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben, die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt, die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt. Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die[pg 290]Strohdächer zu legen, und Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte, schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen. Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem über den Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80 Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen Namen „Sebastopol“ erhielt.Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten, beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000 Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla. Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis, Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa 10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern, die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht.[pg 291]Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern zu eurer Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“ Und friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine Felsenburg ein.Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer stand.Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868, S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht. Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere; Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279 Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß; Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502 Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April) 10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen, nachAdigeratzu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten, denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31. Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden. Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nachMai Wihis, durch weite, offene, gras[pg 292]bewachsene Ebenen, die häufig von Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlichAmba Zion(siehe AbbildungS. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches jetzt leer stand, da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte.Ad Abagin, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation. Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen. Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem ferneren Wege nachAntalozu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen, welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes verführen.Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten Pistolen und kein[pg 293]einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert würden.Antalounterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat undDobazumAschangi-See, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478 Fuß hoch gelegenenLat, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und 600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war. Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund, die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer in Biedehor am höchsten Rande desDschidda-Thals, 10,000 Fuß über dem Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am 4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter und mehrere erlagen[pg 294]den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich wohl befänden und milder als früher behandelt würden.Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt, Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen, was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich[pg 295]später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von 10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen, sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am Beschlo anlangen.Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten, sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala, einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren. Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri,S. 19) an der Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der Burg zurück.Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war, und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung. Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr[pg 296]Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als „Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.

Ansicht von Gafat. Nach Lejean.Ansicht von Gafat. Nach Lejean.So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen, Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden, aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe, befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit europäischem Maßstabe mißt.Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl.S. 136) fingen an, im Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten zur Folge, daß die Handwerker 1861 inGafat, drei Viertelstunden von Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“, schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen JudenHeinrich SternundRosenthal. Beide waren nur unter der Bedingung zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen, allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste[pg 281]in Ketten werfen und nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische KonsulCameronin Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt, keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein Konsul dort anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem Kampfe, den er am Rahadflusse – als er noch Kasa hieß – gekämpft, sein Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt, war der größte Dorn in Theodor’s Augen.Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“ Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend wurde jedoch erst ein anderer Umstand.Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen[pg 282]eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert, jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man ist nie klar darüber geworden, was mit demselben geschah – kam keine Antwort. In ganz Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam. Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren. Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb nicht gern auf Unterhandlungen ein.Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den KonsularagentenRassam, einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am 12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei; sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an Rassam geschrieben: „Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie[pg 283]im Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen verzeihen werde.“ Der Schluß lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im Ueberfluß gegeben.“Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener hätten sich durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert, gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser LandsmannFlad, von dem früher die Rede war (S. 136,182), hatte die Unterhandlungen mit dem Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte, kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley, der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst dann ausgeliefert werden sollten, wenn[pg 284]Theodor die Gefangenen durch eine Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten, Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt, antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches mir verweigert wird.Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen; bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!“Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat, fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut. Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden, namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.Die vielgenannte BergfesteMagdalaliegt an der Grenze von Wollo-Galla im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und nach Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.[pg 285]Vordringen der Engländer auf Magdala.Vordringen der Engländer auf Magdala.Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta, dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt, hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150 Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf, die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.[pg 286]Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die, wie der Platz selbst,Islam Gie(Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist zugleich der Marktplatz für die Festung.Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte. Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt 100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige Getreidemagazine bauen.So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet, und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner Krone zu wahren.“Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche AnsichtInnerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. Originalzeichnung von E. Zander.Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und[pg 287]die indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000 Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten, welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum Kommandanten der Armee wurde GeneralRobert Napierernannt. Auch ein ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und – im Auftrage des Königs von Preußen – der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen.Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs; namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich viele Kameele und Maulthiere, minder durch dieUngunstdes Klimas als durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien, Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte, unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste, des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet, denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme. Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet, des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und[pg 288]geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen, bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit der Aufschrift: „Route nach Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das Plateau hinauf.Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen, Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth. Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten[pg 289]Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst, welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht. Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber weder die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen. Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen, welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben, die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt, die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt. Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die[pg 290]Strohdächer zu legen, und Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte, schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen. Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem über den Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80 Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen Namen „Sebastopol“ erhielt.Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten, beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000 Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla. Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis, Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa 10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern, die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht.[pg 291]Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern zu eurer Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“ Und friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine Felsenburg ein.Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer stand.Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868, S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht. Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere; Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279 Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß; Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502 Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April) 10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen, nachAdigeratzu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten, denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31. Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden. Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nachMai Wihis, durch weite, offene, gras[pg 292]bewachsene Ebenen, die häufig von Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlichAmba Zion(siehe AbbildungS. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches jetzt leer stand, da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte.Ad Abagin, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation. Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen. Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem ferneren Wege nachAntalozu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen, welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes verführen.Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten Pistolen und kein[pg 293]einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert würden.Antalounterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat undDobazumAschangi-See, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478 Fuß hoch gelegenenLat, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und 600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war. Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund, die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer in Biedehor am höchsten Rande desDschidda-Thals, 10,000 Fuß über dem Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am 4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter und mehrere erlagen[pg 294]den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich wohl befänden und milder als früher behandelt würden.Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt, Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen, was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich[pg 295]später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von 10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen, sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am Beschlo anlangen.Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten, sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala, einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren. Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri,S. 19) an der Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der Burg zurück.Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war, und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung. Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr[pg 296]Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als „Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.

Ansicht von Gafat. Nach Lejean.Ansicht von Gafat. Nach Lejean.So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen, Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden, aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe, befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit europäischem Maßstabe mißt.Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl.S. 136) fingen an, im Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten zur Folge, daß die Handwerker 1861 inGafat, drei Viertelstunden von Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“, schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen JudenHeinrich SternundRosenthal. Beide waren nur unter der Bedingung zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen, allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste[pg 281]in Ketten werfen und nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische KonsulCameronin Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt, keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein Konsul dort anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem Kampfe, den er am Rahadflusse – als er noch Kasa hieß – gekämpft, sein Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt, war der größte Dorn in Theodor’s Augen.Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“ Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend wurde jedoch erst ein anderer Umstand.Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen[pg 282]eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert, jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man ist nie klar darüber geworden, was mit demselben geschah – kam keine Antwort. In ganz Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam. Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren. Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb nicht gern auf Unterhandlungen ein.Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den KonsularagentenRassam, einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am 12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei; sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an Rassam geschrieben: „Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie[pg 283]im Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen verzeihen werde.“ Der Schluß lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im Ueberfluß gegeben.“Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener hätten sich durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert, gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser LandsmannFlad, von dem früher die Rede war (S. 136,182), hatte die Unterhandlungen mit dem Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte, kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley, der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst dann ausgeliefert werden sollten, wenn[pg 284]Theodor die Gefangenen durch eine Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten, Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt, antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches mir verweigert wird.Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen; bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!“Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat, fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut. Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden, namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.Die vielgenannte BergfesteMagdalaliegt an der Grenze von Wollo-Galla im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und nach Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.[pg 285]Vordringen der Engländer auf Magdala.Vordringen der Engländer auf Magdala.Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta, dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt, hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150 Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf, die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.[pg 286]Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die, wie der Platz selbst,Islam Gie(Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist zugleich der Marktplatz für die Festung.Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte. Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt 100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige Getreidemagazine bauen.So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet, und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner Krone zu wahren.“Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche AnsichtInnerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. Originalzeichnung von E. Zander.Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und[pg 287]die indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000 Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten, welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum Kommandanten der Armee wurde GeneralRobert Napierernannt. Auch ein ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und – im Auftrage des Königs von Preußen – der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen.Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs; namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich viele Kameele und Maulthiere, minder durch dieUngunstdes Klimas als durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien, Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte, unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste, des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet, denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme. Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet, des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und[pg 288]geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen, bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit der Aufschrift: „Route nach Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das Plateau hinauf.Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen, Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth. Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten[pg 289]Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst, welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht. Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber weder die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen. Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen, welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben, die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt, die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt. Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die[pg 290]Strohdächer zu legen, und Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte, schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen. Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem über den Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80 Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen Namen „Sebastopol“ erhielt.Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten, beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000 Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla. Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis, Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa 10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern, die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht.[pg 291]Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern zu eurer Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“ Und friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine Felsenburg ein.Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer stand.Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868, S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht. Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere; Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279 Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß; Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502 Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April) 10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen, nachAdigeratzu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten, denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31. Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden. Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nachMai Wihis, durch weite, offene, gras[pg 292]bewachsene Ebenen, die häufig von Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlichAmba Zion(siehe AbbildungS. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches jetzt leer stand, da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte.Ad Abagin, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation. Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen. Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem ferneren Wege nachAntalozu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen, welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes verführen.Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten Pistolen und kein[pg 293]einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert würden.Antalounterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat undDobazumAschangi-See, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478 Fuß hoch gelegenenLat, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und 600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war. Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund, die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer in Biedehor am höchsten Rande desDschidda-Thals, 10,000 Fuß über dem Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am 4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter und mehrere erlagen[pg 294]den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich wohl befänden und milder als früher behandelt würden.Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt, Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen, was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich[pg 295]später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von 10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen, sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am Beschlo anlangen.Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten, sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala, einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren. Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri,S. 19) an der Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der Burg zurück.Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war, und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung. Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr[pg 296]Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als „Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.

Ansicht von Gafat. Nach Lejean.Ansicht von Gafat. Nach Lejean.

Ansicht von Gafat. Nach Lejean.

So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen, Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden, aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.

In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe, befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit europäischem Maßstabe mißt.

Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl.S. 136) fingen an, im Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten zur Folge, daß die Handwerker 1861 inGafat, drei Viertelstunden von Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“, schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen JudenHeinrich SternundRosenthal. Beide waren nur unter der Bedingung zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen, allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste[pg 281]in Ketten werfen und nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.

Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische KonsulCameronin Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt, keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein Konsul dort anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem Kampfe, den er am Rahadflusse – als er noch Kasa hieß – gekämpft, sein Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt, war der größte Dorn in Theodor’s Augen.

Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“ Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend wurde jedoch erst ein anderer Umstand.

Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen[pg 282]eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert, jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man ist nie klar darüber geworden, was mit demselben geschah – kam keine Antwort. In ganz Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam. Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren. Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb nicht gern auf Unterhandlungen ein.

Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den KonsularagentenRassam, einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am 12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei; sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an Rassam geschrieben: „Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie[pg 283]im Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen verzeihen werde.“ Der Schluß lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im Ueberfluß gegeben.“

Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener hätten sich durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.

Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert, gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser LandsmannFlad, von dem früher die Rede war (S. 136,182), hatte die Unterhandlungen mit dem Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte, kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley, der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst dann ausgeliefert werden sollten, wenn[pg 284]Theodor die Gefangenen durch eine Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten, Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt, antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches mir verweigert wird.Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen; bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!“

Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat, fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut. Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden, namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.

Die vielgenannte BergfesteMagdalaliegt an der Grenze von Wollo-Galla im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und nach Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.

Vordringen der Engländer auf Magdala.Vordringen der Engländer auf Magdala.

Vordringen der Engländer auf Magdala.

Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta, dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt, hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150 Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf, die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.

Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die, wie der Platz selbst,Islam Gie(Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist zugleich der Marktplatz für die Festung.

Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte. Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt 100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige Getreidemagazine bauen.

So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet, und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner Krone zu wahren.“

Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche AnsichtInnerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. Originalzeichnung von E. Zander.

Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. Originalzeichnung von E. Zander.

Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und[pg 287]die indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000 Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten, welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum Kommandanten der Armee wurde GeneralRobert Napierernannt. Auch ein ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und – im Auftrage des Königs von Preußen – der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen.

Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs; namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich viele Kameele und Maulthiere, minder durch dieUngunstdes Klimas als durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien, Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte, unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste, des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet, denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme. Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet, des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und[pg 288]geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen, bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit der Aufschrift: „Route nach Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das Plateau hinauf.

Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen, Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.

In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.

Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth. Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten[pg 289]Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.

Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst, welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht. Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.

Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber weder die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen. Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen, welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben, die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt, die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt. Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die[pg 290]Strohdächer zu legen, und Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.

In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte, schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen. Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem über den Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80 Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen Namen „Sebastopol“ erhielt.

Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten, beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000 Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla. Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis, Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.

Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa 10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern, die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht.

Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern zu eurer Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“ Und friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine Felsenburg ein.

Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer stand.

Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868, S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht. Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere; Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279 Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß; Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502 Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April) 10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.

Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen, nachAdigeratzu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten, denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31. Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden. Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nachMai Wihis, durch weite, offene, gras[pg 292]bewachsene Ebenen, die häufig von Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlichAmba Zion(siehe AbbildungS. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches jetzt leer stand, da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte.Ad Abagin, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation. Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen. Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem ferneren Wege nachAntalozu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen, welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes verführen.

Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten Pistolen und kein[pg 293]einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.

Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert würden.

Antalounterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.

Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat undDobazumAschangi-See, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478 Fuß hoch gelegenenLat, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und 600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war. Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund, die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.

Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer in Biedehor am höchsten Rande desDschidda-Thals, 10,000 Fuß über dem Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am 4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter und mehrere erlagen[pg 294]den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich wohl befänden und milder als früher behandelt würden.

Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.

Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt, Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen, was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich[pg 295]später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von 10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen, sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am Beschlo anlangen.

Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten, sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala, einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren. Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri,S. 19) an der Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der Burg zurück.

Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war, und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung. Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr[pg 296]Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als „Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.


Back to IndexNext