Chapter 14

Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.

Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.

Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft undleidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der Einimpfung unterwerfen.

„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin — nur laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“

Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst — wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer Freundin trennte.

Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.

„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessinam Arm der Gräfin verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte — wo in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen Mütter erwartete. — „Meine edelste, treuste Freundin! — daß wir uns trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen gebietenden Eheherrn! — Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie es jetzt ist — dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“

Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle! — erwiederte lächelnd Ludmilla.

„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können. Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, undauch uns arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. — Ich habe — allen Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet — des blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche Taube —!“

Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem Herzen keine Gefahr drohte.

„Und Louis — o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen und Aufenthalt an jenem Hof — welche künftigen Winter ihren Anfang nehmen sollen — werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison bringen.“

Nichts gewisser als das.

„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder mit Bitten bestürmt werden soll — das Kommando über unsern Louis zu führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-Zügen zu begleiten? — Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“

Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen, innerer Kummer — den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart meines unglücklichen Sohnes verursacht — machen mich öfters für einen uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine Kinder in Verzweiflung stürzen wird. — Des ihm zugedachten so hoch ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal würdig machen können.

„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung ihrer Zukunft.“

O mein Sohn Theodor! — Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling, mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schrecklicheWort: Fluch dem Ungerathnen! — des tief beleidigten, von ihm langsam gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf mit Zittern erwarten! —

„Allgerechter! — So schlimm steht es mit dem Jüngling? — Arme Mutter!“ —

Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe, den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn. — Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten Vaters, ersänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.

„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender Ueberraschung herbeyführen? — Der Hülfsleistung theilnehmender verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß — wo es nur eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. — Lassen Sie uns raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“

Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen sehen. — Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee,dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.

„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als der leidenschaftlichste Ausbruch! — Kalter höhnender Trotz pikirt den General aufs höchste. — Doch, nur nicht den Muth verloren! — Sobald Graf Theodor sich als Officier derKnabenruthe völlig entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann — sodann wird sich auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn, Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die Arme seiner langentbehrten Familie führen.“

Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte. Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde, bestätigt meine Vermuthung.

„Liebe Aengstliche! — Ihre Träume sind ansteckend! — Nein, lassen Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem Schatten Gespenster sehen — nicht wahr machen.“

Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich bedrohenden Unglücks.

„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen. Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“

Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr eröfnete Zukunft zu verwandeln.


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