„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen, der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ — keuchte der schon seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.
„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen, der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ — keuchte der schon seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.
Du stören? — O wärest du früher gekommen! — antwortete freundlich, aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios Arm; — doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.
Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. — Lies, meine gute Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner geringen Verlegenheit.
Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete:
„Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach, welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen, verloren hat — supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sichso ungern das Vergnügen refüsiren, meine Freundin alsGrande Maitresseunauflöslich an unsern Hof zu fesseln — er weiß, welchen Werth ich auf diese Gefälligkeit legen würde, — und doch kann er nicht umhin, auch Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen, besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister Bendheim, das Gesuch unterstützt. —Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! — aber ich denke:Nein.— Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem, was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten Forderungen meines Attachements für Sie. — Dagegen erwarte ich von Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse; und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten, mir nicht durch übelangebrachte Resignation entgegen zu wirken. Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ — —
„Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach, welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen, verloren hat — supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sichso ungern das Vergnügen refüsiren, meine Freundin alsGrande Maitresseunauflöslich an unsern Hof zu fesseln — er weiß, welchen Werth ich auf diese Gefälligkeit legen würde, — und doch kann er nicht umhin, auch Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen, besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister Bendheim, das Gesuch unterstützt. —
Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! — aber ich denke:Nein.— Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem, was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten Forderungen meines Attachements für Sie. — Dagegen erwarte ich von Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse; und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten, mir nicht durch übelangebrachte Resignation entgegen zu wirken. Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ — —
Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein — kann ich nicht mit dem Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer? —
„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete Ereignisse wohlfeiler damit“ — entgegnete die Gefragte.
Und welches Benehmen schrieben mir diese Verhältnisse vor? —
„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“
Mein Gott! — So —de But en blanc—?
„Nichtde But en blanc! — Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“
Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an Großmuthnicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun.
„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung, über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende Gräfin Wallersee nicht bedarf — dünkt der Frau von Zach eben so ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“
Doch — ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben Fürstin aufgenommen werden?
„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht ihren Entschluß im vorausso berechnet hätte, wie er der nicht minder edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“
Und der Hof? — Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle remplacirt hätte.
„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig diemalade imaginairespiele. — Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich unterstützen. — Die Fürstin beklagt Angesicht des Hofes den Verlust ihrer gehofftenGrande Maitresse, wünscht Ihnen mit schwerem Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung, da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“
Adelaide! ist das dein Ernst? — Wenn der Gebrauch der Bäder nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar auf immer uns zu exiliren?
„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“
Du bist bewegt — deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren?
„Diesen Morgen — überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers Parks“ —
Der Erbprinz? — Mein Gott! ist er wieder angekommen?
„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“
Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft — schlimmer als ich glaubte. Der Unbesonnene! Und was ist seine Absicht?
„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen, willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“
Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte starr umher, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet?
„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle, meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“
Freilich, freilich — So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen — bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. — O, der rasende Roland! — Verderben brächte er über mich und dich, du Unschuldige! Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen.
Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz, welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer.
„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ — sagte Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem Auge zitterte — „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen? Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“
Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend gerechtet — nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.
„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio — „die schönsten Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“