Bez. beziehungsweise bezw.
Ein Juwel unsrer Papiersprache endlich, der Stolz aller Kanzlisten und Reporter, der höchste Triumph der Bildungsphilisterlogik ist das Bindewortbez.oderbezw.
Vor fünfzig Jahren gab es noch im Deutschen das schöne Wortrespektive, geschrieben:resp.; man sagtez. B.: derVater resp. Vormund– derRektorder Schule,resp.dessenStellvertreter–nachlässige, resp. roheEltern. Was wollte man mit dem Worte? Warum sagte man nicht: derVater oder Vormund? Hätte man das nicht verstanden? I nun, der gesunde Menschenverstand des Volks hätte es schon verstanden; aber der große Logiker, der Kanzleimensch, sagte sich: ein Kind kann doch nicht zugleich einen Vater und einen Vormund haben, es kann doch nur entweder einen Vater oder (oder aber! sagte der Kanzleimensch) einen Vormund haben. Dieses Verhältnis kann man nicht mit dem bloßenoderausdrücken, für dieses feine, bedingteoder: derVater oder(wennnämlich das Kind keinen Vater mehr haben sollte!)Vormundgibt es im Deutschen überhaupt kein Wort, das läßt sich nur durch –respektivesagen, dadurch aber auch „voll und ganz“.
Als man nun auch im Kanzleistil den Fremdwörterzopf abzuschneiden anfing, erfand man als Übersetzung vonrespektivedas herrliche Wortbeziehentlichoderbeziehungsweise:be-zieh-ungs-wei-se! Das war natürlich etwas zu lang, es immer zu schreiben und zu drucken, und so wurde es denn zubez.„beziehungsweise“bezw.abgekürzt. Daß das Wörtchenoderauch nur vier Buchstaben hat und dabei ein wirkliches Wort ist, kein bloßer Wortstummel wiebezw., auf diesen naheliegenden Gedanken verfiel merkwürdigerweise niemand. Und doch, was bedeutet in folgenden Beispielen dasbezw.anders alsoder: in einer Zeit, wo man alles den einzelnenKreisen bezw. Staatenüberließ – alles weitere istSpezialsache bezw. Aufgabeder spätern Jahre – über denMord bezw. Raubmordin R. ist noch immer nichts genaues festgestellt – Windschirme mit japanischerMalerei bezw. Stickerei– der Zusammenschluß zu einemgenossenschaftlichen bezw. landschaftlichenKreisverbande – diewieder bezw. neugewählten Stadtverordneten – einangebornes bezw.durch ÜberlieferunggeschultesGeschick – die Bänder haben Wert alsgeschichtliche bezw. kulturgeschichtlicheErinnerungsstücke –nicht benutzte bezw. nicht abgeholteBücher werden wiedereingestellt – es wird mit demKellergeschoß bezw. Erdgeschoßangefangen – zwei Dachstuben von je drei Meter Breite unddrei bezw. vierMeter Länge – jede Serie umfaßt15 bezw. 12Hefte – die Bemerkung befindet sich in demVor- bezw. Nachwortder Ausgabe – W. A. Lippert, welcherflüchtig ist bezw. sich verborgen hält– da die Anstalt nur solche Kinderaufnimmt bezw. behält, die eine Besserung erwarten lassen – wo Jahnsdorfliegt bezw. gelegen hat, ist ungewiß – viele Personen sind außerstande, selbst bei langsamem Gange des Wagensauf- bezw. abzuspringen– jeder Fachmann wird die Schriftbeiseite bezw. in den Papierkorbwerfen – es ist anziehend, zu sehen, wie sich dieser Kreis im Laufe der Sprachentwicklungverengert bezw. erweitert– die Weigerung der Prinzessin isthauptsächlich bezw. ausschließlichauf diesen Umstand zurückzuführen. Und in folgenden Beispielen, was bedeutet dabezw.anders alsund: ein Haus an derBeethoven- bezw. Rhodestraße– französischeBonnen bezw. Gouvernantenhaben seit Jahrhunderten in Deutschland eine Rolle gespielt – zwei Kinder im Alter vonfünf bezw. dreiJahren – K. und T. wurden zuviermonatiger bezw. zweimonatigerGefängnisstrafe verurteilt – später verfaßte erpädagogische bezw. Schulbücher– alleBestellzettel bezw. Quittungsformularesind mit Tinte auszufüllen –Anfragen bezw. Anmeldungensind an den Vorstand des Kunstvereins zu richten – zurRechten bezw. Linkendes Kaisers saßen der Reichskanzler und der Staatssekretär – die Zinsen werden zuOstern bezw. zu Michaelibezahlt – großen Einfluß auf die Zahl derDissertationen bezw. Promotionenüber den pekuniären Anforderungen, die die einzelnenUniversitäten bezw. Fakultätenstellen – wann die noch übrigen Befestigungsreste derBurg bezw. Stadtentstanden sind, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben – der König tritt eine mehrwöchige Reise nachMünchen bezw. Stuttgartan – die Zehnpfennigmarken und die Fünfpfennigmarken sind vonroter bezw. grünerFarbe – in A.sind letzte Nacht zwei Personen, ein Maler und ein Strumpfwirker, die in einemSchuppen bezw. einem Stallenächtigten, erfroren.
Der große Logiker, der so schreibt, denkt natürlich wenn erundgebrauche, so könnte ihn jemand auch so verstehen, als ob „sowohl“ die Zehnpfennigmarken „als auch“ die Fünfpfennigmarken zweifarbig wären, nämlich beide Arten rot und grün, als ob „sowohl“ der Maler „als auch“ der Strumpfwirker in zwei Räumlichkeiten, nämlich gleichzeitig in einem Schuppen und in einem Stalle genächtigt hätte. Solchen Gefahren wird natürlich durchbezw.vorgebeugt; nun weiß man genau, daß die Zehnpfennigmarken rot und die Fünfpfennigmarken grün sind, daß der Maler in einem Schuppen, der Strumpfwirker in einem Stalle genächtigt hat. Maler: Schuppen = Strumpfwirker: Stall – darin liegt die tiefe Bedeutung vonbezw.! Ein unübertreffliches Beispiel ist folgender Zeitungssatz: alleMusik- bezw. Trompeterkorpsund alle Spielmannszügebliesen bezw. schlugenden Präsentiermarschbezw.die Paradepost.
Aber damit ist der große Logiker noch nicht auf dem Gipfel seines Scharfsinns angelangt. Sein schlauestes Gesicht steckt er auf, wenn er schreibt:und (!) bezw.Die Besitzer und bezw. Pächterder Grundstücke werden darauf aufmerksam gemacht – dieEltern und bezw. Erzieherder schulpflichtigen Kinder werden hiermit aufgefordert – ich bitte mir angeben zu wollen, ob diese Ausgabeund beziehungsweise oder(!) andre Ausgaben auf der Bibliothek vorhanden sind usw. Sogar solche Dummheiten werden jetzt geschrieben „und bezw.“ gedruckt, und die, die sie leisten, bilden sich dabei noch ein, sie hätten sich wunder wie fein und scharf ausgedrückt! Leider ist das widerwärtige Wort, das übrigens neuerdings oft mitbezüglichvermengt wird,[176]aus der Papiersprache bereits in die lebendige Sprache eingedrungen. Nicht nur in Sitzungen und Verhandlungen muß man es hören, es ertönt auch immer häufigerauf Kathedern, und da es der Professor gebraucht, gebrauchts natürlich der Student mit, und selbst der Kaufmannsdiener sagt schon am Biertische: Sie erhalten Sonnabend abendbeziehentlich(oderbezüglich!) Sonntag früh Nachricht. Schließlich wird noch der Herr Assessor, der für seine Kinder zu Weihnachten Spielzeug eingekauft hat, zur Frau Assessorin sagen: ich habe für Fritz und Mariecheneine Schachtel Soldaten beziehungsweise eine Puppemitgebracht!