[152]Sehr komisch ist es, wenn unwillkürlich einmal die gesunde Natur durch die Manier durchbricht, wo es zu spät ist. Dann entstehen Sätze wie: es ist zu bedauern, was für einAufwandvon Zeit und Mühe daraufverwendetworden ist – die Erfahrungen, die man in Dresden mit dieser Einrichtung gemacht hat, dürften denBeweisfür die Notwendigkeit derselben genügendbewiesenhaben – eine telegraphische Nachricht, wonach dieMöglichkeiteiner persönlichen Begegnung fürmöglicherachtet wurde.[153]Schon als Knaben haben mich die Verse nachdenklich gemacht: Ritter,treue Schwesterliebewidmet euch dies Herz. Dann heißt es weiter:fordertkeine andre Liebe – wo mir wiederfordertwie ein zweites Prädikat zuSchwesterliebeerschien.[154]Wenn aber Sigismund Breslauer anzeigt, daß er für alte Kleiderstaunend hohePreise bezahle, und Sigismund Cohn, daß er zustaunend niedrigenPreisen verkaufe, so ist das natürlich wieder eine Verwechslung; sie meinenerstaunlich hoheundniedrigePreise.[155]In Leipzig wird ein Hauskauf nicht ins Grundbuch geschrieben, sonderngrundbücherlich(so!)verlautbart.[156]Das niedrige Volk sagt jetzt auch:da hört sich allesauf! offenbar, indem es die Redensart:das gehört sich– damit zusammenwirft.[157]Im Friseurladen redet man jetzt von amerikanischer Kopfwäsche. Wenn jemand im Neuen Testament von Jesu Fußwäschereden wollte![158]Im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch vonUnterrichtung. Als dafürUnterrichtaufkam (anfangs gewiß auf der letzten Silbe betont), muß sprachfühlenden Leuten ähnlich zumute gewesen sein wie uns heute beimVollzugund beimEntscheid.[159]Bei dem jetzt so beliebtenentfallenmag wohl das lateinischedisvorgeschwebt haben, das indistraheredie Trennung, indistribueredie Verteilung bedeutet.[160]Ein Fehler ist es übrigens, diese Präfixe abzutrennen und zu betonen, wieAn-undVerkauf,be- undentladen,Be- undEntwässerung. Getrennt und betont werden können immer nur echte Präpositionen:auf- undabsteigen,Ab- undZugang; dagegenAnkauf undVerkauf.[161]Auch mit den Präpositionen springen sie in derselben Weise um wie mit den Präfixen. In der Sprache des gewöhnlichen Lebens wird ein neues Hausgedeckt, eine neue Kirchegewölbt, eine Straßegepflastert, Sandsteinfiguren werden an einem Hauseangebracht, Bilder werdeneingerahmt, und wenn man eine Stube tapezieren läßt, so werden die Möbel vorherzugedeckt; sowie aber der Architekt davon spricht, wird das Hauseingedeckt, die Kircheeingewölbt, die Straßeabgepflastert, die Figuren werdenaufgebracht, die Bildergerahmt, und die Möbel –abgedeckt! Gewöhnlich werden Farbengemischt, und zu einer Lotterie werden auch die Losegemischt. Der Farbenfabrikant aber empfiehlt seineAusmischungensämtlicher Farbentöne, und die Lotteriedirektion spricht von derEinmischungder Lose. Gewöhnlich wird ein Vogel von der Stangeabgeschossen, und unnütze Sperlinge werdenweggeschossen; sowie aber der Herr Landrat davon spricht, werden die Sperlingeabgeschossen. Der gewöhnliche Mensch begnügt sich damit, etwas zuliefern. Im Bauwesen aber werden Steine, Kalk, Ziegelangeliefert, und bei der Post werden Briefe, Postkarten, Pakete, Zeitungen sogaraufgeliefert! Der gewöhnliche Menschbeschneidetin seinem Garten einen Trieb, der Gärtner aberkürztihneinusw.[162]HöchstensWollustundJawortließen sich vergleichen.[163]Auch Wörter wiePflegemutter,Betschwester,Schreihals,Singvogel,Stechapfel,Stinktiermachen nur scheinbar eine Ausnahme, auchBeißkorbundKlapperdeckchen, denn sie bezeichnen Dinge, die den Zweck haben, Beißen und Klappern zu verhüten. NurBratheringe,RöstkartoffelnundSchlagsahnehaben ihren Zweck schon erfüllt, sie sind schon gebraten, geröstet und geschlagen.[164]Die früheste Anwendung vonvoll und ganz, freilich in gehaltvollerem Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3):Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern DienstFür eine Weile; meines Herzens SummeBleibt dein hiervoll und ganz.(The strong necessity of time commandsOur services a while; but my full heartRemains in use with you.)Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht“, worin er den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind,Nein, groß und fertig,voll und ganzEntsteig’ er unsern Dämmerungen –schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der Unterhaltung mit ihm jemandvoll und ganzgebraucht habe, ausgerufen: „Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase, nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es gibt, trotz seiner Fülle!“[165]Als der junge Goethe 1773 seine kecke Schrift „Von deutscher Baukunst“ hatte drucken lassen, schrieb der wackere kurf. sächsische Hofbaumeister Krubsacius eine Kritik darüber. Darin spricht er auch von der „neumodischen Schreibart“, die schon so vielfältig ausgespottet worden sei und trotzdem immer weiter um sich gegriffen habe. Daran knüpft er die wahrhaft klassischen Worte: „Ein Mißbrauch wird nicht anders als durch sich selbst ausgerottet, wenn er nämlich zu einer solchen Höhe anwächst, daß ein jeder, der nicht zu stumpfe Sinne hat, das Ungeheure davon gewahr werden kann.“[166]Abgesehen natürlich von Infinitiven, die ganz zu Substantiven geworden sind, wieLeben,Essen,Vergnügen,Vermögen,Wohlwollenu. a.[167]Seitdem dieses Kapitel veröffentlicht worden ist, ist der Mißbrauch erfreulicherweise bedeutend zurückgegangen. Trotzdem mag es unverändert hier wieder abgedruckt werden – als sprachgeschichtliches Zeugnis.[168]Neuerdings wird das Wort sogar füranfertigen,schaffengebraucht: er hat sich ein Paar neue Stiefelfertigstellenlassen – eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühefertigzustellenals eine Symphonie![169]Von festen Körpern nur in dem Sinne vonzerkleinert;klarerZucker,klaresHolz.[170]Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: diezweitmalige,drittmaligeusw.?[171]Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathausbesitztdenselben Baumeister wie die Pleißenburg![172]Anders in „Künstlers Erdewallen“, wo es von dem Kunstschatz des Reichen heißt: „Und erbesitztdich nicht, erhatdich nur.“[173]Das t ist dasselbe unorganische Anhängsel wie injetzt,selbstundObst. In Leipzig sagt das Volk auchanderst,Rußt,Harzt.[174]Früher hieß esim Namendes Königs,aus Mangelan genügendem Angebot, jetzt nur nochnamensdes Königs –mangelsgenügenden Angebots. Schon der häßliche Gleichklang, der ganz unnötigerweise durch die Häufung der Genitiv-s entsteht, hätte von solchen Bildungen abhalten sollen. Aber die Leute sind ganz vernarrt in solche Genitive; man denke auch an:anfangs(!) Oktober (vgl.S. 8).[175]Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man denke anvollends,bereits,öfters,nirgends,zusehends,durchgehends,allerdings,schlechterdings(um 1700 noch allerDinge,schlechter Dinge), „neuerdings“ auchfolgends. Bei den meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das Unorganische des s, höchstens noch beiöfters. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir das häßliche süddeutsche und österreichischeweitersunddurchwegshören: ein selbständiges,durchwegsauf Erfahrung begründetes Urteil – oder wenn wirunversehensundunbesehenslesen: der Zuhörer stehtunversehensvor dem Dämonischen – er hätte dieses Argument nicht sounbesehenshinnehmen sollen.[176]Bezüglichist Präposition und bedeutet dasselbe wiehinsichtlich,rücksichtlich.[177]Auf einige häßliche Austriazismen ist schon in der Formenlehre und in der Satzlehre hingewiesen worden. Vgl.S. 17und58.[178]Manche Kaufleute behaupten, in demabliege ein besondrer Sinn; es solle ausdrücken, daß der Übergang einer Ware aus dem Besitz des Kaufmanns in den des Käufers an der angegebnen Stelle (ab Bahnhof,ab Lager) geschehe; der Bahnhof, das Lager sei der „Erfüllungsort“. Davon hat aber doch der harmlose Käufer, der so etwas in der Zeitung liest, keine Ahnung.[179]Unsre Professoren lachen heute, wenn sie in einem Buche des achtzehnten Jahrhunderts lesen: dieiniquitaetistmanifestoder: wir müssen diesedifficultaeten superiren. Mache sie es denn aber um ein Haar besser?[180]Freilich gehen Technik und Wissenschaft mit bösem Beispiel voran. Vgl.Taxameter,Automobil,homosexuell(dessen erste Hälfte auch „gebildete“ Leute für das lateinischehomohalten!),Telefunkenu. ähnl.[181]Sehr bitter spottete einmal darüber ein junger französischer Student in Leipzig. Die deutschen Mädchen, sagte er, glauben, sie müßtenCollierstragen, weil jeder Hund einHalsbandträgt. In Paris trägt aber doch jeder Hund einCollier![182]Ein vortrefflicher deutscher Schriftsteller, August Apel, nennt (1815) einen eingebildeten Kunstkenner einenConnaisseurund fügt hinzu: Ich liebe fremde Worte, um die affektierende Abart zu bezeichnen.[183]Weiß der Leser, wiekonstatierenentstanden ist? Durch Anhängen der Endung -ierenan das lateinische Impersonaleconstat. Fast unglaublich, aber Tatsache. Und dabei ist in 999 von 1000 Fällenkonstatierennichts weiter als ein ganz überflüssiger Henkel für einen Aussagesatz. Man sagt nicht: der Hund hat einen Schwanz, sondern mankonstatiert, daß der Hund einen Schwanz hat.[184]In einem längern Aufsatze, worinMomentundFaktorjedes etwa ein Dutzend mal vorkamen, machte ich mir den Spaß, sie regelmäßig miteinander zu vertauschen. Als ich die Druckkorrektur des Verfassers erhielt, sah ich, daß er nicht das Geringste davon gemerkt hatte. Was müssen das für Wörter sein, mit denen man sich solche Scherze erlauben kann! Ein rechtes Kreuz sind diegesetzgebenden Faktoren; könnte man die doch irgendwie los werden![185]Schon Schiller schreibt 1797 an Goethe: Sie müssen eineEpochegehabt haben, die ich Ihre analytischePeriodenennen möchte.
[152]Sehr komisch ist es, wenn unwillkürlich einmal die gesunde Natur durch die Manier durchbricht, wo es zu spät ist. Dann entstehen Sätze wie: es ist zu bedauern, was für einAufwandvon Zeit und Mühe daraufverwendetworden ist – die Erfahrungen, die man in Dresden mit dieser Einrichtung gemacht hat, dürften denBeweisfür die Notwendigkeit derselben genügendbewiesenhaben – eine telegraphische Nachricht, wonach dieMöglichkeiteiner persönlichen Begegnung fürmöglicherachtet wurde.
[152]Sehr komisch ist es, wenn unwillkürlich einmal die gesunde Natur durch die Manier durchbricht, wo es zu spät ist. Dann entstehen Sätze wie: es ist zu bedauern, was für einAufwandvon Zeit und Mühe daraufverwendetworden ist – die Erfahrungen, die man in Dresden mit dieser Einrichtung gemacht hat, dürften denBeweisfür die Notwendigkeit derselben genügendbewiesenhaben – eine telegraphische Nachricht, wonach dieMöglichkeiteiner persönlichen Begegnung fürmöglicherachtet wurde.
[153]Schon als Knaben haben mich die Verse nachdenklich gemacht: Ritter,treue Schwesterliebewidmet euch dies Herz. Dann heißt es weiter:fordertkeine andre Liebe – wo mir wiederfordertwie ein zweites Prädikat zuSchwesterliebeerschien.
[153]Schon als Knaben haben mich die Verse nachdenklich gemacht: Ritter,treue Schwesterliebewidmet euch dies Herz. Dann heißt es weiter:fordertkeine andre Liebe – wo mir wiederfordertwie ein zweites Prädikat zuSchwesterliebeerschien.
[154]Wenn aber Sigismund Breslauer anzeigt, daß er für alte Kleiderstaunend hohePreise bezahle, und Sigismund Cohn, daß er zustaunend niedrigenPreisen verkaufe, so ist das natürlich wieder eine Verwechslung; sie meinenerstaunlich hoheundniedrigePreise.
[154]Wenn aber Sigismund Breslauer anzeigt, daß er für alte Kleiderstaunend hohePreise bezahle, und Sigismund Cohn, daß er zustaunend niedrigenPreisen verkaufe, so ist das natürlich wieder eine Verwechslung; sie meinenerstaunlich hoheundniedrigePreise.
[155]In Leipzig wird ein Hauskauf nicht ins Grundbuch geschrieben, sonderngrundbücherlich(so!)verlautbart.
[155]In Leipzig wird ein Hauskauf nicht ins Grundbuch geschrieben, sonderngrundbücherlich(so!)verlautbart.
[156]Das niedrige Volk sagt jetzt auch:da hört sich allesauf! offenbar, indem es die Redensart:das gehört sich– damit zusammenwirft.
[156]Das niedrige Volk sagt jetzt auch:da hört sich allesauf! offenbar, indem es die Redensart:das gehört sich– damit zusammenwirft.
[157]Im Friseurladen redet man jetzt von amerikanischer Kopfwäsche. Wenn jemand im Neuen Testament von Jesu Fußwäschereden wollte!
[157]Im Friseurladen redet man jetzt von amerikanischer Kopfwäsche. Wenn jemand im Neuen Testament von Jesu Fußwäschereden wollte!
[158]Im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch vonUnterrichtung. Als dafürUnterrichtaufkam (anfangs gewiß auf der letzten Silbe betont), muß sprachfühlenden Leuten ähnlich zumute gewesen sein wie uns heute beimVollzugund beimEntscheid.
[158]Im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch vonUnterrichtung. Als dafürUnterrichtaufkam (anfangs gewiß auf der letzten Silbe betont), muß sprachfühlenden Leuten ähnlich zumute gewesen sein wie uns heute beimVollzugund beimEntscheid.
[159]Bei dem jetzt so beliebtenentfallenmag wohl das lateinischedisvorgeschwebt haben, das indistraheredie Trennung, indistribueredie Verteilung bedeutet.
[159]Bei dem jetzt so beliebtenentfallenmag wohl das lateinischedisvorgeschwebt haben, das indistraheredie Trennung, indistribueredie Verteilung bedeutet.
[160]Ein Fehler ist es übrigens, diese Präfixe abzutrennen und zu betonen, wieAn-undVerkauf,be- undentladen,Be- undEntwässerung. Getrennt und betont werden können immer nur echte Präpositionen:auf- undabsteigen,Ab- undZugang; dagegenAnkauf undVerkauf.
[160]Ein Fehler ist es übrigens, diese Präfixe abzutrennen und zu betonen, wieAn-undVerkauf,be- undentladen,Be- undEntwässerung. Getrennt und betont werden können immer nur echte Präpositionen:auf- undabsteigen,Ab- undZugang; dagegenAnkauf undVerkauf.
[161]Auch mit den Präpositionen springen sie in derselben Weise um wie mit den Präfixen. In der Sprache des gewöhnlichen Lebens wird ein neues Hausgedeckt, eine neue Kirchegewölbt, eine Straßegepflastert, Sandsteinfiguren werden an einem Hauseangebracht, Bilder werdeneingerahmt, und wenn man eine Stube tapezieren läßt, so werden die Möbel vorherzugedeckt; sowie aber der Architekt davon spricht, wird das Hauseingedeckt, die Kircheeingewölbt, die Straßeabgepflastert, die Figuren werdenaufgebracht, die Bildergerahmt, und die Möbel –abgedeckt! Gewöhnlich werden Farbengemischt, und zu einer Lotterie werden auch die Losegemischt. Der Farbenfabrikant aber empfiehlt seineAusmischungensämtlicher Farbentöne, und die Lotteriedirektion spricht von derEinmischungder Lose. Gewöhnlich wird ein Vogel von der Stangeabgeschossen, und unnütze Sperlinge werdenweggeschossen; sowie aber der Herr Landrat davon spricht, werden die Sperlingeabgeschossen. Der gewöhnliche Mensch begnügt sich damit, etwas zuliefern. Im Bauwesen aber werden Steine, Kalk, Ziegelangeliefert, und bei der Post werden Briefe, Postkarten, Pakete, Zeitungen sogaraufgeliefert! Der gewöhnliche Menschbeschneidetin seinem Garten einen Trieb, der Gärtner aberkürztihneinusw.
[161]Auch mit den Präpositionen springen sie in derselben Weise um wie mit den Präfixen. In der Sprache des gewöhnlichen Lebens wird ein neues Hausgedeckt, eine neue Kirchegewölbt, eine Straßegepflastert, Sandsteinfiguren werden an einem Hauseangebracht, Bilder werdeneingerahmt, und wenn man eine Stube tapezieren läßt, so werden die Möbel vorherzugedeckt; sowie aber der Architekt davon spricht, wird das Hauseingedeckt, die Kircheeingewölbt, die Straßeabgepflastert, die Figuren werdenaufgebracht, die Bildergerahmt, und die Möbel –abgedeckt! Gewöhnlich werden Farbengemischt, und zu einer Lotterie werden auch die Losegemischt. Der Farbenfabrikant aber empfiehlt seineAusmischungensämtlicher Farbentöne, und die Lotteriedirektion spricht von derEinmischungder Lose. Gewöhnlich wird ein Vogel von der Stangeabgeschossen, und unnütze Sperlinge werdenweggeschossen; sowie aber der Herr Landrat davon spricht, werden die Sperlingeabgeschossen. Der gewöhnliche Mensch begnügt sich damit, etwas zuliefern. Im Bauwesen aber werden Steine, Kalk, Ziegelangeliefert, und bei der Post werden Briefe, Postkarten, Pakete, Zeitungen sogaraufgeliefert! Der gewöhnliche Menschbeschneidetin seinem Garten einen Trieb, der Gärtner aberkürztihneinusw.
[162]HöchstensWollustundJawortließen sich vergleichen.
[162]HöchstensWollustundJawortließen sich vergleichen.
[163]Auch Wörter wiePflegemutter,Betschwester,Schreihals,Singvogel,Stechapfel,Stinktiermachen nur scheinbar eine Ausnahme, auchBeißkorbundKlapperdeckchen, denn sie bezeichnen Dinge, die den Zweck haben, Beißen und Klappern zu verhüten. NurBratheringe,RöstkartoffelnundSchlagsahnehaben ihren Zweck schon erfüllt, sie sind schon gebraten, geröstet und geschlagen.
[163]Auch Wörter wiePflegemutter,Betschwester,Schreihals,Singvogel,Stechapfel,Stinktiermachen nur scheinbar eine Ausnahme, auchBeißkorbundKlapperdeckchen, denn sie bezeichnen Dinge, die den Zweck haben, Beißen und Klappern zu verhüten. NurBratheringe,RöstkartoffelnundSchlagsahnehaben ihren Zweck schon erfüllt, sie sind schon gebraten, geröstet und geschlagen.
[164]Die früheste Anwendung vonvoll und ganz, freilich in gehaltvollerem Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3):Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern DienstFür eine Weile; meines Herzens SummeBleibt dein hiervoll und ganz.(The strong necessity of time commandsOur services a while; but my full heartRemains in use with you.)Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht“, worin er den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind,Nein, groß und fertig,voll und ganzEntsteig’ er unsern Dämmerungen –schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der Unterhaltung mit ihm jemandvoll und ganzgebraucht habe, ausgerufen: „Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase, nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es gibt, trotz seiner Fülle!“
[164]Die früheste Anwendung vonvoll und ganz, freilich in gehaltvollerem Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3):
Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern DienstFür eine Weile; meines Herzens SummeBleibt dein hiervoll und ganz.(The strong necessity of time commandsOur services a while; but my full heartRemains in use with you.)
Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern DienstFür eine Weile; meines Herzens SummeBleibt dein hiervoll und ganz.(The strong necessity of time commandsOur services a while; but my full heartRemains in use with you.)
Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern DienstFür eine Weile; meines Herzens SummeBleibt dein hiervoll und ganz.(The strong necessity of time commandsOur services a while; but my full heartRemains in use with you.)
Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern Dienst
Für eine Weile; meines Herzens Summe
Bleibt dein hiervoll und ganz.
(The strong necessity of time commands
Our services a while; but my full heart
Remains in use with you.)
Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht“, worin er den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind,
Nein, groß und fertig,voll und ganzEntsteig’ er unsern Dämmerungen –
Nein, groß und fertig,voll und ganzEntsteig’ er unsern Dämmerungen –
Nein, groß und fertig,voll und ganzEntsteig’ er unsern Dämmerungen –
Nein, groß und fertig,voll und ganz
Entsteig’ er unsern Dämmerungen –
schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der Unterhaltung mit ihm jemandvoll und ganzgebraucht habe, ausgerufen: „Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase, nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es gibt, trotz seiner Fülle!“
[165]Als der junge Goethe 1773 seine kecke Schrift „Von deutscher Baukunst“ hatte drucken lassen, schrieb der wackere kurf. sächsische Hofbaumeister Krubsacius eine Kritik darüber. Darin spricht er auch von der „neumodischen Schreibart“, die schon so vielfältig ausgespottet worden sei und trotzdem immer weiter um sich gegriffen habe. Daran knüpft er die wahrhaft klassischen Worte: „Ein Mißbrauch wird nicht anders als durch sich selbst ausgerottet, wenn er nämlich zu einer solchen Höhe anwächst, daß ein jeder, der nicht zu stumpfe Sinne hat, das Ungeheure davon gewahr werden kann.“
[165]Als der junge Goethe 1773 seine kecke Schrift „Von deutscher Baukunst“ hatte drucken lassen, schrieb der wackere kurf. sächsische Hofbaumeister Krubsacius eine Kritik darüber. Darin spricht er auch von der „neumodischen Schreibart“, die schon so vielfältig ausgespottet worden sei und trotzdem immer weiter um sich gegriffen habe. Daran knüpft er die wahrhaft klassischen Worte: „Ein Mißbrauch wird nicht anders als durch sich selbst ausgerottet, wenn er nämlich zu einer solchen Höhe anwächst, daß ein jeder, der nicht zu stumpfe Sinne hat, das Ungeheure davon gewahr werden kann.“
[166]Abgesehen natürlich von Infinitiven, die ganz zu Substantiven geworden sind, wieLeben,Essen,Vergnügen,Vermögen,Wohlwollenu. a.
[166]Abgesehen natürlich von Infinitiven, die ganz zu Substantiven geworden sind, wieLeben,Essen,Vergnügen,Vermögen,Wohlwollenu. a.
[167]Seitdem dieses Kapitel veröffentlicht worden ist, ist der Mißbrauch erfreulicherweise bedeutend zurückgegangen. Trotzdem mag es unverändert hier wieder abgedruckt werden – als sprachgeschichtliches Zeugnis.
[167]Seitdem dieses Kapitel veröffentlicht worden ist, ist der Mißbrauch erfreulicherweise bedeutend zurückgegangen. Trotzdem mag es unverändert hier wieder abgedruckt werden – als sprachgeschichtliches Zeugnis.
[168]Neuerdings wird das Wort sogar füranfertigen,schaffengebraucht: er hat sich ein Paar neue Stiefelfertigstellenlassen – eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühefertigzustellenals eine Symphonie!
[168]Neuerdings wird das Wort sogar füranfertigen,schaffengebraucht: er hat sich ein Paar neue Stiefelfertigstellenlassen – eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühefertigzustellenals eine Symphonie!
[169]Von festen Körpern nur in dem Sinne vonzerkleinert;klarerZucker,klaresHolz.
[169]Von festen Körpern nur in dem Sinne vonzerkleinert;klarerZucker,klaresHolz.
[170]Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: diezweitmalige,drittmaligeusw.?
[170]Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: diezweitmalige,drittmaligeusw.?
[171]Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathausbesitztdenselben Baumeister wie die Pleißenburg!
[171]Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathausbesitztdenselben Baumeister wie die Pleißenburg!
[172]Anders in „Künstlers Erdewallen“, wo es von dem Kunstschatz des Reichen heißt: „Und erbesitztdich nicht, erhatdich nur.“
[172]Anders in „Künstlers Erdewallen“, wo es von dem Kunstschatz des Reichen heißt: „Und erbesitztdich nicht, erhatdich nur.“
[173]Das t ist dasselbe unorganische Anhängsel wie injetzt,selbstundObst. In Leipzig sagt das Volk auchanderst,Rußt,Harzt.
[173]Das t ist dasselbe unorganische Anhängsel wie injetzt,selbstundObst. In Leipzig sagt das Volk auchanderst,Rußt,Harzt.
[174]Früher hieß esim Namendes Königs,aus Mangelan genügendem Angebot, jetzt nur nochnamensdes Königs –mangelsgenügenden Angebots. Schon der häßliche Gleichklang, der ganz unnötigerweise durch die Häufung der Genitiv-s entsteht, hätte von solchen Bildungen abhalten sollen. Aber die Leute sind ganz vernarrt in solche Genitive; man denke auch an:anfangs(!) Oktober (vgl.S. 8).
[174]Früher hieß esim Namendes Königs,aus Mangelan genügendem Angebot, jetzt nur nochnamensdes Königs –mangelsgenügenden Angebots. Schon der häßliche Gleichklang, der ganz unnötigerweise durch die Häufung der Genitiv-s entsteht, hätte von solchen Bildungen abhalten sollen. Aber die Leute sind ganz vernarrt in solche Genitive; man denke auch an:anfangs(!) Oktober (vgl.S. 8).
[175]Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man denke anvollends,bereits,öfters,nirgends,zusehends,durchgehends,allerdings,schlechterdings(um 1700 noch allerDinge,schlechter Dinge), „neuerdings“ auchfolgends. Bei den meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das Unorganische des s, höchstens noch beiöfters. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir das häßliche süddeutsche und österreichischeweitersunddurchwegshören: ein selbständiges,durchwegsauf Erfahrung begründetes Urteil – oder wenn wirunversehensundunbesehenslesen: der Zuhörer stehtunversehensvor dem Dämonischen – er hätte dieses Argument nicht sounbesehenshinnehmen sollen.
[175]Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man denke anvollends,bereits,öfters,nirgends,zusehends,durchgehends,allerdings,schlechterdings(um 1700 noch allerDinge,schlechter Dinge), „neuerdings“ auchfolgends. Bei den meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das Unorganische des s, höchstens noch beiöfters. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir das häßliche süddeutsche und österreichischeweitersunddurchwegshören: ein selbständiges,durchwegsauf Erfahrung begründetes Urteil – oder wenn wirunversehensundunbesehenslesen: der Zuhörer stehtunversehensvor dem Dämonischen – er hätte dieses Argument nicht sounbesehenshinnehmen sollen.
[176]Bezüglichist Präposition und bedeutet dasselbe wiehinsichtlich,rücksichtlich.
[176]Bezüglichist Präposition und bedeutet dasselbe wiehinsichtlich,rücksichtlich.
[177]Auf einige häßliche Austriazismen ist schon in der Formenlehre und in der Satzlehre hingewiesen worden. Vgl.S. 17und58.
[177]Auf einige häßliche Austriazismen ist schon in der Formenlehre und in der Satzlehre hingewiesen worden. Vgl.S. 17und58.
[178]Manche Kaufleute behaupten, in demabliege ein besondrer Sinn; es solle ausdrücken, daß der Übergang einer Ware aus dem Besitz des Kaufmanns in den des Käufers an der angegebnen Stelle (ab Bahnhof,ab Lager) geschehe; der Bahnhof, das Lager sei der „Erfüllungsort“. Davon hat aber doch der harmlose Käufer, der so etwas in der Zeitung liest, keine Ahnung.
[178]Manche Kaufleute behaupten, in demabliege ein besondrer Sinn; es solle ausdrücken, daß der Übergang einer Ware aus dem Besitz des Kaufmanns in den des Käufers an der angegebnen Stelle (ab Bahnhof,ab Lager) geschehe; der Bahnhof, das Lager sei der „Erfüllungsort“. Davon hat aber doch der harmlose Käufer, der so etwas in der Zeitung liest, keine Ahnung.
[179]Unsre Professoren lachen heute, wenn sie in einem Buche des achtzehnten Jahrhunderts lesen: dieiniquitaetistmanifestoder: wir müssen diesedifficultaeten superiren. Mache sie es denn aber um ein Haar besser?
[179]Unsre Professoren lachen heute, wenn sie in einem Buche des achtzehnten Jahrhunderts lesen: dieiniquitaetistmanifestoder: wir müssen diesedifficultaeten superiren. Mache sie es denn aber um ein Haar besser?
[180]Freilich gehen Technik und Wissenschaft mit bösem Beispiel voran. Vgl.Taxameter,Automobil,homosexuell(dessen erste Hälfte auch „gebildete“ Leute für das lateinischehomohalten!),Telefunkenu. ähnl.
[180]Freilich gehen Technik und Wissenschaft mit bösem Beispiel voran. Vgl.Taxameter,Automobil,homosexuell(dessen erste Hälfte auch „gebildete“ Leute für das lateinischehomohalten!),Telefunkenu. ähnl.
[181]Sehr bitter spottete einmal darüber ein junger französischer Student in Leipzig. Die deutschen Mädchen, sagte er, glauben, sie müßtenCollierstragen, weil jeder Hund einHalsbandträgt. In Paris trägt aber doch jeder Hund einCollier!
[181]Sehr bitter spottete einmal darüber ein junger französischer Student in Leipzig. Die deutschen Mädchen, sagte er, glauben, sie müßtenCollierstragen, weil jeder Hund einHalsbandträgt. In Paris trägt aber doch jeder Hund einCollier!
[182]Ein vortrefflicher deutscher Schriftsteller, August Apel, nennt (1815) einen eingebildeten Kunstkenner einenConnaisseurund fügt hinzu: Ich liebe fremde Worte, um die affektierende Abart zu bezeichnen.
[182]Ein vortrefflicher deutscher Schriftsteller, August Apel, nennt (1815) einen eingebildeten Kunstkenner einenConnaisseurund fügt hinzu: Ich liebe fremde Worte, um die affektierende Abart zu bezeichnen.
[183]Weiß der Leser, wiekonstatierenentstanden ist? Durch Anhängen der Endung -ierenan das lateinische Impersonaleconstat. Fast unglaublich, aber Tatsache. Und dabei ist in 999 von 1000 Fällenkonstatierennichts weiter als ein ganz überflüssiger Henkel für einen Aussagesatz. Man sagt nicht: der Hund hat einen Schwanz, sondern mankonstatiert, daß der Hund einen Schwanz hat.
[183]Weiß der Leser, wiekonstatierenentstanden ist? Durch Anhängen der Endung -ierenan das lateinische Impersonaleconstat. Fast unglaublich, aber Tatsache. Und dabei ist in 999 von 1000 Fällenkonstatierennichts weiter als ein ganz überflüssiger Henkel für einen Aussagesatz. Man sagt nicht: der Hund hat einen Schwanz, sondern mankonstatiert, daß der Hund einen Schwanz hat.
[184]In einem längern Aufsatze, worinMomentundFaktorjedes etwa ein Dutzend mal vorkamen, machte ich mir den Spaß, sie regelmäßig miteinander zu vertauschen. Als ich die Druckkorrektur des Verfassers erhielt, sah ich, daß er nicht das Geringste davon gemerkt hatte. Was müssen das für Wörter sein, mit denen man sich solche Scherze erlauben kann! Ein rechtes Kreuz sind diegesetzgebenden Faktoren; könnte man die doch irgendwie los werden!
[184]In einem längern Aufsatze, worinMomentundFaktorjedes etwa ein Dutzend mal vorkamen, machte ich mir den Spaß, sie regelmäßig miteinander zu vertauschen. Als ich die Druckkorrektur des Verfassers erhielt, sah ich, daß er nicht das Geringste davon gemerkt hatte. Was müssen das für Wörter sein, mit denen man sich solche Scherze erlauben kann! Ein rechtes Kreuz sind diegesetzgebenden Faktoren; könnte man die doch irgendwie los werden!
[185]Schon Schiller schreibt 1797 an Goethe: Sie müssen eineEpochegehabt haben, die ich Ihre analytischePeriodenennen möchte.
[185]Schon Schiller schreibt 1797 an Goethe: Sie müssen eineEpochegehabt haben, die ich Ihre analytischePeriodenennen möchte.