Elftes Kapitel

Elftes Kapitel

Wer mir irgend einen Ort zu nennen weiß, in dem es zur Dämmerstunde heimlicher, wärmer und behaglicher ist, als in der Studierstube des Rektors Cabisius, der komme und zeige mir ihn.

Ich meine nicht zur Sommerszeit, wo die Fenster nach der Straße offen stehen und das Jauchzen und Singen der spielenden Kinder hereinschallt.

Da stand der Rektor wohl oft am Fenster und summte leise mit, wenn sie in den Kreis traten und sangen: „Es war ein Markgraf überm Rhein, der hatt’ drei schöne Töchterlein,“ oder: „Ei, wer sitzt in diesem Turm?“ Und anderes mehr.

Da saß wohl in der Dachrinne eine Amsel und sang auch mit, über all die Lust hin.

Aber öfter ging er um diese Zeit mit seiner Frau Anne im Garten auf und ab, zwischen den Rabatten mit der Buchseinfassung, oder hinten, im Obstgarten, unter den Bäumen.

Nein, ich meine nicht im Sommer.

Ich meine im Spätherbst, wenn die Tage kurz werden und der Wind durch die Straßen fährt auf breiten, rauhen Flügeln.

Wenn er im Garten die Bäume herumreißt, daß sie ächzen, und das dürre Laub, das sich gern zur Ruhe begeben wollte, in die Luft wirbelt.

Oder im Winter, wann die Laternen trüb durch den Nebel scheinen, oder wann die Eiszapfen an den Dächern hangen und auf den Straßen Stein und Bein zusammenfriert.

Ich sage, wenn einer einen Ort weiß, der um diese Zeit wärmer, heimelicher und behaglicher ist, als es dieser war, der komme und zeige ihn mir.

Aber das wird schwer halten.

Ist irgendwo noch solch ein breiter, tiefer, lederbezogener Großvaterstuhl, wie der, der in der Wandnische neben dem Stehpult stand? Man konnte sich darein verkriechen und glauben, vor allem Wetter geschützt zu sein.

Da saß die Frau Rektorin, und redete sich vom Herzen herunter, was der Tag gebracht hatte, und sah zu, wie der Feuerschein aus dem Ofen auf den alten, blumigen Teppich fiel, und wie er kleine, fröhliche Lichter an den Wänden herumhuschen ließ, daß die Gesichter der ehrwürdigen Vorfahren in ihren dunkeln Rahmen ins Lächeln kamen.

Bei diesem flackernden Schein hatte der jüngste Sohn, der Liebling der Frau Rektorin, einst erzählt, daß das Wunder geschehen sei und Eugenie, sein „schwarzbraunes Mägdelein,“ auf Befragen zugegeben habe, daß sie ihn liebe. Und über sein Gesicht waren dabei alle hellen Lichter gegangen, die auf einem jungen, warmen, glücklichen Menschengesicht Platz haben, und seine Mutter hatte in ihrem Herzen gedacht, daß das Wunder so groß nicht sei. Denn wer sollte ihren lieben Sohn auchsosehen und nicht lieb haben?

Und derselbe Feuerschein hatte sich auch über ihr gutes, altes Gesicht gestohlen, als sie ein paar Jahre später in dem alten Stuhl saß und Leid um ihre Kinder trug, die beide nacheinander an einer ansteckenden Krankheit gestorben waren.

Ihr Gatte saß neben ihr auf der Seitenlehne des Stuhls und legte den Arm um sie und streichelte leise ihr Haar.

„Ja, weine nur, Anne. Jetzt sind sie alle drüben, unser ganzes Häuflein. Nun müssen wir Alten miteinander hintendrein gehen. Weißt du noch? Wir sagten immer: die Kinder voran, daß man sie im Aug’ behält. Nun sind sie alle vorangegangen.“

Da redete er eine Weile auch nicht mehr, und sie hörte, wie er tief und schwer Atem holte aus bedrängter Brust.

Und sie drängte sich an ihn und nahm ihr Herz fest in die Hände, und sagte, ob ihr auch die Stimme zitterte: „Alle? Sie haben uns das Kind gelassen. Das muß doch eine Heimat haben, nicht? Nun müssen wir von vorne anfangen, Mann. Wir müssen so jung sein als wir können. Für das Kind.“

Das aber lag und schlief, und wußte nicht, daß über seinem jungen Leben schon so hohe Wellen hingegangen seien.

Und nun war das zwölf Jahre her, bald dreizehn. Wie die Zeit dahingeht. Sie waren „so jung als möglich“ gewesen, die beiden Alten. Das waren sie noch. Das blieben sie ja wohl vollends, die paar Jahre, die sie noch zu leben hatten.

Jetzt war das Kind herangewachsen.

Zwischen den beiden hohen Bücherständern an der einen Langwand des Zimmers, unter dem Bild des Urgroßvaters, der im Richtertalar und Barett gemalt war, stand eine niedrige Truhe. Sie enthielt Manuskripte aus des Rektors Studentenzeit. Das war Gertruds Sitzplatz. Er war geräumig genug für Zwei. Das war auch durchaus nötig. Denn auch Georg hatte hier seine Heimstätte. Jungfer Liese war nicht so zufrieden damit. Nicht, daß sie ihn zu Hause vermißt hätte, aber sie fand, daß es in Ehrenspergers Haus Platz genug gebe, Platz und einen warmen Ofen. Das war ja wohl richtig.

Aber dieser Sitzplatz beim Schein des Feuers, und dieses ganze Zimmer war in Georgs Leben durchaus nicht zu entbehren. Was ging für eine Wärme und Helle davon in sein Leben hinein. Das wußte Jungfer Liese freilich nicht so genau.

Auf und ab wanderte der Großvater, auf und ab. Das Zimmer war nicht allzulang; sechs Schritte hin, sechs Schritte her. Aber was für große Reisen machte er dabei.

Es war ein wunderbares Zimmer. In allen Ecken saßen gute Geister, in den Büchern, hinter den Bildern, in dem alten, hohen Schrank, der in einem besonderen Fach, in ein grünes Tuch eingeschlagen, einen samtenen Schnürenrock und einige durchstochene grüne Mützen enthielt. Grün mit schwarz-roten Bändern.

In der niedrigen Truhe saßen sie und klopften gegen den Deckel und wollten heraus, wenn der Feuerschein aus der offenen Ofentür daran vorbeitanzte.

Weißt du noch? rief es aus allen Ecken, nicht nur aus dem Großvaterstuhl, der so viel erlebt hatte.

O ja, der Rektor wußte noch.

Wann die Geister lebendig wurden, fing er an, zu erzählen.

Es war ein langes Leben, das hinter ihm lag, und er war sein lebenlang jung geblieben. Darum konnte er es nun gut mit der Jugend teilen. Und es kam, daß sie, als die Frau Rektorin in der Küche war, zu dreien vor der Ofentür saßen und das große Studentenbild vor sich hatten und beim flackernden Licht beredeten, was aus dem und jenem geworden sei, der darauf abgebildet war.

Da stand er selber, mit einem jungen, feurigen Gesicht, das Band über der Brust, und hatte den Arm um einen baumstarken, stämmigen Menschen gelegt, der gradaus vor sich sah, als ob er zu ernster Tat schreite. „Großvater, was ist aus dem geworden?“

Der machte ein ernstes Gesicht.

„War ein Mensch, wie ein Eichbaum. Ernst und grad und fest. Innen und außen war er wie ein Eichbaum.

Der Blitz hat ihn erschlagen.“

„Großvater, der Blitz?“

„Nein, nicht gerade der Blitz. Er wurde vom Schlag getroffen, als er gerade eine Braut und ein Amt gewonnen hatte. Aber es war doch, als ob der Blitz in einen Baumriesen gefahren wäre und ihn zerschmettert hätte. Er war mein liebster Freund.“

Da sahen sie mit großen, erstaunten Augen auf ihn.

Das war wohl schon lange her? Er konnte hier sitzen und davon reden, und der andere war schon lange tot.

Von den dreien erzählte er, die oben in der Mitte des Bildes standen und die Hände ineinandergelegt hatten, wie zu einem Schwur.

„Das waren die Vaterlandsfreunde“, sagte er. „So nannten sie sich, obwohl wir das vielleicht alle waren. Sie hofften, daß Deutschland einig werde, und dichteten Lieder drauf, und einer von ihnen, der hier, mit der Locke in der Stirn, fand Melodien dazu.“

Einer hat es auch erlebt. Der kam von Amerika herüber, als wir Alten uns nach dem Friedensschluß anno einundsiebzig mit den Jungen der Verbindung zusammentaten, um den Frieden und das Vaterland zu feiern. Ich sehe ihn noch. Er hatte damals schon schneeweißes Haar, denn das Leben hatte ihn hart mitgenommen. Aber seine Augen blitzten, und er saß und sang mit einer mächtigen Baßstimme, und die Tränen liefen ihm in den Bart und tropften ihm ins Glas: „Wie mir deine Freuden winken, nach der Knechtschaft, nach dem Streit! Vaterland, ich muß versinken hier in deiner Herrlichkeit!“

Da waren sie hingerissen und wünschten, auch so Herrliches zu erleben und fragten nach den beiden andern.

„Dem zweiten hat er einen Eichenzweig mit nach Kansas genommen, den wollte er ihm aufs Grab legen, da er seinen Jugendtraum nicht mehr hatte zur Wahrheit werden sehen.“

„Und der Dritte?“

„Ist unter die Philister gegangen.“

„Unter die Philister? Nein, Großvater, nun red’ im Ernst.“

„Weißt nicht, was Philister sind? Denen alles einerlei ist, was man nicht essen und trinken kann, und was sonst noch so ihr bißchen Ich betrifft. Auch gehen sie immer der Nase nach in gewiesenen Bahnen und halten es verboten, die Augen aufzumachen.“

„Ach, das gibt’s ja nicht. Sag’ lieber noch, was mit dem hier ist, unten in der Ecke, dem mit dem lachenden Gesicht. Das ist der Nettste von allen.“

Ich weiß nicht, ob es für richtig gefunden wird, daß der Rektor den beiden erzählte, wie dieser, „der Nettste von allen,“ geendet habe. Ich sage nur, wie es war. Vielleicht war er kein so richtiger Pädagog, vielleicht ließ er die Kinder nur so mit sich leben und zeigte ihnen das Bilderbuch seines Lebens mit den fröhlichen und mit den ernsten Seiten, wie es sich beim Umblättern traf. Weil er selber auch ein kindlicher Mensch war, dachte er nicht so viel daran: dies hier ist nun für Kinder, — und dies für Erwachsene.

„Es war keiner so sonnig wie er,“ sagte er und nickte ernst.

„Man mußte ihn lieb haben in seinen jungen und schönen Tagen.

Das mußte man. Er war seines Vaters einziger Sohn. Er hatte Geld und Gaben des Geistes, und Schönheit und Witz. Und er meinte, es gehe durchs ganze Leben mit Kling und Klang, alle Tage und Jahre.

Er hieß Ernst. Aber der Name war alles, was er vom Ernst besaß.

„Wir wollen es mit der Freude halten,“ sagte er.

Das habe ich hernachmals für richtig gefunden und halte es noch für richtig. Ich weiß nicht, wie einer das Leben bestehen kann ohne Freude. Aber er wußte nicht so recht, was Freude sei. Er meinte, die brausende Jugendlust, das sei sie schon.

Ich sag’ euch, man muß Ernst dahintersetzen, es geht nicht anders.

Er glaubte das nicht nötig zu haben. Wenn er einmal wollte, dann flog ihm das Wissen nur so zu. Aber er verbummelte. Er ballte nie die Hand zur Faust und sagte: leicht oder schwer,das willich. Er dachte wohl immer: später dann, das kommt noch alles. Man sagt, er habe zuletzt, als er viele Semester durchkneipt hatte, noch einen Anlauf genommen. Das war damals, als sein Vater starb und nichts vom Vermögen übrig blieb.

Aber nun konnte er nicht mehr wollen.

Das Wollen, das kann einer in sich töten, so nach und nach.

Er hatte das Glas ausgetrunken und nun warf er es weg.

Er konnte nicht mehr leben als er sah, daß es leer sei. Und er wußte keinen, der es ihm neu hätte füllen können.“

Sie sahen fragend zu ihm auf.

Er strich sich über die Stirn.

„Ja, und dann ging er aus dem Leben. Dieser hier, der ‚Nettste von allen‘. Er ertrank im Neckar. Das konnte er noch wollen, sonst nichts mehr.“

Die Kinder atmeten tief auf und sahen scheu auf das Bild. Nun streifte der bittere Lebensernst ihre jungen Seelen.

Wenn dassowar.

Der Großvater stand auf und hängte das Bild wieder an seinen Platz. Sie waren eine Weile stumm und drängten sich nah zusammen.

„Großvater,“ sagte Gertrud, „lebst nur du noch allein von allen?“

Da hörte er, daß eine leise Angst in ihrer Stimme lag.

Und er wußte, daß esdaswar:

Oben an der Höhe, die gleich hinter dem Städtchen ansteigt, und die ein kleiner Laubwald krönt, da war, einige hundert Schritte von der breiten Straße entfernt, eine junge Eichenpflanzung. Er ging dort gern hin. Er setzte sich manchmal im Sommer auf einen der Stümpfe, die dort als Reste von früheren Bäumen zwischen den jungen, schwanken Stämmchen standen, und hörte zu, wie es in den Wipfeln leise rauschte und sah, wie die Sommerluft in der Sonne zitterte.

Und er gedachte aller der alten Bäume, die hier vor Zeiten gestanden hatten, und was aus ihnen geworden sei, und sah liebend auf die jungen, die noch so schwank waren und im ersten Saft standen. Und es war ihm tröstlich in der Seele der jungen Bäume, daß dort drüben über dem Weg noch ein alter, knorriger Eichbaum stand. Nicht eben einer der schönsten, aber doch einer der alten.

Denn er umfaßte liebenden Gemütes alles, was geschaffen war.

So verstand er nun das leichte Zittern in seines Kindes Stimme: wo sind die andern? Und bleibstdu? Du bleibst doch?

„Allein?“ sagte er. „Nein, wir sind noch zu vieren.“

Und er streichelte ihr Gesicht. „Noch stehst du nicht in der ersten Reihe,“ dachte er. „Wie lang noch? Aber ich will nicht darum sorgen. Es ist nichts zu fürchten. Die ganze Welt ist Gottes Haus. Du kommst ihm nicht aus den Händen.“ Da richtete er sich stramm auf und holte neue, frohe und starke Bilder aus seinem Bilderbuch, und wie er erzählte, dehnte sich ihnen, ihm selbst und den Kindern, die Welt, und wurde vorwärts und rückwärts und zu beiden Seiten groß und weit und war voll lebendigen Lebens.

***

So war es, wann die Kinder zur Dämmerstunde dort waren.

Das ging mit ihnen, das haben sie sich später hervorgeholt, wenn sie es je eine Zeitlang vergaßen.

Sie wußten nicht, daß sie in jenen Stunden zu einem guten Teil fürs Leben erzogen worden seien.

Erzogen? Es war die gemütlichste Stunde des Tages gewesen. So schön konnte es sonst nirgends sein.

Manchmal lustig, und manchmal still — froh, und manchmal ernsthaft, sehr ernsthaft, und manchmal ein bißchen schaurig.

Aber immer schön.

Aber nun war die Frau Rektorin allein bei ihrem Mann.

Sie hatte Gertrud zur Nähterin ins Eßzimmer gesetzt.

„Da, nun säumst du das Taschentuch. Immer zwei Fäden auf die Nadel, und zwei liegen lassen. Nein, kein Buch daneben legen. Du siehst sonst doch hinein. Was soll aus dir werden, wenn du nicht einmal ordentlich nähen kannst?“

Georg war zu Hause, er hatte Aufgaben zu machen. Er mußte sich rühren, er mußte gleichfalls allmählich „Ernst dahintersetzen“.

„Mann,“ sagte die Frau Rektorin, „lieber Mann, nun muß ich mit dir über Gertrud reden.“

„Das tun wir hie und da,“ sagte der liebe Mann und lächelte. Er wußte wohl, was nun käme? Er sah so aus.

Er öffnete die untere Ofentür. Es war erst allmählich dunkel geworden und es gehörte nun zu seinem Behagen, daß der Feuerschein in die Stube fiel.

Da sah sie sein lächelndes Gesicht.

„Mann,“ sagte sie, „es ist mir nicht zum Lachen.

Das wird nun allmählich Ernst.

Du läßt sie bei dir sitzen und Latein lernen, und lehrst sie alles Mögliche mit dem Jungen, dem Georg, zusammen. Du hast dein Vergnügen dran, ich weiß es.“

Das hatte er, das mußte er zugeben, es war nicht zu leugnen.

Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sah nicht besonders schuldbewußt aus.

„Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg,“ sagte er.

„Wenn sie eine Weile nachdenklich und ernsthaft ausgesehen hat, dann blitzt es in ihren Augen. Dann hat sie mich verstanden. Es ist eine Freude, das zu sehen, und eine Freude, sie zu lehren.“

Aber dahin wollte die Frau Rektorin den Wagen nicht lenken.

„Was?“ sagte sie. „Erzählst den beiden von den alten Griechen und Römern und von den Sagengeschichten. Ja, ich hab’ neulich zugehört; das von den Argonauten und vom goldenen Vließ. Und von Odysseus, dem ganz und gar durchtriebenen Lügner. Als ob du selber dabei gewesen wärst. Ist’s nicht genug, was sie in der Schule haben? Du gibst es ihnen wie ein Stück Leben.“

„Das hat dir auch gefallen, Anne.“

„Davon red’ ich nicht. Aber was soll das für ein Mädchen werden?

Frägt sie etwas nach hübschen Handarbeiten? Ist es ihr nicht einerlei, was für ein Kleid sie anhat? Ist das weiblich?“

Nun mußte er sie ausreden lassen, das wußte er.

„Setz’ dich, Anne,“ sagte er. „Komm, hier in deinen alten Freund, den Sorgenstuhl.“

„So, nun leer dein Herz aus.“

Es brachte sie aus dem Konzept, wenn er solchergestalt Edelmut übte. Sie mußte ihn dann immer ansehen. Ob er sich nun lustig macht? Die kleinen Fältchen um Mund und Augen zuckten wie von einer inneren Erheiterung. Und die Frau Rektorin wollte ernst genommen sein.

„Weißt du was?“ sagte sie.

„Gestern, als der starke Wind ging, der die Läden herumwarf und die Straßenlaternen fast auslöschte, da steht sie in der Küche bei Marie, die ohnehin ein Hasenfuß ist.

‚Hörst du?‘ sagte sie, ‚nun ist das Wuotesheer in der Luft. Hörst du, wie sie johlen und in die Hörner stoßen, und wie die Hunde bellen?‘

Da fängt die Marie an zu stöhnen: Uh, ich fürcht’ mich. Uh, ich geh’ nicht mehr an den Brunnen um Wasser. Meinetwegen hol’ Wasser, wer will, ich nicht. Dazu hab’ ich mich nicht verdingt, daß ich dem wilden Jäger in die Hände laufe. Und Gertrud nimmt den Eimer und geht selbst und kommt wieder mit einem Gesicht, als ob ein Fest sei: ‚prachtvoll ist das. Ich geh’ nochmals.‘

Jetzt frag’ ich dich: ist das ein Bub’ oder ein Mädchen? Gehört so ein Kind in die Lateinschule unter lauter Buben hinein?“

Der Herr Rektor ließ die Frage vorläufig offen.

Vielleicht dachte er, es komme noch mehr dazu.

Da hatte er nicht so unrecht.

„Ja, Mann, das Latein. Du lachst, ich weiß es. Aber es drückt mir das Herz ab. Ich muß es nun einmal sagen.

Da war bei uns zu Haus, in meiner Heimat, eine Frau. Sie hatte ja wohl früher einen Mann gehabt, aber der war nun lange tot. Die konnte auch Latein, jedermann wußte das. Sie kannte alle die heidnischen, alten Schriftsteller, wie unsereins sein Kochbuch. Kurzes, schwarzes Haar hatte sie, und so etwas wie einen Schnurrbartanflug. Und sie war der Schrecken aller guten Leute, aller netten, geordneten.

Einmal, da ging ich mit meiner Freundin, (du hast sie nicht mehr gekannt, sie hat vor mir geheiratet, nach Österreich hinein —) ja, also da ging ich mit ihr vor Tau und Tag hinaus. Wir wollten uns im Maientau waschen. Das taten wir alle Jahr einmal. Da steigt das lateinische Frauenzimmer in hohen Männerstiefeln und kurzen Röcken einher und watet durch Sümpfe und Gräben, und hat eine Blechkanne mit einem Henkel am Arm, darin sie das scheußlichste Gewürm sammelt.

Und grüßt uns noch freundlich, und hält mit der Hand, ja, mit der bloßen Hand, Mann, eine gelb und braun gestreifte Kröte empor, die glotzt uns dumm und breit an.“

„Das ist eine besondere Art, die ist hier herum selten,“ sagte sie.

„Und,“ schloß die Frau Rektorin ihre Geschichte, „jetzt frag’ ich dich, was hat das Kind, die Gertrud, das unser letztes ist“ — hier brach ihr die Stimme, — „was hat das mit Reiterstiefeln und Krötenfang zu tun?“

Denn sie wußte nun seit jenem Maimorgen eine Frau, die Latein konnte, nicht von diesem ihrem Schreckbild zu trennen.

„So lache doch nicht, Mann. Wirst du aufhören?“

Aber das war leicht zu sagen.

Sie lachte schließlich wider Willen mit, nur weil diesem Lachen niemand widerstehen konnte.

Aber dann trocknete sie sich ihr gutes, rundes Gesicht und sagte, daß ihr die Sache bitterlich ernst sei.

Da unterbrach er seine Wanderung und setzte sich zu ihr auf die Seitenlehne des Stuhls und war sehr ernsthaft und sagte:

„Nun fährst du wieder vierspännig, Anne. Auf und davon.

Also weil die Gertrud ein Mädchen ist, soll sie nicht lernen, was ihr Freude macht? Und weil du einmal eine sonderbare Frau gekannt hast, die gleichfalls lernbegierig war, darum gerätst du nun in Angst, daß unser Kind ebenso sonderbar werde?

Ich will dir sagen, Anne: Die Welt ist so groß und mannigfaltig.

Es wachsen allerlei Bäume darin. Laß wachsen, was wachsen will.

Wir können nicht sagen: es muß so sein und nicht anders.

Wir können nur helfen, daß da keine Unnatur mit unterläuft; nichts Unwahres und nichts Geziertes. Nicht, Anne?

Alle guten Geister, Anne.“

Wenn er das sagte, war sie stets besiegt. Sie war eine von denen, bei denen man die guten Geister nur anzurufen braucht, wenn sie einmal nicht von selber am Platz sind.

So leise und leicht schlafen sie.

Nun saßen sie beisammen und beredeten sich wie ein paar gute Kameraden, die sie ja auch waren, und die guten Geister der Stube spitzten die Ohren und horchten, und das Feuer knisterte leise vor sich hin und ließ seinen friedlichen Schein an der Decke und an den Wänden und auf dem Teppich spielen.

„Siehst du,“ sagte der Mann, „ich weiß wohl, das gerät so ein bißchen ungewöhnlich, wenn ein paar ganz alte Leute so ein junges Kindlein ins Haus bekommen. Da fehlt ein Mittelglied. Wir wissen nicht mehr so genau, wie das ist mit der sogenannten Erziehung.

Wir leben so mit dem Kind und geben ihm, was wir haben.

Du das deine und ich das meine. Ich meine, wir sind alle zusammen Kinder, und der liebe Gott hat aufzupassen, daß etwas Rechtes daraus wird und daß wir so gerad als möglich heimzu gehen.

Nicht, Anne? Das andere, das ist nicht so wichtig.

Ist das Kind nicht warmherzig und liebreich und offen?

Ein bißchen derb? Und nicht so recht aufs Zierliche, Ordentliche, Mädchenhafte aus?

Ist das schlimm? Du bringst das nicht an sie hin?

Nun, dann wollen wir dem Leben auch noch etwas zu tun lassen, nicht?“

Da nickte sie getröstet.

Es war eine wunderbare Stube, es glättete sich alles darin, was hohe Wellen der Unruhe schlagen wollte, und kam in ein friedliches Gleiten.


Back to IndexNext