Viertes Kapitel
Inzwischen war weder in Wiblingen noch sonstwo auf der Welt das Leben stehen geblieben. Die Alten waren mehr in das Alter und die Jungen mehr in die Jugend hineingewachsen.
„So,“ sagte Gertrud Cabisius, als Georg nach dem Maturitas nach Hause kam, „das hätten wir hinter uns.“ Immer noch „wir“, wie einst, da sie als Kinder unter dem Apfelbaum saßen und Pläne schmiedeten.
Dort saßen sie auch jetzt wieder, dort und an allen alten Plätzen. Aber nun waren sie groß geworden. Er lang und schmal und etwas blaß, immer noch mit leichten Sommersprossen auf der Stirn, immer noch mit dem weichen, etwas verlorenen Gesichtsausdruck, den Kopf manchmal wie horchend etwas vorgeneigt, immer noch leicht zu hohen, starken Gefühlen entflammt, die ihn wie Flügel trugen, und leicht auf die Erde geworfen, die Nase nach unten. Sie breit und hoch gewachsen, mit kräftigen, etwas schweren Bewegungen, trug den stark entwickelten, klugen Kopf, um den die braunen Zöpfe lagen, sicher und aufrecht, so, wie ein guter, junger Baum seine Krone trägt. Ihr Gesicht war ein wenig bräunlich, breit und offen, der Mund schmal und fein, die Nase, die war ihrer Großmutter geheimer Kummer, denn sie nahm entschieden ein bißchen viel Platz ein, die Augen braun, klug und warm dabei.
„Wenn sie ein Mann wäre,“ dachte die Großmutter im Stillen, „dann wär alles gut.“ Dem Rektor war die Enkelin recht, wie sie war; er fand so viel Erfreuliches an ihr, daß er nicht noch mehr begehrte.
Er hatte im vergangenen Herbst Feierabend gemacht. Achtundvierzig Jahre seines Lebens hatte er der Jugend gewidmet. Als er ging, hatten sie in der Wiblinger Lateinschule ein Fest gefeiert, mit Reden und Gesängen, und man hatte ihm gesagt, daß er ein gutes und wackeres Werk vollbracht habe, und hatte ihm eine goldene Taschenuhr von beträchtlicher Größe und Dicke gewidmet, und ein Schüler hatte ihm in Versen gewünscht, daß diese Uhr noch viele freundliche Stunden für ihn zeigen möge. Es war ein schönes Fest gewesen; und jedermann fand, daß dem alten Herrn nun das Ausruhen zu gönnen sei; auch der neue Rektor, der ein feuriger, eifriger Mann war, fand das. Und es gehörte offenbar zu den Schwächen des Alters, das sich nicht mehr leicht umgewöhnen kann, daß der Rektor Cabisius sein gewohntes Tagewerk und seine Jugend dennoch vermißte.
Aber das sollte er nicht lange tun.
„Großvater, jetzt soll’s fein werden,“ sagte Gertrud und nistete sich in der Studierstube ein, und schlug alle die Bücher auf, nach denen ihr lebendiger, junger Geist stand.
Da ging es dem alten Herrn wieder wie einst: „Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg, es ist eine Freude, ihr zuzusehen, und eine Freude, sie zu unterrichten.“
Da freuten ihn denn bald seine freien Jahre wieder. Er hatte die Jugend bei sich im Haus.
Die Großmutter konnte sich billigerweise auch nicht beklagen. Eigentlich und im Grunde tat sie’s auch nicht. Die Gegenwart war ihr recht, nur die Zukunft machte ihr hie und da Sorge.
Aber sie hatte nicht viel Zeit, darüber zu grübeln, obgleich sie immer noch im Lehnstuhl saß und sich nicht fortbewegen konnte. Denn nun horchte sie wahrhaftig noch zu, was die beiden mit einander zu bereden hatten. Sie wollte nicht allein im Wohnzimmer sitzen, obgleich der Rektor sagte: „Wenn dir’s aber zuviel wird, Anne?“ Es fing allerlei an, sie zu interessieren, wozu sie früher nicht so die ruhigen Gedanken gehabt hatte. Von unseren Vorfahren von alten Zeiten her, und wie das deutsche Land aussah, zur Zeit von Christi Geburt und noch früher.
Einmal, da nickte sie sehr einverstanden mit dem Kopf. Das war, als die Rede darauf kam, wie die alten Frauen, die unter unseren Vorvätern lebten, in so hohen Ehren standen. Von der Last der Jahre gebückt, den Schnee des Alters auf dem Scheitel, zahnlos der Mund, aber noch glänzend das Auge, so wohnten sie unter den ihrigen und sahen Enkel und Urenkel, und die starken Männer, rauh vom Jagd- und Kriegshandwerk, gingen ehrerbietig mit ihnen um, und die Jugend zügelte vorlaute Reden, wenn die Ahnfrau sprach.
Ja, manchmal erhob sich eine zusammengekauerte Gestalt vom Herdfeuer, an dem sie gesessen, zu voller Höhe, wann der Feind ins Land fiel oder wenn die Barden neue, seltsame Nachrichten brachten von fremden Göttern und Völkern. Und sie reckte die Hand aus und deutete Vogelflug und Wetterzeichen, verwob Vergangenes und Künftiges und sprach verheißende Worte und sank wieder auf den Ruhesitz zurück. Und im Kreise ging ein Gemurmel: „Hört ihr’s, was die Ahnfrau sprach?“
„Abgesehen von der unchristlichen Zeichendeuterei,“ sagte die Rektorin, „wäre es nicht übel, wenn heutzutage noch etwas davon übrig wäre. Aber das ist nun anders. Wo in aller Welt hat eine alte Frau noch etwas zu sagen?“
Da waren sie schon neben ihr.
„Ja, jetzt lacht ihr; das Lachen, das soll wohl etwas helfen?“
„Aber Anne, wer hat denn zum Beispiel hier in diesem Hause etwas zu sagen außer einer gewissen alten Frau?“
„Großmutter, du kannst dich nicht beklagen.“
„So? Ich alte Frau sitze hier und soll das alles mitanhören. Still. Ich rede nicht von heute. Aber gestern, das mit den Erdschichten, und wie die Gletscher entstanden und die Gebirge und Meere. Was soll ich damit? Auch habe ich starken Verdacht, daß es nicht christlich sei, dem allem nachzugrübeln. Wenn wir das wissen sollten, stünde es in der Bibel.“
„Aber Anne; Gott hat ein Haus gebaut und wir sollten als Kinder des Hauses nicht darin umherstöbern dürfen, und, so viel Kinder verstehen können, nachsehen, wie das Kellergewölbe beschaffen ist und das Fachwerk und das Dach? Weil uns das nicht von vornherein gesagt ist, sollen wir uns nicht besinnen dürfen und nicht fragen? Anne, es bleibt noch genug übrig, das nicht zu ergründen ist; davon wollen wir die Hände lassen und warten, ob der Vater uns einmal als erwachsene Söhne wird in seinen Bauplan mit hineinsehen lassen. Wenn nicht, müssen wir auch so zufrieden sein.“
Dagegen wußte sie nichts zu sagen.
Sie saß und hatte die dick geschwollenen Füße auf einen hohen Schemel gelegt und mit Decken umhüllt, und war von Liebe umgeben. Sie wußten es wohl, daß das nicht mehr anders komme, bis — ja bis. Unser Leben währet siebenzig Jahre und wenn’s hoch kommt, achtzig Jahre. Fünfundsiebenzig war die Rektorin und ihr Gatte siebenundsiebzig. Das sprach von selbst. Nun kamen die geschwollenen Füße hinzu. Aber sie gingen wie bisher miteinander weiter, jedes nach seiner Art und wußten, daß sie zusammengehörten.
Es war nie mehr die Rede davon, daß Gertrud ein Examen machen sollte. Es ging alles fort wie bisher; nur daß die alte Frau weiter hinaussorgte, nicht für sich, für das Kind. Ihr Gatte tat das nicht. Es war früher umgekehrt gewesen; da hatteerin die Ferne gesehen, nun tatsiees.
„Ich könnte es dem lieben Gott überlassen,“ sagte sie, „aber Gertrud ist anders als andere Mädchen, das ist es, was mir Sorge macht.“
„Ach, du denkst: Diese Spezies ist dem lieben Gott noch nicht vorgekommen, da muß schon die Rektorin Cabisius eingreifen?“
Da sah sie zu ihm auf, mit demselben Blick wie in jungen Jahren, rasch aufflammend und ein wenig ärgerlich, und dann, wider Willen lächelnd, wenn die Augen einander begegneten, und dann immer stiller.
Er hatte ja Recht. Was konnte das Sorgen helfen? War nicht immer alles gut geworden? Da lehnten sie ihre grauen Köpfe aneinander und saßen still beisammen.
Gertrud focht die Zukunft noch nicht an. Sie war siebzehn Jahre alt, und das Leben fing erst an, ihr seine Weiten aufzuschließen. Es verstand sich von selbst, daß es schön wurde; es war aber auch jetzt schön. Reich war es. Sie erzählte ihrem Kameraden, Georg Ehrensperger, der in der Vakanz daheim war — er rüstete sich zur Hochschule — von allem, was dazu gehörte. Sie stand in der Küche; mitten in der Küche stand ein weißer tannener Tisch, darauf die große, steinerne Teigschüssel. Den Teig darin klopfte sie mit viel Kraft und in vielen Pausen. Die Pausen hingen mit der Unterhaltung zusammen.
Georg Ehrensperger saß auf der Wasserbank, links und rechts von ihm standen hölzerne Wassergölten.
„Du wirfst noch eine davon hinunter, du solltest dich anderswo unterbringen,“ sagte Gertrud.
Er lachte behaglich.
„Ich sitze gut hier. Was soll aus dem Teig werden?“
„Weißbrot. Großmutter ist jedesmal in Sorge, daß es speckig werde oder sonst mißrate, wenn ich den Teig nicht unter ihren Augen mache. Ich muß ihn besonders gut durchschaffen.“
Sie gab dem Teig ein paar kräftige Stöße.
„Ich bin siebzehn. Brotbacken ist nicht schwer. Ich bin froh, daß ich nicht buntsticken muß. Großvater hat mir geholfen, er sagt, man komme auch so durch die Welt. Kochen und backen aber, das soll ich. Das tu’ ich auch gern.“
„Da hat er Recht“. Georg nickte sachverständig.
„Du schlägst aber die Schüssel auseinander. Was für feste Arme du hast.“
„Nicht?“ Sie reckte sich. Die Ärmel ihres Hauskleids waren bis über die Ellbogen hinaufgeschlagen.
Da kam ihr ein guter Gedanke.
„Wir wollen sehen, wer stärker ist. Das ist jetzt drei Jahre her, seit wir nicht mehr gerungen haben. Komm.“
Sie setzte immer noch wie einst ihre Fußstapfen neben die ihres Kindheitskameraden. Geistig und körperlich war sie stark und frisch.
Er blieb behaglich auf der Wasserbank sitzen.
„Du mußt dir vorher die Hände waschen, sonst teigst du mich ganz und gar ein. Nachher. Du zwingst mich nicht nieder, bilde dir nichts ein.“
Die Rektorin Cabisius wäre nicht besonders hoffnungsvoll für das Gelingen des Weißbrots gewesen, wenn sie gesehen hätte, wie das nun ging. Eins, zwei, drei, Laibe geformt, in die Körbe gesetzt.
„Was sagst du, Marie? Nicht genug durchgeknetet? Ist nicht möglich. Denk’ einmal, als Sarah Kuchen buk, damals im Hain Mamre, da saßen die drei Männer schon und warteten aufs Essen. Wenn die hätte eine Stunde lang Teig kneten wollen! Ich bin überzeugt, daß die Kuchen gut wurden und daß das Weißbrot vorzüglich wird.
Schüttle den Kopf nicht so bedenklich, du bist nicht so viel älter als ich!“
Marie war das Mädchen. Sie stand an der Spülbank und warf hie und da einen Blick hier herüber. Achtzehn war sie, klein, rund und rotbackig, mit lustigen, braunen Augen; eins davon schielte, aber das sah immer nach einer Schelmerei aus. Es konnte ihr einerlei sein mit dem Brot, aber sie war dennoch überzeugt, daß es nicht genug durchgeknetet sei.
„So, jetzt komm,“ sagte Gertrud, „du bist doch wohl nicht zu gediegen für so etwas?“
Da warf Georg den Kopf zurück und reckte die Arme: „Komm.“ Es wurde aber nicht entschieden, wer stärker sei, denn sie warfen richtig das eine, volle Wassergefäß um.
„Es ist zu nah am Rand gestanden,“ sagte Gertrud, „es kippte gleich um.“ Dann half sie, den Küchenboden aufzutrocknen.
***
Es wurde auch in allerlei andern Dingen nicht entschieden, wer stärker sei. Dazu nahmen sie es nicht ernst genug, wenn sie je einmal daran gingen, sich zu messen.
Marie mußte noch oft den Kopf schütteln. So etwas hatte sie doch ihrer Lebtage noch nicht gesehen.
Manchmal, da schienen sie zwei richtige Kindsköpfe zu sein.
Sollte man es glauben? Sie ritten ja wahrhaftig noch auf dem Treppengeländer: wer es besser konnte. Und sie stiegen miteinander auf den Turm und ließen sich von Frau Judith Märchen erzählen: Goldmarie und Pechmarie, und vom Machandelbaum, und halfen dem Meister Nössel beim Läuten. Der war auch eisgrau geworden. — Und dann wieder waren sie so überaus ernsthaft, huh. Da saßen sie ehrbar in der Laube, oder an dem Steintisch unter dem Ahorn, oder in der Wohnstube und lasen aus schweren, dicken Büchern und oft in einer unverständlichen Sprache, und machten nachdenkliche Gesichter und sprachen so klug, daß es Marien eine Gänsehaut gab, wenn sie nur in die Nähe kam. Sie, Marie, hütete sich wohl, in ein Buch zu sehen, außer Sonntags, wo sie in der Kirche das Gesangbuch benützte. Es war ihr rein unverständlich, wie zwei junge Genossen derlei Dinge miteinander treiben konnten.
Manchmal stritten sie sich auch. Aber worüber? Kein Mensch konnte verstehen worüber, meinte Marie.
Aber Marie hatte „eine Ahnung“, wie Georg sich ausdrückte, was ja freilich heißen sollte, daß sie keine Ahnung habe.
Sie war aus dem Weiler Hinkelsbach, der ganz nah bei Wiblingen lag, und konnte von der Dachluke aus den Rauch ihres väterlichen Hauses sehen, und war ein junges, vergnügtes Ding, und konnte wunderschöne, alte Volkslieder singen, zu denen Gertrud häufig die zweite Stimme sang. Aber im übrigen, was wußte sie von dem, was die beiden einander mitzuteilen hatten?
Sie bekamen ja richtig den Kirchenschlüssel, und Georg spielte die Orgel und Gertrud sang einmal mit ihrer tiefen Altstimme Händels Largho von dort oben herunter in die leere Kirche hinein und wunderte sich, wie voll es klang, und saß ein andermal mit in dem Schoß gefalteten Händen und horchte vom Schiff aus und meinte, daß die Orgel noch nie so geklungen habe, wie heute, da ihr guter Kamerad daran saß. Sie wußten es nicht anders, als daß sie immer noch Kameraden seien. Sie besannen sich auch nicht darüber. Hatten sie nicht ihr Leben lang alles geteilt, und einander gequält, wenn’s sein mußte, und einander verstanden, besser als alle anderen Freunde, trotz mancher Reibereien?
Gertrud hatte nicht so recht das Zeug zur Freundschaft mit den jungen Mädchen des Städtchens. Das war von jeher so gewesen, weil sie immer am liebsten beim Großvater gewesen war.
Es waren verschiedene Versuche gemacht worden, ein Kränzchen, ein Kurs im Englischen mit den Honoratiorentöchtern, weil die Großmutter es wünschte. Aber Gertrud war dort nicht ganz sie selbst, ihr eigenes fröhliches Ich. Sie wußte nicht recht mitzureden und wußte, was sie selber hatte, nicht anzubringen. Seit die Großmutter so anhaltend krank war, blieb sie zu Hause. Es war ihr lieber so.
Sie hatte auch Freunde.
Eine Kamerädin aus der Volksschule, ein kluges, feines, lahmes Mädchen, das einer Witwe gehörte und so gut es ging, ums Brot nähte. Dort wußte sie sich aufzutun. Dem Mädchen ging ein helles Freudenlicht auf, wenn Gertrud kam und sich zu ihr setzte. Und sie nahm ihr das Wort aus dem Munde. Sie hatte solch einen hungrigen Geist. Und weil der Acker ihrer Seele so sehnlich wartete und so aufgerissen war vom Entbehren und Verlangen, so fielen die Körner, die Gertrud aus ihrem Überfluß hinwarf, tief hinein und gingen an den langen, einsamen Tagen auf und gaben eine reiche Ernte. Feine, sinnige, tiefe Gedanken und eine stille, stolze Freude, am Sein und Leben teilzuhaben, und ein Verständnis für die Menschen in den Büchern, die sie zu lesen bekam: ob sie echt und lebendig seien oder nicht. Es kam hundertmal wieder herein, was Gertrud dort hintrug. Das wareineFreundschaft. Es gab deren mehrere.
Den uralten Totengräber Heilemann, der so wunderbare Geschichten aus der Franzosenzeit wußte, und die junge, lustige Frau Liselotte, die einst Magd bei der Großmutter und ihr Patenkind gewesen war. Sie hatte einen Fabriknachtwächter und Flickschuster geheiratet und ihr kleiner, dickköpfiger Bube war Gertruds Patenkind. Und die Spinnricke, die ums Geld spann und die mit tiefer Stimme erzählte, daß sie „schon wieder einen Blick ins Jenseits“ getan habe. Es war nichts, das Gertrud in ihrem jungen Leben vermißte. Aber Georg war ihr Kamerad. Das war doch wieder anders.
***
Seinen Platz an dem breiten, geräumigen Ecktisch in der Ladenstube des Ehrenspergerhauses nahm Georg wieder ein; aber auch seinen Platz auf der niedrigen Truhe in des Rektors Studierstube. An beiden Orten holte er sich, was da für ihn zu holen war.
Jungfer Liese, die sich allmählich angewöhnt hatte, die Ellbogen breit auf den Tisch zu legen und sich kecklich ganz auf den Stuhl zu setzen, tat ein Übriges und fütterte an dem langen, mageren Menschen herum; und faßte eines Tages ein Herz und fragte, was denn aus dem vielen Geld geworden sei, das der Herr Vetter immer bezahlt habe, da der Sohn nach Hause komme, dürr, wie eine von Pharaos Kühen? Er solle Franz ansehen, das sei noch ein junger Mensch, wie man ihn könne gelten lassen.
Franz war vor kurzem aus der Fremde zurückgekommen, wo er sich in Zeit von einem knappen Jahr einige Welt- und Lebenserfahrung, einen schön geschwungenen Schnurrbart und einige neue Backrezepte angeeignet hatte.
Er nahm je länger je mehr die Leitung des Geschäfts in die Hand und ließ nicht undeutlich vermerken, daß er nicht zu denen gehöre, die mit irgend einer Lebensfunktion allzu lange warten. Und Jungfer Liese nickte und blinzelte Franz dem Älteren zu: „Kehr’ die Hand um — bringt er eine junge Frau herein. Ja, dann? Dann ziehen wir in den Oberstock. Ich verlasse den Herrn Vetter nicht; das tue ich nicht.“
Da konnte ja denn der Herr Vetter unbesorgt sein, und das war er auch. Er konnte sich’s jetzt leicht machen. Da saß er Abend für Abend mit dem Müller Hensler im Schwarzen Adler bei einem gediegenen Schoppen Roten, und sie kamen darauf zu reden, was für Prachtsbursche sie in ihrer Jugend gewesen seien, und kamen zu guter Bürgerzeit wieder nach Hause, ein klein wenig warm vom Prahlen und vom Wein. Da kam über den Markt, von der andern Seite her „der Student,“ wie ihn der Müller Hensler jetzt schon nannte, und sie stichelten ihn ein wenig: „Da sieh’unsan; jünger als du sind wir heute noch.“ Und der Bäcker Ehrensperger sagte: „Nein, laß ihn, die Studierten, die sind alle so ein bißchen dösig. Das kommt vom Bücherlesen.“ Und das Mitleid faßte ihn, daß sein einer Sohn so still und ernst sei, und er selber war solch ein forscher Kerl gewesen: „Jetzt sag, Bub, hast du einen Wunsch? Ich zahl’s, was es kostet.“
Er war ihm am andern Tag nicht so ganz angenehm, denn nun mußte er das Klavier bezahlen, das in des alten Schullehrer Haldenwangs Auktion verkauft wurde; hundertundfünfzig Mark. Es wurde in die Wohnstube im ersten Stock gestellt, gerade über dem Laden. Und Jungfer Liese sagte zu den Kunden, wenn sie aufhorchend die Köpfe hoben: „Das ist unser Jüngster, der Student. Er will’s nicht besser haben. Da sitzt er und spielt, und oft genug ohne Noten, und das Essen schlägt nicht an bei ihm.“
So war es daheim. In der Dämmerstunde war Georg im Rektorhaus. Da saß er auf der Truhe und streckte die langen Beine weit ins Zimmer hinaus, er konnte sie nicht anders unterbringen. Der Rektor mußte einen Umweg machen. Aber er mochte den Heimgekehrten nicht von seinem alten Sitz verjagen. Nun tanzte der freundliche Flammenschein über das große Studentenbild.
„Das wirst du nun alles erleben,“ sagte der Rektor.
„Wenn es sich so begäbe, es sollte mich freuen, wenn du bei meiner alten Verbindung einträtest. Es sind tüchtige Leute daraus hervorgegangen.“
Er paffte große Wolken aus seiner Pfeife. Die zogen an den Wänden entlang.
„Ich will dir nicht viel sagen. Du mußt dein Leben selber erleben. Es hilft nichts, daß wir Alten euch viel vorreden. Freue dich deiner Jugend, und mach’ die Augen auf. Das Leben ist rings um dich her und ist in dir drin. Du hast viel Neigung, allein zu sein und dich vor den andern zuzuschließen und hast doch auch ein Verlangen nach ihnen. Ich weiß es ja. Laß beidem sein Recht zu seiner Zeit. Sei bei dir selbst zu Hause, dann kannst du unbeschadet auch mit den andern gehen. Ach, was hilft das Reden? Geh’ nur. Man kann euch ja doch keinen Schritt abnehmen. Es ist auch wohl besser so.
Und hier hast du eine Pfeife. Ich will dir zeigen, wie man sie stopft. Ich habe sie dir angeraucht.“
„Aber Mann, das Rauchen, das fängt er früh genug an. Du brauchtest es ihn nicht zu lehren,“ sagte die Rektorin.
„Ich will dir auch etwas sagen, Georg. Du siehst dich einmal gelegentlich nach dem kleinen Mädchen um, nach der Lore. Ein feines Kind war das. Mich soll’s wundern, was die Maute aus ihr gemacht hat. Aber dort zu wohnen gehst du nicht, falls sie ja richtig möblierte Zimmer vermieten. Die Maute ist, — kurz, sie ist etwas schlappig. Das war sie von jeher. Du kannst aber sagen, ich lasse beide freundlich grüßen.“
Gertrud saß auf dem hohen Drehstuhl vor des Rektors Stehpult. Sie hatten nicht mehr beide Platz auf der Truhe.
Sie redete heut nicht viel dazwischen. Das Herz brannte ihr. Sie sah nach ihrem Kameraden hin. Der ging nun wieder einmal neue, weite Wege; er freute sich darauf. Er sagte ihr von allem, was ihn bewegte. Aber was konnte das helfen?
Selbst erleben, das war doch anders. Und sie öffnete durstig die Lippen. Das galt dem Leben, das draußen war in der Weite. Dort zog es hin, wie Wolken am Himmel. Würde es wohl Gertrud Cabisius vergessen, die hier zurückblieb? „Ach, Unsinn,“ sagte sie laut und verweigerte die Antwort auf die erstaunte Frage der drei andern, welchen Unsinn sie meine. Dann glitt sie von dem Stuhl herunter und brachte die Lampe und schüttelte sich innerlich; das sollte ihr noch fehlen, graue Dämmergespinste zu spinnen.