„Zur Zerstreuung der mehrfach von Arbeitern der Gußstahlfabrik geäußerten Besorgniß, ob durch etwaige Arbeitseinstellungen auf den Kohlengruben auch ihnen Arbeit und Verdienst geschmälert werden möchte, kann ich mittheilen, daß die Gußstahlfabrik große Opfer nicht gescheut hat, um die Fortführung des Betriebes unter allen Umständen sicher zu stellen. Aus Nah und Fern ist für die Kohlenzufuhr gesorgt. Der an verschiedenen Orten schon beschaffte Vorrath reicht für Monate. Meine Arbeiter können also, möge auch eine andere Klasse von Arbeitern sichein sicheres Unheilbereiten, trotzdem getrost in die Zukunft sehen. Es wird im Betriebe der Fabrik, sowie in den Bauten von Werkstätten, Arbeiterwohnungen, auch Schulen etc. nach wie vor alles seinen Gang gehen.”
„Zur Zerstreuung der mehrfach von Arbeitern der Gußstahlfabrik geäußerten Besorgniß, ob durch etwaige Arbeitseinstellungen auf den Kohlengruben auch ihnen Arbeit und Verdienst geschmälert werden möchte, kann ich mittheilen, daß die Gußstahlfabrik große Opfer nicht gescheut hat, um die Fortführung des Betriebes unter allen Umständen sicher zu stellen. Aus Nah und Fern ist für die Kohlenzufuhr gesorgt. Der an verschiedenen Orten schon beschaffte Vorrath reicht für Monate. Meine Arbeiter können also, möge auch eine andere Klasse von Arbeitern sichein sicheres Unheilbereiten, trotzdem getrost in die Zukunft sehen. Es wird im Betriebe der Fabrik, sowie in den Bauten von Werkstätten, Arbeiterwohnungen, auch Schulen etc. nach wie vor alles seinen Gang gehen.”
Man las, nickte befriedigt mit dem Kopf und ging an die Arbeit. Es kostete recht große Opfer, um den Ausfall an Kohlen durch Anfuhr aus der Ferne zu decken, aber Schlimmerem ward dadurch vorgebeugt, dem gegen Krupp gerichteten Angriffsversuch die Spitze abgebrochen. Trotzdem ermüdeten die sozialdemokratischen und, mit ihnen schon damals verbunden, die ultramontanen Wähler nicht, Krupps Arbeiter, namentlich die jüngeren, in diesen Jahren in großer Masse neu eingestellten, zu bearbeiten, um ihre Unzufriedenheit zu erregen. Dem aufmerksamen Auge des Fabrikherrn entging dieses Treiben nicht, und noch ein Mal ergriff er das Wort, indem er am 24. Juli folgenden Aufruf erließ:
„An die Arbeiter der Gußstahlfabrik!Vor 45 Jahren stand ich in den ursprünglichen Trümmern dieser Fabrik, dem väterlichen Erbe, mit wenigen Arbeitern in einer Reihe. Der Tagelohn für Schmiede und Schmelzer war damals von 18 Stüber auf 7½ Sgr. erhöht, der ganze Wochenlohn betrug 1 Thlr. 15 Sgr. Fünfzehn Jahre lang habe ich grade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn ausbezahlen zu können, für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts, als das Bewußtsein der Pflichterfüllung. Bei dem Wechselder allgemeinen Verhältnisse mit dem fortschreitenden Gedeihen der Fabrik erhöhte ich allmählich die Löhne, als Regel immer freiwillig jeder Erinnerung zuvorkommend, und diese Regel soll in Kraft bleiben. Eine nützliche Einrichtung nach der andern ist getroffen und viele stehen noch bevor, die äußersten Kräfte sind bis heute angespannt worden im Interesse der Arbeiter, die in Angriff genommenen neuen Wohnungen gehen in die Tausende. Wenn bei Verkehrsstockungen alle Industrien darniederlagen, wenn Bestellungen fehlten, so habe ich dennoch arbeiten lassen, niemals einen treuen Arbeiter entlassen. Es sind noch viele Alte da, die dies bezeugen können. Fraget sie, was im Jahre 1848 für die Arbeiter geschehen ist. Die späteren Opfer der Kriegsjahre sind übrigens Allen bekannt. Wer berechnet die Opfer der jetzigen Kohlennoth? Gegenseitige Treue hat das Werk so groß gemacht. Ich weiß es, daß ich Euer Vertrauen verdiene und besitze, und darum will ich diese Worte an Euch richten. Ich warne, bevor ich Anlaß habe, über Untreue und Widerstreben mich zu beklagen, vor dem Loose, welches herumtreibende Aufwiegler und Zeitschriften unter dem Scheine des Wohlwollens und unter Mißbrauch von religiösen und sittlichen Denksprüchen dem großen Arbeiterstande zu bereiten bestrebt sind. Ihre Ernte wird beginnen, wenn sie durch falsche Verlockung unwiederbringlich die Existenz Eures Standes untergraben haben werden; sie wollen den allgemeinen Untergang, um dann mit ihrem Einfluß im Trüben zu fischen. Man erkundige sich nach der Vergangenheit dieser Apostel, nach ihrem häuslichen und sittlichen Lebenslauf. Die Geldbeiträge der Arbeiter für mündlichen und schriftlichen Skandal sind ihnen eine bequemere, angenehmere Beute, als reelle Arbeit sie bietet. Die „Essener Blätter” unter Anderm bestreben sich, durch Erfindungen aller Art den Charakter der Verwaltung meiner Fabrik zu verdächtigen und bringen zum Zweck des Aufhetzens gestern die Nachricht, daß die Konferenz gezwungenermaßen für eine Gattung Feuerarbeiter eine bedeutende Lohnerhöhung bewilligt habe.An diese und ähnliche plumpe Lügen böser Gegner knüpfe ich nun folgende warnende Versicherung: Nichts, keine Folge der Ereignisse wird mich veranlassen, mir irgend etwas abtrotzen zu lassen. Die Verwaltung wird mit dem bisherigen als Gesetz bestandenen Wohlwollen fortfahren, die Fabrik zu führen im Geiste meiner Grundsätze und so lange für meine Rechnung, als ich die Arbeiter nach wie vorin bewährter Treue als die Angehörigen des Etablissements betrachten werde. Daß ich täglich meine Stellung an Andere übertragen kann und daß irgend welche Gesellschaft von Kapitalisten an Wohlwollen und Opferwilligkeit mich nicht übertreffen würde, unterliegt wohl keinem Zweifel. Es wird wohl Niemand glauben, daß ich aus Durst nach Gewinn der Mühe und Arbeit mich unterziehe, welche mit der Verwaltung eines solchen Geschäftes für eigene Rechnung verbunden ist. Jedermann weiß, wie ich seit jeher den Arbeiter und die Arbeit geschätzt habe. Jedermann möge aber auch versichert sein, daß eine Verkennung meiner Gesinnung die eingewurzelte Vorliebe für sie auszurotten im Stande sein würde. Jedermann sei überzeugt, daß ich in meinen Beschlüssen nicht wanke, daß ich wie bisher Nichts verheiße ohne Erfüllung. Ich warne daher nochmals vor den Verlockungen einer Verschwörung gegen Ruhe und Frieden. Es ist im Kreise meiner Unternehmungen dem braven ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer mäßigen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren — in einem so günstigen Maaße, wie nirgend wo anders in der Welt. Ich erwarte und verlange volles Vertrauen, lehne jedes Eingehen auf ungerechtfertigte Anforderungen ab, werde wie bisher jedem gerechten Verlangen zuvorkommen, fordere daher alle diejenigen, welche damit sich nicht begnügen wollen, hiermit auf, je eher desto lieber zu kündigen, um meiner Kündigung zuvorzukommen und so in gesetzlicher Weise das Etablissement zu verlassen, um Anderen Platz zu machen, mit der Versicherung, daß ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr sein und bleiben will.Alfred Kruppin Firma: Fried. Krupp.”
„An die Arbeiter der Gußstahlfabrik!Vor 45 Jahren stand ich in den ursprünglichen Trümmern dieser Fabrik, dem väterlichen Erbe, mit wenigen Arbeitern in einer Reihe. Der Tagelohn für Schmiede und Schmelzer war damals von 18 Stüber auf 7½ Sgr. erhöht, der ganze Wochenlohn betrug 1 Thlr. 15 Sgr. Fünfzehn Jahre lang habe ich grade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn ausbezahlen zu können, für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts, als das Bewußtsein der Pflichterfüllung. Bei dem Wechselder allgemeinen Verhältnisse mit dem fortschreitenden Gedeihen der Fabrik erhöhte ich allmählich die Löhne, als Regel immer freiwillig jeder Erinnerung zuvorkommend, und diese Regel soll in Kraft bleiben. Eine nützliche Einrichtung nach der andern ist getroffen und viele stehen noch bevor, die äußersten Kräfte sind bis heute angespannt worden im Interesse der Arbeiter, die in Angriff genommenen neuen Wohnungen gehen in die Tausende. Wenn bei Verkehrsstockungen alle Industrien darniederlagen, wenn Bestellungen fehlten, so habe ich dennoch arbeiten lassen, niemals einen treuen Arbeiter entlassen. Es sind noch viele Alte da, die dies bezeugen können. Fraget sie, was im Jahre 1848 für die Arbeiter geschehen ist. Die späteren Opfer der Kriegsjahre sind übrigens Allen bekannt. Wer berechnet die Opfer der jetzigen Kohlennoth? Gegenseitige Treue hat das Werk so groß gemacht. Ich weiß es, daß ich Euer Vertrauen verdiene und besitze, und darum will ich diese Worte an Euch richten. Ich warne, bevor ich Anlaß habe, über Untreue und Widerstreben mich zu beklagen, vor dem Loose, welches herumtreibende Aufwiegler und Zeitschriften unter dem Scheine des Wohlwollens und unter Mißbrauch von religiösen und sittlichen Denksprüchen dem großen Arbeiterstande zu bereiten bestrebt sind. Ihre Ernte wird beginnen, wenn sie durch falsche Verlockung unwiederbringlich die Existenz Eures Standes untergraben haben werden; sie wollen den allgemeinen Untergang, um dann mit ihrem Einfluß im Trüben zu fischen. Man erkundige sich nach der Vergangenheit dieser Apostel, nach ihrem häuslichen und sittlichen Lebenslauf. Die Geldbeiträge der Arbeiter für mündlichen und schriftlichen Skandal sind ihnen eine bequemere, angenehmere Beute, als reelle Arbeit sie bietet. Die „Essener Blätter” unter Anderm bestreben sich, durch Erfindungen aller Art den Charakter der Verwaltung meiner Fabrik zu verdächtigen und bringen zum Zweck des Aufhetzens gestern die Nachricht, daß die Konferenz gezwungenermaßen für eine Gattung Feuerarbeiter eine bedeutende Lohnerhöhung bewilligt habe.
An diese und ähnliche plumpe Lügen böser Gegner knüpfe ich nun folgende warnende Versicherung: Nichts, keine Folge der Ereignisse wird mich veranlassen, mir irgend etwas abtrotzen zu lassen. Die Verwaltung wird mit dem bisherigen als Gesetz bestandenen Wohlwollen fortfahren, die Fabrik zu führen im Geiste meiner Grundsätze und so lange für meine Rechnung, als ich die Arbeiter nach wie vorin bewährter Treue als die Angehörigen des Etablissements betrachten werde. Daß ich täglich meine Stellung an Andere übertragen kann und daß irgend welche Gesellschaft von Kapitalisten an Wohlwollen und Opferwilligkeit mich nicht übertreffen würde, unterliegt wohl keinem Zweifel. Es wird wohl Niemand glauben, daß ich aus Durst nach Gewinn der Mühe und Arbeit mich unterziehe, welche mit der Verwaltung eines solchen Geschäftes für eigene Rechnung verbunden ist. Jedermann weiß, wie ich seit jeher den Arbeiter und die Arbeit geschätzt habe. Jedermann möge aber auch versichert sein, daß eine Verkennung meiner Gesinnung die eingewurzelte Vorliebe für sie auszurotten im Stande sein würde. Jedermann sei überzeugt, daß ich in meinen Beschlüssen nicht wanke, daß ich wie bisher Nichts verheiße ohne Erfüllung. Ich warne daher nochmals vor den Verlockungen einer Verschwörung gegen Ruhe und Frieden. Es ist im Kreise meiner Unternehmungen dem braven ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer mäßigen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren — in einem so günstigen Maaße, wie nirgend wo anders in der Welt. Ich erwarte und verlange volles Vertrauen, lehne jedes Eingehen auf ungerechtfertigte Anforderungen ab, werde wie bisher jedem gerechten Verlangen zuvorkommen, fordere daher alle diejenigen, welche damit sich nicht begnügen wollen, hiermit auf, je eher desto lieber zu kündigen, um meiner Kündigung zuvorzukommen und so in gesetzlicher Weise das Etablissement zu verlassen, um Anderen Platz zu machen, mit der Versicherung, daß ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr sein und bleiben will.
Alfred Kruppin Firma: Fried. Krupp.”
Dieser Aufruf ist außerordentlich charakteristisch für Krupps Sinnesart und für seine Auffassung des Verhältnisses zwischen ihm und seinen Arbeitern. Er hätte das, was nachher erfolgte, auch gleich thun können, ohne ein Wort zu verlieren, nämlich die aufrührerischen, unzufriedenen Elemente aus der Fabrik entfernen. Aber er wollte das in Anspruch genommene absolute Regiment in seinem Staate nicht auf Anwendung der Gewalt und Forderung eines blinden Gehorsams gründen, sondern auf das patriarchalische Verhältniß desgegenseitigen Vertrauens, der unentwegten Treue. Mit dem vollen Bewußtsein konnte er sich rühmen, diese treue Gesinnung seinen Untergebenen zu jeder Zeit bewahrt und in der opferfreudigen Fürsorge für ihr Wohl auch bewährt zu haben. Er hielt dieses stets für seine Pflicht, und wie er die seinige erfüllte, so konnte er auch die volle Pflichterfüllung von seinen Arbeitern verlangen. Mit vollem Recht konnte er darauf hinweisen, daß die angeblich auf eine Verbesserung ihres Looses gerichteten Bestrebungen des Lassalle, Marx und Liebknecht durch die praktische Bethätigung, wie sie in der Fabrik Platz gefunden hatte, längst überholt seien. Vor allen deutschen und außerdeutschen Arbeitgebern hatte er sich stets als den wahren Arbeiterfreund bewiesen. Es braucht nur daran erinnert zu werden, daß er im Jahre 1872 mit enormen Geldopfern durch Erbauung der Kolonien Schederhof und Kronenberg für 15000 Menschen gesunde und billige Wohnungen schuf und die Beschaffung aller Lebensbedürfnisse nach Kräften erleichtert hatte. Wo fand sich etwas derartiges wiederholt? Aber er wollte Herr bleiben auf seinem Grund und Boden, er gestattete keiner anderen Macht, irgend einen Einfluß auf seine Entschließungen zu gewinnen. Ein guter und fürsorglicher, aber ein absoluter Regent wollte er bleiben. Und seine Mahnung hatte Erfolg. Der Friede blieb in der Fabrik — fürs erste wenigstens — gewahrt.
Ein großartiges Bild ihrer Leistungsfähigkeit entwickelte diese im Jahre 1873 gelegentlich der Weltausstellung in Wien. Der Gußstahlblock, welcher wiederum den Mittelpunkt bildete, erreichte dieses Mal das Gewicht von 105000 Pfund und war aus 1800 Tiegeln gegossen. In Gestalt eines achtkantigen Prismas von 4mLänge und 1,5mStärke, wie er mit dem Dampfhammer Fritz hergestellt worden war, sollte erdie Schmiedbarkeit des Gußstahls selbst in so ungeheuren Dimensionen beweisen. Durch weiteres Ausschmieden sollte der Block später zu einem Geschützrohr von 37cmBohrungsdurchmesser benutzt werden. Während diesen Block einerseits die verschiedenartigsten Gegenstände der Friedenstechnik, Achsen, Räder, Kurbeln, Federn, Walzen, Kuppelstangen aus Tiegelgußstahl, Schienen und Weichen aus Bessemer Stahl umgaben, vergegenwärtigte anderseits eine ansehnliche Reihe von Geschützen die Leistungen Krupps auf dem Gebiete der Kriegstechnik. Neben den Feldkanonen machten sich die für Marinezwecke und Küstenzwecke brauchbaren Geschütze geltend, welche von der 12cmbis zur 30½cm-Kanone in 9 verschiedenen Größen bezw. Laffetirungen vertreten waren. Daneben wird auch eine 28cmHaubitze erwähnt, wahrscheinlich eine Vorläuferin der 1875 von Krupp konstruirten und mit Erfolg erprobten Haubitze gleichen Kalibers. Auch zwei Laffetenwände, aus Gußstahl gepreßt, kamen hier zum ersten Male zur Vorführung, wie sie von da ab die genieteten Laffeten der Feldgeschütze ersetzen sollten und der Erfindungsgabe Krupps ihre Herstellung verdankten. Einen Begriff von den Größen- und Gewichtsverhältnissen einzelner Ausstellungsgegenstände giebt der Umstand, daß sowohl der Gußstahlblock als das schwerste Geschütz die Verwendung von je zwei der Firma gehörigen Eisenbahnwagen mit je 6 Achsen und 1000 Ctr. Tragkraft erfordert hatte.
Alle Anstrengungen der bedeutendsten fremdländischen Eisenwerke vermochten Krupp nicht mehr aus seiner überragenden Stellung zu verdrängen, welche in der Verleihung der höchsten Auszeichnung, des Ehrendiploms, durch die Ausstellungs-Jury und des Komthurkreuzes des Franz-Joseph-Ordens seitens des Kaisers Franz Joseph ihre gebührende Anerkennung fand.
Gerade im Jahre der Wiener Ausstellung lag ein Vergleich zwischen dem erreichten höchsten Standpunkt der Fabrik und zwischen den kleinen beinahe dürftigen Anfängen ihrem Besitzer außerordentlich nahe, denn am 24. Februar waren es 25 Jahre seit seiner Uebernahme des Werkes auf eigene Rechnung. Nichts kann seine Sinnes- und Denkweise klarer beleuchten, als seine Stellungnahme gegenüber diesem Jubiläumstage. Es war ja nur erklärlich und selbstverständlich, daß er als ein Freudentag von dem gesammten Personal der Fabrik erwartet wurde, daß die Tausende, deren Herzen mit Verehrung und Dankbarkeit für ihren genialen, und bei aller Strenge stets wohlwollenden und fürsorglichen Brotherren erfüllt waren, danach verlangten, ihm ein Zeichen ihrer Treue in irgend einer Form an diesem Tage zu widmen. Aber, sich anfeiern zu lassen, das entsprach so ganz und gar nicht der schlichten und stolz-bescheidenen Natur dieses Mannes; er hatte kein Verständniß für das behagliche und selbstgefällige Weihrauchschlürfen, wie es namentlich den Emporkömmling auszeichnet, und in Vorahnung des Gewitters, das ihm drohte, richtete er bereits einige Tage vor dessen Ausbruch an seine Freunde mit dem Ausdruck innigsten Dankgefühls die Bitte, nachdem er vernommen, daß man „mehrseitig durch Besuch, Schrift, Rede oder andere Zeichen wohlwollender Gesinnung eine Epoche seiner Vergangenheit zu feiern beabsichtige, dergleichen verhindern zu wollen, weil er ihrer Beweise der Gesinnung nicht bedürfe und nicht in der Lage sei, Andere würdig zu empfangen und zu erwidern, auch keine Ausnahme machen dürfe”. Diese Kundgebung schloß er mit den Worten: „Ich melde hiermit für unbestimmte Zeit meine Abwesenheit an,” und entzog sich damit zugleich jedem Versuch einer Huldigung. Die Angestellten mußten sich damit begnügen,ihrem Herrn ein Album mit ihren Photographien in Gestalt eines massiven eichenen Schreibpultes als Andenken an den 24. Februar 1873 zu überreichen.
Ihm selber aber war es doch ein wichtiger Gedenktag, und auf seine Weise wollte er ihn begehen; nicht im Trubel und Gedränge einer Unmasse festlicher Gäste, nicht im strahlenden Nebelgewölk verherrlichender Reden und Lobpreisungen, sondern allein mit den Bildern der Vergangenheit, sich Rechenschaft ablegend über sein Thun seit jenen Tagen, da der Vater ihm sein Erbe übergeben hatte. Und dabei lenkte sein Blick sich auf das kleine Haus, wo er am Krankenlager belehrt und Mitwisser geworden war des großen Geheimnisses, dessen Erforschung der Vater Gesundheit und Leben geopfert hatte, wo ihm die Mutter als treue Genossin im harten Kampf zur Seite gestanden hatte, um des Vaters Erbtheil zur Anerkennung zu bringen. Da ward sein Herz dankerfüllt und begehrte, auch allen den Seinen, die jetzt mit Hand und Kopf halfen, dieses Erbe, den Gußstahl, zum allgemein begehrten Hilfsmittel auf allen technischen Gebieten zu gestalten, ihnen allen Zuversicht und Lebensmuth durch dieses, das Beispiel seines Lebensganges zu heben. Da nahm er ein Blatt mit der Zeichnung des kleinen, im vorigen Jahre wiederhergestellten Elternhauses und schrieb darunter die in ihrer Einfachheit ergreifenden Worte:
„Vor fünfzig Jahren war diese ursprüngliche Arbeiterwohnung die Zuflucht meiner Eltern. Möchte jedem unserer Arbeiter der Kummer fernbleiben, den die Gründung dieser Fabrik über uns verhängte. 25 Jahre lang blieb der Erfolg zweifelhaft, der seitdem allmählich die Entbehrungen, Anstrengungen, Zuversicht und Beharrlichkeit der Vergangenheit endlich so wunderbar belohnt hat. Möge dieses Beispiel Andere in Bedrängniß ermuthigen, möge es die Achtung vor kleinen Häusern und das Mitgefühl für die oft großen Sorgen darin vermehren.
„Vor fünfzig Jahren war diese ursprüngliche Arbeiterwohnung die Zuflucht meiner Eltern. Möchte jedem unserer Arbeiter der Kummer fernbleiben, den die Gründung dieser Fabrik über uns verhängte. 25 Jahre lang blieb der Erfolg zweifelhaft, der seitdem allmählich die Entbehrungen, Anstrengungen, Zuversicht und Beharrlichkeit der Vergangenheit endlich so wunderbar belohnt hat. Möge dieses Beispiel Andere in Bedrängniß ermuthigen, möge es die Achtung vor kleinen Häusern und das Mitgefühl für die oft großen Sorgen darin vermehren.
Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringtArbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.Möge in unserem Vaterlande Jeder, vom Höchsten zum Geringsten mit gleicher Ueberzeugung sein häusliches Glück dankbar und bescheiden zu begründen und zu befestigen streben; dann ist mein höchster Wunsch erfüllt.Essen, Februar 1873.Alfred Krupp.25 Jahre nach meiner Besitzübernahme.”
Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringtArbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.
Möge in unserem Vaterlande Jeder, vom Höchsten zum Geringsten mit gleicher Ueberzeugung sein häusliches Glück dankbar und bescheiden zu begründen und zu befestigen streben; dann ist mein höchster Wunsch erfüllt.
Essen, Februar 1873.
Alfred Krupp.
25 Jahre nach meiner Besitzübernahme.”
Dieses Blatt mit Bild und Schrift ließ er in dem kleinen Elternhaus anbringen, ein bleibendes Denkmal dieser seiner charakteristischen Feier seines Jubiläums.
So deutlich sich in diesem Krupps Wohlwollen für seine Arbeiter nun der Wunsch ausspricht, daß sie in gemeinsamer treuer Arbeit mit ihm und im Vertrauen zu ihm ihr häusliches Glück zu begründen streben sollten, so wenig behagte Anderen dieses von ihm immer wieder gefestigte Einvernehmen mit seinen Angestellten. Hatte man schon im vorigen Jahre unter diesen Unzufriedenheit und Mißtrauen zu verbreiten gesucht, so ließ man sich auch in der Folge durch Krupp’s schlagfertiges Vorgehen nicht entmuthigen. Die Wühlarbeit ward nur jetzt von einer andern Seite und mit mehr Geschick eingeleitet; man hatte Bundesgenossen von besonderer Stärke gewonnen, nämlich die ultramontanen Hetzer gegen den Protestanten Krupp.
In Essen war im Jahre 1869 ein „christlicher Arbeiterverein” begründet worden, welcher unter Leitung der Kapläne Klausmann,Dr.Mosler undDr.Litzinger innerhalb zweier Jahre zu 2000 Mitgliedern angewachsen war und auch mittelst seines Organes die „Essener Blätter” gegen die 1870 nach Essen berufenen Jesuiten auftrat. Es kam zu Zwistigkeiten zwischen diesem Verein und den von den Jesuiten gegründetenund sehr schnell anwachsenden Arbeiterkongregationen, welche bis in den Reichstag ihre Wirkung geltend machten. In Folge der Einwirkung der Weltgeistlichkeit, welche für die Jesuiten eintrat, wurden 1871 die Kapläne Litzinger und Klausmann versetzt, Mosler suspendirt und im Mai 1872 der bisherige Vizepräses des Aachener Arbeitervereins Kaplan Laaf nach Essen behufs Uebernahme der Leitung des dortigen Arbeitervereins entsandt. Der Redakteur der „Essener Blätter”, ein vom Sozialdemokraten zum Christlich-Sozialen bekehrter früherer Metalldreher der Krupp’schen Fabrik, Namens Stötzel, mußte die stark nach Lassalle’schen Lehren schmeckende Waare, welche Kaplan Laaf zu verbreiten begann, mit seinem Namen decken. So hatte Krupp mit Recht diese Zeitung in seinem Aufruf vom 24. Juli 1872 als Hetzblatt bezeichnet.
In ein neues Stadium traten die konfessionellen Verhältnisse im August 1872, wo sich bei der am 22. stattfindenden Schließung der Jesuiten-Niederlassung deutlich zeigte, wie weit die Einwirkung der Jesuiten und die demagogische Agitation des Kaplan Laaf bereits in der Terrorisirung der katholischen Arbeitermassen geführt hatte. Mit Steinwürfen und Demolirungen suchte der fanatisirte Pöbel gegen die Schließung zu protestiren. Die Ausweisung der Jesuiten diente den Agitatoren nun zu einem neuen wirksamen Verhetzungsmittel. Die Sozialdemokraten bemächtigten sich der Waffe, welche die konfessionellen Streitigkeiten ihnen boten, und begannen mit dieser einen neuen Angriff auf die in ihrem imposanten Widerstande ihnen besonders verhaßte Gußstahlfabrik.
Der Erfolg war ein von Krupp selbst am wenigsten erwarteter. Ihm, dem protestantischen Fabrikherren, war esniemals in den Sinn gekommen, bei der Annahme seiner Arbeiter nach deren Konfession zu fragen und nun mußte er in Erfahrung bringen, daß aus einzelnen Betriebsabtheilungen plötzlich die zum Theil ihm persönlich wohl bekannten protestantischen Arbeiter verschwanden, um katholischen Platz zu machen. Dieses veranlaßte ihn zu folgendem Aufruf, den er am 1. November an seine Angestellten erließ.
„Neben den Bestrebungen, welche bereits an manchem Orte das gegenseitige Wohlwollen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zu beiderseitigem Nachtheile störten, droht seit einiger Zeit ein Unheil von noch tieferer Bedeutung. Kirchliche Zwietracht untergräbt den Frieden. Möge jeder das Seinige thun, verderbliche Folgen abzuwehren überall, wo es ihm möglich ist. Meinen Blick lenkt die Sorge um das Gemeinwohl auf die Fabrik. Dieselbe soll wie jedes gewerbliche Etablissement zunächst das äußere Wohlergehen aller ihrer Angehörigen sichern. Bei so gesichertem Erwerb und Frieden in seinem Hause kann Jedermann seines Daseins froh werden. Jeder brave und fähige Mann ist ohne Ansehen seiner Heimath oder seines Glaubens in unserem Verbande willkommen und hat gleichen Anspruch auf Schutz und Anerkennung. Alte und Pensionirte werden bezeugen, daß es bisher hier so gehalten wurde, und ebenso muß es auch ferner bleiben, denn jeder Unbefangene wird die Ueberzeugung theilen, daß nur Unparteilichkeit Frieden säen kann, und niemand wird bezweifeln, daß Arbeit nur da Segen bringt, wo Ordnung, Einigkeit und Friede regieren. Es darf daher keine Aeußerung politischer oder kirchlicher Zwiste innerhalb des Verbandes der Fabrik geduldet werden und ergeht deshalb diese Warnung:„Niemand kümmere sich um die Meinung und den Glauben desjenigen, der ordentlich und brav ist und seine Pflicht thut. Wer zuwiderhandelt,wer seine Stellung mißbraucht zur Beeinflussung oder gar zum Nachtheile seiner Kameraden oder Untergebenen um der Meinung oder des Glaubens willen, der hat zu erwarten, daß er als Friedensstörer beseitigt wird,— er möge der geringste Tagelöhner oder ein angesehener Vorgesetzter sein — ohne Rücksicht darauf, ob die eine oder die andere Stelle nicht besetzt werden könnte, ob selbst ganze Werke vorübergehend außer Betrieb gestellt werden müßten.”
„Neben den Bestrebungen, welche bereits an manchem Orte das gegenseitige Wohlwollen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zu beiderseitigem Nachtheile störten, droht seit einiger Zeit ein Unheil von noch tieferer Bedeutung. Kirchliche Zwietracht untergräbt den Frieden. Möge jeder das Seinige thun, verderbliche Folgen abzuwehren überall, wo es ihm möglich ist. Meinen Blick lenkt die Sorge um das Gemeinwohl auf die Fabrik. Dieselbe soll wie jedes gewerbliche Etablissement zunächst das äußere Wohlergehen aller ihrer Angehörigen sichern. Bei so gesichertem Erwerb und Frieden in seinem Hause kann Jedermann seines Daseins froh werden. Jeder brave und fähige Mann ist ohne Ansehen seiner Heimath oder seines Glaubens in unserem Verbande willkommen und hat gleichen Anspruch auf Schutz und Anerkennung. Alte und Pensionirte werden bezeugen, daß es bisher hier so gehalten wurde, und ebenso muß es auch ferner bleiben, denn jeder Unbefangene wird die Ueberzeugung theilen, daß nur Unparteilichkeit Frieden säen kann, und niemand wird bezweifeln, daß Arbeit nur da Segen bringt, wo Ordnung, Einigkeit und Friede regieren. Es darf daher keine Aeußerung politischer oder kirchlicher Zwiste innerhalb des Verbandes der Fabrik geduldet werden und ergeht deshalb diese Warnung:
„Niemand kümmere sich um die Meinung und den Glauben desjenigen, der ordentlich und brav ist und seine Pflicht thut. Wer zuwiderhandelt,wer seine Stellung mißbraucht zur Beeinflussung oder gar zum Nachtheile seiner Kameraden oder Untergebenen um der Meinung oder des Glaubens willen, der hat zu erwarten, daß er als Friedensstörer beseitigt wird,— er möge der geringste Tagelöhner oder ein angesehener Vorgesetzter sein — ohne Rücksicht darauf, ob die eine oder die andere Stelle nicht besetzt werden könnte, ob selbst ganze Werke vorübergehend außer Betrieb gestellt werden müßten.”
Besonders leid würde es mir thun, wenn Leute, welche bisher treue Dienste geleistet haben, betroffen werden sollten. Ich habe jedoch in 47jähriger Erfahrung im Allgemeinen nur Treue und Friedfertigkeit zu rühmen gehabt und vertraue daher, daß zum Besten für uns alle diese Warnung beachtet wird und somit Friede und Eintracht wie bisher erhalten bleibt. Dann werden auch die im Bau begriffenen Werkstätten der Bestimmung gemäß bald besetzt, und die der Vollendung entgegen gehenden neuen Kolonien und Ortschaften mit zufriedenen Bewohnern bald gefüllt sein.Gußstahlfabrik, den 1. November 1873.(gez.) Alfred Kruppin Firma. Fried. Krupp.”
Besonders leid würde es mir thun, wenn Leute, welche bisher treue Dienste geleistet haben, betroffen werden sollten. Ich habe jedoch in 47jähriger Erfahrung im Allgemeinen nur Treue und Friedfertigkeit zu rühmen gehabt und vertraue daher, daß zum Besten für uns alle diese Warnung beachtet wird und somit Friede und Eintracht wie bisher erhalten bleibt. Dann werden auch die im Bau begriffenen Werkstätten der Bestimmung gemäß bald besetzt, und die der Vollendung entgegen gehenden neuen Kolonien und Ortschaften mit zufriedenen Bewohnern bald gefüllt sein.
Gußstahlfabrik, den 1. November 1873.
(gez.) Alfred Kruppin Firma. Fried. Krupp.”
Aus dem Wortlaut dieser Ermahnung ist ebenso wie aus der sie veranlassenden Entlassung evangelischer Arbeiter in einzelnen Betriebsabtheilungen zu entnehmen, daß nicht nur in den unteren Gebieten der Angestellten, sondern ziemlich weit in die Kreise der Vorgesetzten hinauf die konfessionelle Zwietracht ihre zersetzenden Einflüsse geltend machte. Die Strenge, mit welcher Krupp vorging, ist deshalb wohl motivirt, da er unter allen Umständen Frieden und Eintracht in seiner Fabrik erhalten wollte und diese mit vollem Recht allein bei der Duldsamkeit in religiöser Beziehung für erreichbar hielt. Es war ein nothwendiger Akt der Nothwehr, zu welchem er schritt, um für seinen Theil das Seinige beizutragen zur Sicherung des Gemeinwohls, indem er diejenigen unnachsichtlich entfernte, welche an Stelle der bisher geübten Toleranz die Verfolgung Andersgläubiger glaubten üben zu dürfen. Frieden und Vertrauen wurden dadurch untergraben, Unzufriedenheit erregt und den zersetzenden Agitationen Thor und Thür geöffnet. Bald genug sollten Zeiten kommen, welche mit den wirthschaftlichen Schwierigkeiten, die den Fabrikbesitzern erwuchsen, auch den Arbeitern die Gefahr vor Augen führten, die die Geschäftsstockung ihnen brachte, undwelche die ernste Mahnung an Alle richteten, in Eintracht zusammenzustehen, und nicht in Mißgunst sich zu übervortheilen. Die Jahre des Aufschwungs der Industrie, wie sie dem französischen Kriege gefolgt waren, hatten zu einer Entwickelung der Etablissements und zu einer Ueberproduktion geführt, welche einen empfindlichen Rückschlag nach sich ziehen mußten. Gleichzeitig waren mit der vermehrten Nachfrage die Löhne der Arbeiter stark in die Höhe gegangen und die Preise der Rohmaterialien, Eisen und Kohlen, in noch stärkerem Maaße gestiegen, so daß sie zu den Preisen der Fertig-Fabrikate gar nicht mehr im Verhältniß standen. Als nun der Absatz der Waaren ins Stocken gerieth, als die meisten Werke ihren Betrieb einschränken und dadurch vertheuern mußten, da konnte die Gußstahlfabrik sich der gleichen Einwirkung in geschäftlicher Beziehung nicht entziehen und nur die gerade in diesen Jahren recht bedeutenden Geschützlieferungen hielten den starken Ausfällen auf den Gebieten der Friedensartikel jetzt die Waage. So erntete Krupp jetzt für die Opfer, die er früher der Entwickelung der Waffenfabrikation in seiner Fabrik gebracht hatte, den wohlverdienten Lohn. Sie gestattete ihm im Jahre 1874 die Arbeiterzahl von 11690 und selbst im folgenden Jahre noch 10200 Köpfe. Aber durch die großartigen Neuerwerbungen und Neuanlagen der letzten Jahre, welche, wie früher erwähnt, nicht nur der Selbständigkeit und Leistungsfähigkeit des Etablissements, sondern in hervorragendem Grade auch seinen Angestellten zu Gute kamen, waren sehr bedeutende Kapitalien festgelegt worden. Krupp hatte, seinem alten Grundsatz getreu, wiederum nichts kapitalisirt, sondern seine enormen Einnahmen im Interesse der Fabrik wieder verwendet. In den Jahren der fortschreitenden Entwickelung war mittelst derzunehmenden Produktion auch der Gewinn gewachsen und die Amortisation der für Neuanlagen verwendeten Kapitalien rasch vor sich gegangen. Nun aber stockte das Geschäft, die neuangelegten Betriebserweiterungen konnten nicht benutzt und ausgenutzt werden. Die Kapitalien lagen todt, ohne Zins zu bringen, und zum ersten Male seit langen Jahren sah sich Alfried Krupp wieder ein Mal einer wirthschaftlichen Krisis gegenüber. Allerdings war sie leicht zu überwinden, denn dem Verlangen der Firma, eine Anleihe von 30 Millionen gegen Verpfändung ihrer sämmtlichen industriellen Anlagen und Bergwerke aufzunehmen, ward mit größter Bereitwilligkeit begegnet. Im April 1874 ward sie perfekt unter der Bedingung einer Rückzahlung innerhalb 10 Jahren zum Kurse von 110 und bis dahin zum Zinsfuß von 5%. Man erinnere sich, daß zu gleicher Zeit 4 Dampfer fertig wurden, der Schießplatz zu Visbeck erworben und die Arbeiter-Kolonien erbaut worden waren, um den Bedarf so großer Geldmittel zu verstehen. Denn es überrascht zunächst, daß Krupp zu einer so großen Anleihe sich entschließen mußte, wenn man die Zahlen betrachtet, welche bis zu dieser Zeit immer im Steigen begriffen waren und einen bisher noch nicht erreichten Höhepunkt der Entwickelung zu bezeichnen scheinen. Das Areal der Gußstahlfabrik bei Essen erreichte, abgesehen von allen nicht in unmittelbarem Zusammenhang damit stehenden auswärtigen Besitzungen, die Ausdehnung von rund 307hagegen 230haim Jahre 1872, die Arbeiterzahl blieb 1874 nur wenig hinter dem Maximum von 1873 zurück. Aber in der Produktion zeigte sich eine Abnahme, sie betrug 1874 nur 110000tgegen 125000tim Vorjahre, und Krupp’s weitschauendem Blick entging es nicht, daß ein weiterer Rückgang mit Bestimmtheit zu erwarten war; als ein klugerWirthschafter benutzte er die noch günstigen Verhältnisse, um Kapitalien flüssig zu machen, welche er wahrscheinlich in den nächsten Jahren nur mit noch größeren Opfern bekommen hätte.
So schließt diese Periode des Aufschwunges der Fabrik mit einem Schritt der weisen Fürsorge. Der geniale Geschäftsmann verhehlte sich nicht, daß die nächste Zeit schwere Gefahren — sowie für die ganze deutsche Industrie — so auch für ihn und sein Werk im Schooße trug: die wirthschaftlichen Schwierigkeiten würden sich zunächst noch steigern, der Absatz der Erzeugnisse noch weiter zurückgehen, die Thätigkeit der Fabrik und damit die Arbeiterzahl beschränkt werden müssen; anderseits waren in den sozialdemokratischen und ultramontanen Bestrebungen ihm Feinde erstanden, welche voraussichtlich nicht durch den einmal abgeschlagenen Angriff sich würden einschüchtern lassen, sondern ihre heimliche Wühlarbeit immer auf’s Neue beginnen, um sein Verhältniß zu seinen Untergebenen zu untergraben. So fest und unverzagt er, im Bewußtsein seiner stets im vollsten Maaße erfüllten Pflicht gegen seine Untergebenen, den weiteren Unternehmungen dieser Gegner entgegensah, so wenig durfte er die Bedeutung ihrer unheimlichen im Verborgenen rastlos betriebenen Arbeit unterschätzen. Dieser Feind war, weil in seinen Mitteln rücksichtslos und gewissenlos, in seinen Erfolgen unberechenbar, viel schlimmer als die geschäftlichen Krisen, welche auch zu bestehen sein würden. Denn im gegenseitigen Vertrauen mit seinen Arbeitern glaubte er letztere bei der stetig gleichbleibenden Güte seiner Erzeugnisse wohl überwinden zu können. Wenn aber das Werkzeug, wenn seine Angestellten, ihn im Stiche ließen, dann stand alles auf dem Spiele. Deshalb richtete er in den nächsten Jahren sein Augenmerk unablässigauf Mittel, welche ihm zur Belehrung seiner Untergebenen, zur Kräftigung ihrer Gesinnung, zur Erhaltung ihrer Treue dienen könnten und versäumte so auch im Interesse des Staates, des Gemeinwohls nichts, um den kommenden Gefahren vorzubeugen.
Mit der ersten, dem Geschäftsrückgang entsprechenden Maßregel ging Krupp sofort vor. Es war die für seine Arbeiter empfindlichste und doch im allseitigen Interesse voraussichtlich nicht zu umgehende; deshalb entschied er sich für ihre sofortige Ergreifung, um eine klare Situation zu schaffen. Er setzte sämmtliche, in den letzten Jahren unmäßig gestiegenen Löhne herab und kündigte diese Maßregel mit folgender offenen und ehrlichen Begründung seinen Angestellten an:
„Vergangene Jahre, welche allen Fabriken und Bergwerken so außergewöhnliche Arbeit brachten, haben den Arbeitern außergewöhnliche Löhne zugeführt. Diese scheinbar glückliche Zeit hat in das Gegentheil sich umgewandelt:Arbeit ist jetzt wenig gebotenundEntlassungenwerden auf allen Werken vorgenommen. Auch die Gußstahlfabrik war zum ersten Male in dem Falle, eine größere Anzahl von Leuten entlassen zu müssen. Da die Löhne nicht im Verhältniß stehen zu den erreichbaren Verkaufspreisen, so wird für alle Zweige der Fabrik eineErmäßigung der Löhnenothwendig eintreten müssen, solange, bis ein richtiges Verhältniß zwischen Selbstkosten und Verkaufspreisen wieder hergestellt sein wird. Diese Ankündigung geschieht hiermit im Voraus, damit Niemand plötzlich überrascht werde. Ueber das Maaß und die Dauer dieser Lohnermäßigung läßt sich heute nichts sagen; sie hängt von den Zeitverhältnissen ab.Bei Durchführung dieser Ermäßigung hofft die Firma indessen es zu ermöglichen, daß alle ihre Werke in voller Kraft fortarbeiten können. Es wird ihr dabei zur größten Befriedigung gereichen, wenn alle treuen Arbeiter — trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse ruhig und ohne Sorgen für ihre Zukunft — fortdauernd beschäftigt bleiben können, und sie wird nach wie vor bestrebt sein, denselben die Vortheile der Beschaffung aller Lebensbedürfnisse in möglichst erweitertem Maße zuzuführen. Ich bedaure diese Nothwendigkeit der Lohnherabsetzung, verbinde damit aber die bestimmte Erklärung, daß jeder Ausdruck von Unzufriedenheit als Kündigung anzusehen ist.Essen, Gußstahl-Fabrik, den 28. Dezember 1874(gez.) Fried. Krupp.”
„Vergangene Jahre, welche allen Fabriken und Bergwerken so außergewöhnliche Arbeit brachten, haben den Arbeitern außergewöhnliche Löhne zugeführt. Diese scheinbar glückliche Zeit hat in das Gegentheil sich umgewandelt:Arbeit ist jetzt wenig gebotenundEntlassungenwerden auf allen Werken vorgenommen. Auch die Gußstahlfabrik war zum ersten Male in dem Falle, eine größere Anzahl von Leuten entlassen zu müssen. Da die Löhne nicht im Verhältniß stehen zu den erreichbaren Verkaufspreisen, so wird für alle Zweige der Fabrik eineErmäßigung der Löhnenothwendig eintreten müssen, solange, bis ein richtiges Verhältniß zwischen Selbstkosten und Verkaufspreisen wieder hergestellt sein wird. Diese Ankündigung geschieht hiermit im Voraus, damit Niemand plötzlich überrascht werde. Ueber das Maaß und die Dauer dieser Lohnermäßigung läßt sich heute nichts sagen; sie hängt von den Zeitverhältnissen ab.Bei Durchführung dieser Ermäßigung hofft die Firma indessen es zu ermöglichen, daß alle ihre Werke in voller Kraft fortarbeiten können. Es wird ihr dabei zur größten Befriedigung gereichen, wenn alle treuen Arbeiter — trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse ruhig und ohne Sorgen für ihre Zukunft — fortdauernd beschäftigt bleiben können, und sie wird nach wie vor bestrebt sein, denselben die Vortheile der Beschaffung aller Lebensbedürfnisse in möglichst erweitertem Maße zuzuführen. Ich bedaure diese Nothwendigkeit der Lohnherabsetzung, verbinde damit aber die bestimmte Erklärung, daß jeder Ausdruck von Unzufriedenheit als Kündigung anzusehen ist.
Essen, Gußstahl-Fabrik, den 28. Dezember 1874
(gez.) Fried. Krupp.”
Die große Bedeutung der Wohlfahrtseinrichtungen mußte in den nun folgenden knapperen Jahren den Arbeitern recht fühlbar werden. Sie sind nicht ohne Berechtigung in der Bekanntmachung hervorgehoben, denn soeben war die große Central-Verkaufsstelle eröffnet worden, welche außer den Ladenräumen für Kolonial-, Manufaktur-, Schuh-, Eisenwaaren und Hausgeräthen ein Reservelager für Manufakturwaaren, eine Schneider-Werkstatt, eine Speise-Anstalt und Wohnungen für das Personal, ferner Lagerkeller für Wein, Bier, Leder-, Woll- und andere Waaren, ein Lager von Möbeln und Nähmaschinen enthält; und die Bäckerei war durch einen Neubau mit 12 Backöfen und 3 Knetmaschinen erweitert worden. So war Krupp angesichts der kommenden wirthschaftlich ungünstigeren Jahre bei Zeiten darauf bedacht, seinen Arbeitern deren Ueberwindung nach Möglichkeit zu erleichtern. Anderseits zeigte die stetig zunehmende Beanspruchung der Konsumanstalten, daß die Arbeiter auch die ihnen hieraus erwachsende Erleichterung und Wohlthat wohl auszunutzen wußten. Die Gesammt-Einnahme der Konsumanstalten, welche 1871/72 sich auf 1445500 Mk. belief, stieg von Jahr zu Jahr und bezifferte sich 1874/75 auf 3230000 Mk., beinahe½ Million mehr als im Vorjahr, wo doch die Arbeiterzahl wesentlich höher gewesen war.
Ob die Fürsorge Krupps auch von seinen Arbeitern durchweg gewürdigt und anerkannt wurde, ist fraglich. Es entging ihm nicht, daß mit den zunehmenden wirthschaftlichen Schwierigkeiten die sozialdemokratische und sozialistisch-ultramontane Agitation immer mehr Boden in der Gußstahlfabrik fand, um ihre giftige Saat auszustreuen. Gespart hatten die Arbeiter in den verflossenen fetten Jahren nichts, die Unzufriedenheit nahm mit den knappen Löhnen und der beschränkteren Lebensführung zu. Als er sich umsah nach Hilfsmitteln, um dem heranschleichenden Gegner des Mißtrauens, des Treubruchs zu begegnen, da fiel Krupp eine kleine Schrift in die Hand, welche ein anderer erfahrener Fabrikbesitzer, Friedrich Harkort in Wetter an der Ruhr, soeben unter dem Titel „Arbeiter-Spiegel” herausgegeben hatte. Sie war ihm aus der Seele geschrieben, er ließ sie sofort in mehreren tausend Exemplaren abdrucken, und mit folgendem, selbst verfaßtem Vorwort im Februar 1875 an seine Arbeiter vertheilen:
„Ein Rückblick auf das verflossene halbe Jahrhundert erweist einen so großen Wechsel in der Lage des Arbeiterstandes zwischen damals und jetzt, daß Betrachtungen über die nächste und fernere Zukunft und über die Mittel, zum Nutzen derselben Beistand zu leisten, wohl eine Pflicht geworden sind für jeden Betheiligten und Berufenen. Der Umschwung der letzten zehn Jahre zeigt abwechselnd Noth und Wohlstand, niedrigen Lohn und nie dagewesene Höhe desselben. Außerdem trat aber die auffallende Erscheinung zu Tage, daßmit dem Steigen der Löhne die Unzufriedenheit zunahmund daß zur Zeit, als Jedermann Fortdauer der bestehenden günstigen Verhältnisse hätte wünschen sollen zum Besten aller Betheiligten — Arbeiter und Arbeitgeber, — sogar Einstellung der Arbeit auf manchen Werken erfolgte, um durch Druck auf den Arbeitgeber noch höheren Lohn zu erpressen.Man trachtete sogar dahin, durch Entziehung des Bedarfs an Kohlen auch den Stillstand der Gußstahlfabrik zu erzwingen, als solche für lange Zeit im Voraus dringende Arbeit, vorzugsweise für den Staat übernommen hatte. Durch große Opfer ist damals dieses Unglück, welches doch am härtesten die Arbeiter der Fabrik betroffen haben würde, abgewendet worden. Nicht Freunde der Arbeiter haben dies veranlaßt. Es waren ihre eigenen Feinde, die von der Unterstützung des zum Theil verleiteten Arbeiterstandes leben und an die Spitze desselben sich zu schwingen hoffen. Unter dem Schein der Fürsorge wollen sie die Arbeiter ruiniren, um zu ihren selbstsüchtigen, räuberischen Zwecken aus der Kraft solcher Hilfsloser sich willige Werkzeuge zu schaffen, wenn der Zeitpunkt zum Umsturz der Ordnung ihnen günstig erscheint.Erfüllt von solchen Sorgen für das Wohl des Arbeiterstandes entdecke ich eine Schrift: „Arbeiter-Spiegel von Friedrich Harkort”, welche ich der Beherzigung empfehle, weil sie die Lage der Arbeiter, die Ursachen der Beschwerden, ihr Recht und ihr Unrecht klar schildert und den richtigen Weg zeigt, der allein zum dauernden Wohlergehen und zur Zufriedenheit führt. Der Name des Verfassers bürgt dafür, daß er nur diese uneigennützige Absicht befolgt. Schon vor fünfzig Jahren hat derselbe Mann und jetzt hochbetagte Greis viele Arbeiter beschäftigt; er war derjenige, der vor ca. 45 Jahren zuerst den Puddlingsprozeß in Deutschland und zwar in Wetter a. d. Ruhr einführte trotz Kosten, Mühe und Gefahr. Hunderttausende von Menschen haben jetzt in Deutschland ihr Brod von dieser so wichtig gewordenen Industrie. Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschäftigte, habe ich seinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm und anderen großen Beispielen die Anregung zu eigenem Streben. Wenn ein Mann, der seit dem Rücktritte aus der gewerblichen Thätigkeit sein Leben durch Sinnen, Wort und Schrift so reichlich dem Wohle der arbeitenden Klassen und namentlich der Volksbildung gewidmet hat, eine Schrift wie diese veröffentlicht, so darf dieselbe wohl als ein Gruß an seine Schützlinge, als ein am Lebensabend geschriebenes Vermächtniß angesehen und geehrt werden, und deshalb empfehle ich mit gleicher Wärme für das Wohl des Arbeiterstandes die erwähnte Schrift zur allgemeinen Kenntniß und Beherzigung. Der Kern der Schrift ist ein Beweis, daß Fleiß, Treue, Mäßigkeit, Sittlichkeit und Ordnung imHauswesen und in der Familie die sicheren Grundlagen des Wohlergehens und der Zufriedenheit sind, und daß diese Tugenden selbst Schutz bieten in schlechten Zeiten, daß dagegen trotz aller Fähigkeit, trotz aller List und feindseliger mächtiger Vereinbarungen am Ende Unbotmäßigkeit, Unordnung, Unsittlichkeit selbst bei zeitweise erpreßtem hohem Lohn ins Verderben stürzen. Das Schicksal der Arbeitseinstellungen in England hat Unglück gebracht über Hunderttausende, die jetzt ohne Arbeit sind und zum Theil bleiben werden. Die treu bewährten guten Leute wird man selbst in schlechten Zeiten mit Vorzug und Opfern schützen — die schlechten, welche auf kein Mitgefühl rechnen können, wird man bei der nächsten Gelegenheit entfernen. Und so wird es auch auf der Gußstahlfabrik gehalten sein und bleiben.Aber Fleiß, Treue und Geschicklichkeit bei der Arbeit verbürgen allein noch nicht den dauernden Werth des Mannes. Er muß auch durch seineFührung außerhalb der Fabrik, durch seinHauswesenund durch dieErziehung seiner Kindersich Achtung erwerben und das Vertrauen zu seiner Beständigkeit. Man wird zum Nutzen des großen Ganzen auch hierauf mit Sorgfalt die Beobachtung richten.Ich begleite diese Zeilen noch mit einer Bemerkung, welche durch die Zeitumstände hervorgerufen wird. Ich wünsche nämlich, daß auf allen Werken der Gußstahlfabrik bis in die fernsten ZeitenFriedeundEintrachtherrschezwischen den Konfessionen, wie dies bisher stattgefunden. Nach einer 48jährigen Thätigkeit als Arbeitgeber bekenne ich mit Freuden, daß ich, obgleich protestantisch, von Anfang an immer in der Mehrzahl katholische Arbeiter und Meister hatte, und daß ich niemals einen Unterschied bemerkte in der Treue; vielmehr habe ich der treuen Hingebung einer namhaften Zahl von ihnen aus allen Konfessionen zum großen Theile das Gelingen meiner Unternehmungen zu verdanken. Am Abend meines eigenen Lebens äußere ich die Hoffnung, daß es ferner so bleiben möge. Ich wünsche auch, daß die Kinder aller Konfessionen in den Schulen und auf den Spielplätzen, welche ich ihnen errichtete, sich befreunden, damit sie später als Männer, jeder nach seiner Kraft und Befähigung, auf den Werken der Fabrik in Gemeinschaft und in gutem Einvernehmen ihren Beruf erfüllen und ihr Brod erwerben. Denn Einigkeit ist die Bedingung der allseitigen Zufriedenheit und des Segens der Arbeit. Wer dieselbe zustören wagen möchte, sei er jung oder alt, stehe er hoch oder niedrig, der soll entfernt werden. Ich hoffe aber, daß solcher Fall niemals bei uns eintreten wird, daß vielmehr Jedermann auch in dieser Beziehung sich bestreben wird, die Wohlfahrt Aller zu befestigen.Mit diesem warmen Wunsche schließe ich.Februar 1875.Alfred Krupp.”
„Ein Rückblick auf das verflossene halbe Jahrhundert erweist einen so großen Wechsel in der Lage des Arbeiterstandes zwischen damals und jetzt, daß Betrachtungen über die nächste und fernere Zukunft und über die Mittel, zum Nutzen derselben Beistand zu leisten, wohl eine Pflicht geworden sind für jeden Betheiligten und Berufenen. Der Umschwung der letzten zehn Jahre zeigt abwechselnd Noth und Wohlstand, niedrigen Lohn und nie dagewesene Höhe desselben. Außerdem trat aber die auffallende Erscheinung zu Tage, daßmit dem Steigen der Löhne die Unzufriedenheit zunahmund daß zur Zeit, als Jedermann Fortdauer der bestehenden günstigen Verhältnisse hätte wünschen sollen zum Besten aller Betheiligten — Arbeiter und Arbeitgeber, — sogar Einstellung der Arbeit auf manchen Werken erfolgte, um durch Druck auf den Arbeitgeber noch höheren Lohn zu erpressen.Man trachtete sogar dahin, durch Entziehung des Bedarfs an Kohlen auch den Stillstand der Gußstahlfabrik zu erzwingen, als solche für lange Zeit im Voraus dringende Arbeit, vorzugsweise für den Staat übernommen hatte. Durch große Opfer ist damals dieses Unglück, welches doch am härtesten die Arbeiter der Fabrik betroffen haben würde, abgewendet worden. Nicht Freunde der Arbeiter haben dies veranlaßt. Es waren ihre eigenen Feinde, die von der Unterstützung des zum Theil verleiteten Arbeiterstandes leben und an die Spitze desselben sich zu schwingen hoffen. Unter dem Schein der Fürsorge wollen sie die Arbeiter ruiniren, um zu ihren selbstsüchtigen, räuberischen Zwecken aus der Kraft solcher Hilfsloser sich willige Werkzeuge zu schaffen, wenn der Zeitpunkt zum Umsturz der Ordnung ihnen günstig erscheint.
Erfüllt von solchen Sorgen für das Wohl des Arbeiterstandes entdecke ich eine Schrift: „Arbeiter-Spiegel von Friedrich Harkort”, welche ich der Beherzigung empfehle, weil sie die Lage der Arbeiter, die Ursachen der Beschwerden, ihr Recht und ihr Unrecht klar schildert und den richtigen Weg zeigt, der allein zum dauernden Wohlergehen und zur Zufriedenheit führt. Der Name des Verfassers bürgt dafür, daß er nur diese uneigennützige Absicht befolgt. Schon vor fünfzig Jahren hat derselbe Mann und jetzt hochbetagte Greis viele Arbeiter beschäftigt; er war derjenige, der vor ca. 45 Jahren zuerst den Puddlingsprozeß in Deutschland und zwar in Wetter a. d. Ruhr einführte trotz Kosten, Mühe und Gefahr. Hunderttausende von Menschen haben jetzt in Deutschland ihr Brod von dieser so wichtig gewordenen Industrie. Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschäftigte, habe ich seinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm und anderen großen Beispielen die Anregung zu eigenem Streben. Wenn ein Mann, der seit dem Rücktritte aus der gewerblichen Thätigkeit sein Leben durch Sinnen, Wort und Schrift so reichlich dem Wohle der arbeitenden Klassen und namentlich der Volksbildung gewidmet hat, eine Schrift wie diese veröffentlicht, so darf dieselbe wohl als ein Gruß an seine Schützlinge, als ein am Lebensabend geschriebenes Vermächtniß angesehen und geehrt werden, und deshalb empfehle ich mit gleicher Wärme für das Wohl des Arbeiterstandes die erwähnte Schrift zur allgemeinen Kenntniß und Beherzigung. Der Kern der Schrift ist ein Beweis, daß Fleiß, Treue, Mäßigkeit, Sittlichkeit und Ordnung imHauswesen und in der Familie die sicheren Grundlagen des Wohlergehens und der Zufriedenheit sind, und daß diese Tugenden selbst Schutz bieten in schlechten Zeiten, daß dagegen trotz aller Fähigkeit, trotz aller List und feindseliger mächtiger Vereinbarungen am Ende Unbotmäßigkeit, Unordnung, Unsittlichkeit selbst bei zeitweise erpreßtem hohem Lohn ins Verderben stürzen. Das Schicksal der Arbeitseinstellungen in England hat Unglück gebracht über Hunderttausende, die jetzt ohne Arbeit sind und zum Theil bleiben werden. Die treu bewährten guten Leute wird man selbst in schlechten Zeiten mit Vorzug und Opfern schützen — die schlechten, welche auf kein Mitgefühl rechnen können, wird man bei der nächsten Gelegenheit entfernen. Und so wird es auch auf der Gußstahlfabrik gehalten sein und bleiben.
Aber Fleiß, Treue und Geschicklichkeit bei der Arbeit verbürgen allein noch nicht den dauernden Werth des Mannes. Er muß auch durch seineFührung außerhalb der Fabrik, durch seinHauswesenund durch dieErziehung seiner Kindersich Achtung erwerben und das Vertrauen zu seiner Beständigkeit. Man wird zum Nutzen des großen Ganzen auch hierauf mit Sorgfalt die Beobachtung richten.
Ich begleite diese Zeilen noch mit einer Bemerkung, welche durch die Zeitumstände hervorgerufen wird. Ich wünsche nämlich, daß auf allen Werken der Gußstahlfabrik bis in die fernsten ZeitenFriedeundEintrachtherrschezwischen den Konfessionen, wie dies bisher stattgefunden. Nach einer 48jährigen Thätigkeit als Arbeitgeber bekenne ich mit Freuden, daß ich, obgleich protestantisch, von Anfang an immer in der Mehrzahl katholische Arbeiter und Meister hatte, und daß ich niemals einen Unterschied bemerkte in der Treue; vielmehr habe ich der treuen Hingebung einer namhaften Zahl von ihnen aus allen Konfessionen zum großen Theile das Gelingen meiner Unternehmungen zu verdanken. Am Abend meines eigenen Lebens äußere ich die Hoffnung, daß es ferner so bleiben möge. Ich wünsche auch, daß die Kinder aller Konfessionen in den Schulen und auf den Spielplätzen, welche ich ihnen errichtete, sich befreunden, damit sie später als Männer, jeder nach seiner Kraft und Befähigung, auf den Werken der Fabrik in Gemeinschaft und in gutem Einvernehmen ihren Beruf erfüllen und ihr Brod erwerben. Denn Einigkeit ist die Bedingung der allseitigen Zufriedenheit und des Segens der Arbeit. Wer dieselbe zustören wagen möchte, sei er jung oder alt, stehe er hoch oder niedrig, der soll entfernt werden. Ich hoffe aber, daß solcher Fall niemals bei uns eintreten wird, daß vielmehr Jedermann auch in dieser Beziehung sich bestreben wird, die Wohlfahrt Aller zu befestigen.
Mit diesem warmen Wunsche schließe ich.
Februar 1875.
Alfred Krupp.”
Auch in diesem Schriftstück betont Krupp wieder den konfessionellen Frieden. Es sind seine schlimmeren Feinde, die Hetzkapläne, welche die durch den Kulturkampf irre gewordenen Arbeiter gegen ihren protestantischen Fabrikherrn zu erregen suchen. Es ist der große Kampf des paritätischen preußischen Staates, der sich hier in den kleineren Verhältnissen des auf paritätischer Grundlage aufgebauten Etablissements widerspiegelt. Mittelst der Phrasen von Arbeiterausbeutung und Bereicherung der Besitzer konnten die staatsfeindlichen Elemente an Krupps Arbeiter nicht heran. Diese hatten in guten und bösen Zeiten doch zu gut ihres Herrn Fürsorge kennen gelernt, als daß sie dagegen die Vorspiegelungen der Agitatoren in gutem Glauben gern vertauscht hätten. Sie konnten bei der gegenwärtigen traurigen Lage aller wirthschaftlichen Verhältnisse es nirgend besser haben, als in der Gußstahlfabrik. Die sozialdemokratischen Wühler, deren Hetzereien am meisten Anknüpfungspunkte in den verflossenen Jahren des industriellen Aufschwunges gefunden hatten, schoben aber jetzt ihre sozial-ultramontanen Genossen ins Vordertreffen, die Agitation ward vom Geldbeutel auf das Gewissen übertragen, um das Vertrauen zu dem Ungläubigen zu untergraben und konfessionelle Streitigkeiten zu erregen. Auf diese Weise ward der Grund und Boden vorbereitet, auf welchem später die Saat der politischen Unzufriedenheit desto besser Wurzel schlagen konnte. Wenn auch zur Zeit Krupps Ermahnungen mit bestem Erfolg gekrönt zu sein schienen, sosollten doch die späteren Ereignisse ihn von dem tiefbetrübenden Erfolge überzeugen, welchen die stetige und unermüdliche Wühlarbeit seiner unheimlichen Feinde errungen hatte; er fand nicht mehr bei Allen den alten Glauben an sein Wort, das alte Vertrauen zu seiner Führerschaft; sie gingen andere Wege als ihr Herr und Meister.
Als in dem folgenden Jahre die Aufträge weiter zurückgingen, als die Arbeiterzahl der Gußstahlfabrik von 9741 im Januar 1876 auf 8322 im Dezember vermindert werden mußte und auch die Zahl der Grubenarbeiter von 6839 auf 6111 Mann herabsank, glaubte Krupp eine Maßregel einführen zu müssen, welche lediglich auf eine Lohnverbesserung seiner Arbeiter hinzielte, jedenfalls aber von seinen Gegnern in anderem Sinne ausgebeutet wurde. Bislang war eine größere Zahl von Feiertagen — meist Festtage der katholischen Kirche — in der Fabrik gebräuchlich gewesen, wodurch die evangelischen mit den katholischen Arbeitern zur Unthätigkeit und hierdurch zum Verlust des Arbeitslohnes an diesen Tagen gezwungen worden waren. Krupp legte die Sache dem Generalvikar von Münster zur Begutachtung vor und erst, als er von dieser Seite die Antwort erhielt, daß keine Bedenken gegen sein Vorhaben zu erheben seien, sofern den katholischen Angestellten nur der Besuch der Messe ermöglicht werde, verfügte er am 3. Januar 1876 Folgendes:
„Die ungünstigen Zeitverhältnisse, welche eben so nothwendig für den Arbeitgeber große Verluste, wie für den Arbeiter Schmälerung der Einnahmen herbeiführen, veranlassen die Firma, um diesen Uebelständen im beiderseitigen Interesse entgegen zu arbeiten, folgende Regel aufzustellen:1. Es soll die Arbeit in Zukunft außer an den Sonntagen nur an den gesetzlichen Feiertagen ruhen, nämlich: Neujahrstag, Charfreitag,Ostermontag, Bettag, Christi Himmelfahrtstag, Allerheiligentag, Pfingstmontag, Weihnachtsfest.2. An allen anderen Tagen, an denen bisher nicht gearbeitet worden, u. a. am: h. Dreikönigstag, Fastnachtsmontag, Lichtmeßtag, Mariaverkündigungstag, Maikirmeßmontag, Frohnleichnamstag, Peter- und Paulstag, Mariaempfängnißtag, Herbstkirmeßmontag, soll in Zukunft gearbeitet werden.3. Um den katholischen Arbeitern die Anhörung der Messe an den unter 2 genannten Feiertagen zu erleichtern, hat sich die Firma an die Ortsgeistlichkeit gewandt. Insoweit es zeitweilig nicht möglich sein möchte, daß früh genug Messe gelesen wird, soll denjenigen Arbeitern, welche am Morgen des vorhergehenden Tages darum bitten, Urlaub zur Anhörung der 6 Uhr-Messe gegeben werden, Fortbleiben ohne Urlaub wird indeß, wie in jedem anderen Falle, zur Aufrechterhaltung eines geordneten Betriebes nach Maßgabe des Arbeiterreglements bestraft werden.Gußstahlfabrik, den 3. Januar 1876.Fried. Krupp.”
„Die ungünstigen Zeitverhältnisse, welche eben so nothwendig für den Arbeitgeber große Verluste, wie für den Arbeiter Schmälerung der Einnahmen herbeiführen, veranlassen die Firma, um diesen Uebelständen im beiderseitigen Interesse entgegen zu arbeiten, folgende Regel aufzustellen:
1. Es soll die Arbeit in Zukunft außer an den Sonntagen nur an den gesetzlichen Feiertagen ruhen, nämlich: Neujahrstag, Charfreitag,Ostermontag, Bettag, Christi Himmelfahrtstag, Allerheiligentag, Pfingstmontag, Weihnachtsfest.
2. An allen anderen Tagen, an denen bisher nicht gearbeitet worden, u. a. am: h. Dreikönigstag, Fastnachtsmontag, Lichtmeßtag, Mariaverkündigungstag, Maikirmeßmontag, Frohnleichnamstag, Peter- und Paulstag, Mariaempfängnißtag, Herbstkirmeßmontag, soll in Zukunft gearbeitet werden.
3. Um den katholischen Arbeitern die Anhörung der Messe an den unter 2 genannten Feiertagen zu erleichtern, hat sich die Firma an die Ortsgeistlichkeit gewandt. Insoweit es zeitweilig nicht möglich sein möchte, daß früh genug Messe gelesen wird, soll denjenigen Arbeitern, welche am Morgen des vorhergehenden Tages darum bitten, Urlaub zur Anhörung der 6 Uhr-Messe gegeben werden, Fortbleiben ohne Urlaub wird indeß, wie in jedem anderen Falle, zur Aufrechterhaltung eines geordneten Betriebes nach Maßgabe des Arbeiterreglements bestraft werden.
Gußstahlfabrik, den 3. Januar 1876.
Fried. Krupp.”
Einige fest angestellte Meister und Beamte erblickten in dieser Maßregel eine Ungerechtigkeit und baten in einer Petition um Aufhebung der Verfügung. Krupp antwortete hierauf, daß er glaube, dem religiösen Bedürfniß der Katholiken genügt zu haben, indem er die Anhörung der heiligen Messe ermöglicht und Schritte gethan habe, um dies noch zu erleichtern. Befragte würdige katholische Geistliche hätten wegen Beengung des Gewissens und der religiösen Ueberzeugung keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mißbräuchliche Gewohnheit beseitigt. Welchem bösen Schein setzten sich bei Denkenden diejenigen aus, die im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an diesen Tagen feiern wollten! Sie verlören dadurch nichts, erwirkten aber für die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, großen Verlust. Dabei dürfe auch nicht vergessen werden, daß auf der Fabrik viele Evangelische in Arbeit ständen, die mitfeiern müßten, wenn die Katholiken feierten. Jeder von denen,die die Petition mit unterschrieben hätten, wisse, daß ein in die Woche fallender Feiertag der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze, Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen durch Arbeit, als durch Lohnreduktion, besonders in jetziger Zeit, wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden müsse, wenn die Fabrik überhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma werde daher nicht aufgehoben werden. „Vor 50 Jahren,” so fährt Herr Krupp fort, „trat ich die Fabrik an und so wie ich seither gedacht und gehandelt habe, wird es auch fernerhin geschehen. Die alten Mitarbeiter wissen noch, wie ich 1848 mein letztes Silber einschmelzen ließ, um nur keine Arbeiter entlassen zu müssen. Rechnend auf die Einsicht und Treue besonders meiner älteren Mitarbeiter, habe ich dies selbst und ausführlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte. Möge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbande bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschließen.”
Die Verfügung blieb in Kraft, nur der Frohnleichnamstag ward noch in demselben Jahre wieder freigegeben. Den Gegnern war sie eine Waffe, und sie verstanden sie auszunutzen, um in Essen und in der Gußstahlfabrik gegen Krupp Stimmung zu machen.
Den Bemühungen entsprechend, welche unausgesetzt auf eine Erweiterung des Absatzgebietes seiner Artikel gerichtet waren, hatte Krupp auch große Anstrengungen gemacht, um bei der Weltausstellung in Philadelphia im Jahre 1876 seine Fabrik und die deutsche Eisenindustrie in würdiger Weise vertreten zu sehen. Das Hauptstück der Sammlung bildete eine 35,5cmKanone in Küstenlaffete, ein Rohr von 8mLänge und 57,5 Tonnen Gewicht. Es machte nicht geringe Schwierigkeit,dieses Monstre-Geschütz an Ort und Stelle zu schaffen. Zwar hatte der eigene Dampfer „Essen” der Firma genügt, um neben den eigenen Ausstellungsgegenständen die von noch 27 anderen deutschen Firmen zu verladen und die Geschütze hatten im untersten Schiffsraum gut untergebracht werden können. Aber das Heben des Rohres bis zum Deck und die Beförderung ans Land, nachdem das Schiff in den Schuylkill-Fluß eingelaufen war, verursachte eine beinahe unüberwindliche Arbeit. Die großen Krähne der Allison’schen Werft reichten für diese Last nicht aus; der große Krahn, welcher behufs Einlegen des Rohres in die Laffete auf dem Schiff mitgeführt worden war, mußte auf dem Deck aufgestellt werden. Durch die kleine Schiffsluke konnte das Rohr aber nicht horizontal herausgehoben werden; man mußte es erst mittelst Hebebäumen quer drehen und dann mit dem Krahn in eine schiefe Stellung heben. Nun erwiesen sich aber die Ketten zu kurz, da sie für diesen Zweck nicht bestimmt waren. Es blieb kein anderer Ausweg, als ein streckenweises Heben, Unterstützen der schweren Last mit starken Balkenunterlagen und abermaliges Heben mit der neu abgerollten Kette, bis man in einzelnen kleinen Hebungen das Rohr auf Deck hatte. Nicht weniger schwierig war das Ausschiffen auf den achtachsigen Eisenbahnwagen.
Neben den 6 ausgestellten Geschützen standen Friedensartikel in großer Zahl und theilweise riesigen Dimensionen zur Ansicht; eine Schiffswelle mit drei Kurbeln und Kuppelscheibe war auseinemmassiven Tiegelgußstahlblock von 30 Tonnen Gewicht hergestellt worden, sie wog in fertigem Zustande noch 13,5 Tonnen, eine zweite kleinere Schiffswelle 9 Tonnen. Außer dem Eisenbahn-Material jeder Art waren aber zwei eiserne Räder von ganz neuer Konstruktion ausgestellt.Sie waren durch Aufwickeln und nachheriges Zusammenschweißen eines schmiedeeisernen Bandes gebildet und zwar derart, daß die Breite des Bandes für Bildung der Nabe, der Scheibe und des Radkranzes in entsprechender Weise wechselte. Diese Räder wurden auch für die Vereinigten Staaten und Kanada patentirt.
Es ist merkwürdig, wie Professor Reuleaux, der als Mitglied der Ausstellungs-Jury des deutschen Reiches damals in Philadelphia weilte, Angesichts dieser Sammlung von 46 Gegenständen, unter denen nur 9 — nämlich außer den 6 Geschützen 3 Tragesättel für Gebirgsartillerie — als Kriegsartikel bezeichnet werden konnten, folgendes schreiben konnte:
„Und wieder in der Maschinenhalle: sieben Achtel des Raumes, so scheint es, für Krupps Riesenkanonen, die „Killing Machines”, wie man sie genannt hat, hergegeben, die da zwischen all dem friedlichen Werk, das die anderen Nationen gethan haben, wie eine Drohung stehen! Ist das wirklich der Ausdruck von Deutschlands friedlicher „Mission”?” Wenngleich Herr Reuleaux später sein allgemeines Urtheil über die deutsche Ausstellung: „Billig und schlecht” dahin abgeschwächt hat, daß wenigstens die deutsche Eisengroßindustrie die „amerikanische an Tüchtigkeit übertreffe, ja sich hier auf der Ausstellung allen übrigen als überlegen darstelle” und des Weiteren sagt: „Krupps Leistungen bedürfen hinsichtlich ihrer hohen Meisterschaft keines Kommentars,” so hat er damit nicht wieder gut zu machen vermocht, was er mit seinem unbedachtsamen und wegwerfenden Urtheil, mit jenem von allen konkurrirenden Nationen mit Schadenfreude und Wohlbehagen aufgenommenen „geflügelten Worte” der vaterländischen Industrie geschadet hat. Und was Krupp betrifft, so hätte er wohl in Erwägung ziehen müssen, daß die friedlichen Werkeder anderen Nationen auch die Kriegsmaschinen-Sammlungen Schwedens, Rußlands, Brasiliens und Amerikas enthielten, mit denen der „deutsche Kanonenkönig” doch wohl die Konkurrenz aufzunehmen verpflichtet war.
Die durch die manchesterliche Mehrheit des Reichstages allen Warnungen zum Trotz beschlossene Aufhebung auch der letzten noch bestehenden Zölle auf Eisenfabrikate am 1. Januar 1877 schien dazu bestimmt, der vaterländischen Eisen-Industrie den Gnadenstoß zu geben. Viele Werke mußten ihren Betrieb ganz einstellen, der Bergwerksbetrieb sank zunehmend, da die erzielten Werthe immer mehr herunter gingen. Im Oberbergamtsbezirk Dortmund sank die Zahl der Bergarbeiter in diesem Jahre von ca. 84000 auf 74000 und die Produktion verlor bei fast gleicher Masse der Förderung nicht weniger als 22 Millionen Mark an Werth. Und doch wies im Gegentheil der Fortschritt der Technik, auch die deutschen phosphorreichen Erze durch Entziehung des Phosphors in vollstem Maße nutzbar zu machen, auf eine mächtige Steigerung der Bergindustrie hin. Aber das Absatzgebiet ward der deutschen Industrie immer mehr beschränkt und hiermit die Möglichkeit genommen, von diesem Fortschritt einen Nutzen zu ziehen. Allerorten gab es Schaaren feiernder Arbeiter, und mußten Volksküchen errichtet werden, um die im Winter 1876/77 überhandnehmende Noth zu lindern.
Dem gegenüber ist es auffallend, daß die Gußstahlfabrik im Laufe des Jahres 1877 ihre Arbeiter von 8322 auf 9318 Mann vermehren konnte, und daß sie allein an Gußstahl 5553 Tonnen mehr produzirte als im Vorjahr, während allerdings die in den Bergwerken beschäftigten Arbeiter auf die Zahl von 5300 heruntergingen. Die Gründe sind in vermehrten Bestellungen auf Kriegsmaterial und Eisenbahnschienenzu suchen. Allein für die russische Regierung waren bis zum Jahre 1878 1800 Geschütze zu liefern, da der russisch-türkische Krieg die mangelhafte Konstruktion ihrer Feldgeschütze klar gelegt hatte. Außerdem waren aber auch für Griechenland, Italien, China, Schweiz, Holland und Japan namhafte Bestellungen auszuführen; der orientalische Krieg hatte vielfach die Verbesserung des Geschützwesens nahegelegt. In Folge dessen war in der Fabrik vollauf Beschäftigung und die Stadt Essen empfand die Wohlthat, welche ihr aus dem Gußstahlwerk erwuchs, in vollstem Maße.
Obgleich Krupp nun auch nicht ermüdete in der Fürsorge für seine Untergebenen, und gerade in diesem Jahre durch Gründung einer Lebensversicherungs-Anstalt und Eröffnung einer neuen Privatvolksschule seine Wohlfahrtseinrichtungen vervollständigte, mußte er doch zu seiner Bekümmerniß sehen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren auf seinem Gebiet wieder Fuß faßten und ihren verderblichen Lehren Eingang zu verschaffen wußten. Gelegentlich der Reichstagswahl am 10. Januar 1877 wurde mit allen Kräften gewiegelt und gehetzt, so daß der ultramontan-sozialistische Arbeiter-Kandidat Stötzel und der speziell sozialdemokratische Kandidat zusammen 10890 Stimmen erhielten und daß bei der Stichwahl zwischen ihm und dem ultramontanen Gegner Stötzel mit 11645 gegen 7653 Stimmen den Sieg davontrug.
Krupp hatte bis dahin auf politischem Gebiete sich vollständig neutral verhalten. Ebenso wie er in religiöser Beziehung keinen seiner Angestellten glaubte irgendwie beeinflussen oder der einen Konfession vor der andern irgend ein Vorrecht einräumen zu dürfen, hatte er auch nach dem politischen Glaubensbekenntniß niemals gefragt und weder direktnoch indirekt irgendwie in die Bewegung eingegriffen. Er sah jetzt, daß er dem gesunden Menschenverstand seiner Arbeiter zuviel zugetraut hatte, daß sie von den Lehren der staatsfeindlichen Partei in ihrem Unverstand gefangen genommen, daß sie mit allen denkbaren Mitteln ins sozialdemokratische Lager hinübergezogen wurden und daß hieraus dem Staate, der Gesellschaft und dem Frieden seiner Fabrik große Gefahren erwuchsen. Er erkannte seine Pflicht, die Unverständigen zu belehren und einen anderen besseren Einfluß den gegnerischen Hetzereien gegenüber zur Geltung bringen zu müssen. Er verfaßte deshalb eine Brochüre, welche am 15. März als Manuskript gedruckt, unter dem Titel „Ein Wort an die Angehörigen meiner gewerblichen Anlagen” erschien und folgendermaßen lautete: