Viertes Kapitel
Als das zweite Jahr in München um war, bekam Georg die Nachricht, daß seine Schwägerin gestorben sei.
Da kaufte er sich einen schwarzen Filzhut, ein Florband um den Ärmel und eine Fahrkarte nach Hause.
Er war ihm um Franz. Der hatte ja doch niemand als ihn. Er empfand auf einmal mit Macht den starken natürlichen Zusammenhang mit ihm.
Aber als er ins Haus trat und in die Ladenstube, fand er da schon einige Leidtragende: den Müller Hensler und zwei schwarzgekleidete Frauen — Lore und ihre Mutter. „Lore, du?“ Sie ließ das Kuchenmesser, mit dem sie eben hantiert hatte, fallen und drehte sich rasch um. „Du — o — Georg — wir hatten dich erst heut abend erwartet — o —“ Da umschlossen sie schon seine Arme. „Still.“ War sie noch schöner geworden? In dem schwarzen Kleid sah sie so groß und schlank und vornehm aus. Da kam Frau Maute heran. Sie hatte eine breite Schürze aus Trauerkattun an und etwas aus schwarzem Krepp gemachtes auf dem Kopf und ihr Gesicht drückte eine Mischung von feierlichen, traurigen und angenehmen Gefühlen aus.
Sie war mit einem Plan hierhergekommen, den sie gleich nach der Beerdigung dem jungen Witwer zu offenbaren gedachte. Vorderhand zeigte sie durch die Tat ihre verwandtschaftliche Gesinnung für Franz, indem sie geschäftig hin und her ging, dem Müller Hensler einschenkte, die Blumenspenden der Wiblinger in Empfang nahm, hie und da eine Nachbarin in die Totenkammer führte, in der die junge Frau lag, die einst so rührig hier herumgewirtschaftet hatte, und indem sie hie und da ein Federchen oder Härchen sorgfältig von Franzens schwarzem Rock entfernte, das etwa daran hängen geblieben war.
Alle diese Taten vollbrachte sie unter vielen und mütterlichen Reden, die sie in etwas kläglichem Ton hervorbrachte, denn sie hielt denselben für am Platz und passend bei dieser Gelegenheit. Auch hatte sie für Zwei gerührt und bewegt zu sein, da Lore sich ganz natürlich und anmutig betrug als ein Wesen, das durch sein bloßes schönes und erfreuliches Dasein genug zum Trost der betrübten Menschheit beiträgt.
„Gelt, du wunderst dich, daß wir da sind?“
Sie lehnte sich an Georg und sah ihm in die Augen.
„Sag etwas; du bist ganz verstummt.“
Ja, er hatte sich im ersten Augenblick gewundert, wie man sich im Traum wundert, daß etwas plötzlich da sei, das man fern glaubte. Aber er war froh genug, daß sie da war.
Alles zweifelhafte, unruhige Denken, das ihn in letzter Zeit oft gequält hatte, wenn er an sie dachte, verstummte vor ihrer leiblichen Gegenwart.
Aber als er nicht gleich etwas sagte, hielt es Frau Maute für angezeigt, eine Erklärung zu geben.
Sie klopfte Franz, der im Großvaterstuhl saß, auf die Achsel.
„Wenn man so nah verwandt ist. Wir konnten ihn doch nicht im Stich lassen, — jetzt. Hi hi.“ — Sie vergaß sich und lachte geschwind ein bißchen. Dann suchte sie schnell wieder den leidtragenden Ton hervor, nahm die Schürze vor die Augen und sagte hinter derselben hervor:
„Es ist vollends so schnell gegangen, man hätt’s nicht gedacht. Vor ein paar Wochen, als Franz bei uns war“ —
„Franz war bei euch?“
„Ja, hab’ ich dir das nicht geschrieben?“ Lore streichelte Georgs Hand. „Er war beim Doktor für seine Frau, da besuchte er uns natürlich.“
„Ja, wir haben die Verwandtschaft ein bißchen gepflegt,“ sagte Müller Hensler behaglich, „nicht, Franz?“
Franz nickte. Er sah stark mitgenommen aus, trug sich etwas schlaff und machte einen älteren Eindruck, als es seine achtundzwanzig Jahre wollten.
„Müller Hensler war auch mit in Tübingen? Das habt ihr mir alles nicht mitgeteilt.“
„Ja du, du stecktest ja bis über die Ohren in deinen Arbeiten. Was hast du für Briefe geschrieben — hu. Ich traute mich nicht mehr mit so kleinen Ereignissen an dich heran.“ Lore machte ein trotziges Mäulchen. „Es ist nur gut, daß du endlich wieder einmal da bist.“
Da mischte sich Frau Maute wieder ein.
„Er hatte es schwer, der arme Franz. Es tat ihm gut, ein bißchen bei uns zu sein. Ich — wenn man selbst Mutter ist — aber nun wollen wir ihn wieder herauskriegen.“
„Mutter,“ sagte Lore, „da kommt jemand mit einem Kranz.“ Da enteilte sie und man hörte von draußen herein ihre klägliche Stimme, mit der sie irgend eine Teilnahmsbezeugung quittierte.
***
Wenn jetzt Jungfer Liese dagewesen wäre. Wenn sie jetzt wieder Schlüsselbund und Geldtasche an sich genommen hätte, sie, die Getreue, die so ungern ihre beiden Franze, den alten und den jungen, aus ihrer Obhut entlassen hatte.
Aber sie war nicht mehr da, um die alten Pflicht- und Würdezeichen an sich zu nehmen. Da mußten sich andere Leute dazu bequemen, und das taten sie auch. Man muß es ihnen lassen, daß sie es äußerst bereitwillig taten.
Es war je länger je mehr mit Hängen und Würgen gegangen, sowohl was die Putzmacherei als die möblierten Zimmer betraf. Sie waren zu nichts gekommen und es hatte nirgends recht hinreichen wollen. Dazu kam, daß Lore nicht mehr recht Lust hatte, in Tübingen zu sein.
„Ach, es wächst immer wieder so junges Gemüse daher, was will ich davon? Ich wollte, Georg machte voran.“
Ja, das hätte Frau Maute auch gewollt.
Als Georg, etwas später als die andern, denn er hatte die bekannten Gräber besucht und an Frau Judiths Grab Meister Nössel getroffen, — als er vom Kirchhof zurück kam und in die Ladenstube trat, wo alle um den Kaffeetisch saßen, verstummte ein lebhaftes Gespräch, das sie soeben geführt hatten.
„Sag’s ihm, Franz.“ „Nein, du.“ „Nein, ich,“ sagte Lore und machte ihm an ihrer Seite Platz.
„Was würdest du dazu sagen, wenn wir hier blieben, die Mutter und ich?“
„Man kann doch Franz nicht im Stich lassen. Er muß doch jemand haben.“ Das sagte Frau Maute. „Und da du wohl doch noch nicht so schnell Hochzeit machen kannst, so dachten wir,“ sie brach ab und sah ihn erwartungsvoll an.
Wie merkwürdig das alles war. Eben noch dort draußen der eisgraue Mann, Meister Nössel, der ein ganzes Stück seiner Kindheit und Jugend in ihm wachgerufen hatte, dann im Heimgehen die alten Gassen und Häuser, unter den Akazien Mütter mit Kindern — mit den Müttern hatte er selber als Kind gespielt — nun hier in seinem Vaterhaus, in der alten Ladenstube, wo noch die beiden Edelleute an der Wand hingen, wie vor Zeiten, dieser Kreis von Menschen, niemand neues dabei, nur so neuartig zusammengeschlossen.
Franz, der nur zwei Jahre älter war als er, saß da als Witwer, hatte schon alles erlebt, was in ein Menschenleben herein gehört, was wollte er nun noch?
Und Lore, seine Lore, die sollte hier daheim sein, indes er draußen war? Und ihre Mutter sollte hier schalten?
Frau Maute im Ehrenspergerhaus? Wie merkwürdig.
Er fand nicht gleich eine Antwort, er sah fragend von einem zum andern.
Der Müller Hensler saß neben Frau Maute und sah sehr einverstanden aus.
„Jetzt wird’s wieder gemütlich hier,“ sagte er. „Jetzt werden wir wieder jung miteinander. Mach voran, Musikante, dann kommst du auch dazu.“
„Ja, mach voran.“ Das sagte auch Franz. Er hatte den schwarzen Rock ausgezogen und saß in Hemdärmeln da. Es war mühselig und traurig zugegangen in seinem Leben die letzten Jahre her. Er hatte seiner Frau alle Erleichterung und alle Pflege angedeihen lassen, die sie sich nicht selber als zu teuer verbat. Er glaubte sich nichts vorwerfen zu müssen. Jetzt, glaubte er, dürfe er ein wenig aufatmen.
„Platz hat’s genug,“ sagte er. „Ihr könnet im Oberstock wohnen, heißt das, den Tag über gibt’s genug zu tun so unten herum. Da ist die Wirtschaft und der Laden und die Küche, und —“
„Und der Krautgarten und das Baumgut,“ sagte Lore und lachte. „Heidi, das gibt ein Leben. Dauert mich nur mein alter Riedesel in Tübingen, sonst kein Mensch. Und derweil macht mein Herr Musikdirektor seine wunderbaren Sachen fertig, von denen kein Mensch etwas rechtes erfährt, und dann — — jetzt machduweiter, Georg.“
Da sahen sie alle auf ihn.
Und dann? Er saß da und sah vor sich hin.
Es war ihm auf einmal, als ob er nicht daher gehöre. Gar nicht in diese Stube und in diesen Kreis. Er hätte allein mit Franz auf das Baumgut gehen mögen, wie in Kindertagen und eine Weile mit ihm von ganz harmlosen Dingen reden, oder allein mit Lore in den Wald gehen. Er hatte ihr so viel zu sagen, so viel. Er konnte es nicht hier tun, vor allen, er konnte es nicht.
Er sah sie bittend an: „Kommst du ein wenig mit mir?“
Aber sie merkte es nicht. Oder wollte sie nicht?
„Du, Georg,“ sagte sie, „die Mutter hat erfahren, daß man fürs Komponieren fast gar nichts bekomme. Man möge noch so schöne Sachen hinbringen. Sag, ist das wahr? Du kannst dir denken, daß ich keinen schlechten Schreck gekriegt habe. Aber du verstehst es wohl besser, gelt? Du mußt ja wissen, worauf es hinausläuft. Sag.“
Und alle sahen ihn an und wollten wissen, „worauf es hinauslaufe“. Das war so natürlich — so natürlich. Aber es wandelte ihn dennoch die Lust an, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen aus innerem Grimm heraus. Er mußte sie im Sack ballen, daß er es nicht tat. Sie hatten ja doch ein Recht, zu fragen. Aber wie tausendmal er sich selber schon gefragt hatte, das wußten sie ja nicht.
Er atmete schwer. „Ich habe mit dir davon reden wollen, Lore,“ sagte er endlich, da sie ihn alle ansahen.
„Du kannst nicht sagen, du wissest nichts von dem, was ich schaffe, ich habe es dir immer geschrieben.
Ich habe etwas angefangen, das, wovon ich dir einst sagte, im Wald, an jenem Tag, etwas unsäglich Schönes. Die ganze Welt ist drin. Ich höre es im Wachen und im Traum. Dasmußwerden. Es wird auch. Aber laß mir Zeit dazu, Lore, glaub’ an mich, sei geduldig. Sieh, manchmal ist es zum Greifen nahe, dann entschwindet es wieder in alle Fernen.“
Er sprang auf, lehnte sich an das Fensterkreuz und redete im Stehen weiter. Seine Augen lagen auf Lore, er suchte in ihrem Gesicht. Suchte er den hellen Funken, der damals von ihr zu ihm gesprungen war, zündend, verheißend, befruchtend?
„Ich — ich habe es dir schreiben wollen. Ich will aus dem Konservatorium austreten, es ist nichts für mich. Es ist da so viel zu hören und zu lernen, das mich nichts angeht innerlich. Ich will einmal nur auf das horchen, was aus mir herauswill. Sonst kommt mir hundertmal das Fremde dazwischen.“
Er sah sie alle der Reihe nach an. Sie machten verdutzte Gesichter.
„Ja,“ sagte Frau Maute, „davon ist ja aber nicht die Rede und das verstehen wir auch nicht so. Es ist nur die Frage, worauf es schließlich hinausläuft. — Doch, Lore, das muß ich als Mutter doch fragen.“
Und Franz und Müller Hensler nickten bedächtig dazu und nahmen breite Schlücke von dem roten Wein, der in den Gläsern stand; denn mit dem Kaffee waren sie nun fertig.
„Ich kann es euch nicht sagen,“ dachte er trostlos. „Ihr versteht mich doch nicht. Ihr fraget nur: was bringt es ein?“ Dann raffte er sich auf.
„Laßt mir noch ein wenig Zeit,“ sagte er. „Wenn ich das Werk fertig habe — es brennt mich und ich muß es schaffen, dann freut ihr euch mit mir. Dann wird sich das Weitere auch zeigen. Dann ist mir auch um eine Stellung nicht bange. Ich will es ihnen schon in die Ohren bringen, siemüssenes hören. Glaub’ daran, Lore, du hast es doch immer getan.“ Sein Gesicht sah so warm und bittend in das ihrige, es wurde ihr so frühlingshaft zu Mute, als ob sie vor einem Baum stände, der war voller Knospen, und der Baum gehörte ihr, und wenn er in Blüte stände, dann sollte sie Hochzeit machen. Aber als sie aufstand und ihm liebe, vertrauende Worte sagen wollte, sah sie zufällig in den Spiegel und sah, daß ihre Mutter, die hinter ihr stand, ihr zuwinkte: „Sei nicht zu nachgiebig; du mußt ihm den Ernst zeigen. Du weißt, er ist ein verträumter Idealist.“ Und sie trat zwar zu ihm und legte den Arm um seinen Nacken und sah ihn an; aber es war nicht das gläubige Leuchten, nach dem er sich sehnte, in ihren Augen, sondern eine drängende Glut: „liebster Mensch, man ist nur einmal jung. Siehst du mich? Da hast du mich. Komm bald. Du hast es mir versprochen.“ Und in ihm schrie etwas auf, das hatte er lange und oft in sich verstummen heißen: „an einem wirst du schuldig. An Lore oder an deiner Kunst. Es ist anders, als du gemeint hast. Schuldig wirst du, so oder so. Du wirst wohl ein Brot suchen müssen; du bist dazu verpflichtet, bald. Aber das war es nicht, nach dem du ausgingest.“
Er wußte nicht, wo er hinsehen sollte, um seine Not zu verbergen und verbarg sein Gesicht in ihrer Hand und sagte nach einer Weile, daß er jetzt gehen wolle, um den Rektor zu besuchen. „Und Gertrud,“ dachte er im stillen, und auch da war ein Druck, wie von Schuld oder Furcht oder Sehnsucht. Er hatte sie jetzt zwei Jahre lang nicht gesehen und wußte nicht, wie er ihr gegenübertreten sollte, ihr, der er am liebsten alles ausgeleert hätte, was in ihm umging von Glück und Not.
Aber als er, um dem Denken ein Ende zu machen, an der Glocke des Rektorhauses zog, da guckte ein junges Dienstmädchen heraus und sagte, daß der Herr Rektor und das Fräulein verreist seien für etliche Tage, und daß der Herr Rektor sich einer Augenoperation unterziehe.
Also brauchte er sich nun nicht mehr zu besinnen: will ich? will ich nicht? sondern konnte gleich umkehren, denn da war nichts für ihn zu holen. Er brachte es aber nicht über sich, fortzugehen, sondern klinkte die Gartentür auf und schritt zwischen den buchseingefaßten Beeten durch den Gemüsegarten, kam bis unter die Obstbäume, die dies Jahr nicht viel trugen und setzte sich in schweren Gedanken unter den Süßapfelbaum. Wo waren die Bubenträume, die er hier gesponnen hatte? Und wo war Gertrud, der er sie erzählt hatte?
Hier waren sie zu dreien gesessen, damals, eh’ Lore nach Tübingen ging. Ein Schwarzköpfchen sang in der Hecke am Stadtgraben sein Abendlied; die Zweige des Baumes rauschten leise in einem weichen Wind, und er saß und die Augen fielen ihm zu. Er war in der Nacht gereist und der Tag war unruhig gewesen. Aber plötzlich sah er staunend auf. Unter den Bäumen kam ein alter Mann daher, gebückt, grau — nein, das war nicht möglich — doch — es war der alte Hollermann. Ganz so wie einst sah er aus, nur daß das Hinfällige, Schlaffe, Runzelige wie übersonnt oder durchschienen war von etwas Festem, Frohem, Starkem.
Nun blieb er stehen, stützte sich auf seinen Stock und sah auf den Dasitzenden.
Der erschrak und das Herz klopfte ihm.
„Ach,“ sagte er unsicher, „das bist du? Bist du das und kommst zu mir? — Das kann ja doch aber nicht sein. Du bist ja doch gestorben.“ Da lächelte der Alte. Es war ganz sein stilles, feines Lächeln von einst; es ging aber über den ganzen Mann hin.
„Ja, gestorben, das nennt ihr so, weil ihr keine andere Bezeichnung wisset. Ihr sehet nicht so besonders weit hinaus, ihr auf Erden. Aber dafür könnet ihr nichts. Wir nennen das nur „sich verändern“, und ich habe mich verändert, das ist wahr. Und es ist gut so.
Aber davon wollte ich nicht reden. Ich wollte dich nur fragen: Hast du etwas gefunden?“
„Gefunden?“
„Ja, du wolltest ja doch das schönste Lied suchen, das, bei dem die ganze Welt mitsingt? Du bist doch noch auf der Suche?“
Da senkte Georg den Kopf in großer Traurigkeit.
Der Alte aber sah ihn immer an mit seinen ruhig betrachtenden Blicken.
„Was hast du denn für einen schweren Sack auf dem Rücken? Es rasselt darin und poltert,sokannst du ja nicht horchen.“
Das hatte der Jüngere selber nicht gewußt, daß er den Sack trug. Also daher kam der schwere Druck, den er empfand? „O, es sind nur Steine drin,“ sagte er. „Ich muß ein Haus bauen für Lore, sie sagt, ich habe es ihr versprochen. Ich habe es nicht so bedacht, daß ich das muß. Aber darum ist es nun doch so. Da muß ich jetzt die Steine tragen. Es ist schwer, ich kann mich nicht bei dir aufhalten. Horchen? Nein, horchen kann ich auch nicht.“ Aber der Alte wuchs so sonderbar. Er schien die Bäume zu überragen und seine Augen wurden immer leuchtender und durchdringender.
„Du,“ sagte er, „du Sonntagskind, du gehörst dennoch zu den Horchenden. Du mußt die Steine wegwerfen, du kannst jetzt kein Haus bauen. Das weißt du ja selber. Du mußt ja doch das Lied suchen. Du willst nicht, du mußt. Hörst du nicht, wie es klingt?“
Da zog eine ferne, leise Musik an ihnen vorüber und Georg horchte mit klopfendem Herzen.
„Das war’s, das ist’s.“ Aber als er aufspringen wollte, rasselten die Steine in dem Sack.
Und er warf sich vor Hollermann auf die Kniee und umfaßte ihn.
„Hilf mir,“ sagte er. „Du siehst mich durch und durch. Du weißt, wie es ist.“
Aber Hollermann sagte nichts mehr. Nur mit einer sonderbar linden, feinen Hand streichelte er den Knieenden, immer von der Stirn bis zum Nacken, daß es ihn durchrieselte wie von einer belebenden Wärme. Da wurde es ihm so leicht zu Mute, so leicht und frei.
„Ich will aufstehen und ihm nachgehen,“ sagte er.
„Ja,“ sagte Hollermann, „und da ist auch die Geige.“
Da sah Georg mit Staunen feine, silberglänzende Fäden, wie aus Mariengarn gesponnen, die gingen von seiner Brust aus und waren an den Bäumen und Sträuchern ringsum befestigt und Hollermann rührte daran, da klangen sie, teils stark teils leise.
„Ein Ton die Schuld, ein Ton die Liebe, ein Ton die Sehnsucht, ein Ton das Alleinsein, das große, herbe, ein Ton die Mühe — kannst du sie alle? Du mußtest sie alle erleben, um sie zu kennen.“
„Still.“ Georg horchte atemlos. Das klang alles in seinem Herzen, aber draußen in der Welt klang es mit.
„Einiges fehlt noch,“ sagte Hollermann und lächelte.
„Das mußt du noch suchen. Und einiges, das weißt du, findest du erst in dem andern Land. Aber laß dich nicht irre machen, es ist doch da und ist wirklich. Davon sollst du singen: Was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig —.“
Jetzt war es auf einmal nicht mehr Hollermann, sondern Frau Judith, und dann war es Meister Nössel, und dann Georgs Mutter, wie sie aussah an dem Tag, dem einen, da es Licht bei ihr geworden war. Und dann kam die Rektorin Cabisius daran, und weit weg tauchte der Rektor auf, und Gertrud noch weiter, wie ein Schatten, aber alle waren sie da und er hörte Hollermann sagen: „Sind wir nicht viele? Sind wir nicht eine feine, stille Gemeinde? Nun wollen wir ihm das Lied singen. Leise, — man muß hören, daß alles mitsingt.“
Da entstand ein wogender, schwebender Gesang, ein feines und doch starkes Klingen. Die Sterne standen am Himmel und ließen silberne Töne niederfallen, die Bäume regten singend ihre Äste und jedes Blättlein schwang leise mit, der Wind trug auf seinen Flügeln von ferne her starke Harmonieen, irgendwo rauschte es, da war doch aber kein Fluß? Ach nein, Gertrud sagte: „Im Zeitstrom, der vorüberrauscht.“ Und aus den wenigen Menschen im Garten waren viele, unzählige geworden, wie Schatten glitten alte Bekannte und fremde Gesichter an ihm vorbei, und sie sangen alle:
„Alle die Schönheit Himmels und der ErdenIst verfaßt in dir allein,“
„Alle die Schönheit Himmels und der ErdenIst verfaßt in dir allein,“
„Alle die Schönheit Himmels und der ErdenIst verfaßt in dir allein,“
und alles ringsumher sang mit. Das Lied hatte Georg schon früher einmal gehört, er wußte nur nicht mehr, wo. Ihm brannte das Herz und er versuchte mitzusingen, aber da wurde alles undeutlich und zerfloß, und er saß mit offenen Augen und klopfenden Pulsen unter dem Süßapfelbaum. Es war ein Klingen und Schwirren in ihm, das zog mit den Strömen seines wallenden Blutes auf und ab; es rauschte leise wie von weichen Gewändern, es war ein Schimmern zwischen dem Gesträuch hindurch, wie von weißen Fittichen, da rieb er sich die Augen und stand auf und war allein.
Der Mond ging heute früh auf, er kam schon am Horizont herauf und warf einen milden, silbernen Schein da herein. Drüben über dem Stadtgraben war die Seilerbahn, die aufgespannten Seile schimmerten weiß in dem bleichen Licht, irgendwo sang eine Männerstimme — ein Volkslied — „und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden“ — mehr war nicht zu hören.
Und Georg Ehrensperger, der mutlos und schweren Herzens hierher gekommen war, reckte sich, daß er aufrecht und hoch den Gartensteig wieder zurückging und in seiner Seele gingen hohe Wellen. „Ich kann noch nicht gleich heimgehen, ich will noch in den Wald hinauf. Die Nacht möchte ich durchwandern, ganz allein. Still, daß kein Ton vergeht. Wie ein Segen ist es auf mich herabgekommen.“ Und er beugte den Kopf, wie um es besser tragen zu können, was ihn wie ein schwerer Reichtum füllte, und trug den Hut in der Hand. Vor den Fenstern des Rektorhauses blieb er stehen und grüßte die Abwesenden. „Ihr gehöret dennoch zu mir. Ich gehöre dennoch zu euch.“ Dann schritt er durch die Gassen. Es war niemand mehr draußen. Das war ihm recht. Die Brunnen plätscherten, hinter den Scheiben entzündeten sich die Lichter, er ließ das Städtlein mit seinen Heimwesen hinter sich und ging die kleine Anhöhe hinauf, den Dinkelsbühl, und kam in den jungen Eichenwald, der dort droben steht.
Als einem, der lang in der Fremde gewesen und dann heimgekommen ist, war es ihm.
Kühl und weich war das Moos am Waldrand, in das er sein Gesicht drückte. Ganz still standen die jungen Bäume und horchten. Aber sie hörten nicht, was er redete, es kam nicht über die Lippen.
Vielleicht wußte er es auch selber nicht so genau, was alles in starkem Lebensdrang aus seiner Seele strömte. Ein Dank und eine Freude und ein Sich-hin-geben-wollen an die Welt. Ein Gebet: Bleib mir nah, du — du ew’ger Geist, des Wesen alles füllet —, bleibet mir nah — ihr, die ihr zu mir gekommen seid — schließet einen Kreis um mich. Das und mehr. Es wurde immer stiller, größer, es ging immer mehr nach innen.
Leise ging der Nachtwind über ihn hin.
Er ist schon über manchen hingegangen, der in der Nacht „auf einen Berg besonders“ ging, um sich in der ewigen Einheit zu fassen, und um den rechten Ton zu finden, am Morgen mit den Menschen vom Ewigen zu reden.
Es war ziemlich spät, als Georg wieder den Berg hinabstieg. Alles war still umher, er fing hie und da leise an zu summen: „Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfaßt in dir allein“ und dann brach er wieder ab: „still!“ und sagte:
„Das wahre mir zur Leuchte,Auf daß mir’s auch den Pfad erhellt,Der mich umnachtet deuchte.“
„Das wahre mir zur Leuchte,Auf daß mir’s auch den Pfad erhellt,Der mich umnachtet deuchte.“
„Das wahre mir zur Leuchte,Auf daß mir’s auch den Pfad erhellt,Der mich umnachtet deuchte.“
Sie hatten auf ihn gewartet und waren etwas ärgerlich, daß er so lange ausgeblieben war. Und Lore saß im Großvaterstuhl und rührte sich nicht, als er hereinkam. War sie böse? Daran hatte er gar nicht gedacht, er wollte ihr sein ganzes, volles Herz bringen, das hatte ihm zuletzt die Schritte beflügelt. Da sah sie auf und sah ihn an und wollte irgend etwas Gekränktes sagen und blieb staunend still. So rein und schön war der Glanz seiner Augen und so still und fest seine ganze Haltung, so sehr leuchtete ihr seine hohe Liebe entgegen und dann noch etwas, das sie nicht kannte, etwas Sieghaftes, Heiliges.
„Komm,“ sagte er. „Ich muß morgen früh abreisen, wir haben nur den einen Abend. Komm mit mir in meine Kammer herauf, in der ich mit vierzehn Jahren schlief. Nein, sag nichts, ich muß dir viel erzählen.“
Da führte er sie an der Hand aus der Stube und die Treppen hinauf bis unters Dach, und die Zurückbleibenden schüttelten ratlos die Köpfe: „Was hat er jetzt wieder? Ist das ein närrischer Mensch.“ Und ratschlagten, ob denn jemals etwas aus ihm werde, und fanden große Beruhigung in der Erkenntnis, daß „so etwas“ sonst nicht in der Ehrenspergersfamilie daheim sei, — wenn er aber nur nichts Ungutes von seiner Mutter geerbt habe.
***
Sie war viel hin- und hergezogen worden, so lang er fern war. Etwas, das Beste in ihr, das strebte nach ihm, das kam zur Entfaltung in der Gemeinschaft mit ihm, in seiner Liebe, und in dem Willen, mit ihm in seiner Welt zu leben.
Aber da war so viel anderes daneben. In ihr selbst und in ihrer Umgebung. Nun saß sie neben ihm, auf der Kiste, die er sich einst zu einem Sofa geträumt hatte. Das alte bunte Umschlagtuch seiner Mutter lag noch darüber ausgebreitet von lang her. Sie sah zu ihm auf mit erstaunten Augen. Was hatte er nur? Da war nichts zu kritteln und zu tadeln, er stand sicher und hoch in einer reinen, schönen Welt.
Und ohne den Druck und die Unsicherheit des Nachmittags fing er an, ihr von seinem Werk zu erzählen, das ihm jetzt wie ein Ganzes vor der Seele stand, ja, das ihm innerlich fertig zu sein schien, so gewaltig tönte es.
„Könnt’ ich dich nur dazu hineinhorchen lassen, Lore. Das wär das Beste. Denn mit Worten ist es schwer zu sagen. Aber dennoch. Also du weißt: Da geht einer aus und will das schönste Lied suchen. Ein Geiger. Er hat es im Traum gehört, jetzt läßt es ihn nicht mehr los, er muß es wieder haben. Zuerst hört man den Traum, das fängt ganz fein an mit Streichinstrumenten die tragen eine Melodie wie auf Fittichen. Dann will es eine einzelne Geige nachbilden, das ist immer er; aber es tönt ihm anders, nicht so, wie er es gehört hat. Dann geht er auf die Wanderung und sucht immer. Da kommen Vogelstimmen, Wasserwellen, Winde, Gewitterstürme. Überall ist ein bißchen davon drin, aber nur da ein Ton und dort einer. Und immer wieder die Geige, die ihn festhalten will, und immer wieder bricht sie ab und verstummt, weil da so viel anderes hereinklingt. Und er merkt, daß er in der Natur allein das Lied, das ganze nicht findet, und er geht unter die Menschen und will das ganze, reiche Leben kennen lernen. Da muß es doch irgendwo tönen. Da — da müßten eigentlich Chöre hinein, ich weiß noch nicht, — sind spielende Kinder, und singen junge Burschen und Mädchen, weißt du, Lore, nach Hinkelsbach zu am Sonntag nachmittag, und er spielt ihnen zum Tanz auf, und erschrickt, denn er hat auf einmal die Melodie vergessen, die immer auf dem Grund seiner Seele war. Und zieht weiter und im Alleinsein fängt sie wieder an zu tönen.
Er kommt durch Städte und Dörfer und findet allen Reichtum und alle Armut und lernt Liebe kennen und alles Verlangen und alle Not und auch die Schuld und auch die Sehnsucht. Das alles tönt in den Menschenherzen, das hört man immer von den Instrumenten, und es klopft auch in dem seinigen, das ist immer die einsame Geige. Und überall ist etwas darin von dem schönsten Lied, aber es ist nie das ganze. Er kommt auch in die Kirche, — das hab’ ich schon, Lore, ich möchte es dir vorspielen, — da ist ein breiter Strom von einer tiefen, feierlichen Musik, und er glaubt schon, hier am Ziele zu sein, denn ein paarmal klingt stark und deutlich die ersehnte Melodie heraus, aber — weg ist sie wieder, auch da nicht das Ganze, und das Bruchstück nicht ganz rein. O, wo bist du?
Da ist ein Stück weit müde, hoffnungslose Grauheit in der Musik und nur die Geige, sein eigenes Herz, summt sich hie und da die paar Takte, die es noch weiß. Aber siehst du, Lore, er gibt das Suchen nicht auf, das ist es, was ich sagen möchte. — Was sagst du? ich sei dennoch ein Pfarrer? weil ich das Predigen nicht lassen könne? Ja, das muß ja wohl so sein. Und sieh, es ist auch nicht umsonst. Denn als alle die andern Stimmen schweigen und er alt wird und still, da — da ist zwei — drei Takte lang Pause in der Musik, — da tönt ihm auf einmal die Traummelodie wieder, irgendwo her, immer schöner, immer stärker, und er hört plötzlich, daß alles Geschaffene mitklingt, nicht mehr bruchstückweise, ganz, und er erkennt, daß sie nicht im Leben drin, daß sie das Leben selber ist. Das geht nun nicht aus, das ist ewig, das geht für ihn erst an. Und er will rasch mitklingen, denn die Saiten seiner Geige zittern schon, und er spielt und spielt, da reißt eine Saite um die andere, jauchzend brechen sie ab — dann ist die Geige still — dann hört man nur noch die Melodie im Orchester, leiser — immer leiser, bis es alles wie in weite Fernen entschwindet.“
Sie wagte kein Wort zu sagen, als er nun aufatmend schwieg. Sie sah ihn nur an, wie man ein fremdes, schönes Bild ansieht, das dennoch so rätselhaft bekannte Züge trägt. Er war so anders, als sie ihn sonst kannte, so erhoben, — so glänzend von dem inneren Licht, das ihn zu erhellen schien. Aber dann wußte sie doch, daß er ihr gehörte und sie strich sich mit der Hand über die Stirn, wie um die Befangenheit abzustreifen. „Und das hörst du alles in dir drin?“ fragte sie. „Das kannst du alles in Töne bringen?“ Da nickte er. „So Gott es mir hütet. So stark war es noch nie wie heut Abend. Es war oft eine Qual in den letzten Monaten — ach, wir wollen jetzt nicht mehr davon reden. Ich glaubte, ich hätte mich verlaufen. Sie fragten immer: Wo hinaus? Und ich wußte es nicht. Und dabei entschwand mir alles. Lore, das kommt nicht, wenn man es zwingen will, es kommt nur ungerufen. So kam es heute.“
Da ging auch durch sie etwas Großes hindurch, ein Glauben an ihn, — oder ein Glauben an seinen Glauben.
„Geh,“ sagte sie, und er sah das Leuchten ihrer Augen wieder, „geh und halt’s fest, und wenn du es festgenagelt hast, dann komm wieder. Und dann — gelt dann —.“ Er legte leicht die Hand auf ihren Mund. „Sag nichts sonst, heute nicht. Es kommt alles, eins ums andere.“ Und schloß sie in seine Arme. „Du, o du, wenn ich nicht mehr zwischen beidem hin- und hergerissen bin, und kann froh an dich denken und froh an meinem Werke sein — halt die Hände darüber, Lore — dann komm ich einst zu dir — dann sind wir beide gesegnet, du und ich.“
***
Als der Morgen graute, ging er aus dem Haus seiner Väter. Lore hörte ihn, wie er die Treppe hinabstieg und hörte die Haustür ins Schloß fallen und hörte seine raschen, festen Tritte auf dem Pflaster des Marktplatzes. Sie sah zu ihrer Mutter hinüber, die lag auch wach, sie blinzelte zwischen verschlafenen Lidern zu der Tochter herüber. „Na, ihr habt’s ja wichtig gehabt gestern abend. Was habt ihr denn jetzt ausgemacht?“ „Ausgemacht? Ach, er hat mir erzählt, was er schafft.“ „Ja, und dann?“ Lore drückte den Kopf in die Kissen und dehnte sich wohlig. „Dann hab ich ihm versprochen, daß ihr ihn in Ruh lassen sollt. Er weiß selber, was er zu tun hat. Hörst du? Sie machen schon die Ladentür auf. Ist das Franz? Das Frühaufstehen, weißt du, Mutter, das ist eigentlich nicht so meine Sache.“
***
Er ging im dämmernden Morgen nach der Bahn, die Seele voll frischen Mutes und Glaubens, das Herz erwärmt von der alten Heimat und von Lore, die nun dort leben sollte. In wenigen Tagen schon wollten die beiden Frauen nach Wiblingen umziehen. Ach — es konnte ihm ja nur lieb sein. Sie war so wohl behütet in seiner Heimat. Er konnte so ruhig an sie denken und konnte einmal heimkommen und sich erfrischen an ihr — an allem Heimatlichen, bis — ja bis er ganz kam und sie zu sich holte. Wann? wohin? Das lag heute nicht so schwer auf ihm. Es fand sich, eins ums andere, jetzt, da er so reich an tönenden, treibenden Kräften wieder auszog.
„Ach, das habe ich nicht gesagt. Das habe ich vergessen. Sie soll Gertrud besuchen, bald und oft. Sie soll lieb mit ihr sein. Ich will es ihr schreiben, so bald ich nach München komme. — Gertrud — sie muß unsere Schwester sein, sie wird es auch, sie war die meinige, so lang ich denken kann. Das muß wieder zurecht kommen, es muß ja.“
Da hallten feierliche Schläge vom Turm. Und weit tat sich ihm das Herz auf. Die Morgenglocke. Mit der alten vertrauten Stimme rief sie ihn und gab ihm alles mit auf den Weg, was sie von jeher für ihn gehabt hatte. Es war aber alles schon vorher wach, wer weiß, ob sie sonst den Weg in sein Inneres gefunden hätte. Er nahm den Hut ab. Die Morgenluft spielte mit seinem Haar.
„Ich — ich will dir nicht entlaufen. Ich will dir dennoch dienen. Das wahre mir zur Leuchte.“
Und alle die alten, vertrauten Gestalten standen um ihn und nickten ihm zu und er war der ihren einer.