Drittes Kapitel
Inzwischen ging die Jugend ihrer Wege und überließ das Alter seinen Betrachtungen.
Es führte eine steile, schmale Gasse gleich hinter dem Bäckerhaus in die sogenannte alte Stadt hinunter, in der die Kirche stand, ein schmuckloses, nüchternes, weißgetünchtes Bauwerk, an dem nur der Turm bemerkenswert war, der, eine viereckige, trotzige Masse, hoch, frei und stark aufstieg und über die nah herangebauten Häuser hinwegragte, wie ein großer Mann über die Menge der Durchschnittsmenschen. Auf der Höhe dieses Turmes, gleich über den Glocken, hauste der Nacht- und Feuerwächter Nössel, der auch zugleich Flickschneider war. Er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens dort oben zugebracht. Jetzt war er ein alter Mann. Aber immer noch stieg er zweimal in der Woche seine hundertundfünfzig Treppenstufen hinunter, um die geflickten Gewänder an ihren Ort zu bringen und neue Schäden zur Heilung mit sich hinauf zu nehmen.
Wann er schlief, wußte man nicht so recht. Die Mitbürger hörten, sofern sie nicht im Schlafe lagen, mit Behagen sein halbstündliches, hellbimmelndes Glockenzeichen durch die Nacht klingen und zogen sich getrost die Decke über die Ohren, da ja außer dem Herrn im Himmel auch noch der alte Nössel auf dem Turm über die Sicherheit der Stadt wachte. Am Werktag flickte er die Löcher, die der Kampf ums Dasein in die Gewänder riß, und außerdem besorgte er an Sonn- und Feiertagen und zu den Betzeiten das Läuten der Glocken. Er saß nie unter den Andächtigen in der Kirche, sondern blieb in der Höhe bei den Glocken und streckte seinen grauen Kopf durch ein Mauerloch, das eigens zu diesem Zweck ausgehauen war, fast an der Decke des Kirchenschiffs, der Gemeinde und dem Pfarrer entgegen. Begann der letztere dann das Vaterunser, so verschwand, zur großen Befriedigung der Schuljugend, die hierauf fast mehr achtete als auf das Schlußgebet, der Kopf an der Öffnung und allsogleich begann das Läuten.
Diesem wichtigen und interessanten Mann war der Besuch der Kinder zugedacht, und es war nicht das erste Mal, daß er denselben entgegennahm. Er galt auch nicht ihm allein, sondern ebensowohl der Mitbewohnerin des Turmes, deren Bekanntschaft nicht lang mehr wird auf sich warten lassen, und deren Dasein die freundliche Fülle an lebendigen Gestalten vermehrte, die das Jugendbilderbuch der Kleinstadtkinder aufzuweisen pflegt. „Gehst du mit, Franz?“ fragte Gertrud und pflanzte sich vor dem größeren Nachbarssohn auf. „Dann komm, aber schnell.“ Franz bejahte, um aber schon an der Ecke wieder umzukehren, da ihm, wie er sagte, von Jungfer Liese ein Apfelkrapfen auf die Ofenplatte gelegt sei und derselbe sicherlich jetzt im richtigen Wärmezustand sich befinde.
Georg strebte mit langen Schritten voran; er hörte mit Wohlgefallen das leise Knirschen des leichtgefrorenen Schnees und sah die scharfumrissenen Abdrücke seiner genagelten Schuhe in der reinen weißen Decke; auch trieb ihn die Furcht, zu spät zu dem erwünschten Genuß des Läutens zu kommen, zur Eile. So blieb Gertrud, die sich mit Franz aufgehalten hatte, einen Augenblick zurück, und ihr Spielkamerad sah sich erst mahnend nach ihr um, als sich, aus einem Haus der engen Gasse kommend, ein drittes Kind zu ihr gesellte. Es war ein zierliches, feingebautes Mädchen mit rötlichblondem Haar, das in Locken unter einem hellgrünen Samtmützchen hervorquoll. Auf dem Kragen des weiten und etwas eigenartig zugeschnittenen Mäntelchens lag ein Machwerk von gelblichen Spitzen. Die ganze Erscheinung machte nicht den gewöhnlichen Eindruck, den die Bürgerskinder, auch die bessersituierten, in einem kleinen Städtchen zu machen pflegen.
Das Kind gehörte der Putzmacherin Maute, einer, wie sie selbst von sich sagte, „unglücklichen, verlassenen, aber nicht herabgekommenen Frau, die nur zu gutmütig und zu ideal für diese Welt sei.“ Man war gewöhnt, es in einem etwas ungewöhnlichen Aufputz zu sehen. Und die Leute verziehen die Abweichung von dem allgemeinen Geschmack, da ja die Frau ohnehin weder zu den Vornehmen, noch zu den Geringen so recht gehörte, und da sie mit praktischem Sinn einsahen, daß in einer solchen Hantierung, wie die Putzmacherei, doch immer Reste übrig blieben, die dann das Kind vollends auftrage. Es hieß Lore und war, obgleich im gleichen Alter wie Gertrud, viel kleiner, zarter und zierlicher als diese.
„Komm mit, Lore,“ sagte Gertrud, die eine besondere Vorliebe für alles Feine, Zarte und Schwache hatte und die „die Affenlore“ schon öfters mit Mut gegen die Angriffe der Schulkinder verteidigt hatte. „Darfst du mit auf den Turm? Erlaubt’s deine Mutter?“ Lore nickte glücklich. Sie war so viel allein und mußte sich so oft anders fühlen als die andern, daß sie es als Glück empfand, wenn gute Bürgerskinder sie als eins der ihrigen an sich zogen. Die Frau Putzmacherin nickte mit etwas struppigem Kopf aus dem Fenster, als die Kinder abzogen; Georg blieb stehen und sagte bockig und mit offener Geringschätzung: „Die soll mit? Die hat ja doch Angst vor den steilen Treppen und dann erst noch vor den Glocken.“ Er hatte noch keinen offenen Sinn für die Anmut und schätzte Größe und Kraft mehr als Zierlichkeit. Aber die Kleine wußte sich einzukaufen. Sie zog ein schwarz und weiß geflecktes Kaninchenschwänzchen aus der Manteltasche. „Da, willst du das?“ fragte sie. „Es ist ein Tintenwischer. Ich habe gar keine Angst, die Gertrud hält mich schon.“ Da nahm der Junge das Schwänzchen und dann gingen sie mitsammen durch den Schnee. „Guck einmal,“ sagte Gertrud, „meine Füße sind grad so groß wie die deinen.“ Sie setzte vergnügt ihre breiten, kräftigen Stiefelabdrücke neben die ihres Freundes und verhieß ihm, der es sich auch von ihr gefallen ließ, daß sie immer mit ihm Schritt halten würde und ebenso groß, kräftig und gescheit zu werden gedenke; „oder auch noch ein bißchen mehr,“ setzte sie hinzu, zog aber das letztere willig zurück, als Georg aufzubegehren drohte. Im Grunde war es ihr nur um die keckliche und ungeminderte Kameradschaft zu tun, nicht um den Wettbewerb. Während nun die beiden in gleichem Schritt und Tritt kräftig auszogen, trippelte Lore in ihren Fußtapfen hintendrein, flink und leicht und immer noch einen eigenen, kleinen Fußabdruck in den großen der Vorgänger hineinsetzend und kam so fast mit ihnen und ohne Schaden ihres zierlichen Schuhwerks am Fuß des Turmes an.
„Das ist nun wieder so eine Neujahrsbetrachtung.“ Meister Nössel setzte die Hornbrille mit den runden Gläsern auf und sah zu, wie eins ums andere von den blühenden Kindergesichtern aus dem dunklen, engen Treppenhaus auftauchte und ans Licht des Glockenbodens kam. Und dann wünschten sie ihm ein gutes Neujahr und er nickte ernsthaft und sagte: „Das ist wie eine Neujahrsbetrachtung, sag’ ich. Da kommet ihr so herauf zu mir und stehet da, breit und keck, und seid schon ein Stück ins Leben hineingewachsen und kaum war’s doch, daß ihr hereingekommen seid, in die Welt, mein’ ich, nackt und bloß, wie der Psalmiste sagt. Und vordem sind eure Väter da heraufgestiegen und haben mir am Läuten geholfen, und sind nun schon dahingegangen. Heißt das, deiner nicht, Georg, aber heraufsteigen tut er auch nicht mehr, er ist zu dick dazu. Und deine Mutter sitzt im Dunkeln und muß in Geduld warten, bis ihr Gott wieder das Licht ansteckt, und war ein schönes Mädchen zu ihrer Zeit und mein Sohn hätte sie gern gefreit, aber sie hat ihn nicht genommen. Und so gehen denn die Jahre dahin und man weiß nicht, was noch kommt und ist das Beste, daß unser Herrgott noch immer auf seinem Stuhle sitzt, und wollen wir denn in Gottes Namen ans Läuten gehen, und er walte das zu Anfang, Mittel und Ende.“ Damit nahm er die Brille ab und steckte sie in die Tasche, und seinen jungen Gästen, ob sie ihn gleichwohl nur halb verstanden hatten, war es zu Mute, als ob sie durch die Dachluken hindurch den lieben Gott auf seinem Stuhle sitzen sähen und wie er nun das Zeichen zum Beginn des Läutens gäbe. Sie faßten mit zager Hand nach dem Strick der beiden kleinen Glocken, indeß Meister Nössel die große anzog. Lore drückte sich in die entfernteste Ecke an die Wand. Und dann war es nicht anders, als ob hier oben die Brunnenstube des Zeitstroms sei, und die Wellen kämen aus innerem Trieb zu Tage und strömten über und zu den Schalllöchern hinaus und würden ein Meer und füllten die ganze Welt, und überall müßte man sie rauschen hören, hier oben am lautesten und fernhin leiser und leiser und bis in den Himmel hinein. Und dann schwiegen sie; leise klang noch einmal ein Ton auf, noch einer, dann verzitterte nur noch der Nachhall in der Luft.
„So und nun geht in die Stube hinauf zur Judith und wärmt euch.“ Meister Nössel klappte sein Lädchen an der Mauerluke auf und setzte sich in Positur. Drunten in der Kirche begann die Orgel zu tönen, es flogen einzelne Laute von ihr bis hierher, und dann schwoll der Gemeindegesang, der die Kirche füllte, über, und bis in die Stille hier herauf. Den Kindern war es, als ob er aus einem fernen, unsichtbaren Lande komme, demselben, in das sie vorhin zu sehen meinten, und ihre jungen Seelen regten sich und schwangen leise mit und versuchten, aufzuflattern, als ob sie irgendwo zu Hause wären, nicht hier. Aber sie wußten nicht, wo.
Und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf und als Lore einen ungeschickten Tritt auf einen astigen Knorren tat, der mitten auf einer ausgetretenen Stufe hervorsah, denn die Treppe war ihr noch ungewohnt, und es polterte etwas, da gab ihr Georg einen Schubs und sagte leise und eindringlich: „Du Trampelliese.“ Und das Wort war nicht aus einem streitsüchtigen Bubenherzen, sondern aus dem Bedürfnis heraus geboren, daß die Feierlichkeit des eben vergangenen Augenblicks ungestört nachhallen könne, und mangelte nur der Feinheit. Die konnte er sich aber noch erwerben.
***
„Da seid ihr denn nun,“ sagte Frau Judith und öffnete ihre Stubentür, daß das helle Licht des Wintertags in breitem Strom aus der lichten Stube auf die dunkle Treppe floß. „Da seid ihr denn wieder einmal heraufgekrabbelt, und wißt ihr auch, wie lang es her ist, seit ihr das letzte Mal hier oben waret? Ganze sechs Wochen ist es her und seither war so viel zu sehen von meinen Fenstern aus, und das ist nun alles vorbei und kommt nicht mehr. Nun mögt ihr hinaussehen, so viel ihr wollt, es ist nur Schnee zu sehen, sonst nichts.“ „Ach, gar,“ sagte Gertrud und lachte ein bißchen unsicher, „laß mal sehen, Frau Judith, es muß doch sonst noch was da sein,“ und sie zog ihren Kameraden, der mit großen, erschrockenen Augen dastand, mit ans Fenster. „Siehst du, du mußts ihr auch nicht immer gleich glauben, Georg,“ rief sie in ausbrechendem Jubel, „da sind alle Häuser und Gassen und der Himmel, und die Raben auf den Bäumen! O, o, Frau Judith, der Großvater sagt’s auch immer, daß man dir nicht alles glauben soll. Und jetzt sagst du gleich, was alles noch zu sehen war, so lang wir nicht hier waren. Komm, Lore, setz’ dich nur hier auf den Schemel und nimm deine Mütze herunter, denn jetzt erzählt Frau Judith so lang fort, daß mans gar nicht sagen kann.“
„So meinst du?“ Frau Judith stand an der Krücke in der Mitte der Stube und ihr breites Gesicht glänzte vor unsäglichem Vergnügen. Sie versuchte vergeblich, zu tun, als ob sie heut nichts wüßte; Georg sah so flehentlich drein und nahm die kleinste Weigerung so ernst, daß ihr das Herz zerschmolz. Und Gertrud pflanzte sich kriegerisch vor ihr auf und ihr ehrliches, rundes Kindergesicht flammte. „So, nun setz’ dich einmal in deinen Stuhl und fang’ an,“ sagte sie. „Du kannst sagen, von was du willst, es wird doch eine Geschichte draus. Und mein Großvater kommt auch nächstens, das hat er noch extra heut morgen gesagt, und dann will er mit dir eine Reise machen, ins Jugendland, hat er gesagt und du wissest schon, wo es liege. Aber das ist ja auch bloß Spaß, du kannst ja gar nicht verreisen. So, jetzt fang an.“
Lore saß ganz still. Die beiden andern waren hier so zu Hause, das konnte sie wohl sehen, sie aber fühlte sich fremd und scheu in ihrem Putz und ihrer ganzen Art. Die Mutter hatte sie heut früh vor den Spiegel gestellt. „Herzig siehst du aus,“ hatte sie gesagt, und noch anderes. Von der Zukunft, und daß Schönheit ein Reichtum sei. Jetzt hätte sie gern den Staatsmantel ausgezogen, wenn nicht darunter ein zerrissenes Werktagskleidchen gewesen wäre.
Da strich ihr plötzlich eine große, weiche Hand sacht und leise über das Haar. Sie duckte sich wie ein Vögelchen unter der ungewohnten Berührung. „Ich kenn’ dich schon, du Kleines,“ sagte Frau Judith. „Bist noch nie bei mir gewesen, gelt. Aber ich kenn’ dich doch. Ich tu’ dir nichts, mußt dich nicht so ducken.“ Und Georg und Gertrud nickten ihr zu: „Sie tut dir nichts, natürlich nicht; mußt dich nicht so ducken,“ sagten ihre Gesichter. Da fing sie plötzlich an zu lachen, und lachte und lachte, und hielt sich die Hände vors Gesicht und die Locken fielen ihr drüber her. Und kein Mensch wußte, warum sie lachte, und sie fragten und fragten, und lachten endlich mit und wußten auch nicht, warum, und als Frau Judith ihr die Hände vom Gesicht zog, da waren sie naß, über und über.
„Behüt uns,“ sagte Frau Judith leise, und dann fing sie an, zu erzählen, was sie von ihrem Fenster aus gesehen habe all’ die Zeit daher.
Sie kam nie mehr hinunter, seit sie ein hölzernes Bein und eine Krücke hatte, das war schon 10 Jahre her. Meister Nössel war ihr Bruder. Er hatte sie sich da herauf geholt, nachdem man ihr im Krankenhaus das Bein abgenommen hatte. „Und das ist ein solches Stück Arbeit gewesen,“ sagte sie und meinte nicht ihr Unglück, sondern die Reise auf den Turm, daß ich nun hier oben bleibe, bis mich einmal die schwarzen Männer holen. Es sei denn, fügte sie hinzu, „der Turm falle vorher ein, was aber nicht wahrscheinlich ist. Da käme ich dann freilich schneller hinunter als ein Vogel fliegt.“ Sie war in diesen Jahren und bei der sitzenden Lebensweise ungeheuer in die Dicke und Breite gegangen und es war ein gruselig machender Genuß, sich auszudenken, wie das alles vor sich ging. Es war alles, wie im Märchen; man konnte nie wissen, was mit Frau Judith geschah und mit dem Meister Nössel und mit dem ganzen Turm. Unten auf ebener Erde, da ging alles seinen nüchternen Gang. Aber hier oben, es war nicht auszusagen, was man hier oben alles erleben konnte. „Ja,“ sagte Frau Judith, „und darum möchte ich auch nicht für Geld und einen neuen Fuß wieder in die Unruhe da hinunter, wo man nicht weiter sieht, als bis an die nächste Mauer. Wenn man nun zehn Jahre hinter einander hat am heiligen Abend die Christbäume im Himmel brennen sehen. Ja, im Himmel, und das ist sicher, denn von hier aus sieht man mitten hinein, wenn man rechte Augen hat und die Zeit nicht verpaßt, wo er offen ist.“
Daran war nicht zu zweifeln. Und wenn auch Gertrud hie und da den klugen Kopf schüttelte, im Grunde glaubte sie es doch. Um es recht zu sagen: es war wie im Märchen vom unsichtbaren Königreich. Die Königin ging an Krücken und kochte mühselig in irdenen Töpfen im Ofen, und der König war ein zusammengesessenes Männlein und flickte den Leuten die Hosen. Und die meisten Leute wußten nicht, daß sie ein Land hatten und ein Reich. Aber das tat nichts zur Sache. Das konnten die Leute halten, wie sie wollten. Man konnte daran nur sehen, daß sie nicht desselben Landes waren. Die beiden wußten es selber und das war die Hauptsache. Der Rektor Cabisius wußte es auch, und seine Frau, und der alte Korbmacher Hollermann. Und die Kinder, die fast am besten, obgleich sie keinen Namen dafür hatten.
Da saß denn die Frau Judith Tag für Tag an ihrem Fenster und nähte. Und dann kam die Sonne herauf und lachte, übers ganze Gesicht, zu ihr herein, und dasselbe tat Frau Judith, zu ihr hinaus. Und die Spatzen kamen, die ihr Nest an der Dachrinne hatten, und die Schwalben strichen hin und her und schwatzten von ihren Erlebnissen, und im Winter, wenn sie fort waren, hockten doch die Raben flügelschlagend auf dem Dach und holten sich mit Geschrei die Brocken, die ihnen Frau Judith zuwarf. Zuweilen kam eine große, schwarze Katze und guckte mit blanken, grünen Augen ins Fenster und machte einen Buckel und stellte den Schwanz in die Höhe. Und alle diese Geschöpfe wußten so viel zu erzählen, von den Leuten im Städtlein unten weniger, aber sonst eine ganze Menge wunderbarer Sachen, und das taten sie sonst niemanden, als nur der Frau Judith und etwa, der Verwandtschaft halber, ihrem Bruder; und daran „konnte man es mit Pelzhandschuhen greifen“, wie der Rektor Cabisius sagte, „daß etwas Besonderes an ihnen sei.“ Am Abend war es noch viel wunderbarer. Da kam der Mond und füllte die Stube bis in den letzten Winkel mit seinem Licht, „und,“ sagte Frau Judith, „wenn wir noch eine zweite hätten, dann bekämen wir die auch noch voll, aber wir haben nur die eine, und das ist gerade gut, denn dann haben wir alles näher beieinander.“ (Es war fast alles „gerade gut“, und das sei das königlichste an der Frau Judith, sagte ihr alter Freund, der Rektor, und da er sie so genau kannte, so mußte er es ja auch wissen.)
Da glänzte dann die ganze Gegend in einem silbernen Schimmer, das ganze Tal war wie ein leise wallendes Meer von geheimnisvollen, verhaltenen Lichtfluten; das Städtlein und die Wiesen und Berge und Wälder, alles ruhte auf dem klaren Grund und die Flut ging hoch darüber hin. „Und da ist es denn, als sollte man mitschwimmen,“ sagte Frau Judith zu den Kindern, „zum Fenster hinaus und ganz weich und sachte durch die Luft, nicht fliegen, schwimmen. Aber seht ihr, ich bin zu schwer dazu, das ist der einzige Grund, warum ich’s nicht tue. Aber das kommt noch.“ Und die Kinder horchten, mit großen Augen sahen sie in Frau Judiths Gesicht. Ja, die war freilich anders, als andere Leute. Man konnte nie wissen, was mit ihr noch geschehe. Sie wußten auch wohl, daß oben, ganz weit oben über den Wolken der liebe Gott sitze und, Meister Nössel hatte es gesagt, direkt durch die Fenster hier in die Stube sehe, da man sich denn freilich wohl in acht nehmen müsse, daß alles mit Ehren zugehe, weil man ihm ja doch nicht unter die Augen treten möchte mit irgend einer zweifelhaften Sache.
Ob denn, fragte Georg einmal, der liebe Gott auch in die Taschen sehe? Es war ihm nicht recht behaglich dabei, das konnte man ihm ansehen. „Natürlich,“ sagte Meister Nössel, „in die Taschen, und durch und durch.“ Da drückte sich der Bub so an der Wand hin und suchte mit guter Manier zur Tür hinaus zu kommen, und polterte die Treppen hinunter, daß er sich fast überschlagen hätte. Unten aber auf dem Kirchplatz gab er Kindern und Hunden ein Fest mit zerdrückten, verkrümmelten Eierwecken, die er sich aus der Backstube gemaust hatte und die ihm plötzlich die Taschen verbrennen wollten. Es war ihm noch nicht so ganz wohl dabei, er hätte sie am liebsten wieder nach Haus getragen. Aber wer konnte sie so noch gebrauchen? Auch war niemand da, bei dem man eine Lossprechung von dem unbehaglichen Gefühl erhoffen konnte, das sich da auf einmal eingestellt hatte. Da mußte es denn auch so gehen. Er kehrte die Taschen um, daß der liebe Gott so recht deutlich sehen konnte, es sei nichts unrechtes mehr darin, und dann ließ er sie fröhlich heraushängen und erstieg neuerdings die Höhe mit verhältnismäßig gereinigtem Gewissen.
Meister Nössel schien nichts gemerkt zu haben. Er saß auf seinem Tisch und flickte einen Arbeitskittel, und als das geschehen war, putzte er noch die Flecken heraus, mit Wasser und grüner Seife, und bügelte die Runzeln glatt, und es war nichts zu verbergen, in der ganzen Stube nicht. Und das war eine so fröhliche Sache, daß man den lieben Gott wohl einladen konnte, zuzusehen. Meister Nössel aber blinzelte zu Frau Judith hinüber, und sie zu ihm. Und er nahm die Brille ab, deren er nur in der Nähe bedurfte, und sah mit hellen Augen über sein Königreich hin. Das reichte, so weit man sehen konnte, und noch weiter, und die Beiden nahmen es niemanden weg und niemand hatte einen Schaden davon. Denn es war ihnen alles zu eigen, weil sie sich an allem zu erfreuen vermochten. Und sie „fülleten die Erde und machten sie sich untertan“ mit ihren stillen und fröhlichen Gedanken; und alle guten Geister halfen ihnen dazu.