Zweites Buch
Sollen wir mit den beiden jungen Leuten ins Leben hinausfahren?
Sie sitzen in der Eisenbahn, und die Lokomotive schnaubt und zischt, ungeduldig wie ein Renner, der am Zügel gehalten wird und auf das Zeichen wartet, das ihn dahinfliegen läßt.
Der Rektor Cabisius steht an dem einen Fenster, und sagt zu Georg Ehrensperger: „Grüß den Herrn Professor Lindemann von mir. Ich — ich hab’ einmal eine Wanderung mit ihm gemacht, den Rhein hinunter, und wir haben in Rüdesheim miteinander, — doch, das ist lange her. Grüß ihn von mir.“
Und die Postmeisterswitwe Daxer, die große, hagere Frau mit dem strengen Gesicht, das dem ihres Sohnes so unähnlich wie möglich ist, steht an dem anderen Fenster, und langt mit ihrer zerarbeiteten Hand hinein und streicht ihrem Buben ein paarmal säubernd über den Ärmel. „Du bist an der Wand gestreift,“ sagte sie, „gib fein acht auf deine Sachen. Der Anzug ist aus Vaters Sonntagskleidern.“ Sie hat fünf Kinder, von denen Ernst das älteste ist, und sie läßt sich’s sauer werden, mit ihnen durchzukommen. Sie wurde Witwe, als das Kleinste eben geboren war. Da, im strengen Kampf gegen die Armut und gegen das Verderben der Kinder, sind ihre Züge und ihre Hände etwas hart geworden. Auch kann sie keine besonders lieben Worte machen. Aber man muß ihrjetztin die Augen sehen. Ein ganzer Quell von Mutterliebe liegt darin. Und da kommt noch zu guter Letzt Meister Nössel an, mit einer Traglast zerrissener Kleider beladen, die er in sein altbekanntes grünes Tuch gehüllt hat, und zwinkert mit den Augen, und weiß nicht recht, was sagen, so voll ist er von der Bedeutung des Augenblicks, und sagt ein paarmal hintereinander: „Also so weit wären wir, so weit wären wir.“
Und die beiden Reisenden nicken heraus und wissen auch nichts mehr zu sagen. Draußen ist die Ferne, die lockt und schimmert, und die auch ihr Grauen hat, und hier ist die Heimat. Es sitzt etwas wie ein Butzen in ihrem Hals. Es ist gut, daß es nun abgeht.
Sollen wir mit ihnen fahren? Sie werden viel Neues erleben, und das Leben wird an ihnen arbeiten, da sie meinen, selbst tüchtig an der Arbeit zu sein.
Oder sollen wir hier bleiben, wo die Alten sind, deren Tag sich neigt? Sollen wir noch ein Stück weit mit ihnen gehen und zusehen, wie die sinkende Sonne einen milden, heiteren, lichten Schein über ihre guten Gesichter wirft?
Wir sind alle Wandersleute, wie wir wissen, und beides verlohnt es sich für uns zu sehen: wie die Jungen ins Leben hineingehen, und Besitz davon ergreifen, und feste, dauerhafte Häuser da zu bauen gedenken, — und wie die Alten sich leise davon los machen und hinausgehen.
Wir werden beides zu sehen bekommen. Es reist sich leicht und schnell in Gedanken. Wir kommen wohl noch hinter den Jungen drein, wenn es dann an der Zeit ist. Um es rund heraus zu sagen: wir haben jetzt gerade hier zu tun. Wir haben den alten Hollermann zu pflegen, und wir haben noch einiges von ihm in Empfang zu nehmen, eh’ er seine ledernen Pantoffel für immer auszieht und seine windschiefe Lehmhütte verläßt und sich auf die Reise begibt, — auf die Suche nach dem Land, in dem es nach seiner Meinung „bessere Geigen“ gibt.
Er saß noch eine Zeitlang am Fenster, das auf die Felder hinausgeht, und manchmal versuchte er auch, noch einen Korb zu flicken. Aber damit ging es nicht mehr recht. Da ließ er es. Es wußte niemand so recht, was seine Krankheit sei. Eines Tags schickten ihm die Freunde den Doktor, den schwarzbärtigen starken Mann, der in dem bekannten Haus am Marktplatz wohnte. Der war zuerst ein wenig kurz angebunden und seine Augen blitzten unter den buschigen Brauen hervor. Es war seine Art so, er meinte es nicht böse. Aber nach einer Weile saß er neben dem alten Korbflicker am Fenster. „Ja, ja,“ sagte er, „das ist freilich das Vernünftigste. Sich schicken, das muß jeder. Ich will Ihnen weiter keine Flausen vormachen; es ist das Alter, und das Herz, das tut nicht mehr mit. Ja, ja.“ Er hatte aber ein Wohlgefallen an dem alten Mann. Der saß so gelassen da und sein Gesicht war so mild und freundlich, wie der Oktobertag draußen. Und er hatte zu dem Doktor gesagt: „Es freut mich, daß Sie mich besuchen; es freut mich. Ich — wissen Sie, ich habe hier so eigentlich nichts mehr verloren, und es nimmt mich Wunder, es nimmt mich schon lang stark Wunder, was nachher kommt. Da ist so vieles, über das ich mich besonnen habe, wenn ich so allein dasaß bei meiner Arbeit, oder nachts, wenn ich keinen Atem kriegen konnte im Bett, und hinaussah, wie die Sterne da oben hingehen. Da steht ja in den Büchern, die die klugen und gelehrten Leute schrieben, das seien lauter Welten, und man könne nicht wissen, wer darauf wohne. Ganze Welten, Herr Doktor, und so viele, daß einem die Augen vergehen, wenn man nach ihnen hinsieht. Ob da Menschen sind und ob der eine Gott nach ihnen allen hinsehen kann und anordnen, was da geschehen soll? Und was mit uns selber geschieht? Da stehen lauter Fragen, rings herum. Und darum“ — er lächelte still vor sich hin, „darum denk ich oft: kann sein, du erfährst etwas von dem allem, wenn du da hinüber kommst. Daran herumraten hilft nichts; aber erleben, Herr Doktor, erleben. Nein, es braucht Ihnen nicht leid zu tun, ich kann hier gut abkommen.“ Der Doktor sah ihn freundlich an und nickte ihm zu.
Er war selber schon mit einer großen und treibenden Wißbegierde vor den tiefen Fragen des Weltalls gestanden und hatte nichts unversucht gelassen, um hinter die Geheimnisse zu kommen, die so groß und dunkel dastanden. Hie und da war es ihm gewesen, als ob ihn die Wissenschaft in große, lichte Weiten schauen lasse, die glänzten wie im Morgenrot und verhießen einen vollen Tag. Und manchmal war er wieder dicht vor dem Nichts gestanden, das hatte ihn mit kalten, furchtbaren Augen angesehen. Es war aber etwas in ihm, noch aus seinen Kindertagen her, das fragte immer noch weiter. Das war nicht mit dem Nichts zufrieden und wußte doch, daß das Rätsel nicht zu raten ist: Woher wir kommen und wohin wir gehen, und was für ein Sinn in dem ganzen Getriebe des Lebens ist.
„Erleben, Herr Doktor, erleben,“ sagte der alte Mann neben ihm und sagte, daß er gern von hier fortgehen wolle, weil er denke an einen Ort zu kommen, wo ihm einiges gesagt werde von dem, was ihm die Seele fragend bewegte. Ja, er hoffte wohl, daß ihn der liebe Gott auf die Arme nehme, wie ein Vater sein Büblein: „Da, nun sieh einmal zum Fenster hinaus: Siehst du? Sieh dir’s recht an.Soist das.“ Und wiese ihm mit dem Finger dahin und dort. Und stellte ihn auf den Boden, satt und froh vom Schauen.
Es war dem Doktor, als wärme er sich an einem hellen und freundlichen Feuer, wenn er auch nicht so sagen konnte, wie Hollermann. „Ich komme wieder,“ sagte er, als er ging, und gab dem Alten die Hand. Und er kam auch wieder, obgleich da nichts zu kurieren war.
Die Freunde kamen, einer um den andern. Meister Nössel und der Rektor Cabisius, und die Frau Rektorin wäre gerne auch gekommen, wenn sie nicht mit einem Rheumatismus hätte im Lehnstuhl sitzen müssen. Den hatte sie sich beim Wäscheaufhängen geholt. Nun saß sie und ärgerte sich weidlich, da angebunden zu sein, und kam sich vor, wie die jüngste Frau, die eigentlich mit solchen Dingen nichts zu schaffen zu haben brauchte, trotz ihrer zweiundsiebzig Jahre, und schickte Gertrud im Haus hin und her mit Aufträgen, treppauf, treppab. „Gertrud hier, Gertrud da.“ Gertrud war jetzt vierzehn Jahre alt, zu groß, um mit den Lateinschülern zusammen zu sitzen, sagte die Großmutter. Die begehrte nun ihr gutes Recht an dem Mädchen. „Halbpart, Mann,“ sagte sie, wann die beiden, der Rektor und die Enkelin, sich nun allzu tief in die Bücher verbeißen wollten, die in den hohen Schränken standen, und nach denen beider Sinn stand. Was waren da noch für Schätze zu heben. Ein Lebenlang mußte man daran zu sammeln haben.
Der graue und der braune Kopf beugten sich zusammen darüber; ja, der Rektor hatte ja seine Schule, freilich; aber konnte nicht Gertrud, bis er allemal nach Hause kam, ein gutes Stück weiter lernen? Das wäre so der beiden Sinn gewesen.
„Halbpart,“ sagte die Großmutter, denn noch hatte sie hier auch etwas dreinzureden. „Was? mit vierzehn Jahren hab’ ich an den Waschtagen allein gekocht, und habe,“ hier wurde ihr Ton ein wenig vorwurfsvoll, „meiner alten Großmutter einen Schemel gestickt, ganz in Perlen, zwei weiße Lapins mit blauen Bändchen um den Hals, und auf grünem Grunde. Abend für Abend habe ich daran gestickt, ein ganzes Vierteljahr lang. Den Schemel muß meine Base in Ulm noch haben.“
Da lachte Gertrud hellauf und der Rektor lachte mit. Es war nichts Gescheites anzufangen mit den beiden, die alte Frau hätte es sich denken können. „Großmutter, Perlensticken, das ist ja nicht mehr Mode.“ „Anne, das Sticken, das erläßt du ihr. Aber kochen, ja, das soll sie lernen. Das wird ja nicht so schwer sein?“ Aber da hatte es der Rektor nun auch verschüttet.
„So, du denkst: das kann man so nebenher? Aber ich will es euch schon zeigen. Gertrud, heut’ abend hast du die Küche. Erbsensuppe mit Leberwurst für uns; und für den alten Hollermann — nein, das tun wir morgen. Ich habe ein Hähnchen für ihn. Ihr laßt es mir doch verbrennen, du und die Marie. Ihr seid nicht mit dem Kopf dabei, das ist die Sache. Es ist ein Elend, wenn ich alte Frau in der Stube sitzen soll. Morgen geh’ ich in die Küche, und wenn ich dahinkriechenmuß.“
Das hatte sie nun schon oft gesagt. Aber noch war sie nicht dahin gekommen. Der Rheumatismus dauerte schon eine ganze Weile und die Beine versagten den Dienst. Da war nichts zu machen. Es war keine Kleinigkeit, und das nicht wegen der Schmerzen allein. Mußte sie nicht alles aus den Händen geben, was sie allein richtig besorgen konnte? Und mußte sie nicht den alten Hollermann, der nun allmählich bettlägerig wurde, mußte sie ihn nicht liegen lassen, wie er lag? Sie war schon längst gut Freund mit ihm geworden. Aber was konnte das nun helfen? Hier saß sie, und auf dem Turm saß Frau Judith; sie lagen beide sozusagen an der Kette, und da draußen war eine Männerwirtschaft ohne gleichen. Die Frau Rektorin konnte sich denken, wie es zuging, obgleich ihr der Gatte lauter Liebes und Gutes erzählte. Meister Nössel kam täglich, das Bett zu machen, und manchmal fegte er auch die Stube aus, und das Essen — ja das Essen, das schickte sie ja freilich durch Gertrud hin, und der Rektor trug öfters eine Flasche Wein in der Rocktasche hinaus. Aber dennoch, es wurde sicherlich eine Menge versäumt, das konnte gar nicht anders sein, wo kein Frauenauge wachte.
„Mann, du hast geraucht. Du kommst doch von draußen herein? Voll Pfeifengeruch ist dein Ausgangsrock.“
Er saß neben ihr auf der Seitenlehne des Großvaterstuhls. Er war eben nach Haus gekommen.
„Natürlich hab’ ich.“ Er nickte vergnügt.
„Es war immer so langweilig draußen bei Hollermann. Man will sich doch hie und da eine Stunde zu ihm setzen. Aber ohne Pfeife? Da hab’ ich gestern die mittellange mitgenommen. Nössel hat die seinige auch gebracht. Es war ein feiner Einfall. Wir saßen ums Bett und rauchten. Hollermann auch. Er hat sich ein kleines Loch ins Kopfkissen gebrannt; da lag ein Stückchen Fidibus, das glimmte so fort. Wir sahen es erst, als ein paar Federn angesengt waren. Nun haben wir das Loch mit einem Bindfaden zugebunden, wie man einen Sack zubindet; es ist grad an der Ecke. Wir haben als Buben manchen Apfelsack miteinander zugebunden. Fein war das damals, wir kamen heute stark an jene Zeiten.“
Aber nun fand die Frau Rektorin endlich Worte.
„Und das erzählst du mir noch? Seid ihr immer noch Schuljungen, oder wie? Setzt euch zusammen und raucht? Und Hollermann liegt im Bett, und weißt du, was mir der Doktor gesagt hat? ‚Das erlischt so vollends wie ein Licht,‘ hat er gesagt. Er mag den Alten wohl leiden. Wollt’ ihr ihn vollends aus dem Leben räuchern?“ Sie fand es schwer, dort draußen nicht die Zügel in der Hand zu haben. Dies hatte alles keine Art.
Der Mann war nicht besonders schuldbewußt. „Sieh’ einmal, Anne,“ sagte er, „nun hat Hollermann schon fünfundsiebzig Jahre lang geraucht. Nein, nicht ganz so lang, obgleich wir als Buben schon Kartoffelkraut rauchten. Aber doch nicht viel weniger. Nun laß’ ihn vollends. Es sei ihm schädlich? Ach, Anne, was ist da noch zu schaden? Das weißt du ja. Und es ist so behaglich. Nein, nun laß’ uns nur.“
Da mußte sie auch hier die Hände vom Spiel lassen. Das Weltrad ging herum wie sonst. Aber es war schwer einzusehen, daß es ohne der Frau Rektorin tätiges Eingreifen ging.
Es ging herum wie sonst. Und eines Tages ging es auch ohne den alten Hollermann. Der war leise davon gegangen. Ihm war nie ein Zweifel darüber aufgestiegen, daß es auch ohne ihn gehe. Er hatte die letzten Tage mit stillen und staunenden Augen vor sich hingesehen und nicht mehr viel gesagt.
Da wollte eine Tür aufgehen, und hinter der Tür, was da wohl war? Darauf richteten sich nun alle Sinne in einer großen und feierlichen Erwartung.
***
Im November bekam Georg Ehrensperger folgenden Brief mit der sauberen, etwas eckigen und etwas schnörkelichen Handschrift des Schneidermeisters und Turmwächters Nössel:
Lieber Georg!
Indem ich es als eine Pflicht in die Hand hinein versprochen habe, tue ich Dir zu wissen, daß unser gemeinsamer alter Freund und Schulkamerad Hollermann heute nachmittag begraben worden ist. Zu liegen kam er neben den reichen Lohgerber Kümmerle, der sich noch diesen Sommer ein neues Haus gebaut hat, und ist der eine gern gegangen und der andere ungern, und das ist, soviel man von hier aus sehen kann, der ganze Unterschied. Denn hinüber sieht man nicht und muß warten, bis es an der Zeit ist und wird wohl bei uns Alten nicht allzu lang dauern damit. Sagen soll ich Dir aber von dem alten Hollermann, daß Dir seine Flöte gehören soll und daß Du daran denken sollst, wenn Du sie blasest: daß, wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und muß allein sein und horchen. Und darf nicht fragen: Ist es so den Leuten recht? sonst schallen die Pfeifen und Trommeln von den Jahrmärkten hinein und der rechte Ton geht darüber verloren, daß man auf zweierlei hat gehorcht. Lieber Georg, der alte Hollermann ist ein Sinnierer gewest, und Frau Judith, als ich ihr das erzählte, was ich Dir schreiben soll, hat gesagt, daß Du erst müssest in das Leben hineinwachsen, eh’ Du das verstehest, und sollest nur derweil gradaus gehen und Deine Schuldigkeit tun, das andere, das komme schon noch dran.
Und wird es bei uns immer leerer, da der Alten nur noch wenige sind, und die Jungen wachsen herauf, und ist das wohl immer so gewest, seit Anbeginn der Welt.
Die Gertrud sitzt auch da am Tisch, da ich dieses schreibe, und treibt ihren Scherz mit der Frau Judith, und sagt, sie möchte gern ein Mann sein und ein Professor werden, nur des Lernens und der Bücher wegen. Und kriegte ich keinen kleinen Schreck, als ich das hörte, denn es tut nicht gut, daß ein Mädchen so sehr an der Männer Weisheit hängt; sie gehen darüber der lieblichen Einfalt verlustig. Aber Frau Judith ist nicht ängstlich. Sie hat gestern vom Fenster aus gesehen, daß die Gertrud den Karren der Sandröse, der naß und schwer war vom Regen, den ganzen Mühlberg herauf geschoben hat. Und hat die Röse nicht gewußt, wie ihr geschieht. Du weißt, sie ist alt und mühselig und kam nicht mehr so fort mit dem schweren Karren. Und da sie sich umsieht und will sich bedanken, läuft das Mädchen schon wieder den Berg hinunter mit langen Schritten. So sagt nun die Judith, daß es keine Not habe, solange eins die Augen offen habe für die Armen und Geringen, und greife kecklich zu beim Helfen. Das sei das Rechte, das den Frauen zieme. Da muß ich wohl still sein. Auch ist die Gertrud noch fast ein Kind. Es dünkt mich, ich habe mein Leben lang nicht solchen langen Brief geschrieben. Es ist am Dunkelwerden, ich muß Betzeit läuten. So grüße ich Dich denn, von mir und der Judith. Und vergiß nicht Gottes und der Alten.
Dein wohlgesinnter Freund und Turmwächter
Friedrich Nössel, Schneidermeister.
***
Als dieser Brief an seine Adresse kam, lag der, an den er geschrieben war, der Länge nach ausgestreckt auf seinem Sofa. Das Sofa war viel zu kurz und hatte hohe, steife Seitenlehnen, und sein Polster war wellig, wie das Ebenen- und Hügelland von Niederschwaben und Franken. Indessen, es war doch ein Sofa, und Georg Ehrensperger hatte das Recht, sich darauf auszustrecken. Er war vor kurzem nach Haus gekommen und war ein wenig bedrückt und wußte nicht recht warum. Er hatte Heimweh und wollte es vor sich selbst nicht Wort haben. Draußen ging der Novembertag in die Abenddämmerung über. Grau und eintönig, wie er vom Morgen an ausgesehen hatte, ging er dem Horizont entgegen, still und bedrückt, wie ein Mensch, der keinen rechten Lebenszweck hat und sich zur Ruhe begibt, und dabei denkt: es ist alles einerlei. Es kommt gar nicht darauf an, was ich tue; ich kann ebensogut schlafen gehen.
So etwas steckt an, und Georg war denn auch angesteckt, wie man sieht. Er war eine lange Zeit seines Lebens vom Wetter abhängig. Das hat er erst später abgeschüttelt.
Da, als er so lag und in die Stube hineinsah — (es war eine lange, schmale Stube und hatte ein Fenster, das ging auf einen viereckigen, gepflasterten Hof), da klopfte es, und da kam der Brief. Den las er, und stand nicht auf dazu, und zündete nicht die Lampe an, und las das ganze Grau des Tages und des Wetters und der Stube und der Fremde mit dem Brief in sich hinein.
O Heimat! da brach es los.
Vielleicht gibt es schönere Namen dafür, aber Ernst Daxer, der am Abend eine Weile kam, der sagte sachverständig, es sei das „heulende Elend“, das den Freund befallen habe, und sagte, daß das eine Krankheit sei, die jeder einmal kriege.
— Er ließ den Brief auf den Boden fallen und zog die langen Beine hinauf, um wenigstens sein bißchen Ich nahe beieinander zu haben, und drückte den Kopf in eine Vertiefung zwischen zwei Beulen des Sofas. Und dann schluchzte er drauf los.
Von jenem Tag an war ihm das steife, beulige Sofa wie ein Freund und Vertrauter, da es seine Tränen in den grün und braun gestreiften Überzug aufgenommen hatte. Da, als er eine Weile, ohne sich zu wehren, aus Herzensgrund geschluchzt hatte, und es inzwischen dunkler geworden war, fing er an, sich nach einem Trost umzusehen, und verfiel auf den steinernen, zugebundenen Topf voll Zwetschgenmus, der in seinem Kleiderkasten stand. Den holte er herbei und fing an, zu schlecken. Das Zwetschgenmus war ihm von Jungfer Liese geschickt worden, damit er so bis gegen Weihnachten hin etwas auf sein tägliches Vesperbrot zu streichen habe. Aber darauf konnte heut keine Rücksicht genommen werden. Er war so trostbedürftig, und dies hier war etwas von zu Hause. Da aß er denn, still und beharrlich, einen Löffel voll um den andern. Zuerst stieß es ihn noch, es tropften noch einige Tränen in den Topf. Dann fing er zusehends an, sich zu erholen. Je tiefer er in das Mus eindrang, je leichter wurde ihm das Herz.
Als der Topf so ungefähr halb leer war, zündete er die Lampe an und las den Brief nochmals, und hatte in der linken Hand den Brief und in der rechten den Löffel, den führte er so sachte hin und her. Das Mus war gut. Er hatte nun wieder Verständnis dafür. Also der alte Hollermann war gestorben. Das war traurig. Georg konnte sich nicht recht vorstellen, daß er nicht mehr da sei, wann er heimkomme. Aber es war noch vieles, auf das man sich freuen konnte, es zerfloß nicht mehr alles in einen trostlosen, grauen Nebel. Zum Beispiel bekam er die Flöte. Nein, das mit dem Rat des Alten verstand er im Augenblick nicht so recht, obgleich ihm wie aus der Ferne vieles aufstieg, das sie in der Korbmachersstube miteinander geredet hatten. Als er an der Stelle war, die von Gertrud erzählte, wie sie den schweren Sandkarren der alten Röse den Berg herauf geschoben hatte, spürte er einen starken Kitzel im Halse. Er mußte lachen, mitten in die Trübsal hinein. Da war er gerettet. Die Gertrud war doch ein Staatskerl. Er faßte ihre Tat nicht so sehr vom Standpunkt der Nächstenliebe aus auf, mehr als einen lustigen Streich. So war sie, er kannte sie wohl so, nichts weniger als zimperlich. Jungfer Liese hatte noch nicht lang einmal gesagt: „ausderwird ihrer Lebtag nichts Feines; die ist über einen Buben.“ Das hatte ihm mächtig gefallen; gerade so mußte sie sein, ein rechter Kamerad, gescheit, kräftig, heiter und immer bei der Hand zu allem frischen Tun. Er freute sich auf sie. Es war nur noch fünf Wochen bis Weihnachten. Als er so weit war, sah er in den steinernen Topf; es war nicht mehr viel darin. Es war nicht mehr der Mühe wert, ihn zuzubinden. Da kratzte er ihn vollends aus, aber mit einiger Beschwerde. Zwetschgenmus gehört zu den Tröstungen, die man mäßig genießen muß.
Als Ernst Daxer kam, lag Georg wieder auf dem Sofa, und hatte die Beine wieder etwas hochgezogen. Aber das geschah nun aus einem andern Grunde als zuvor.