Chapter 27

Adelaide an Mathilden.

Adelaide an Mathilden.

Der glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht überwunden, welche mir gebot für diesesErdenleben nicht die Fürstentochter — die künftige Großherzogin über der geliebtesten, der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen, und bringt dir Schwestergruß und Kuß! — Jetzt verstehest du mich auch wieder — nicht so meine Mathilde? — jetzt wird jedes meiner Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf, als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier einstweilen skelettirt — wenn ich erst noch einige der wichtigsten Punkte, welche — wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt, aufmich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen angemerkt haben werde.

Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit dir. — Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten Vater mit hinüber zu nehmen? — O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir — wenigstens in diesem Briefe noch nicht sagen darf! — doch drücke den Kuß der kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses segnenden Andenkens würdig machen müsse!! —

Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden deines großen Vaters, durch Erfüllung seinerWünsche für dein Wohl versüßen. — Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder! — mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen Mannes — ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; — von dem Gedanken niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. — Es bedarf keiner weitern Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen hast.

O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht hoffnungslos von ihm — bald wird er dir und demStaate, den du jetzt schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat.

Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? — Er komme: daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft.

Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten, Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelletrat nun ohne Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich, aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg, der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor, wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. — Mein guter Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich, mit so rührender Gutherzigkeit, — Ritter Julius dessen Dämon mich erkor, sein Herz Karolinen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen — seine Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung — das zweite Paar: Julius und Adelaide.

Nun, meine geliebte Mathilde! — Du wünschest mir noch nicht Glück? — Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich,Theodor ist, seit die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. — O, es war eine Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen.

Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich zärtlich einige Schritte abwärts. — Kind! sagte sie, deine Entschlüsse so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt — man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches Glück zu thun war. — Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt, welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zuführt, meinen vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen Frommen heischt! — Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an, womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. — Deine Sehnsucht hat ein höheres Ziel.

Amen! sprach ich — und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter anders wünschen und fühlen? —

Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen. Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten.

„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe, welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin brachte? — hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff gemäß, sehr prosaisch endest.“

Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und bereitet die Entwickelungsscene — —

Doch!spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge — es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hoffen eines kranken verirrten Herzens — über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der Schwester des Erbprinzen! — Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg ziere.


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