Chapter 3

Albrecht. So will ich dir die Ampel nach dreißig Jahren schenken!

Agnes. Wenn du nicht anders willst! Angezündet soll sie ja noch nicht werden! Aber, mein Albrecht, du kennst uns nicht, du weißt nicht, wie wir sind! Ein bürgerliches Mädchen macht sich das Totenhemd gleich nach dem Hochzeitkleid, und sie tut wohl daran, denn sie kann nicht wissen, wie sie's sonst in ihrem Alter bekommt! Nun, das liegt mir in der Art, und so lange bin ich noch nicht die Gemahlin eines Herzogs, daß sich schon alles an mir verändert hätte! Aber, du siehst, die Demut ist schon entwichen, denn ich habe nicht, wie meine Gespielinnen, die eigenen Finger geplagt und mir das Sterbegewand genäht, ich habe den Maurer und den Zimmermann gequält und mir eine Totenkapelle erbaut! Nun steht sie, und es ist mir eine Freude, daß ich die Stätte, wo ich meinen längsten Schlaf halten soll, jetzt schon kenne, ja daß ich sie betreten und dort im voraus für mich beten kann! Darum möcht' ich auch die Ampel gleich aufhängen, sonst wär' mir da in der letzten Stunde ja doch noch etwas fremd!

Albrecht. Wenn es nur das ist!

Agnes. Was sonst? Ich seh schon bei Tage einmal nach meinem Bett, weiter nichts! Ei, merkst du denn noch etwas von jener Angst und Beklommenheit an mir, die mich ergriff, als du so ungestüm von Regensburg zurückkehrtest und mich hierher führtest? Damals zitterte ich für mich und dich! Noch hatte ich mich an Vohburg nicht gewöhnt, noch lief ich, wie ein Kind, von Gemach zu Gemach und konnte keins finden, das mir eng genug war, und schon mußt' ich das kleine Schloß mit diesem großen vertauschen, neben dem es sich ausnahm, wie mein armes Vaterhaus sich neben ihm ausgenommen hatte! Ach, die Musik unterwegs, das wilde Lebehoch der Bauern, die sich mit ihren Sensen und Pflugeisen um uns zusammenrotteten, die Blumen, die man uns streute, alles entsetzte mich. Du selbst kamst mir ganz fremd vor, weil du's littest und dich darüber freutest; ich erschrak zu Tode, als du hier sogar die Glocken läuten lassen wolltest! Aber das ist vorbei, längst vorbei! Du hörst ja, ich selbst nenne Vohburg jetzt klein, ich wundere mich gar nicht mehr, wenn sich die Armen und Bittenden des Morgens um mich drängen, ich kann fragen, wie eine geborne Herzogin, ich kann den Kopf schütteln und fast abschlagen, ich sollte mich schämen!

Albrecht. So will ich dich!

Agnes. Nur in meinen Träumen geht's anders her, sonst würd' ich gewiß zu stolz! Da kehrt die alte Zeit wieder, wo ich die Brotkrumen sorgfältig auflesen mußte, die zu Boden fielen, und wo mein Geburtstagsgeschenk meistens darin bestand, daß ich nicht gescholten wurde, wenn ich etwas tat, was nicht ganz recht war. Noch in der letzten Nacht, du mit deiner immer offnen Hand wirst lachen, bat ich meinen Vater glühend und stotternd um irgendeine Kleinigkeit, und er sagte, was er gewöhnlich zu sagen pflegte, wenn er eine Bitte nicht zweimal hören wollte: gut, es sei, aber dann kann ich ein halbes Jahr lang keinen Tropfen Wein mehr trinken! Ich war noch recht unwillig auf ihn, als ich erwachte, aber nun—Ich hab ihn doch wenigstens einmal wiedergesehen!

Albrecht. Du wirst ihn—(Er unterbricht sich.) Da hab ich dich um die überraschung gebracht!

Agnes. Nein, mein Albrecht! Ich hab's recht gut gemerkt, aber wenn er kommen wollte, wär' er längst dagewesen! Ich kann mir auch denken, was ihn abhält, und du mußt ihn darum ehren!

Albrecht. Ich glaube doch, er wird diesmal nachgeben! Sonst gehen wir im Winter nach Augsburg zum Mummenschanz.

Achte Szene

Törring (tritt ein). Verzeiht!

Albrecht. Ich bleib Euch zu lange!

Törring. Wenn Ihr überhaupt noch fort wollt-

Albrecht. Wenn ich überhaupt noch fort will? Ei, ich werde die Ritter und Herren, die Herzog Ludwig so mühsam zusammenbrachte, nun doch nicht zum Narren halten?

Törring. Hört Ihr die Domglocke nicht?

Albrecht. Längst, aber, was kümmert sie mich?

Törring. Mehr, als Ihr denkt: Euer Vetter Adolph ist tot!

Albrecht. Tot?

Törring. Eben trifft die Trauerbotschaft aus München ein!

Albrecht. Friede mit ihm! Er lebte sich selbst nur zur Last und keinem zur Freude!

Agnes. Gott im Himmel! Das ist nun in sechs Monaten der dritte!

Törring. Ja, ja, edle Frau, Ihr versteht's!

Agnes. So bin ich wieder schuld? O freilich! freilich! Wer sonst wohl!

Albrecht. Gott weiß, daß ich mich nicht freue! Wie sollt' ich auch? Für mich war er nie da! Aber weinen kann ich ebensowenig! Ich denk nur an eins! Nun kann mein Vater mit Ehren zurück!

Törring. Ich darf absatteln lassen?

Albrecht. Was fällt Euch ein? Zwar, ich möchte nicht, daß jetzt aus dem Turnier noch etwas würde. Aber ich bin doch wohl der letzte, der ausbleiben darf! Fort muß ich, und das gleich, doch gewiß werd ich nun viel früher wieder hiersein, als ich dachte! Agnes, jetzt—(Er sagt ihr etwas ins Ohr, dann hält er seine Hand auf ihre Wange.) Au, ich brenne mich!

Agnes. Verzeih dir's Gott, daß dir das in den Sinn kommt!

Albrecht. Amen! Ich sag's mit! Aber es wird sich zeigen! Ich hatte immer das Gefühl, mein letzter Wunsch könne nicht eher gekrönt werden. Ei, unser Sohn mußte doch auch einen Großvater haben! Und nun—(Er umarmt sie.) Siehst du, daß du mir nicht aufrichtig zürnst? Du hältst mich fest! Oh, ich weiß es ja längst, daß du erst dann an Gottes Segen glauben wirst! Darin bist du abergläubisch. Aber ändre dich ja nicht, ich lieb auch das an dir! (Er küßt sie.) Mein Leben, auf Wiedersehen! (Er läßt sie los und entfernt sich ein paar Schritte von ihr.) Seht Ihr, Törring, daß man von seinem Leben scheiden kann, und darum doch nicht gleich zu sterben braucht? Also! Werdet kein Hagestolz! Aber freilich, man muß das Beste erst abküssen! (Er umarmt und küßt sie noch einmal.) So! Nun bin ich in Ingolstadt und du in Straubing! Siehst du mich noch? Ja? Ich dich nicht mehr! (Ab.)

Törring (folgt).

Neunte Szene

Agnes (eilt in den Garten). Da kann ich ihn zu Pferd steigen sehen! (Sie kehrt wieder um.) Ja, wenn er selbst mich in die Höhe höbe und über die Mauer kucken ließe, wie damals, als die schwarzbraunen ägypter mit Zimbeln und Schellen vorüberzogen. Aber hören muß ich ihn können! (Sie eilt wieder fort.) Still, still mit euren Trompeten! Horch! Das ist er! "Ihr seid brav, Törring!" Gewiß, aber warum sagst du ihm das gerade jetzt? Ach, da geht's schon fort! Leb wohl, mein—Halt! Der Trab stockt! Es ist doch nichts geschehen? Da redet einer! Schwach, undeutlich—schweig du! Nun noch einmal er! "Führt ihn gleich zu ihr!" Zu mir? Wen denn? "Es wird ihr lieb sein!" Mir lieb? Nein, Albrecht, da kennst du mich nicht! Ich wollte, es würde augenblicklich Nacht und erst in dreimal vierundzwanzig Stunden wieder Tag! Oder wär's mein Vater? (Sie jauchzt auf.) Mein Vater! Gewiß nicht! Ach nein! jetzt sprengen sie weiter. Hui! Recht, ihr Rosse, holt aus! Um so eher seid ihr wieder mit ihm da. (Sie horcht auf.) Ich höre nichts mehr. (Sie horcht wieder.) Doch! (Sie pflückt währenddem gedankenlos eine Blume.) Was soll's noch! (Sie läßt die Blume fallen.) Hab ich da was gepflückt? Das tut mir leid! Es ist keine Zeit, Blumen vor die Brust zu stecken! (Sie wandelt langsam wieder herauf.) Nun ist's denn so gekommen, wie sie alle vorhersagten! Tot! Ob das uns wirklich was Gutes bedeutet? Was tu ich jetzt? Zieh ich mich schwarz an? Da bin ich wieder hochmütig und rechne mich mit zur Familie, wie dieser unheimliche Mensch mit den kalten Augen, der Richter, gespöttelt haben soll. Unterlaß ich's? Da freu ich mich über das Unglück! Ich folg meinem Herzen und das sagt: traure mit den Traurenden! Lacht nicht, Herr Emeran! Man ist manchem Dank schuldig, ohne daß man's weiß! Es ist gut für Euch, daß dies Herz so weich ist, wenn Ihr es auch nicht ahnt!

Zehnte Szene

Törring (tritt auf).

Agnes. Ihr noch hier?

Törring. Ich bleibe, edle Frau! Es ist einer aus Augsburg da, ich darf ihn wohl schicken?

Agnes. Aus Augsburg?

Törring (geht ab, gleich darauf erscheint Theobald).

Agnes (ruft ihm entgegen). Theobald!

Theobald. Agnes—Frau Herzogin, wollt' ich sagen—Nicht? So ist's recht?

Agnes. Laßt das! Kommt mein Vater auch? Doch, was frag ich! Wie könntet Ihr Euch alle beide zugleich entfernen!

Theobald. Nun, das—Aber Ihr wißt, wie er ist! Er meint, Ihr solltet Gott danken, wenn Euch der Vater endlich vergeben und vergessen sei, und ihm keine Boten weiter senden, es helfe doch nichts, denn er seinerseits kenne seine Schuldigkeit und werde den alten Bartkratzer hier nicht in Erinnerung bringen! Es freue ihn zwar von Herzen—und das tut's auch, ich weiß es, darum kehrt Euch nicht an ihn—daß Ihr noch an ihn dächtet, und daß auch Euer Herr sich seiner nicht schäme, aber er verstehe das besser, und Ihr möchtet aufhören, ihn zu quälen!

Agnes. Und das ist alles, was Ihr mir von ihm melden sollt? Nur, um mir das zu sagen, habt Ihr die weite Reise gemacht?

Theobald. Nun, das gerade nicht! Ich hatte wohl auch noch einen anderen Grund!

Agnes. Und der—muß er mir Geheimnis bleiben?

Theobald. Ach, warum auch! Wir hören nun seit Jahren so allerlei, und da wollt' ich, da sollt' ich doch einmal sehen-

Agnes. Ob ich auch wirklich glücklich sei? Oh, wärt Ihr doch eine Stunde früher gekommen! Dann hättet Ihr mit eigenen Augen—Doch nein, nein, es ist besser so! Und Ihr? In Augsburg?

Theobald. Wegen des Vaters braucht Ihr Euch nicht zu ängstigen! Gleich nachdem Ihr fort wart, baute er sich den neuen Ofen, an den er früher nie die Kosten wagen wollte, und das hat sich ihm belohnt.

Agnes. Ich danke Gott dafür!

Theobald. Er hat allerlei entdeckt, mehr als er zeigen darf, wenn er nicht noch ärger als Hexenmeister ins Geschrei kommen will. Dinge, sag ich Euch—es ist schade, daß Ihr sie nicht sehen könnt. Das wird nun so wieder mit ihm untergehen. Doch, es ist auch manches darunter, was er nicht zu verbergen braucht, und dabei steht er sich schon gut genug. Er könnte sich nun gern ein Gärtlein kaufen, wie Ihr es immer wünschtet.

Agnes. Und Ihr selbst, Theobald?

Theobald. Mir gibt er jetzt doppelten Lohn!

Agnes. Ach, das will ich nicht wissen!

Theobald. Nun, ich lache noch zuweilen über mich! Und das recht von Herzen, Ihr könnt mir's glauben! Noch vorhin, als ich den Herzog, Euren Gemahl, zu Pferd daherkommen sah. Freilich, das ist ein Mann! Und wie er Euch lieben muß, kann man schon daran sehen, daß er seine Leute so warten läßt, was doch gar nicht Ritterart ist! An denen kam ich bereits vor einer Stunde vorbei, und sie mußten schon lange stehen, denn sie waren höchst ungeduldig.

Agnes. Das ist ja nicht möglich! Er hat sie ja bei sich!

Theobald. Zehn oder Zwölf! Ich meine die übrigen!

Agnes. Die übrigen? Ei, er reitet ja nur zum Turnier und nimmt nicht einen Mann mehr mit!

Theobald. Und doch sah ich eine Stunde von hier hinter dem Föhrenwald, wo die Hügel sich senken, einhundertundfunfzig oder zweihundert Gewappnete, den Fuß im Bügel, die Lanze in der Hand und das Gesicht gen Straubing gekehrt, als ob sie ihren Führer oder sonst etwas von dort erwarteten!

Agnes. Ich erschrecke. Wo?

Theobald. Ei, an der Münchner Straße!

Agnes. An der Münchner Straße? Er reitet nach Ingolstadt.

Theobald. Auch sprengte ein Geharnischter, der von hier kam, in wilder Hast an mir vorbei. Ich dachte, der sagte ihn an. Jetzt fällt's mir ein, daß er verkappt war!

Agnes. Das ist höchst verdächtig, das muß Törring wissen, das—Mein Gott, hört, der Burgwart stößt ins Horn, daß es zerspringt—Trompetengeschmetter von allen Seiten—ganz nah—immer näher—das ist nichts Gutes—das ist Herzog Ernst!

(Man hört das alles.)

Theobald. Es ist nichts Gutes! Geschrei! Waffengeklirr! Gilt das denn Euch? Kein Zweifel, man stürmt! Und sie sind schon aneinander.

(Man hört das alles.)

Agnes. Das ist nicht möglich! Das Schloß hat Mauern und Gräben.

Elfte Szene

Der Kastellan (stürzt herein). Edle Frau—folgt mir in dieTotengruft—mich schickt der Törring!

Agnes. Ich hoffe, er wird mich verteidigen.

Der Kastellan. Die Brücke—ein Verräter hat die Brücke niedergelassen oder gar nicht wiederaufgezogen, denn die Dummheit kann nicht so weit gehen. Die Feinde sind gleich hier! Wie soll er sie aufhalten!

Agnes. Nun, so sind's keine Mörder, und ich, was bin denn ich?

(Das Getöse kommt immer näher.)

Der Kastellan. Kommt, kommt, ich beschwör Euch! Wer weiß, ob sieEuch dort suchen!

Agnes. Theobald, geht Ihr mit ihm!

Theobald. Um eine Waffe zu holen, meint Ihr! Es wächst wohl auch eine auf'm Baum! (Er reißt einen Ast ab.)

Zwölfte Szene

Törring und Pappenheim treten kämpfend auf. Im Hintergrunde kämpfenReisige und Burgknechte. Auch Preising wird sichtbar, aber ohne dasSchwert zu ziehen.

Pappenheim. Ergebt Euch, Törring!

Törring. Ho!

Pappenheim. So nehmt! Ich hab Euch lange genug geschont!

Törring. Pah!

Pappenheim. War's nicht vom Besten?

Törring. Ei was! (Er holt aus, fällt aber in die Knie.) Doch! (ZuAgnes hinüber.) Edle Frau, Ihr seht—Was hilft's Euch?

Pappenheim (beugt sich auf ihn nieder). Ihr habt's nicht anders gewollt!

Törring (fällt um). Macht's Kreuz über mich! Freund oder—(Er stirbt.)

Theobald (wirft den Ast weg, und stürzt auf Törring zu.) Da erb ich was!

Agnes. Theobald!

Theobald. Weiß wohl, es ist ein Hochmut von mir! Aber—(Er nimmtTörrings Schwert.)

Pappenheim (sich wendend). Wo ist die Hexe, um die ich dies edleBlut vergoß?

Agnes (schreitet ihm entgegen). Wen sucht Ihr?

Pappenheim (senkt unwillkürlich sein Schwert und greift an den Helm, dann schlägt er sich vor die Stirn). Teufel, was mach ich!

Theobald. Ihr Knechte, schart euch um eure Gebieterin! Sie hat gewiß jedem von euch Gutes getan!

Die Knechte (scharen sich).

Pappenheim (zu den Seinigen). Ergreift sie! Die ist's!

Theobald (tritt vor Agnes). Solange ich lebe, geht's nicht!

Pappenheim. Was willst du?

Theobald. Es ist die Tochter meines Meisters!

Pappenheim. Badergesell, kannst du zählen? Nieder mit ihm, wenn er nicht weichen will, und fort mit ihr!

Die Reisigen (drängen sich um Agnes herum, aber mit Scheu, und ohne sie anzurühren, weil sie von ihrer Schönheit geblendet sind). Ha! Ei! Die!

Pappenheim. Nun, was gafft ihr? Hat sie's euch schon angetan, wie dem armen Herzog, oder wollt ihr warten, bis ihr's weghabt? Laßt ihr nur Zeit, kuckt ihr nur in die gefährlichen schönen Augen, so läßt sie euch Borsten wachsen, statt der Haare, und Klauen, statt der Nägel! Ich dächte, ihr hättet genug von ihren Künsten gehört. Muß ich selbst den Schergendienst verrichten? (Er dringt auf Agnes ein und will sie ergreifen.)

Theobald (schwingt das Schwert, wie ein Rad, um den Kopf herum, so daß Pappenheim sich nicht nähern kann).

Pappenheim. Ei, dich soll ja—(Er will Theobald durchstoßen.)

Agnes (wirft sich zwischen beide). Schont ihn! Er denkt an meinen alten Vater! Ich folg Euch! Aber vergeßt nicht, es ist Herzog Albrechts Gemahlin, die Ihr in seinem eigenen Schloß überfallt!

Pappenheim (will wieder auf Theobald eindringen). Der Bursch hat mich-

Preising (rasch hervortretend). Im Namen des Herzogs, meines Herrn, jedes Schwert in die Scheide!

Pappenheim (indem er sein Schwert einsteckt). Warum auch nicht! Ich soll sie nur fangen!

Agnes. Theobald, kehrt noch nicht nach Augsburg zurück! Dies kann das Ende nicht sein! (Sie geht voran.)

Pappenheim (folgt ihr mit den Reisigen).

Theobald (will gleichfalls folgen, schlägt sich dann aber vor die Stirn). Nein! Nach Ingolstadt! Zu ihm! Das erste Pferd, das ich unterwegs treffe, ist mein! (Stürzt fort.)

Preising. Gott gebe, daß sie jetzt auf mich höre! Noch kann ich sie vom Tode retten, und ich will's. (Ab.)

Fünfter Akt

Straubing

Erste Szene

Kerker.

Agnes. "Ingolstadt ist weit!" Es könnte mich verrückt machen, das schreckliche Wort! Ingolstadt ist keine vierundzwanzig Stunden von hier, und als Theobald eben vorbeistürzt, und der Marschall ihn mit vorgestreckter Lanze aufhält, sagt dieser Richter mit einem Blick auf mich: laßt ihn doch laufen, wohin er will, Ingolstadt ist weit! Wären keine vierundzwanzig Stunden mehr mein? Herr, mein Gott, so kannst Du mich nicht verlassen!

Zweite Szene

Preising (tritt ein).

Agnes (ihm entgegen). Was bringt Ihr mir?

Preising. Was Ihr selbst wollt!

Agnes. Was ich selbst will? Oh, spottet meiner nicht! Ihr werdet mir die düstre Pforte nicht wieder öffnen, die man so fest hinter mir verriegelt hat!

Preising. Ich werde, wenn Ihr Euch fügt!

Agnes. Und was verlangt Ihr von mir?

Preising. Ich stehe hier für den Herzog von Bayern.

Agnes (macht eine zurückweichende Bewegung).

Preising. Aber ich meine es redlich mit Euch, und auch mein erlauchter Gebieter ist nicht Euer Feind!

Agnes. Nicht mein Feind? Wie komm ich denn hieher?

Preising. Ihr wißt, wie's steht! Herzog Ernst ist alt, und sein Thron bleibt unbesetzt, wenn Gott ihn abruft, oder sein einziger Sohn muß ihn besteigen. Nun, Albrecht kann Euch nimmermehr mit hinaufnehmen, und da er sich von Euch nicht trennen will, so müßt Ihr Euch von ihm trennen!

Agnes. Ich mich von ihm! Eher von mir selbst!

Preising. Ihr müßt! Glaubt's mir, glaubt's einem Mann, der Euer Schicksal schon kennt, wie Gott, und es gern noch wenden möchte! Ihr könnt kein Mißtrauen in mich setzen; warum wär' ich gekommen, wenn Euer Los mir nicht am Herzen läge? Meines Arms bedurfte es doch gewiß nicht; Ihr habt's ja gesehen, wie überflüssig ich war, und welchen Gebrauch ich von meinem Schwert machte. Ich zog mit, weil Ihr mich erbarmtet; ich suche Euch jetzt im Kerker, im Vorhof des Todes, auf, weil ich allein noch helfen kann, doch ich wiederhol's Euch: Ihr müßt!

Agnes. Ihr habt den armen Menschen gerettet, der vorhin sein Leben für mich wagte, ich muß glauben, daß Ihr's aufrichtig meint, aber Ihr seid ein Mann und wißt nicht, was Ihr fordert! Nein, nein! Das in Ewigkeit nicht!

Preising. Nicht zu rasch, ich beschwör Euch! Wohl mag's ein schweres Opfer für Euch sein, doch wenn Ihr's verweigert, so wird man—könnt Ihr noch zweifeln nach allem, was heute geschah?—aus Euch selbst ein Opfer machen! Ja, ich gehe vielleicht schon weiter, als ich darf, indem ich Euch überhaupt noch eine Bedingung stelle, und tu's auf meine eigne Gefahr!

Agnes. Ihr wollt mich erschrecken, aber es wird Euch nicht gelingen! (Sie hält sich an einem Tisch.) So leicht fürchte ich mich nicht, dies Zittern meiner Knie kommt noch von dem überfall! Mein Gott, erst die Trompeten, dann die blutigen Schwerter und die Toten! Aber für mich besorg ich nichts, ich bin ja nicht in Räuberhänden, und Herzog Ernst ist ebenso gerecht, als streng! (Sie setzt sich.) Seht mich nicht so an, mir ward jetzt so wunderlich, weil der tote Törring mir auf einmal vor die Seele trat, es ist schon wieder vorüber. (Sie erhebt sich wieder.) Was könnte mir auch wohl widerfahren! Ist doch selbst ein Missetäter, solange der Richter ihn noch nicht verurteilt hat, in seinem Kerker so sicher, als ob die Engel Gottes ihn bewachten, und ich habe den meinigen noch nicht einmal erblickt! Nein, nein, so hat mein Gemahl nicht von seinem Vater gesprochen, daß ich dies glauben dürfte! Doch, wenn's auch so wäre, wenn der Tod—es ist unmöglich, ich weiß es, ganz unmöglich—aber wenn er wirklich schon vor der Tür stände und meine Worte zählte: ich könnte nimmermehr anders!

Preising. Der Tod steht vor der Tür, er kommt, wenn ich gehe, ja er wird anklopfen, wenn ich zu lange säume! Schaut einmal durchs Gitter zur Brücke hinüber! Was seht Ihr?

Agnes. Das Volk drängt sich, einige heben die Hände zum Himmel empor, andere starren in die Donau hinab, es liegt doch keiner darin?

Preising (mit einem Blick auf sie). Noch nicht!

Agnes. Allmächtiger Gott! Versteh ich Euch?

Preising (nickt).

Agnes. Und was hab ich verbrochen?

Preising (hebt das Todesurteil in die Höhe). Die Ordnung der Welt gestört, Vater und Sohn entzweit, dem Volk seinen Fürsten entfremdet, einen Zustand herbeigeführt, in dem nicht mehr nach Schuld und Unschuld, nur noch nach Ursach' und Wirkung gefragt werden kann! So sprechen Eure Richter, denn das Schicksal, das Euch bevorsteht, wurde schon vor Jahren von Männern ohne Furcht und ohne Tadel über Euch verhängt, und Gott selbst hat den harten Spruch bestätigt, da er den jungen Prinzen zu sich rief, der die Vollziehung allein aufhielt. Ihr schaudert, sucht Euch nicht länger zu täuschen, so ist's! Und wenn's einen Edelstein gäbe, kostbarer, wie sie alle zusammen, die in den Kronen der Könige funkeln und in den Schachten der Berge ruhen, aber ebendarum auch ringsum die wildesten Leidenschaften entzündend und Gute, wie Böse, zu Raub, Mord und Totschlag verlockend: dürfte der einzige, der noch ungeblendet blieb, ihn nicht mit fester Hand ergreifen und ins Meer hinunterschleudern, um den allgemeinen Untergang abzuwenden? Das ist Euer Fall, erwägt's und bedenkt Euch, ich frage zum letzten Mal!

Agnes. Erwägt auch Ihr, ob Ihr nicht verlangt, was mehr als Tod ist! Ich entsage meinem Gemahl nicht, ich kann's und darf's nicht. Bin ich denn selbst noch, die ich war? Hab ich bloß empfangen? Hab ich nicht auch gegeben? Sind wir nicht eins, unzertrennlich eins durch Geben und Nehmen, wie Leib und Seele? Aber ich verbürge mich für ihn, daß er dem Thron entsagt! Fürchtet nicht, daß ich verspreche, was er nicht halten wird! Ich hab's aus seinem eignen Munde, wie ein Zauberwort für die höchste Gefahr! Zwar glaubte ich längst nicht mehr, daß ich's noch brauchen würde, aber diese Stunde hat's mir entrissen, und nun braucht's, wie Ihr wollt!

Preising. Das rettet Euch nicht mehr! Herzog Albrecht kann die angestammte Majestät sowenig ablegen, als Euch damit bekleiden, sie ist unzertrennlich mit ihm verbunden, wie die Schönheit, die ihn fesselt, mit Euch. Will er's nicht seinen Segen nennen, so nenne er's seinen Fluch, aber er gehört seinem Volk und muß auf den Thron steigen, wie Ihr ins Grab. Euch rettet's nur noch, wenn Ihr Eure Ehe für eine sündliche erklärt und augenblicklich den Schleier nehmt.

Agnes. Wie mild ist Herzog Ernst! Der will doch nur mein Leben! Ihr wollt mehr! Ja, ja, das braucht' ich bloß zu tun, so wär' ich für ihn, wie nie dagewesen; ich selbst hätte mein Andenken in seiner Seele ausgelöscht, und er müßte erröten, mich je geliebt zu haben! Mein Albrecht, deine Agnes dich abschwören! O Gott, wie reich komm ich mir in meiner Armut jetzt auf einmal wieder vor, wie stark in meiner Ohnmacht! Diesen Schmerz kann ich doch noch von ihm abwenden! Das kann mir doch kein Herzog gebieten! Nun zittre ich wirklich nicht mehr!

Preising. Oh, daß Euer alter Vater neben mir stände und mich unterstützte! Daß er spräche: mein Kind, warum willst du einen Platz nicht freiwillig wiederaufgeben, den du doch nur gezwungen einnahmst? Denn ich weiß ja, daß dies Euer Fall war!

Agnes. Gezwungen? So also wird meine Angst, mein Zittern und Zagen ausgelegt? Oh, wenn Ihr mir Euer Mitleid geschenkt habt, weil Ihr das glaubt, so nehmt's zurück und quält mich nicht länger, ich habe keinen Anspruch darauf. Nein, nein, ich wurde nicht gezwungen! So gewiß ich ihn eher erblickt habe, als er mich, so gewiß habe ich ihn auch eher geliebt, und das war gleich, als ob's immer gewesen wäre und in alle Ewigkeit nicht wiederaufhören könne. Darum keine Anklage gegen ihn, ich war früher schuldig, als er! Nie zwar hätt' ich's verraten, ich hätte vielleicht nicht zum zweiten Mal zu ihm hinübergeschaut, sondern im stillen mein Herz zerdrückt und unter Lachen und Weinen ein Gelübde getan. Ach, ich schämte mich vor Gott und vor mir selbst, mir war, als ob mein eignes Blut mir über den Kopf liefe, ich erwiderte ein Lächeln des armen Theobald, um mir recht weh zu tun. Doch, als er nun am Abend zu mir herantrat, da wandte ich mich zuerst freilich auch noch ab, aber nur, wie ein Mensch, der in den Himmel eintreten soll und weiß, daß er dem Tode die Schuld noch nicht bezahlt hat! Wenn ein Engel den mit sanfter Gewalt über die Schwelle nötigt: hat er ihn gezwungen?

Preising. So ist es Euer letztes Wort?

Dritte Szene

Die Türe wird geöffnet, man erblickt Häscher und Reisige, die jedoch draußen bleiben, es tritt ein: Emeran Nusperger zu Kalmperg und bleibt am Eingang stehen.

Agnes (ihm entgegen). Herr Emeran, hätte mein Gemahl je erfahren, was ich von Euch wußte, Ihr lebtet nicht, um mich zu verderben! Er haßte Euch schon ohne Grund, wie keinen auf der Welt, ich hätt' ihm wohl einen Grund angeben können, aber ich tat's nicht! Sinnt nach, und wenn Ihr ein Mensch seid, so muß sich in Eurer Brust jetzt etwas für mich regen!

Emeran Nusperger zu Kalmperg (schweigt).

Agnes. Herr Emeran, hin ich auf ehrliche Weise in Eure Hand gefallen? Bedenkt wohin Ihr mich ohne Vorbereitung schickt, laßt mir noch etwas Zeit, und Gott soll's Euch verzeihen, daß Ihr einen Judas mehr gemacht habt, ich will selbst für Euch bitten!

Emeran Nusperger zu Kalmperg (schweigt).

Agnes. Herr Emeran, wie ich in diesem Augenblick zu Euch, so werdet ihr dereinst zu Gott um eine kurze Frist flehen, und er wird Euch antworten, wie Ihr mir! Seht mich an, wie jung ich noch bin, und gebt mir von jedem Jahr, das Ihr mir raubt, nur eine Minute zurück! Könnt Ihr mir's weigern? Ich will ja nur von mir selbst Abschied nehmen!

Preising. Ihr verlangt von ihm, was er nicht gewähren kann! Er weiß von Eurem Knecht, daß Ihr gestern zur Nacht erst gebeichtet habt, und die Stunde drängt! Auch ist die eine ebenso schwarz, wie die andere, glaubt's mir! Aber willigt ein und-

Agnes. Hebe Dich von mir, Versucher!

Emeran Nusperger zu Kalmperg (winkt einem Häscher).

Ein Häscher (tritt herein und nähert sich Agnes).

Agnes. Fort, Mensch! Willst du deine Hand an die legen, die noch keiner, als dein Herzog, berührt hat? Nur dem Totengräber kann ich's nicht mehr wehren! (Sie schreitet zur Tür, bleibt dann aber stehen). Albrecht, Albrecht, was wirst du empfinden!

Preising. Ja! Ja! Und Ihr wollt diesen Stachel lieber in seineSeele drücken, als—Noch ist's Zeit!

Agnes. Fragt ihn, wenn ich dahin bin, ob er lieber eine Unwürdige verfluchen, als eine Tote beweinen möchte! Ich kenne seine Antwort! Nein, nein, Ihr bringt Euer Opfer nicht so weit, daß es sich selbst befleckt. Rein war mein erster Hauch, rein soll auch mein letzter sein! Tut mir, wie Ihr müßt und dürft, ich will's leiden! Bald weiß ich, ob's mit Recht geschah!

(Sie schreitet durch die Häscher hindurch, Preising und EmeranNusperger zu Kalmperg folgen.)

Offenes Feld.

Vierte Szene

Herzog Ernst mit seinen Rittern und Reisigen, die man ziehen und sich ausbreiten sieht. Bauerhütten, wovon eine ganz in der Nähe ist.

Ernst (tritt mit Wolfram von Pienzenau, Ignaz von Seyboltstorff undOtto von Bern hervor).

Ernst. Ihr, Pienzenau, reitet zu Haydeck! Er soll so weit vorwärtsgehen, als er kann! Ich muß hier haltmachen und auf den Kanzler warten.

Wolfram von Pienzenau (ab).

Ernst. Ihr, Seyboltstorff, schwenkt Euch gegen Straubing, und besetzt die Hügelkette!

Ignaz von Seyboltstorff (ab).

Ernst. Ihr, Bern, seht nach Euren Reitern und bleibt nüchtern, damit die auch nüchtern bleiben. (Wie Bern sprechen will.) Ich weiß wohl, daß Ihr behauptet, des Morgens immer benebelt aufzustehen und Euch den Verstand erst nach und nach anzutrinken, wie andere Leute den Rausch, aber ich halte nichts davon, und ich muß Euch heute zur Hand haben, wie mein Schwert!

Otto von Bern (ab).

Fünfte Szene

Ernst. Eine Bauerhütte! Ich will doch einmal sehen, wie die Leute leben! (Er geht auf die Hütte zu, findet sie aber verschlossen.) Zu! Alles auf'm Felde bei der Arbeit. Wer kocht denn Essen? Oder hab ich sie schon verjagt? (Er kommt zurück.) Wenn's geglückt ist, muß die Nachricht jeden Augenblick kommen! Dies ist das erste Mal, daß mir die Zeit lang wird.—Ernst, frevle nicht! Wer weiß, welcher Schatten jetzt schon zwischen Himmel und Erde umherirrt!

Sechste Szene

Preising (tritt mit Pappenheim auf). Hier soll er sein!

Ernst (ihnen entgegen). Ihr Preising? Nun?

Preising. Tot!

Ernst. So sei Gott ihr gnädig!—Pappenheim, Ihr müßt gleich wieder aufsitzen und Euch mit Pienzenau vereinigen, um Haydeck zu stärken. Der hat den ersten Stoß zu erwarten, wenn's was gibt!

Pappenheim (ab).

Ernst. Wie starb sie?

Preising. Hat sie sich Euch um die elfte Stunde nicht angezeigt?

Ernst. Das versteh ich nicht!

Preising. Da war's! Der Henker versagte den Dienst, Herr Emeran mußte einen seiner Hörigen entlassen, der stürzte sie von der Brücke herab. Erst schien's, als ob sie aus Angst vor der Befleckung durch seine Hände freiwillig hinunterspringen wollte, doch dann kam die Furcht des Todes über sie, ihr schwindelte, und er mußte sie packen. Das Volk hätte ihn gern gesteinigt, und doch wußte jeder, daß der jämmerliche Mensch es nur für seine Freiheit tat. Nicht um die Welt möcht' ich's zum zweiten Mal sehen.

Ernst. Genug, Preising! Es gibt Dinge, die man, wie im Schlaf tun muß. Dies gehört dazu. Das große Rad ging über sie weg—nun ist sie bei dem, der's dreht. Jetzt handelt sich's denn um ihn!

Preising. Oh, er wird's schon wissen! Es war gerade einer aus Augsburg auf dem Schloß, als Pappenheim eindrang, ein braver Bursch, der sich wacker hielt. Der eilte fort, als sie in den Kerker geführt wurde, und gewiß nach Ingolstadt. Es war ein Bote ihres Vaters!

Ernst. Armer, alter Mann! Nun ich setzte mein eigen Fleisch und Blut ebensogut ein, wie das deine! Wer weiß, ob unser Los nicht schon gleich ist!

Preising. Und dann?

Ernst. Dann werde, was will! Ich habe das Meinige getan und sorge für die Gräber. Aber es kann auch anders kommen. Der Fürst schlief nur in ihm, er war nicht tot. Warum hätt' er sonst nicht entsagt? Warum so auf dies Turnier gedrungen? Vielleicht erwacht er wieder, und dann—Es ist töricht, mit den gemeinen Leuten von Zauberei zu reden, wo ein Gesicht, das unser Herrgott zweimal angestrichen hat, alles erklärt, aber es ändert sich viel, wenn Himmel und Erde sich erst einmal wieder in solch ein Blendwerk von Mädchen geteilt haben, und nur noch ein Leichnam daliegt, der nicht mehr durch rote Lippen und frische Wangen an die Eitelkeiten der Welt, nur noch durch gebrochene Augen an die letzten Dinge mahnt!

Preising. Da brennt's! Oder nicht? Ja! ja!

(Man sieht in der Ferne ein Dorf in Flammen stehen.)

Ernst. Das ist er! So hat die Wut den Schmerz besiegt! Nun wird alles gut! (Rufend.) Nur zu, mein Sohn, nur zu! Je ärger, je besser!

Preising. Aber das wolltet Ihr ja eben verhüten!

Ernst. Ei, jetzt ist's ein Tag! Was in dem zerstört wird, bau ich schon wieder auf! Und verlaßt Euch darauf, der Kaiser hat seinen Adler schon fliegen lassen, und der wird ihm die Krallen zeigen, eh' er's denkt! Und dann—(Er erhebt seinen Herzogsstab.) Preising, Ihr werdet heut noch überrascht! (Da Preising sprechen will.) Kommt, kommt, zu Pferde! (Er ruft.) Otto von Bern!

(Ab mit Preising.)

Siebente Szene

Bauern, Männer, Weiber und Kinder tumultuarisch durcheinander rennend und schreiend.

Einige. Der Böhme! Der Böhme!

Andere. Der Kaiser!

Andere. Ingolstadt und Landshut!

Alle. Alle zusammen! Alle zusammen! Weh uns! Wohin?

Achte Szene

Albrecht erscheint mit vielen Kämpfenden, worunter sich auch Theobald befindet.

Albrecht (er tut bei jedem Ausruf einen Streich). Agnes Bernauer! Agnes Bernauer! Hei, daß ihr's wißt, eh' ihr umfallt, der Tod heißt heute Agnes Bernauer und kennt kein Erbarmen! Kein Geschlecht in Bayern, hoch oder niedrig, das morgen nicht weinen soll! Da liegt ein Haydeck, da ein Pienzenau, da ein Seyboltstorff! Aber noch immer lebt Pappenheim! Pappenheim, wo bist du? Räuber, Verräter, Schurke, versteckst du dich? Ihr alle, ruft mit mir, daß es über die ganze Erde schallt: Pappenheim, Räuber, Verräter, Schurke, hervor!

Pappenheim (tritt auf). Wer sucht mich?

Albrecht. Ich und der Teufel, wir beide zugleich! Aber erst komm ich! Zieh und laß sehen, ob ein ehrlich Eisen dir noch dient! (Er wirft Pappenheim zurück.)

Theobald (tritt hervor). Und ich? Ha, ha, ha! Ich glaube, ich fürchte mich, es wird mir ganz schwarz vor den Augen. Ei, ich mach sie zu und steche darauf los! Bring ich keinen um, so reiz ich doch wohl einen, daß er mich umbringt!

Albrecht (tritt wieder auf). Abgetan! Was nun? Oh, daß man mir ihn wieder lebendig machte, und daß ich ihn mit jedem Atemzug einmal niederhauen dürfte, von heute an bis zum Anbruch des Jüngsten Gerichts.

Theobald (tritt vor Albrecht hin.). Haut mich nieder!

Albrecht. Dich? Wofür? Ei, du bist's? Was fällt dir ein!

Theobald. Meint Ihr, daß ich mit einer solchen Nachlebt nachAugsburg zurück will?

Albrecht. Guter, treuer Mensch, bleib bei mir!

Theobald. Bei Euch? Bei Euch! Ha! Wenn Ihr nicht gewesen wärt—Da! (Er sticht nach Albrecht.) Der kommt auch von Agnes Bernauer! Und der! Und der!

Albrecht (wehrt ab). Bist du verrückt? Gib mir lieber die Hand! Du bringst mich nicht so weit, daß ich dir ein Leid zufüge!

Theobald (sticht wieder nach ihm). Ihr sollt aber!

Albrecht. So muß ich schon tun, was ich noch nie tat! (Er wendet ihm den Rücken.) Wem gehört denn das rote Gesicht? Das ist ein Degenberg, und an dem fehlt's noch! (Stürzt fort.)

Theobald. Alles soll sterben, alles, Freund und Feind! (Er wirft sich seinem eignen Trupp entgegen, der Albrecht folgen will.) Wohin? Halt! (Er wird durchbohrt.) So! Nun ist's genug! (Fällt und stirbt. )

Nothhafft von Wernberg (tritt auf). Sieg! Sieg! Wo ist der Herzog?Albrecht, sie laufen vor uns, als ob wir mehr als Menschen wären!

Albrecht. Aber sie sollen liegen! Ich will die Donau, die sie erstickt hat, mit Leichen wieder ersticken!

Nothhafft von Wernberg. Der im Bart wirft sich auf Straubing, Ihr sollt's betrachten, als ob er's schon hätte!

Albrecht. Daß er mir den Richter bloß fängt, und ihm kein Leid zufügt! In dessen Blut will ich mir den letzten Rausch trinken!

Rolf von Frauenhoven (tritt auf). Hurra! Hurra! Nun ist's aus!Wir haben ihn! (Zu Albrecht, wie er ihn bemerkt.) Wir haben EurenVater, Ihr könnt ihm gleich guten Tag sagen! Eben ward er gepackt!

Albrecht. Wer hat das befohlen?

Frauenhoven. Wer hat's verboten? Seine eignen Leute rannten ihn über den Haufen, als er sich ihrer Flucht in den Weg stellte, und Hans von Läubelfing—Da bringt er ihn mit dem Kanzler! Seht!

Albrecht (wendet sich nach der entgegengesetzten Seite). Er soll ihn freilassen! Gleich!

Nothhafft von Wernberg. Ei, das kommt wohl morgen auch früh genug!

Albrecht. Gleich! sage ich. Mensch, fühlst du's denn nicht auch?

Nothhafft von Wernberg. Eh' er Urfehde geschworen und uns wenigstens die Köpfe gesichert hat?

Albrecht (stampft mit dem Fuß). Gleich! Gleich! Gleich!

Nothhafft von Wernberg. So sagt's ihm selbst!

Neunte Szene

Ernst tritt mit Preising auf, von Hans von Läubelfing und seinerSchar begleitet.

Ernst. Da steht mein Sohn! Wenn der den Degen seines Vaters will, hier ist er!

Albrecht. Ihr habt mir bei Alling das Leben gerettet! (Mit einerHandbewegung.) Fort! Fort!

Ernst. Ich tat bei Alling, was ich schuldig war, und begehre keinenDank dafür!

Albrecht (indem er sich umkehrt). So komme diese Stunde über EuerHaupt! (Er bemerkt Preising.) Ha, da ist noch einer! Herr Kanzler,Ihr seid frei, Ihr mögt wollen oder nicht! Aber nur, um EuremGefährten, dem Marschall, gleich in die Hölle nachgeschickt zu werden!(Er zieht gegen Preising.) Oh, wär' auch der dritte da!

Ernst. Pfui! Willst du dich am Diener rächen, statt am Herrn? Mein Kanzler vollzog nur meinen Befehl, und ich mußte ihn zweimal geben, eh' er's tat!

Albrecht. So seid Ihr's wirklich allein? Ganz allein? So kann ich mich an niemanden halten, als an Euch? Und Ihr tretet mir noch in den Weg? Ihr weicht mir nicht aus?

Ernst. Warum sollt' ich? Ich habe meine Pflicht getan, in Straubing, wie in Alling, oder in Regensburg!

Albrecht. Eure Pflicht! Gott hat Euch in meine Hand gegeben! Zeugt er so für den, der seine Pflicht tat?

Ernst. Gott will dich versuchen! Hab wohl acht, daß du vor ihm bestehst! Er hat noch nie auf zwei Menschen herabgeschaut, wie jetzt auf dich und mich! (Er tritt Albrecht näher.) Mein Sohn, du hast dich mit meinem ärgsten Feind verbunden, mit deinem falschen Ohm, der dir zwar gern die Brandfackel vorantrug, als es galt, mein unschuldiges Land zu verheeren, der dir aber nicht das Schwert aus der Hand gerissen haben würde, wenn du es gegen dich selbst gezückt hättest! Kehre zu mir zurück, es ist besser. Ich mußte tun, was ich tat, du wirst es selbst dereinst begreifen, und wär's erst in deiner letzten Stunde, aber ich kann auch mit dir weinen, denn ich fasse deinen Schmerz!

Albrecht. Oh, sprecht nicht so! Laßt mich glauben, daß Ihr nicht mehr davon wißt, als der kalte Fluß, der sie verschlungen hat. Wenn ich Euch nicht fluchen soll, muß ich mir denken: ein neuer Tod ist in die Welt gekommen, um den alten abzulösen, und das ist dein eigner Vater! Ein Mensch konnte ihr kein Leid zufügen; nicht bei Tage, denn er hätte sie gesehen, nicht bei Nacht, denn er hätte sie gehört, und nur eins von beidem war nötig, um jeden zu entwaffnen! Sagt: ich bin kein Mensch und schickte auch keine Menschen, dann will ich mich vor Euch bekreuzen und fliehn!

Ernst. Ich bin ein Mensch, und hätt's wohl verdient, daß es mir erspart worden wäre. Aber wenn du dich wider göttliche und menschliche Ordnung empörst: ich bin gesetzt, sie aufrechtzuerhalten, und darf nicht fragen, was es mich kostet!

Albrecht. Göttliche und menschliche Ordnung! Ha, ha! Als ob's zwei Regenbogen wären, die man zusammengefügt und als funkelnden Zauberring um die Welt gelegt hätte! Aber die göttliche Ordnung rief sie ins Leben und ließ sie aus dem Staube hervorgehen, damit sie wieder erhöhe, was sich selbst erniedrigt, und erniedrigen was sich selbst erhöht hatte. Die menschliche—(Er tritt Ernst näher.) Die menschliche—(Er wendet sich rasch um gegen die Seinigen.) Vorwärts, Ihr Freunde, vorwärts, wer wird schon am Mittag feiern! Herzog Ernst ist frei, niemand krümme ihm ein Haar, er kann keine Agnes mehr töten, aber rasten wollen wir erst, wenn sein München in Flammen steht! (Will fort.)

Ernst. Recht so! Dann wird der Bayer sie doch gewiß verfluchen, sonst hätt' er sie vielleicht beweint. Ihre Brüder sind's, die du erwürgst, nicht die meinigen, und ob du die ganze Menschheit abschlachtest: in ihren Adern wird nicht ein Blutstropfe wieder warm davon! Aber dahin kannst du's bringen, daß ihr eigener Vater die Stunde vermaledeit, in der sie ihm geboren ward, und daß sie selbst sich aus dem Paradies, wenn sie's schon betreten hat, schaudernd und schamrot wieder hinausstiehlt, die erste und letzte, die's tut, ohne verdammt zu sein!

Albrecht (hält inne und senkt sein Schwert).

(Man hört Trompeten in der Ferne.)

Ernst. Das ist Ludwig von Ingolstadt! Der Würgengel wird ungeduldig!Folgt ihm doch, niemand kann besser zerstören, was ein andrer baute,als er! Aber laßt euch alle mahnen: es ist einer über euch imHimmel und auch auf Erden, und beide werden furchtbar mit euch insGericht gehen!

(Die Trompeten nähern sich.)

Stimmen. Platz! Platz dem Banner des Reichs!

Andere Stimmen. Ein Herold!

Zehnte Szene

Der Herold des Reichs tritt mit Gefolge auf, das Banner wird vor ihm hergetragen.

Der Herold (schwingt nach allen Weltgegenden sein Schwert). Bei Acht und Bann, kein blankes Schwert, als dies!

Alle Ritter (bis auf Albrecht stecken die Schwerter ein).

Der Herold. Albrecht von Wittelsbach, Herzog von Bayern, erscheint vor Kaiser und Reich!

Albrecht (tritt zögernd heran und steckt langsam sein Schwert ein).Ist hier die Schranke?

Der Herold. Sie ist überall, wo die Acht verkündet werden soll!

Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven. Die Acht! Ist's schon so weit!

(Posaunenstöße.)

Preising (zu Ernst). Was ist das noch?

Ernst. Mehr, als ich verlangte, fürcht ich!

Stimmen. Ein Legat! Ein Legat des Heiligen Stuhls!

Der Herold. Und mit ihm der Bann der Kirche!

Viele Stimmen (von Rittern und Reisigen). Acht und Bann zugleich!Da ist's Zeit! (Sie werfen die Waffen von sich.)

Der Legat (tritt mit Gefolge auf, eine brennende Kerze wird vor ihm hergetragen, er stellt sich zur rechten Hand des Herolds).

Der Herold (entfaltet die Achterklärung). Wir Sigismund, von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, König von Ungarn, Böheim, Dalmatien, Slawonien und Bosnien, Markgraf von Mähren und Schlesien, Kurfürst von Brandenburg usw., Schirmvogt der Kirche, höchster Schiedsrichter auf Erden, tun kund hiemit: Nachdem Du, Albrecht von Wittelsbach, allbereits vor dritthalb Jahren zu Regensburg in offenem Aufstand den Frieden des Reichs gebrochen und schwere Acht auf Dein Haupt herabgezogen hast, die Wir damals, obgleich schon verhängt, auf Fürbitte Deines fürstlichen Herrn und Vaters noch zurückhielten; nachdem Du weiter, unwürdig solcher Fürbitte und Unserer Gnade, in Deinem Trotz wider menschliche und göttliche Ordnung beharrtest, anstatt, Unserer gerechten Erwartung gemäß, in reuiger Unterwürfigkeit Versöhnung und Vergebung zu suchen; nachdem Du endlich, um das Maß Deiner Frevel zu häufen, Unsere Langmut aber bis auf den Grund zu erschöpfen, zum zweiten Mal mit blanker Waffe rebellisch im Felde erschienen bist: So gebieten Wir Dir durch diesen Unseren offenen Brief, daß Du angesichts desselben Dein Schwert auf der Stelle zu den Füßen Deines Herrn und Vaters niederlegen und als sein freiwilliger Gefangener Unseren letzten Spruch in Demut abwarten sollst.—(Er setzt ab und sieht Albrecht an.)

Albrecht (bohrt sein Schwert in die Erde und stützt sich darauf).

Der Herold (fährt fort). Widrigenfalls setzen Wir Dich nunmehr aus Kaiserlicher Machtvollkommenheit aus dem Frieden in den Unfrieden, weisen Dich hinaus auf die vier Straßen der Welt und erklären Dich für vogelfrei-

Ernst. Willst du noch mehr hören, mein Sohn? Sag nein, und ich erhebe meinen Herzogsstab!

Frauenhoven. Jetzt kommt das von den Tieren des Waldes und denVögeln unter dem Himmel und den Fischen im Wasser!

Nothhafft von Wernberg. Schau dich um! Sie gehen alle hinter sich!Keiner wird's mit dir tragen, als wir!

Albrecht. Wie sollten sie auch! Fangen doch die Berge zu wandeln an, um mich zu bedecken!

Ernst. Soll auch die Kirche den Mund noch öffnen? Soll die Kerze ausgelöscht, soll deine Seele dem ewigen Fluch übergeben, dein Name im Buch des Lebens getilgt werden?

Albrecht (zu Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven). Geht von mir, daß ich antworten kann!

Frauenhoven. Haben wir das um Euch verdient? Teufel, es brennt!

Albrecht. Soll ich mich vor der Gewalt demütigen, weil ihr neben mir steht? Mich mag sie noch heute zermalmen!

Ernst. Gewalt? Wenn das Gewalt ist, was du erleidest, so ist es eine Gewalt, die alle deine Väter dir antun, eine Gewalt, die sie selbst sich aufgeladen und ein halbes Jahrtausend lang ohne Murren ertragen haben, und das ist die Gewalt des Rechts! Weh dem, der einen Stein wider sie schleudert, er zerschmettert nicht sie, sondern sich selbst, denn der prallt ab und auf ihn zurück. Oder bin ich's, der zu dir redet, ist's nicht das ganze deutsche Reich?

Albrecht. Sei's so! Ich wußte nicht, daß der Tod darauf steht, eine Perle aufzuheben, statt sie zu zertreten, aber ich hab's getan und will's büßen. Heran, Bär und Wolf, schießt auf mich herab, Adler und Geier, und zerfleischt mich! Nicht mit der Hand will ich mich wehren, wenn ihr tut nach des Kaisers Gebot!

Ernst. Hast du solche Eil, vor deinem Richter zu erscheinen? Noch hat er diese Toten und ihre Wunden nicht gezählt, und du weißt so gewiß, wie er dich empfangen wird?

Albrecht. Oh, ihn fürcht ich nicht, er wird's schon vergeben, daß ich sein liebstes Kind bei der Hand gefaßt habe, er weiß ja, wie schön und edel er's gemacht hatte!

Ernst. Mein Sohn, geh in dich! Es ist wahr, du kannst deine Schuld vergrößern, du kannst dir den Tod ertrotzen, oder dich, wer will's hindern, hinterrücks aus der Welt wegstehlen, du kannst aber auch alles wiedergutmachen! Tu's, o tu's, fasse einen Entschluß, daß du vor deinen Ahnen nicht zu erröten brauchst, füge dich! Dies Schlachtfeld wird einst furchtbar wider dich zeugen, sie alle, die hier blutig und zerfetzt herumliegen, werden dich verklagen und sprechen: wir fielen, weil Herzog Albrecht raste! Weh Dir, wenn sich dann nicht eine viel größere Schar für dich erhebt und deine Ankläger zum Verstummen bringt, wenn nicht Millionen ausrufen: aber wir starben in Frieden, weil er sich selbst überwand! Denn das hängt davon ab, daß du lebst, davon ganz allein!

Albrecht. Die Unschuldige sollte modern, und ich—Welch ein Schurke wär' ich, wenn ich auf Euch hörte!

Ernst. Du bist nicht, wie ein anderer, der die Gerechtigkeit dadurch versöhnen kann, daß er ihrem Schwert reuig den Hals darbietet, von dir verlangt sie das Gegenteil! Schau dies Banner an, es ist dein Bild und kann dich's lehren! Es ward aus demselben Faden gesponnen, woraus der letzte Reiter, der ihm folgt, sein Wams trägt, es wird einst zerfallen und im Wind zerstäuben, wie dies! Aber das deutsche Volk hat in tausend Schlachten unter ihm gesiegt, und wird noch in tausend Schlachten unter ihm siegen, darum kann nur ein Bube es zerzupfen, nur ein Narr es flicken wollen, statt sein Blut dafür zu verspritzen und jeden Fetzen heiligzuhalten! So ist's auch mit dem Fürsten, der es trägt. Wir Menschen in unsrer Bedürftigkeit können keinen Stern vom Himmel herunterreißen, um ihn auf die Standarte zu nageln, und der Cherub mit dem Flammenschwert, der uns aus dem Paradies in die Wüste hinausstieß, ist nicht bei uns geblieben, um über uns zu richten. Wir müssen das an sich Wertlose stempeln und ihm einen Wert beilegen, wir müssen den Staub über den Staub erhöhen, bis wir wieder vor dem stehen, der nicht Könige und Bettler, nur Gute und Böse kennt, und der seine Stellvertreter am strengsten zur Rechenschaft zieht. Weh dem, der diese übereinkunft der Völker nicht versteht, Fluch dem, der sie nicht ehrt! So greife dann endlich auch in deine Brust, sprich: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir, aber ich will's büßen, ich will leben!

Albrecht. Hängt das von mir ab?

Ernst. Dies Wort ist mir genug! Gott wird dich stärken, und deineWitwe selbst wird für dich beten!

Albrecht. Meine Witwe!?

Ernst. Was ich ihr im Leben versagen mußte, kann ich ihr im Tode gewähren, und ich tu es gern, denn ich weiß, daß sie's verdient! Deine Gemahlin konnte ich nicht anerkennen, deine Witwe will ich selbst bestatten und für ewige Zeiten an ihrem Grabe einen feierlichen Totendienst stiften, damit das reinste Opfer, das der Notwendigkeit im Lauf aller Jahrhunderte gefallen ist, nie im Andenken der Menschen erlösche!

Albrecht. Ich will—Ich will, was ich noch kann! (Gegen den Herold.) Kaiserlicher Majestät meinen Respekt! (Zu Ernst.) Euch, mein Herr und Vater—(Er will ihm das Schwert überreichen.) Euch-

Ernst (öffnet die Arme und streitet ihm entgegen).

Albrecht (weicht zurück, und zieht). Nein, nein! Die Hölle über mich, aber Blut für Blut!

Ernst. Halt! Erst nimm den da! (Er reicht ihm den Herzogsstab, denAlbrecht unwillkürlich faßt.) Der macht dich zum Richter deinesVaters! Warum willst du sein Mörder werden!

Preising. Herzog!

Ernst. So war's beschlossen! Und nicht bloß des Feierabends wegen! Ich brauch sein Ja! Kann er's mir in seinem Gewissen weigern, so steht's schlimm um mich!

Albrecht. Mich schwindelt! Nimm ihn zurück! Er brennt mir in derHand.

Ernst. Trag ihn ein Jahr in der Furcht des Herrn, wie ich! Kannst du mich dann nicht lossprechen, so ruf mich, und ich selbst will mich strafen, wie du's gebeutst! Im Kloster zu Andechs bin ich zu finden!

Albrecht (will niederknien). Vater, nicht vor Kaiser und Reich, aber vor dir!

Ernst. Wart! wart! Mein Tagewerk war schwer, aber vielleicht leb ich noch übers Jahr! (Geht; zu Preising, als er folgen will.) Bleibt! An einem Mönch ist's genug!


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