Aufschrift:HerrnGottlob Fichte,BürgerzuElstra.d. Einschluß.In diesem und in dem 48. Briefe wird RittmeistervonKleist, (vgl. den 9. Brief) als Gutsherr von Rammenau erwähnt. Die Sache hängt so zusammen: Des oben, zum 2. Briefe, erwähnten Johann Albericus Sohn Johann Centurius Reichsgraf von Hoffmannsegg verkaufte das Gut an seinen Schwager Friedrich von Kleist, königl. sächs. Kreisdirector in Querfurth und Dahme, so wie königl. preuß. Rittmeister und Ritter des Malteser- oder St. Johannisorden, welcher es von 1795 an bis zu seinem am 9. Febr. 1820 erfolgten Tode besaß. Sodann fiel es wieder an den früheren Besitzer Johann Centurius v. H. zurück, dessen Sohn Conradin Centurius Graf von Hoffmannsegg der jetzige Besitzer ist.Die Drangsale des nun ausbrechenden großen Krieges spiegeln sich auch in dem engen Rahmen der Leiden, die er Fichte's Mutter brachte.
Aufschrift:
HerrnGottlob Fichte,BürgerzuElstra.d. Einschluß.
HerrnGottlob Fichte,BürgerzuElstra.
d. Einschluß.
In diesem und in dem 48. Briefe wird RittmeistervonKleist, (vgl. den 9. Brief) als Gutsherr von Rammenau erwähnt. Die Sache hängt so zusammen: Des oben, zum 2. Briefe, erwähnten Johann Albericus Sohn Johann Centurius Reichsgraf von Hoffmannsegg verkaufte das Gut an seinen Schwager Friedrich von Kleist, königl. sächs. Kreisdirector in Querfurth und Dahme, so wie königl. preuß. Rittmeister und Ritter des Malteser- oder St. Johannisorden, welcher es von 1795 an bis zu seinem am 9. Febr. 1820 erfolgten Tode besaß. Sodann fiel es wieder an den früheren Besitzer Johann Centurius v. H. zurück, dessen Sohn Conradin Centurius Graf von Hoffmannsegg der jetzige Besitzer ist.
Die Drangsale des nun ausbrechenden großen Krieges spiegeln sich auch in dem engen Rahmen der Leiden, die er Fichte's Mutter brachte.
Elstra, d. 30. Octbr. 1813.
Mein lieber Bruder,
Unsere liebe Mutter wollte schon längst Dir und den Deinigen ihr Befinden zu wißen thun leider aber gehen die Posten noch nicht dahin; ich bediene mich der Gelegenheit diesen Brief mit einen Bekanten welcher nach Frankfurth zur Meße reiset zu geben. Ich hoffe daß unser Bruder in Finsterwalde doch endlich wird Gelegenheit gefunden haben meinen Brief, vom 19. July, (worinnen Dir unsere Mutter den Empfang von 20 Rthr. von den Studenten Ritschel bescheinigte) zu übersenden.
Unsere gute Mutter hat durch den Krieg diesen Sommer durch wieder viel gelitten so wohl an ihrer Gesundheit als an ihren Vermögen, sie hatt viel Einquartirung gehabt und durch Plünderung ist ihr vieles entwendet worden.
Den 14Sept.befürchteten die Rammenauer ihren Untergang durch Kanonenfeuer, die Mutter wurde mit im Busch zu gehen veranlaßte, wo sie bey kalter und naßer Witterung bis zum 17. aushalten muste, doch wurde ihr noch nicht gerathen ihr Hauß zu bewohnen, sondern sie muste sich in einem Hauße nicht weit vom Walde aufhalten. Diese Zeit über war alle Communication unterbrochen, den 21., da die Franzosen Rammenau räumten, und unsere gantze Gegend von Rußen überschwemmet war, nahm ich mir vor sie aufzusuchen, und fand sie in diesen Hause; da ich urtheilen konnte daß sie von Marodörs in Rammenau weit mehr beunruhigt würde als in Elstra, (den sie hatte sogar im Busche und auch in diesem Hauße keine Lebensmittel vorm Plündern erhalten können) so that ich ihr den Vorschlag sie zu mir zu nehmen, allein zum Transport waren weder Menschen noch Vieh zu haben, ich bediente mich also des Schubkarrens. Ihre Gesundheit war durch Furcht, Unordnung, entbehrung ihrer gewohnten Lebensmittel zerrüttet, ich glaubte gewiß daß sie sich beßern würde, doch hatt sich ihre Gesundheit bis jezt noch nicht wieder eingefunden, sie ist schwach und matt, und was der Hauptfehler ist, sie kan fast gar nichts genießen, der Magen nimmt nichts an keine Poteille Wein ist in unsrer gantzen Gegend nicht mehr zu haben, alle Vorräthe sind ruinirt und verwüstet, keine Zufuhre ist nicht möglich.
Den 24. Octbr ist sie, mit einer Gelegenheitsfuhre zu Hauße gefahren, denn es ist etwas ruhiger geworden, die Salvegarden halten die herumstreifeten Kosaken im Zaume. Das Hauß unserer Mutter ist zum Glük nicht so totalrunirt als sehr viele andere, (zwei oder 3 Fenster sind eingeschlagen,) viele Häuser in Rammenau sind gantz unbewohnbar gemacht geworden; viele Ortschaften sind, ohne das sie weg gebrannt sind, ganz runirt, da giebt es Bauern, besonders an der Straße von Bautzen nach Dresden, die kein Brodt, keinen Saamen, kein Vieh, kein Geschirre gar nichts, alle kranke Körper haben, z. B. vom 16. bis 28 May, sind bloß im Bauzner und Görlitzer Kreyse 71 Dörfer in Asche gelegt wurden, das Unglük hatt aber seit dieser Zeit täglich continuirt
Unsere liebe Mutter läßet Dich, Deine liebe Frau Deinen lieben Herrmann und Hannen von Hertzen grüßen und wünschet daß diese Krieges Uebel von Euch entfernt bleiben mögen, auch grüße Diese alle von mir und den Meinigen hertzlich.
Lebe gesund mit den Deinigen. Ich bin
Dein treuer Bruder.J. G. F.
Auch von der alternden Mutter ist uns ein Brief aufbehalten, mit sicherer Hand in regelmäßigen Zügen geschrieben.
Auch von der alternden Mutter ist uns ein Brief aufbehalten, mit sicherer Hand in regelmäßigen Zügen geschrieben.
d. 2.Decbr.1813.
Innig geliebte Tochter,
Ich habe sogleich Ihr werthes Schreiben vom 20Nov.mit inl. zwey StükLouisdorrichtig erhalten, ich danke Ihnen von Hertzen; nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit inniger Rührung, mit Gebeth und Dank zu Gott erkenneich die göttliche Wohlthat daß mir die Vorsehung so eine gute Seele zur Tochter gegeben hat. Ich fühle und bedaure, daß Sie mich nicht blos mit Entbehrlichkeit unterstützen, sondern, da ich den Druk der Zeit, und die vielen Aufopferungen kenne, und den sichern Schluß machen kan, daß auch mein lieber Sohn in seinem Erwerb beträchtlich zurük gesezt ist, so kan ich einsehen, daß Sie, aus Liebe zu mir, manches entbehren werden.
Ihre guten Nachrichten, daß Sie Gott, bey den überhandnehmenden Krankheiten gesund erhalten, und daß Sie ihren lieben Sohn bey sich haben, freuet und tröstet mich.
Meine Gesundheitsumstände haben sich nicht gebeßert, meine Kräffte nehmen allmählich ab, ich spüre daß ich seit etlichen Wochen viel schwächer geworden, auch finden sich von Zeit zu Zeit, immer mehr unangenehme körperliche Empfindungen, ich liege nicht beständig ich mache mir Bewegung, ich habe einen Stuhl im Gange vor welchen ich zubereite, bey dieser Lebensart bleiben meine Glieder und mein Blut in wohlthätigerer Bewegung, den Kram habe ich abgegeben, indem mein Körper darzu nicht mehr fähig ist (und daß besonders bey kalter Jahreszeit.) Nur bedaure ich, wenn ich nach Gottes Willen noch eine Zeit lang leben soll, daß mein Magen so sehr schwach ist, ich kan fast gar nichts genießen, mich damit zu stärken und zu erquiken. Die gewaltthätigen kriegerischen Eräugniße, welche sehr schädlich auf meine schwachen Geisteskräfte wirkten, haben sich, (Gott sey es Dank) vermindert, ich habe just heute, einen Rußen, zum Glük einen gesitteten, zur Einquartirung.
Bei allen Unangenehmen was mich dieses Jahr betroffenhat ist mir immer sehr bange um Sie und die Ihrigen gewesen, und habe zu Gott um Ihre Erhaltung geseufzet. Ich freue mich, und danke es Gott von Hertzen, daß er größeres Unglük in Gnaden von uns abgewendet hat.
Da es die Zeit nicht gestattet daß Harrtmanns ihrer Tochter Nachricht mit beylegen könnten, so sagen Sie Hannchen zu ihrem Troste folgendes:
1) IhreWohnungstehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz fürchterlich zugieng (die Stadt wurde sieben mahl genommen und wiedergenommen) so brach doch kein Feuer aus.
2) Wegen der Plünderungen hatten sie Schuz, sie musten vor Militair baken und hatten Salvegarden im Hause, dabey gieng es drum nicht so genau ab, es ward ihnen noch manches genommen und die Umzäunung des Gartens ward im Biviak verbrandt.
3) Ihr Bruder ist in seinen Lernen sehr gestört worden, er hat in Dresden bei der Blokade müßen Hunger leiden, ist alsdenn eine Zeit bey seinen Aeltern gewesen, und ist jetzo wieder in Dresden.
4) Die Epidemie hatt sie noch nicht ergriffen, vor wenigen Tagen war die gantze Familie noch gesund.
5) Dore bey ihren Aeltern.
Gott nehme Sie alle in seinen Schuz, vielleicht erlebe ich noch die Freude daß Sie mich vor meinem Ende künftiges Früjahr noch einmal besuchen
Ihre treue liebende Mutter
Maria Dorothea verwittwete Fichte
Die ganze Reihenfolge der Briefe schließt, nach dem Hinscheiden der greisen Mutter und dem bald darauf, am 27. Januar 1814, erfolgten Tode des rüstigen Sohnes, mit einem Briefe des Bruders an die hinterlassene Wittwe.
Die ganze Reihenfolge der Briefe schließt, nach dem Hinscheiden der greisen Mutter und dem bald darauf, am 27. Januar 1814, erfolgten Tode des rüstigen Sohnes, mit einem Briefe des Bruders an die hinterlassene Wittwe.
Elstra, d. 11Febr.1814.
Theuerste Frau Schwägerin
Ich kan Ihnen das, was ich und die Meinigen über den Todt meines lieben Bruders, (der nicht blos ein Großer, sondern auch ein Nachahmungswürdiger guter Mann war,) empfinde, mit Worten nicht schildern, und Niemand wird wohl die unheilbaren Wunden, welche Ihnen die Vorsehung geschlagen hat, mehr fühlen als ich, doch der Trostspruch eines Hiobs im Unglük kan mich und Sie aufrichten und erhalten. Gott wird Ihnen beistehen; Ihr Verlust ist zwar auf dieser Welt nicht zu ersetzen, doch wird Sie und Ihren Sohn die gerechte Preusische Regierung, welche unsern Verewigten Freund schäzte, nicht verlaßen.
Ihren gerechten Anspruch, welchen Sie an der Maße der Verlaßenschaft unserer seel. Eltern machen, und welcher sich laut Ihres werthen Schreibens vom 1Febr.auf Einhundert Thaler beläuft wird Ihnen von meinem Geschwister nicht erschwert oder verkürzet werden.
Gerichtskosten wird die Herrschaft viel machen, sie hat vorjetzo alles im Beschlag genommen, und wird uns die Freiheit nicht wieder geben, daß wir vor uns verkaufen und unter einander theilen können; dieses Recht kam der Herrschaft zu, und sie hat dieses vor ganz nothwendig glaubenmußen, weil wir Geschwister in aller Welt zerstreut sind, und über dieses wird sie Ansprüche an zwei Brüdern machen, welche Kraft ihrer Lehr Briefe und Kundschaften ihr Unterkommen finden konnten, ohne sich von der Erbunterthänigkeit los zu kaufen; und wenn die Herrschaft alle nur möglich zu machende Kosten abgezogen hat so macht sie noch 5pr. C.Abzug von der Maße. Häuser zu verkaufen ist jezt ein sehr ungünstiger Zeitpunkt, und das Haus auf beßere Zeiten aufzubehalten ist nicht rathsam, die gar nicht zu berechneten Kriegsunkosten, und die Reparaturen, welche der Krieg verursacht hat, (die Gartenzäumung ist gantz verbrannt worden, und eine bedeutente Haußrepratur giebt es auch) würden, uns in diesen Falle einen beträchtlichen Theil von den daraus gelößten Gelde rauben.
In Rücksicht Ihrer Anforderung glaube ich bestimmt daß dieses das beste Mittel wäre, wenn Sie Ihre Forderung von der Obrigkeit unter welcher sie stehen authorisiren liesen, und an den H. v. Kleist, als Erb-Lehn- und Gerichts-Herr auf Rammenau übersendeten, nur wünschte ich wenn Sie mir eine Abschrift davon übersendeten, ich werde mir es zur heiligsten Pflicht machen diese Ansprüche zu unterstützen und sollte, wie ich nicht glauben will, der H. v. Kleist auchpr. C.von den Ihrigen abziehen, so würde ich wenn ich es nicht hintertreiben könnte, solches auf die Maße wenden.
Ich empfehle Sie mit Ihren lieben Sohne den Schutze Gottes und bethe daß Gott ferneres Unglük in Gnaden von Ihnen abwenden möge und Sie gesund und bei dem Leben erhalten, damit Sie vorjetzo eine Stütze Ihres liebenSohne seyn mögen, welcher in etlichen Jahren zuverläßig Ihre Stütze werden wird.
Meine Frau und Tochter welche äuserst betrübt über Ihr Unglük sind, laßen Sie von Hertzen grüßen.
Ihr getreuer FreundJ. Gottl. F.
So scheiden wir denn von dem großen Manne, den wir von dem Anfange seiner Laufbahn bis zu seinem Ende in den verschiedenartigen Beziehungen zu seiner Familie begleitet und auch von dieser Seite neu lieben gelernt haben, wir scheiden von seinem guten, milden Vater, von seiner wackeren Mutter – den Vollendeten; wir scheiden auch von Denen, deren Lebensgang wir nur zum Theil in die Sonnenbahn jenes leuchtenden Genius hereintreten sehen, von seinen ihm theils ähnlichen, theils unähnlichen Geschwistern; wir scheiden endlich auch von dem Charakter, der nach ihm selbst uns am innigsten anzieht, von seiner edlen Gattin, die ihn um fünf Jahre überlebte, aufgehend in der Liebe zu ihrem Sohne, dem würdigen Erben seines Namens, in dem Geist und Seele des Vaters und der Mutter sich verschmolzen haben.
So scheiden wir denn von dem großen Manne, den wir von dem Anfange seiner Laufbahn bis zu seinem Ende in den verschiedenartigen Beziehungen zu seiner Familie begleitet und auch von dieser Seite neu lieben gelernt haben, wir scheiden von seinem guten, milden Vater, von seiner wackeren Mutter – den Vollendeten; wir scheiden auch von Denen, deren Lebensgang wir nur zum Theil in die Sonnenbahn jenes leuchtenden Genius hereintreten sehen, von seinen ihm theils ähnlichen, theils unähnlichen Geschwistern; wir scheiden endlich auch von dem Charakter, der nach ihm selbst uns am innigsten anzieht, von seiner edlen Gattin, die ihn um fünf Jahre überlebte, aufgehend in der Liebe zu ihrem Sohne, dem würdigen Erben seines Namens, in dem Geist und Seele des Vaters und der Mutter sich verschmolzen haben.
Druck von C. E. Elbert in Leipzig.