Neuntes Kapitel

Neuntes Kapitel

Lore. Es wäre vielleicht mehr unsere als Georg Ehrenspergers Sache gewesen, uns um ihr Werden und Wachsen, und um ihre Erziehung, zu kümmern. Wir ließen sie alle ruhig nach Tübingen ziehen, wo ihre Mutter dem Aufschwung huldigen wollte, wir, das heißt die Rektorin Cabisius und Frau Judith, sandten einige sorgliche Gedanken hinter dem Kinde drein: Was mag nun aus ihm werden? Dann aber hatten wir mit andern Dingen zu tun.

Nun ist inzwischen aus dem schönen Kind ein schönes Mädchen geworden, das, soviel haben wir schon gemerkt, auch noch andere Leute als uns nötigt, die Augen aufzumachen in Staunen und Verwunderung, und das, soviel haben wir gleichfalls gemerkt, gar nicht gleichgiltig dagegen ist, ob die Leute auch wirklich die Augen aufmachen und was in ihnen zu lesen ist.

Wir haben auch sonst noch einiges gesehen, was wir lieber vermißt hätten, da es für Georg Ehrenspergers Seelenruhe und für sein Studium zuträglicher gewesen wäre, wenn Lore — kurz, wenn ihre Erziehung in manchen Dingen anders ausgefallen wäre.

Aber eigentlich wissen wir doch nicht so viel von ihr, als wir billig sollten.

Fragt ihre Mutter. Die reibt die Hände ineinander vor Vergnügen und blinzelt mit den Augen: „Ja, ja, das ist ein Mädchen. Ich, als ich jung war, sah ganz ähnlich aus. Geschickt ist sie auch, und flink, und so ideal. Wenn Maute sie so sähe. Er sagte immer —,“ ja, nun bekommen wir den entwichenen Maute auf den Hals. Den schenken wir ihr. Sie hat aber nebenbei ein klein wenig Furcht vor ihrer Tochter, und so wenig uns ein solches Verhältnis gefallen könnte, so muß doch zu Lorens Ehre gesagt werden, daß sie meistensdannmit dem Fuß aufstampft, wann wir auch aufstampfen möchten. Vielleicht hat sie von jeher mehr damit abgeschnitten, als wir ahnen.

Ja, und fragt die Nachbarn. Die Alten sehen einander zögernd an und rücken nicht recht mit der Sprache heraus, denn sie sehen, daß wir ein Interesse an ihr haben.

„Hm,“ sagen sie, „das Mädchen wär ganz recht. Man muß ja eine Freud’ an ihr haben, wenn sie nur aus dem Haus kommt. Freundlich — und immer mit den Kindern voller Vergnügen, und dann, — eine Augenweide. Aber so“ — „ach, da ist die Mutter schuld, die putzt sie und streicht sie heraus, und dann mit den Studenten. Man kann nichts Böses sagen. Nur ein bißchen viel Getue und Eingeladenwerden und Mitmachen. Du lieber Gott, das paßt doch nicht zu den Verhältnissen. Eigentlich ist es ein Wunder, bei der Maute, ich meine, bei der Mutter, — es hätt’ eins übler geraten können.“

Und fragt die Nachbarskinder. Nein, fragt sie nicht. Seht einmal zu. Es fällt euch doch ein Stein vom Herzen, wenn ihr seht, wie sie einander anstrahlen, die Kleinen und das große, schöne Mädchen. Sie macht ihnen auch Puppenkleider und tanzt und spielt mit ihnen; sie muß doch noch ein Kinderherz haben, wenn sie auch gern, sehr gern hört: Lore, du, bleib einmal ganz ruhig. Jetzt scheint die Sonne auf dein Haar und dann sieht es aus wie Gold. Ja, das hört sie freilich gern.

Die Studenten müßt ihr nicht gerade fragen. Die sind oft nicht so zuverlässig in ihren Berichten. Manche sind zu enthusiastisch, manche zu spöttisch, manche wissen auch, was sie wissen, nur vom Hörensagen. Sie tanzen gern mit ihr und bewundern ihre Schönheit, und es ist auch nicht nur einer, der sich in sie verliebt hat. Aber man weiß nichts davon, daß auch nur einer, überhaupt ein Mensch, sie so recht lieb gehabt hätte. Denn lieb haben, das ist immerhin etwas anderes, als verliebt sein und hält auch länger.

Doch ja, da ist jemand. Der wohnt im Dachstock neben den Magdkammern, ebenfalls in einer Kammer. Der liebt sie und sie weiß es, obgleich er es noch nie gesagt hat. Das ist der alte Kopist Riedesel, der den Studenten Manuskripte abschreibt und kümmerlich davon lebt. Er hat trübe, rotumränderte Augen und trägt eine große Stahlbrille; aber hinter derselben hervor leuchtet es auf, und aus den Manuskripten hebt sich der struppige Kopf, wenn ein rascher, leichter Tritt auf der ausgetretenen Treppe hörbar wird. Nun noch ein paar Schritte, dann knarrt nebenan die Tür; dort ist Mautes Kammer, eine Art von Magazin. Da kramt Lore in den Schachteln. Sie singt dazu, eigentlich trällert sie nur, leichte, kleine Liedchen. Dann steckt sie den Kopf zur Tür herein. „Wie geht’s?“ Ach, es geht ihm gut, wenn Lore kommt. Und sie kommt oft. Sie bringt Blumen mit und stellt sie auf das Fensterbrett. Auf den Bettrand setzt sie sich selbst und spricht mit dem Alten. So lieb ist sie da, so offen und so unschuldig. Sie erzählt ihm alles, er weiß alles, versteht alles. Denn er liebt sie. Er sah sie heranwachsen, groß und schön werden, er sah, wie sich die Leute nach ihr drehten, er sah, wie die Mutter war. Gott behüte dich, Kind! Es geschah zum Glück bald, daß sie anfing, ihm alles zu erzählen. Sie zeigte sich ihm, als sie zum erstenmal ausging, um zu tanzen, sie war so fröhlich über ihre junge Schönheit; er war es auch. Aber immer: Gott behüte dich. Sie lachte über ihn, wenn er das so ernsthaft sagte. Aber sie kam immer wieder. Sie kam nicht immer fröhlich. Manchmal hatte sie große, ernsthafte Augen und sah still vor sich hin. Dann fragte er es aus ihr heraus: Manche Leute hätten so eine schöne, friedliche Heimat, da wären sie beisammen und hätten einander lieb. — Oder anderes. Von der Mutter, und daß sie, Lore, oft so unfreundlich gegen sie sei. Aber es sei auch kein Wunder.

Es kamen auch Zeiten, da weinte sie hier oben. Da war einer abgereist, von dem sie vorher so viel Schönes erzählt hatte. Der alte Kopist kannte sie alle gut, die kamen und die gingen. Er neigte teilnehmend den Kopf. Innerlich war er grimmig. Was machten sie aus dem Kind? Sie war ihnen eine Weile gut zum Bewundern, aber sie wollten nicht das Beste in ihr aufwecken. Ja, sie verderbten es geradezu. Die Mutter half mit. O, die. Dumm war sie und eitel.

Er, wenn er jünger gewesen wäre! Aber sie hätte dann nichts von ihm gewollt. Sie war zutraulich gegen ihn, sie mußte einen Ort haben, wo sie alles hintragen konnte. Aber im übrigen. Da schickte sie ihre schönen Augen aus nach einem glänzenden Glück. Die Mutter hatte es ihr zu oft vorgesagt, es schien ihr allmählich so natürlich, daß es käme. Und immer wieder klopfte es an, aber immer wieder war es ein neckisches Spiel, wie der Wind mit einem Baumzweig an das Fenster klopft und gleich ist es wieder still.

Da gewöhnte sich Lore an die Bewunderung, an das Staunen in den Gesichtern der Menschen. Als sie nichts Besseres bekam, trank sie begierig den leichten, perlenden Schaumwein der Tändeleien, der Vergnügungen. Aber immer wieder gingen ihre Augen auf die Suche: wann kommt das Schöne? kommt es bald?

Der Alte wußte es gut. Er hoffte mit ihr. Aber er fürchtete sich auch davor. Denn wenn Lore ging, was hatte er dann noch in seinem Leben? Sie war es, die seiner armen Kammer Glanz und Farbe gab.

Da fing sie auch an, ihm von Georg Ehrensperger zu erzählen. Das klang anders, als bei den andern. Es kam unbewußt ein Stück ganz schuld- und harmlose Kinderzeit mit zum Vorschein, als sie von ihm erzählte. Er sah ihn auch selbst, den schmalen, feinen Menschen mit dem sonderbar verträumten Gesicht.

„Den nimmt sie nicht,“ dachte er bekümmert. Sonderbar, er zweifelte nicht, daß das von Lorens Belieben abhänge. Sie war ihm ja weit überlegen, was Lebensklugheit, was „Helligkeit“ betraf. Und doch war es dem Alten: „Das ist ein Guter.“

Ach nein, es schien nicht, daß der Jugendgespiele etwas ändern sollte an Lorens Lebensführung. Allzusehr war sie überzeugt, daß er noch ein Knabe sei, allzuviel wußte sie zu spotten: „Er sieht nicht, was um ihn her vorgeht. Mit der Nase muß man ihn auf die Dinge stoßen. Mich? ja, mich sieht er wohl.“ Aber das war selbstverständlich. Dann klagte sie sich zuweilen an: „Abscheulich bin ich gegen ihn. Es reizt mich so sehr, ihn ein bißchen zu necken. Dann sieht er so erschrocken aus und wird rot. Ach, er ist ein lieber, guter Mensch. Ich will das nächste Mal recht nett mit ihm sein.“ So war sie dann das nächste Mal, daß Georg verzückt nach Hause ging und dachte: „Das war heut ihr eigentliches Ich, so ist sie. Das andere, das hängt noch so an ihr, außen herum. Das muß noch abfallen.“

Aber es wurde mit der Zeit ein wenig anders. Immer öfter nahm der alte Riedesel die Brille ab, wenn sie hereinkam, und ließ die angestrengten Augen auf seinem Augentrost ausruhen. Denn sie war jetzt oft so fraulich lieb, sanft und demütig.

Immer öfter wußte sie etwas von Georg Ehrensperger zu sagen.

„Er ist so gut mit mir. Viel zu gut und viel zu fein. Ich passe gar nicht zu ihm. Ich nähme ihn nie. Ach, Unsinn, er nähme mich nie. Ich und eine Pfarrfrau. Ich verstehe ihn auch gar nicht. Er sagt so sonderbare Sachen. Er glaubt manches nicht, was man glauben muß, um ein Pfarrer zu sein und das drückt ihn. Warum er es nicht glaubt, versteh’ ich nicht. Er wollte es mir erklären. Die Bibel sei etwas ganz anderes, als man gewöhnlich meine. Er ist so klug und gibt sich so viel Mühe mit mir, und gestern sagte er, ich solle ums Himmels Willen nicht denken, er sei nicht fromm. Gerade weil er fromm sein wolle, könne er nicht alles annehmen. Ganz bedrückt sah er aus. Ich habe ihn aber auf andere Gedanken gebracht. Schließlich lachte er wieder und sah mich so an, so — ich glaube, er kann mich furchtbar gut leiden.“

Der alte Riedesel saß schon lang mit der Brille auf der Stirn. „Ja, Kind, das glaube ich auch. Und wenn auch die andern flotter sind und lebiger, so ist er um so getreuer. Ich meine“ —

Aber da stand sie schon an der Tür: „Himmel, ich verschwatze mich ganz. Ich muß mit dem Karton hinunter. Die Mutter wartet auf den Samt. Heut abend bin ich zum Nachenfahren eingeladen. Ich ziehe mein blaues Satinkleid an. Nein, nicht mit ihm.“ Sie lachte. „Er ist viel zu ernsthaft und zu schwerlebig für mich, und viel zu gut. Er will mich auch gar nicht. Denke nicht daran.“ Fort war sie.

Und es kam der Tag, an dem die drei Wiblinger gen Tübingen fuhren. Jener Septembertag. Blau und golden stieg er herauf. Der alte Copist saß früh an seiner Arbeit. Er hatte es eilig. Schon zweimal war der Mediziner aus dem ersten Stock dagewesen: „Noch nicht fertig?“ Er wollte abreisen. Er war ein Sachse und er ging im Wintersemester an eine andere Universität, wohl nach Leipzig. Und Riedesel saß, schrieb und schrieb. Er hätte gern einiges da hineingeschrieben, das der Empfänger nicht an den Spiegel stecken sollte. Der hatte sich gewaltig mausig gemacht. „Fräulein Lore hier, Fräulein Lore da,“ und sich selbst eingeladen in die Ladenstube und so heimelich getan. Und nun ging er weg und tat, als ob nichts gewesen sei. „Glaubt ihr denn, das Kind habe kein Herz?“ Er knurrte vor sich hin, wie ein guter, alter Kettenhund.

Da — husch, das flog nur so, kaum hatten die alten Bretter auf dem Vorplatz Zeit zu knarren, so flüchtig gingen die Tritte darüber hin. „Herein.“ Er hob den Kopf. Kam sie so früh? „Holla, da ist sie. Und schon geschmückt, wie der junge Tag. Blau und golden.“

Ja, so war es. Die Morgensonne schien ihr gerade ins Gesicht und übers Haar. Und das Festkleid, das sie anhatte, war lichtblau.

Er blinzelte nach ihr hin. Die Augen taten ihm weh. Aber hier war etwas, an dem sie ausruhen konnten. Keine Spur irgend eines Kummers im Gesicht. Nun, ihm konnte es recht sein. Gestern abend war es anders gewesen. Er hatte nur zu trösten gehabt. „Ich gehe fort, sich will nicht mehr hier bleiben. Ich geh’ in eine Stelle; zu mindestens sieben Kindern.“ Alles wegen dieses langen und breiten Sachsen, der so viel — na ja, Lore hatte sich seine Huldigungen ja gern gefallen lassen. Aber wer hatte sie daran gewöhnt, wer?

Und nun heute früh das taghelle Gesicht. „So ist’s recht.“ Er legte die Feder hin. „Geht die Sache so bald los? Alle Achtung.“ Das war so eine Art von Besitzerstolz, was ihm aus den Runzeln seines alten Gesichts lachte. Die würden heut wieder die Augen aufmachen.

Da saß sie schon auf dem Bettrand. Vorsichtig hatte sie das Kleid glatt gezogen. Sie war zum Hausweihfest geladen. Darum war sie so geschmückt.

„Ich — ich fürchte mich halb und halb,“ sagte sie. Fürchten? Seit wann fürchtete sich Lore Maute vor einer Festlichkeit?

„Ja, vor dieser Gertrud Cabisius. Die kommt gleichfalls dazu und ihr Großvater, der Rektor Cabisius, auch. Der muß nun steinalt sein. Er war schon schneeweiß, als ich ihn das letzte Mal sah. Das ist nun dreizehn Jahre her. Was der noch bei dem Fest will? Und dann — Gertrud. Sie muß so überaus gescheit geworden sein. Sie kann alle alten Sprachen und hat alle Bücher gelesen, die es gibt, und daneben scheint es, daß sie ein Ausbund ist von allen Tugenden. Hu. Und dann ich daneben.“ Sie sah vor sich hin. Aber dann meisterte sie mühsam ein Lächeln, das ihr von innen heraus übers ganze Gesicht ging. Es half nichts, es wurde doch ein Lachen daraus. Riedesel verstand das Lachen.

„Ach, was habe ich zu fürchten?“ sagte es. „Gescheit mag sie sein, obgleich ich auch nicht dumm bin, und meinetwegen alles andere dazu. Ich aber, seht mich nur an. Ich brauche es ja gar nicht zu sagen, was ich voraus habe. Das wiegt einiges andere auf, mein’ ich.“

Aber dann wurde sie wieder nachdenklich. „Ich will nur sehen, was es heut’ alles gibt. Als die Mutter aufstand, mußte sie dreimal niesen. Nun sagt sie, es sei etwas Besonderes in der Luft. Was das wohl ist? Ich — es ist mir auch so sonderbar. Nämlich, Georg Ehrensperger — mit dem geht etwas vor. Er läuft herum, als ob er jetzt erst jung geworden sei. Das macht, er hat ein Lied komponiert, ein Festlied, das soll heut abend beim Kommers gesungen werden. Vorgestern abend war Probe. Da sind sie nachher alle auf ihn zugekommen und haben ihm zugetrunken und sind ganz stolz auf ihn. Das ist so neu. Bisher ging er immer zwischen den andern herum, so — fast schüchtern, daß er überhaupt da sei. Und jetzt ist das so.“

Sie wurde ganz warm. Ihr alter Freund und Liebhaber mußte sie nur ansehen. Unten rief die Mutter: „Lore, wo bleibst du? Komm herunter, der Herr Georg ist da.“ „Ja, gleich.“

Da knarrte es auf der Stiege und gleich nachher kam der, von dem sie sprachen, ebenfalls in die Kammer herein. Er war schon vor längerer Zeit einmal dagewesen. Nein, wie verändert sah er aus. Größer und stattlicher, und den Kopf trug er hoch und frei. Im Sammetrock, das Band über der Brust, die Mütze in der Hand.

„Lore, ich wollte dir nur sagen, daß ich jetzt an die Bahn gehe. Nachher komme ich mit Gertrud hier vorbei und hole dich ab. Dann gehen wir in meine Stube und ich spiele euch mein Lied vor, vielleicht auch sonst noch etwas. Ich wollte dir sagen, daß du dich bereit haltest. Aber du, du bist ja schon fix und fertig.“

Er sah sie lachend an und sie ihn.

Dann ging er wieder.

Und Lore stieg hinter ihm drein die Treppen hinunter. Sie dachte jetzt nicht an sich, sie dachte an ihn, der so treulich sein Erleben mit ihr teilte. Sie war so viel Schwankendes, Unechtes gewöhnt geworden, so viel leichtes Obenhinleben. Bei ihm aber stieg alles aus einem tiefen Grund heraus. Alles. Er war so ganz er selbst, ob er nun Freude empfand oder Druck und Sorgen. Er spielte nie etwas, er war immer so, wie er war. Ach, wie oft hatte sie ihn darum ausgelacht, daß er alles so ernsthaft nahm. Hatte ihn noch ausgelacht, schon als es ihr längst nicht mehr so war. Sie wollte das Neue, Ungewohnte, das Innige, das sich in ihr regen wollte, hinweglachen. Wie sie es als Kind in Frau Judiths Stube hatte weglachen wollen.

Aber nun konnte sie nicht mehr damit fortkommen.

Es saß etwas im Winkel ihrer Seele, das breitete die Arme aus nach — ja, nach was denn? Vielleicht nach Liebe. Jedenfalls nach etwas ganz Echtem.

Sie stand am Fenster und sah ihm nach, wie er über die Neckarbrücke schritt. Wenn nun alles anders wurde mit Georg Ehrensperger? „Ich kann nie eine Pfarrfrau werden. Dazu passe ich nicht ein bißchen. Ganz anders muß mein Leben aussehen. Ach — tralala, er wird ja gar kein Pfarrer.“ Es hatten schon so viele Theologen umgesattelt, gerade noch vor Torschluß. Das wissen die Mädchen in den Universitätsstädten gut. Warum sollte er es nicht auch können? Er trug ja so schwer an der Theologie. Da reihte sich plötzlich in heiterem Farbenspiel Bild an Bild vor ihren Augen. Ein heiteres, behagliches Heim, nicht glänzend, wie sie vordem oft gedacht hatte, aber freundlich und ohne Sorgen und mit ihm, der dort so aufgerichtet hinging; in den Kreisen guter, angesehener Menschen, und sie selbst, Lore, dazwischen, fleißig und häuslich, gut und lieb. Sie dachte an das Rektorhaus in Wiblingen. — Was? Ein Tropfen auf dem schönen Kleid? Wahrhaftig, noch einer. „Ich glaube gar, ich stehe hier und flenne. Das fehlte noch. Tralala. Ein bißchen eleganter muß es schon sein. Die Rektorin. Ich danke für solche Hauben und so weiter.“

Da steckte Frau Maute den Kopf zur Tür herein, fast schüchtern: „Lore, was soll ich nur tun? Ich habe gestern Abend das Paket für unsern Herrn vergessen. Es sollte auf die Post. Nun liegt es noch da. Der wird schön schelten. Könntest du nicht auf den Laden acht geben? Ich mache mich fertig und trage es hin.“

„Das tu’ ich, Mutter.“ Sie sagte es ganz freundlich. „Ich ziehe den Regenmantel über das Kleid. Nein, laß nur. Ich habe schon noch Zeit.“

Die Neckargasse ging sie hinauf, dann an der Stadtkirche vorbei. In der schmalen Gasse, die nach der Stadtpost hinunter führt, gingen zwei Studenten dicht hinter ihr. „Der Ehrensperger, der hat’s in sich.“ Sprachen sie von Georg? Ihr feines Ohr fing den Namen sogleich auf.

„Ja, der. Stille Wasser — und so weiter. Ich hätt’s nicht hinter ihm gesucht. Der Hornstein, der auch am liebsten irgendwo hinaus möchte, wo kein Loch ist, nur nicht ins Pfarramt, der sagte gestern Abend zu ihm, ich hab’s mit angehört: „Mensch, wenn ich du wäre, ich hielte nie eine andere Predigt, als so eine. Was? Musik ist auch eine Predigt.“

„Jetzt geht,“ sagte der erste Sprecher wieder, „der Mensch drei Jahre unter uns herum. Ein guter Kerl, aber ein bißchen, na — soll ich sagen, langweilig? Und jetzt zum Schluß noch so ein Glanz. Der läßt noch von sich hören, denk’ an mich.“

„Du, aber mit seiner Musik ist er immer wieder aufgetaucht. Man hat ihn nur nicht so ankommen lassen. Heut freilich“ —, da bogen sie rechtsum und Lore mußte links gehen.

Das war aber noch der Mühe wert gewesen, auf die Straße zu gehen. Das wollte sie meinen. Nun, er sollte es zu spüren bekommen, daß sie in Zukunft mehr Respekt vor seiner Kunst haben wollte. Denn, sie mußte es gestehen, sie hatte ihn oft leer abziehen lassen, wenn er etwas von ihr begehrte, ein Zuhören, ein Mitschwingen. „Ach, schaff’ etwas anderes, etwas rechtes,“ hatte sie oft gesagt und manchmal nur, um ihn zu ärgern. Aber das kam nun anders, holla.

Konnten ihn seine Kameraden ehren, — sie konnte es gleichfalls und noch ein bißchen besser.

Sie rief in Gedanken das ganze Ehrenspergerhaus, das sie so gut kannte, zum Zuhören auf. Lauter Wohlklang war es, was die beiden vorhin gesagt hatten.

Es schoß ihr eine Blutwelle bis unters Haar, als es ihr einfiel: im Frühling, als das letzte Semester anfing, da hatte er daheim in Wiblingen davon geredet, daß er am liebsten jetzt noch umsatteln und Musik studieren wolle.

Er hatte es ihr erzählt. Wie sie da gelacht hatten und gewettert und sich geschüttelt: „sonst weißt du nichts mehr? ein Musikant? aber das konnte man kommen sehen. Immer zuviel den Willen hat man dir gelassen; rein überspannt bist du geworden.“

Jungfer Liese lebte damals noch und schüttelte den Kopf: „all’ das verstudierte Geld.“ Und die Schwägerin: „du denkst wohl, das finde man hier auf der Gasse?“ Und der Müller Hensler: „Kopf hoch, Bub, wenn man noch so sagen darf. Jetzt hast auf den Pfarrer studiert und jetzt wirst einer. Trink eins; das sind Grillen, die muß man fortschwemmen.“

Sie wußte es wohl noch, sie, Lore Maute, hatte mit eingestimmt, als er es sagte: „Ach, das wirst du doch nicht im Ernst wollen? Du sinnst dir auch Sachen aus. Aber so bist du immer gewesen. Ganz recht haben deine Leute.“ Er aber hatte darauf, halb zaghaft und halb trotzig geschwiegen und war bisher im alten Gleise weitergegangen. Es war nur eine Scheu vor dem einen, eine Sehnsucht nach dem andern in ihm, keine stürmende Gewalt, ein Möchten, kein Müssen.

Aber nun war es auf einmal, als breche sich etwas mächtig Bahn.

„Nur schnell, nur schnell nach Hause. Denn ich muß da sein, wann er kommt. Ich will mich weder vor Gertrud, noch vor sonst jemand scheuen. Ich habe viel hereinzuholen, und das will ich auch.“

Ging da der Mieter, der lange Sachse? Er sah über die Straße herüber und grüßte und sah sich noch ein paarmal nach ihr um. Das sah sie mit einer Viertelswendung des Kopfes. Ein kleiner Stich ins Herz — ach, so lauf doch. Sie hatte ihn ja nie ganz ernst genommen. Sie hatte nie zuvor irgend jemand ganz ernst genommen, es war immer ein wenig Spiel dabei gewesen trotz manches Kummers und mancher Wünsche und Hoffnungen. Aber so blieb es nicht immer. Nein, so blieb es nicht immer.


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