Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Die Fenster standen weit offen, die laue Abendluft trug den Duft der Reseden und Levkojen vom Garten herauf ins Zimmer. Es war ein stilles Zimmer. In dem großen Lehnstuhl saß der Rektor Cabisius. Er hatte das weiße Haupt auf die Brust gesenkt und dämmerte so zwischen Schlaf und Wachen dahin. Die Zeit war gekommen, da er von dem allem, was ihn hier umgab, Abschied nehmen sollte. Es war kein Losreißen, er ging still und gern. Das große Studentenbild sah von der Wand herunter auf den Greis. Wo waren alle die jungen, kraftvollen Gestalten hingekommen? Sie hatten alle ihren Weg durch die Welt gemacht und waren wieder gegangen; neue Generationen waren nach ihnen gekommen. Er war wohl der Letzte von den Alten, damals Jungen.

Der Greis regte sich und hob den Kopf.

„Ja, Anne, so jung als möglich.“

„Hast du etwas gesagt, Großvater?“

Unter der offenen Tür des Nebenzimmers erschien Gertrud.

Sie trat zu ihm. Er lächelte und öffnete die Lider seiner blinden Augen. Das tat er wohl aus alter Gewohnheit, denn die Gestalt seines Kindes, das vor ihm stand und ihr Gesicht mußte er ja mit andern Augen wahrnehmen, als mit den erloschenen seines Leibes.

„Ich glaube, ich habe mit deiner Großmutter geredet. Sie ist jetzt immer neben mir. Sie sagte in ihrer raschen Art, wie sie früher oft sagte: „Wir müssen so jung als möglich sein, Alter. Für das Kind. Du bist aber kein Kind mehr, Gertrud.“

„Du bist aber so jung als möglich gewesen, Großvater, du bist es für mich gewesen. Ich danke dir so herzlich dafür.“ Sie kniete neben ihm und legte ihren Kopf in seinen Schoß.

„Du Kind, du bist lebensreifer, als ich je gewesen bin. Das hat das Leid getan, das große Alleinsein. Ich habe es gewußt, wir haben nur nie darüber geredet. Aber jetzt, da ich gehe, sag, Gertrud, wie ist es? Ich muß es Anne sagen können. Wie ist es mit dir und Georg?“

Er mischte Traum und Wirklichkeit durcheinander.

„Ach, Großvater, da ist nichts zu sagen. Er ist wieder bei mir, wie einst. Er hat mich lieb und ich gehöre zu ihm, wie ich es von Kindheit an tat. Aber wenn dudasmeinst, das eine: ich bin ihm nicht das Weib, nicht sein anderes Ich. Ich weiß es. Das kann nie kommen, das ist nicht. Das ist ein Rätsel des Lebens, das Gott allein weiß. Ich weiß nicht, ob irgendwo jemand lebt, der zu ihm gehört; bis jetzt weiß er nichts davon. Manchmal denke ich, wir werden so leben und alt werden und davongehen, und irgendwo sei die Lösung des Rätsels, die andere Seite des Gewebes, die wir dann zu sehen bekommen. Aber ich weiß es nicht. Bis dahin, — man muß sich stillen und nichts verlangen, und sein Leben füllen, so gut man kann. Sie sind ja alle irgendwie in Not, die Menschen. Man muß sie lieb haben und verstehen, nicht in ihrer Sünde, in ihrerNot. Das tat Er auch.“

Sie schwieg. Der Abend dunkelte durch das Zimmer. Der Greis schlief wieder. Er war so müde.

Draußen wurden Schritte hörbar, rasche, kräftige Tritte.

Das kleine Dienstmädchen verhandelte etwas mit jemand, dann klopfte es an die Tür des Nebenzimmers.

„Herein.“

„Grüß Gott, Gertrud.“

„Grüß Gott, Georg.“ Sie war aufgestanden und ihm entgegengegangen.

„Lebt er noch?“

„Ja.“

„Ich habe nicht bälder kommen können. Es war so vieles in den letzten Wochen und Tagen, Prüfung und Jahresfest, und, Gertrud, ich habe es nicht lassen können, ich habe einiges von meinem Eigenen mit den Blinden eingeübt, einen Chor, und ein Orgelstück, und ein Andante für Klavier und zwei Violinen. Es ist aus dem Alten, das nicht schweigen will. Sie haben es mir so lebendig abgenommen, du glaubst nicht, wie froh es mich gemacht hat. Sie haben nicht so viele Tore ihrer Seele, durch die das Leben aus- und einströmt, darum sind sie gesammelter, einheitlicher. Wir hatten kein Publikum dazu, wir waren unter uns. Es war aber ein Fest.“

Sie sah auf ihn und freute sich, daß er so hell und frisch dreinsah und dachte, wie eine Mutter denkt: „Wie hat er sich herausgerissen und ist des Seins und Lebens mächtig geworden. Ach, das ist ja nicht so wichtig, was sein Amt und Titel ist, und ob seine Altersgenossen weiter sind, als er. Was erist, das ist das Wahre, und er ist ein Mensch und Mann, an dem Gott selber seine Freude haben kann.“

Sie saßen aber still in der Stube neben des Rektors Studierstube. Von drinnen kam ein leichtes, kurzes Atmen und hie und da ein Wort, im Halbschlaf geredet.

Da, nach längerer Zeit, fingen sie an, sich flüsternd zu unterhalten.

„Wenn er aufwacht, dann will ich zu ihm hineingehen. Ich möchte ihm noch so vieles sagen, aber das werde ich ja nicht können. Weißt du, mit dem Danken, es ist so eine Sache. Wer sich selber von Herzen gab, der will keinen Dank dafür. Undsogab er sich, sein Leben lang, wenigstens seitichdenken kann.“

„Seitwirdenken können. Das ist so ziemlich das gleiche.“

„Ja.“ Er dachte zurück, so weit er konnte.

„Weißt du noch?“ Da machten sie es wie die Alten, die ganz Alten und tauchten in den Jungbrunnen der Kindheitserinnerung ein. Tausend und eine Erinnerung. Hie und da wurden sie lebhaft und verfielen in lauteres Reden, dann erschraken sie vor dem eigenen Ton ihrer Stimmen und flüsterten wieder.

Frau Judith schritt am Stock durch das Gemach, und Jungfer Liese, und die Rektorin, und Hollermann. Und dann glitt ihr Schifflein unvermerkt in das breitere Flußbett des Lebens hinaus.

„Du, Gertrud, wo bist du mit deinen Gedanken?“

Sie schrak auf. Sie hatte soeben einen kleinen Privatausflug gemacht, davon sollte er nichts wissen.

„Ja?“

„Ich bin heute nachmittag drüben gewesen, bei Franz und Lore. Sie wissen gar nicht, was sie mir alles zuliebe tun sollen. Aber, du — du hörst nicht recht zu.“

„Doch, ich höre alles.“

„Du, Lore geht ins Korpulente. Das ist sehr heilsam für mich. Diese Frau mit den dicken Backen und der breiten, gestreiften Schürze habe ich nicht gekannt. Heute, als ich kam, stand sie unter der Ladentür und sah hinaus. Ich hatte ein wenig Mitleid mit ihr; man sollte es nicht glauben, aber es ist doch so. So, als ob ihr Gesicht fragte: ‚Ist das jetzt alles?‘ Und, Gertrud, es ist ja tatsächlich alles. Sie hat ihren Franz und ihren rundköpfigen Buben, und ein gutes Geschäft und viel Geld. Aber ich weiß, irgend etwas in ihr hungert nach mehr. Sie ist nicht zufrieden mit dem allem.“

„Und das ist ihr Bestes,“ sagte Gertrud. „Das ist ein Faden, der sie ans Innerliche, Ewige knüpft. Wenn sie älter wird, wird das Heimweh steigen, und zuerst wird sie meinen, es sei nach dir, und dann wird sie erkennen, daß es nach deiner Welt ist. Und sie wird ihrem Sohn davon erzählen, und wird den Armen Brot und Liebe geben, und wird ihren Mann davor behüten, daß ihm gut Essen und Trinken alles wird. Und das hast du ihr gegeben.“

Da schwiegen sie wieder.

Die Hausglocke schellte.

„Das ist Meister Nössel. Er kommt jeden Abend um diese Zeit und sieht nach dem Großvater. Es ist ein Wunder, daß er es noch kann, er ist so eingetrocknet und zusammengerunzelt wie eine Hutzel. ‚Wenn mich nur der liebe Gott nicht abzurufen vergißt,‘ sagte er gestern. Ich glaube, er ist in Sorge darum. Aber es ist nicht mehr viel Leibliches an ihm, man kann ruhig sein in dieser Hinsicht.“

Da kamen trippelnde Schrittlein und schwere Stockstöße näher.

„Guten Abend.“

„Guten Abend, Meister Nössel.“

„Ist er noch da? Ja? Ich dachte, er sei heut gegangen. Heut sind’s elf Jahre, daß Judith starb. Ich hätte nicht gedacht, daß es noch so lang daure, bis ich nachkomme.“

„Still.“

Vom Turme hallten die feierlichen Schläge der Betglocke.

„Er hat’s doch gelernt. Das Läuten, meine ich. Ich habe einst im Ärger gesagt: Das lernt er nie so recht, er läutet anders, weil er anders ist. Aber er hat’s doch gelernt. Er hat inzwischen viel erlebt und auch erlitten, das macht’s.“

Dann schwiegen sie wieder.

Der letzte Hall, noch einer.

„Und wenn das Leben neiget sich, laß uns einschlafen seliglich.“

Das hatte Meister Nössel gesagt. Sonst begehrte er ja auch nichts mehr. Das andere, das Unruhige, Müdmachende, Glück und Leid und Sorge und wie alle die Erdengeister heißen, das lag weit dahinten, nicht vergessen, nicht verachtet, aber ausgedient.

„Gute Nacht.“ Er gab seinem alten Freund die Hand, der war in Träumen und kannte ihn nicht.

„Das tut nichts. Wir — wir kennen uns doch wieder, wenn es Tag wird, Joachim Cabisius. Schlaf wohl, schlafet alle wohl.“

Sie hörten die Stöße seines Stockes auf der nächtlichen Gasse. „Bleibst du da, Georg? Ich bleibe die Nacht auf; wenn du willst, bleib bei mir. Der Doktor war da, kurz, eh’ du kamst, er sagt, es könne ganz leise ausgehen, wenn das Herz versage. Aber ich glaube es noch nicht. Er erwacht hie und da und spricht dann ganz klar und wie sonst, wenn auch fast ganz ohne Stimme. Hörst du?“

Sie traten leise zu ihm, da redete er undeutliche Worte, und, da er müde an die Seitenlehne gesunken war, wie ein schlaftrunkenes Kind, brachten sie ihn miteinander zu Bett.

Der Mond war heraufgestiegen und leuchtete wie vor Zeiten in die altbekannte Stube und wunderte sich, daß die lange Pfeife unbenützt am Haken neben dem Stehpult hing und daß alle die Geister und Geistchen, die sonst auf weißen Rauchwölkchen da herumspukten, schwiegen und den Atem anhielten. Als er aber bis an das weiße Bett hinleuchtete, das sonst nicht in diesem Raum gestanden war, da hörte auch der Mond auf, zu flimmern und herumzuspielen. Ganz still lag sein Licht auf dem Boden und an den Wänden und blieb auf dem Bett und der ruhigen Gestalt darin liegen.

„Es tut ihm nicht weh, du brauchst den Vorhang nicht zuzumachen, Georg.“

Da setzte der sich auf die Truhe, wie einst und sah sich um, wie die Stube in dem weichen, ruhigen Licht dalag und dachte, daß es jetzt auch anders werde, da ihr alter Bewohner davonging.

„Was willst du nun anfangen, Gertrud? Hast du dir etwas ausgedacht?“

Sie zuckte nun doch ein wenig zusammen. Was hilft das Ausdenken? „Ich bleibe vorläufig da. Ich habe es alles mit dem Großvater besprochen. Ich will Veronika zu mir nehmen, meine lahme Freundin, der die Mutter gestorben ist, und will mich um meine Patenkinder annehmen, so gut ich kann. Eines von ihnen, (du kennst ihn ja, es ist Leonhard, der mittlere Bub von den Türmersleuten, — der ist so zart und kann nicht gut so oft die vielen Stufen steigen), bekomme ich vielleicht ganz ins Haus. Dann will ich sehen, ob ich ihm etwas von allem dem geben kann, was er —“ sie zeigte nach dem Bett hin — „was er mir gab. So ist noch manches.

Ich habe früher an einen bestimmten Beruf gedacht, Krankenpflege, oder Lehrerin, oder sonst etwas. Aber daraus ist jetzt nichts geworden, und ich glaube, es ist auch besser so.“

Sie saß da so hell im Licht und Georg sah, wie es in ihren Zügen arbeitete und wie dann ein Lächeln darüber ging.

„Das ist jetzt so. Ich passe wohl nicht recht in irgend einen Model, ich bin so ein wenig anders geraten als andere Mädchen. Ich stieße wohl da und dort an, wenn ich nicht sein dürfte, wie ich gewachsen bin. Da muß ich sehen, daß ich mir selber ein Leben zimmere. Es wird auch schon gehen.“

Im Stillen dachte sie: Und dann will ich für dich da sein, so oft du eines treuen und ehrlichen Menschen bedarfst, der zu dir gehört.

Sie sagte es nicht; sie war doch wohl noch nicht heil genug, um ganz rückhaltslos von ihm und sich zu reden.

Aber er sagte es selber.

„Das ist gut für mich,“ sagte er. „Ich muß dich immer finden können. Ich weiß ja nicht, was noch aus mir wird, obgleich ich vorläufig bei meinen Blinden bleibe und noch nicht ans Fortgehen denken mag. Wie lang das noch dauert, weiß ich nicht. Was sagst du Gertrud?“

„Was ich sage? Du sollst einmal einen Schritt um den andern tun und einen Tag um den andern nehmen, wie du das bereits angefangen hast. Es wird eines aus dem andern herauswachsen, eine Aufgabe aus der andern und ein Können aus dem andern. Das sage ich und sonst nichts.“

„Doch noch eins, Gertrud.

Ich weiß nicht, was meine Altersgenossen von mir denken. Hie und da kommt einer — sie sind aber nicht alle so, lange nicht, — so ein bißchen mitleidig, ein bißchen vorsichtig zurückhaltend zu mir, neulich beim Jahresfest, oder wenn einer das Haus betrachten will, und glaubt dann, nachsichtig mit mir reden zu müssen, wie mit einem, der eigentlich etwas wie eine ‚verfehlte Existenz‘ ist. Und das, Gertrud, das will ich nicht sein. So sehe ich mein Leben nicht an, es komme, wie es wolle.“

„Das bist du auch nicht. Durch das alles hindurch geht ein gerader Weg zum rechten Leben, weißt du, dazu, ‚das Leben zu haben in sich selbst‘. Das kann man freilich den andern nicht sagen. Sie sehen nur das Äußere. Aber das wird gerade gut sein. — Gut sein müssen,“ setzte sie doch mit einem leichten Seufzer hinzu. Denn leicht war es nicht immer, das wußte sie wohl.

„Ja, und das sollst du mir hie und da sagen. Dazu will ich dich finden können — und zu manchem anderen. Du weißt es. Wenn ich es nicht mehr weiß, will ich dich fragen können.“

Sie nickte ernst und einverstanden.

„Das will ich. Das sollst du können, mein Bruder.“

Und so sah Gertrud Cabisius’ Glück aus?

So sah es aus.

Sie hatte sich einst weit aufgetan, um ein ganz großes, ganz volles Menschenlos in sich zu empfangen. Und nun war sie zufrieden, — nun fand sie eine tiefe Freude darin, dem, den sie liebte, ein ruhender Punkt, hie und da eine Zuflucht, eine Weggenossenschaft zu sein?

„Es wird nicht allen so gut,“ dachte sie dankbar. „Es ist mehr, als ich an bösen Tagen hoffen konnte.“

— Wer will sagen, was ein ganzes Menschenlos sei? Vielleicht wird im Entbehren, im tiefen Leid des Einsamseins stärker als im warmen, sonnigen Glück die Ahnung davon wach, daß das hier „nicht alles“ sei.

Daß die kurze Spanne Zeit, die wir unser Leben heißen, nur ein Teil jenes großzügig angelegten Planes sei, in den sich der Schöpfer der Menschengeschlechter nicht hineinsehen läßt. Wie der Geiger, der das schönste Lied suchte, so sucht die Menschenseele einen Ort, da es „bessere Geigen“ gibt, damit einmal, endlich einmal das ganze Konzert von großen, schrecklichen und herrlichen Dingen, die die Menschenbrust zu Zeiten fast zersprengen wollten in Liebe und Sehnsucht, zur Aufführung kommen könne, oder da in dem ungeahnt Allergrößten das jetzt Große untersinke und verstumme.

Mitternacht war vorüber. Sie saßen noch da, manchmal still für sich und in Gedanken jedes, manchmal flüsternd, Gegenwärtiges und Zukünftiges beredend. Daß Georg einen Brief von Emeritz, seiner Münchener Freundin, habe, und daß es ihm gelungen sei, den blinden Theodor in der Anstalt unterzubringen. Gertrud wollte ihn einmal über eine Vakanz zu sich holen und freute sich darauf.

„Er soll es gut haben,“ sagte sie lebhaft und dämpfte sogleich wieder ihre Stimme; die leisen, schwachen Atemzüge, die nur in der tiefen Stille der Nacht hörbar sein konnten, gaben hier drinnen den Ton an. Es ist nichts Geringes, dabeizusein, wenn ein ernster, Gottes und des Lebens bewußter Mensch sich anschickt, in die dunkle Flut unterzutauchen, deren Grund und anderes Ufer wir nicht kennen.

Ein Uhr.

„Horch, er redet.“

Sie traten ans Bett.

ImmereinWort mit versagender Stimme, schnell aufeinander, dann langsamer, deutlicher, dann kam mehr Stimme hinein.

Immer dasselbe — „ewig — ewig — ewig.“ Immer lauter, immer staunender wurde der Ton. „Ewig — ewig — ewig.“ Sonst nichts. Sie versuchten ihn anzureden. Aber für den leisen Laut einer Menschenstimme war Joachim Cabisius nicht mehr da, er, der zu vergehen schien an etwas ganz Riesigem, ganz Unfaßbarem.

„Ewig — ewig — ewig.“

Es dauerte immer noch fort. Fast nicht zu tragen für die Zuhörenden, denen der Vorhang noch nicht gehoben ist, derihmsich aufzurollen scheint. Es war so riesig, alles andere versank davor.

„Ewig — ewig — ewig.“

Sie waren ans Fenster getreten, dicht nebeneinander und hatten sich fest an den Händen gefaßt.

„Daß uns werde klein das Kleine, und das Große groß erscheine,“ sagte Gertrud leise.

Dann nach und nach wurde es stiller, dann ganz still.

Waren auch ihm die Saiten zersprungen, als er in den vollen Chor einzustimmen versuchte?

Er hatte sein Lebenlang zu der stillen, schönen Gemeinde der „guten Geister“ gehört, die in allerlei Sprachen und auf allerlei Weise, ein jeder nach seiner Art „loben Gott den Herrn“ und deren Bundeslied, ob ihnen schon die Worte vielfach nicht bewußt sind, doch durch alles Geschaffene tönt:

„Alle die Schönheit Himmels und der ErdenIst verfaßt in dir allein.“

„Alle die Schönheit Himmels und der ErdenIst verfaßt in dir allein.“

„Alle die Schönheit Himmels und der ErdenIst verfaßt in dir allein.“

Wenn wir Ohren hätten.

Aber es wird so gut sein, wie es ist und wird gut werden, wie es wird.

***

Der Morgen graute ganz von ferneher. Kaum ein erstes, blasses Dämmern drang durch die Nacht. Die kleine Nachtlampe fing an zu flackern in dem kühlen Wind, der über die Berge herkam und draußen in den Bäumen rauschte und in die Stube hereinwehte. Da standen sie auf von ihren Sitzen und deckten ein weißes Tuch über das liebe, stille Gesicht.

„Ich gehe, Gertrud. Ich will mit dem Morgenzug reisen und meine Stunden halten, wie sonst. Morgen komme ich wieder.

Ich komme immer wieder, du weißt es. Dieses Haus ist mir eine Heimat gewesen und dieser Mann ein Vater, und du — du bist mir eine Schwester. Meine einzige. Bist du es nicht?“

„Doch, Georg.“

Ihr bleiches, überwachtes Gesicht glänzte von einem inwendigen Licht.

Sie gaben sich die Hände.

Das leise Sausen draußen schwoll stärker und stärker an.

Als sie ihm die Haustür öffnete, stand der Morgenstern über dem Nachbarhaus:

„Wohlauf in den Tag hinein, so lang er währt. Ist er auch jetzt noch grau, er wird hell und heller werden wann die Sonne kommt.“

Vor ihnen lag das Leben. Sie hörten leise seine Ströme rauschen in der Morgenstille. Es würde schon Wege geben, hindurchzugehen.

Auf dem Dach, auf dem spitzen Giebel sang eine Amsel und sang die anderen Vögel wach. Wußten sie nicht, was heut nacht geschehen war? Sie sangen ihr altes Lied:

„Freude, Tochter aus Elysium,Wir betreten feuertrunken,Himmlische, dein Heiligtum.“

„Freude, Tochter aus Elysium,Wir betreten feuertrunken,Himmlische, dein Heiligtum.“

„Freude, Tochter aus Elysium,Wir betreten feuertrunken,Himmlische, dein Heiligtum.“

Sie können kein anderes. Es ist ihnen das Lied des Lebens, und wollte Gott, wir alle könnten, über Leid und Tod hinüber, alle nur das einzige, das Lied des Lebens, zu dem die Saiten in uns aufgespannt sind.

Kurt Aramin der „Frankfurter Zeitung“: „Aus Württemberg wächst uns, wie es scheint, wieder einmal ein neues Erzählertalent von Bedeutung zu. Man wird sofort an die Erzählerart Wilhelm Raabes erinnert. In den letzten Jahren kamen mir eine ganze Menge von Romanen unter die Hände, die sich in der Art dieses Meisters versuchten, aber kläglich scheiterten, weil ihre Verfasser blutige Dilettanten waren.Mit Anna Schieber jedoch versucht sich einTalentin der Art Raabes, und zwar nicht nur, weil sie ihr besonders gut gefällt, sondern auch weil ihr diese Art innerlich entspricht.Manche ihrer Gestalten erinnern direkt an Raabesche Figuren.Und doch sind sie ihnen nicht einfach nachgemacht, sondern wirklich von ähnlicher seelischer Art, also keine imitierten Puppen, sondern tieflebendige Menschenkinder... Dies schöne Buch wird seinen Weg schon machen.“

Dr. Hch. Lhotzkyim „Leben“: „Ein ganz ungewöhnlicher Roman, fesselnd und erquickend zugleich. Niemals ist mir ein Buch vorgekommen, das ich so bedingungslos jedem in die Hand geben würde. Die Verfasserin ist ein Segensmensch und wahrscheinlich durch viel Einsamkeit und herbes Leid hindurchgegangen. „Sonst wüßte sie ja nicht zu trösten.“ „Man muß allein gewesen sein, eh’ man recht mit den andern gehen kann.“Das ist weit hinausgewachsen über das übliche Christentum und steht im wahrhaft Menschlichen und Göttlichen. Menschen, die solches verstehen, habe ich mir immer ersehnt, und freue mich, daß sie erstehen.Wer irgend jemandem ein liebes Buch schenken will, ein Buch zum immer wieder Lesen, schenke dieses. Aus ihm kann man sehen und hören lernen, was den Vielen meistens entgeht.“

Dr. C. Bussein Velhagen & Klasing’s Monatsheften: „Mit heller Freude und daneben mit einem verwunderten Kopfschütteln muß ich heut von einem Buche erzählen, das anders ist als andere Bücher, das wie eine schöne Predigt ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen vor uns hinstellt, die wir zu Vätern, Brüdern, Schwestern, Freunden haben möchten, das alles Gute in uns anspannt, das uns fröhlich und getrost macht: Wie ein Märchen aus einer schönen, verlorenen Heimat ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute Märchen voll der höchsten Wahrheit.“

Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn.

Vortreffliche Erzählbücher!

Helene Christaller, Meine Waldhäuser.Bilder aus einem Dorfe. 2. Aufl. Mk. 2.—, geb. Mk. 3.—.

Fritz Philippi, Von der Erde und vom Menschen.Bauerngeschichten. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—.

Fritz Philippi, Unter den langen Dächern.Neue Erzählungen vom Westerwald. 2. Aufl. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—.

Fritz Philippi, Hasselbach und Wildendorn.Erzählungen aus dem Westerwälder Volksleben. Mk. 2.40, geb. Mk. 3.20.

Die Erzählungen des Westerwälder Roseggers gehören zu der besten Heimatkunst.

Die Erzählungen des Westerwälder Roseggers gehören zu der besten Heimatkunst.

A. Supper, Leut’.Schwarzwaldgeschichten. 1.-3. Aufl. Mk. 2.20, geb. Mk. 3.—.

A. Supper, Da hinten bei uns.Erzählungen aus dem Schwarzwald. 5. Aufl. Mk. 2.20, geb. Mk. 3.—.

Türmer-Jahrbuch 1906:„Diese Frau vereinigt mit scharfem Tiefblick in die Seele des Bauerntums eine starke Liebe zu dessen unverwüstlichen Kräften.Ihr Buch gehört zu dem wertvollsten, was die Heimatkunst bislang hervorgebracht hat.“Dr. Karl Storck.

Türmer-Jahrbuch 1906:„Diese Frau vereinigt mit scharfem Tiefblick in die Seele des Bauerntums eine starke Liebe zu dessen unverwüstlichen Kräften.Ihr Buch gehört zu dem wertvollsten, was die Heimatkunst bislang hervorgebracht hat.“

Dr. Karl Storck.

A. Supper, Der schwarze Doktor.Eine Erzählung aus Würzburgs düsterer Zeit. Mk. 2.20, geb. Mk. 3.—.

A. Supper, Der Mönch von Hirsau.2. Aufl. Kart. Mk. 2.—, geb. Mk. 2.80.

Grüß Gott:„Wir können das Buch wohl Steinhausens „Irmela“ und Webers „Dreizehnlinden“ zur Seite stellen. Duftig wie das erste und dramatisch wirksam wie das zweite Stück — so tritt der Mönch von Hirsau in die Reihe der neuromantischen Dichtungen, die religiöse Tiefe mit humaner Weitherzigkeit verbindend.“

Grüß Gott:„Wir können das Buch wohl Steinhausens „Irmela“ und Webers „Dreizehnlinden“ zur Seite stellen. Duftig wie das erste und dramatisch wirksam wie das zweite Stück — so tritt der Mönch von Hirsau in die Reihe der neuromantischen Dichtungen, die religiöse Tiefe mit humaner Weitherzigkeit verbindend.“

Aus der verlorenen Kirche.Religiöse Lieder und Gedichte für das deutsche Haus. Gesammelt von R.Günther. Geb. Mk. 3.—.

Lit. Rundschau f. d. evang. Deutschl.:„Unter den Sammlungen religiöser Gedichte in weitestem Sinn ist dies die umfassendste und planvollste. Ein schönes Buch, das wir herzlich begrüßen, warm empfehlen für Haus und Schule.“

Lit. Rundschau f. d. evang. Deutschl.:„Unter den Sammlungen religiöser Gedichte in weitestem Sinn ist dies die umfassendste und planvollste. Ein schönes Buch, das wir herzlich begrüßen, warm empfehlen für Haus und Schule.“

Anmerkungen zur TranskriptionRechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hierfettdargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen.

Anmerkungen zur Transkription

Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hierfettdargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen.


Back to IndexNext