Das Binde-s

Das Binde-s

In ganz unerträglicher Weise greift jetzt das unorganisch eingeschobne s in zusammengesetzten Wörtern um sich. InHimmelstor,Gotteshaus,Königstochter,Gutsbesitzer,Feuersnot,Wolfsmilchkann man ja überall das s als die Genitivendung des männlichen oder sächlichen Bestimmungswortes auffassen, wiewohl es auch solche Zusammensetzungen gibt, in denen der Genitiv keinen Sinn hat, das s also nur als Bindemittel betrachtet werden kann, z. B.Rittersmann,segensreich(Schiller hat in der Glocke noch richtigsegenreiche Himmelstochtergeschrieben). Aber wie kommt das s an Wörter weiblichen Geschlechts, die gar keinen Genitiv auf s bilden können? Wie ist man dazu gekommen, zu bilden:Liebesdienst,Hilfslehrer,Geschichtsforscher,Bibliotheksordnung,Arbeitsliste,Geburtstag,Hochzeitsgeschenk,Weihnachtsabend,Fastnachtsball,Zukunftsmusik,Einfaltspinsel,Zeitungsschreiber,Hoheitsrecht,Sicherheitsnadel,Wirtschaftsgeld,Konstitutionsfest,Majestätsbeleidigung,ausnahmsweise,rücksichtsvoll,vorschriftsmäßig?

Dieses Binde-s stammt ebenso wie das falsche Plural-s (vgl.S. 23) aus dem Niederdeutschen. Dort wird es wirklich aus Verlegenheit gebraucht, um von artikellosen weiblichen Hauptwörtern einen Genitiv zu bilden, natürlich immer nur dann, wenn er dem Worte, von dem er abhängt, voransteht, wieMuttersLiebling, vorSchwesters Tür,MadamesGeschenk (Lessing:Antwortsgenug, überNatursGröße), und so ist aus diesem Verlegenheits-s dann das Binde-s geworden. Es gehört aber erst der neuern Zeit an. Im Mittelhochdeutschen findet es sich nur vereinzelt, erst im Neuhochdeutschen ist es eingedrungen, hat sich dann mit großer Schnelligkeit verbreitet und sucht sich noch immer weiter zu verbreiten. Schon fängt man an zu sagen:Doktorsgrad,Wertspapiere,Raumsgestaltung,Gesteinsmassen,Gewebslehre,Gesangsunterricht,Kapitalsanlage,Inventursaufnahme,Examensvorbereitung,Aufnahmsprüfung,Einnahmsquelle,teilnahmslos,Niederlagsraum,Schwadronsbesichtigung, ja in einzelnen Gegenden Deutschlands, namentlich am Rhein, sogar schonStiefelsknecht,Erbsmasse(statt Erbmasse),Ratshaus,Stadtsgraben,Nachtswächter,Zweimarksstück,Schiffsbruch,Kartoffelsbreiu. a. In Leipzig sind wir neuerdings mit einemKajütsbureaubeglückt worden (!), und die sächsischen Eisenbahnen reden seit einiger Zeit nur noch vonZugsverkehr,ZugsverbindungenundZugsverspätungen. Das widerwärtigste aber wegen ihrer Häufigkeit sind wohl die Zusammensetzungen mitMiets-undFabriks-: dasMietshaus, dieMietskaserne, derMietsvertrag, derMietspreis, derFabriksdirektor, dasFabriksmädchen, das tollste der inrheinischen Städten üblicheStehsplatzund derVerpflegsdienst. Das Binde-s hinter einem Verbalstamm eingeschmuggelt!

NureineWortgattung hat sich des Eindringlings bis jetzt glücklich erwehrt: die Stoffnamen. VonGold,Silber,Wein,Kaffee,Mehl,Zuckerusw. wird nie eine Zusammensetzung mit dem Binde-s gebildet. Nur mitTabakhat man es gewagt:Tabaksmonopol,Tabaksmanufaktur, natürlich durch das verwünschte k verführt. DerFabrikstabakund dieTabaksfabriksind einander wert. DieTabakspfeifegeht freilich schon weit zurück.

Wo das falsche s einmal festsitzt, da ist nun freilich jeder Kampf vergeblich, und das ist der Fall bei allen Zusammensetzungen mitLiebe,Hilfe,Geschichte, hinter vielen weiblichen Wörtern, die auf t endigen, ferner bei allen, die mitung,heit,keitundschaftgebildet sind, endlich bei den Fremdwörtern aufionundtät. Hier jetzt noch den Versuch zu machen, das s wieder loszuwerden, wäre wohl ganz aussichtslos.[50]Wo es sich aber noch nicht festgesetzt hat, wo es erst einzudringen versucht, wie hinterFabrikundMiete, da müßte doch der Unterricht alles aufbieten, es fernzuhalten, das Sprachgefühl für den Fehler wieder zu schärfen.[51]Es ist das nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick scheint, denn dieses Binde-s ist ein solcher Wildling, daß es nicht die geringste Folgerichtigkeit kennt. Warum sagt manRindsleder,Schweinsleder,vertragsbrüchig,inhaltsreich,beispielsweise,hoffnungslos, da man dochKalbleder,Schafleder,wortbrüchig,gehaltreich,schrittweise,gefühllossagt? Hie und da scheint wieder der Wohllaut im Spiele zu sein, aber doch nicht immer.

NachHilfewird übrigens in der guten Schriftsprache ein Unterschied beobachtet: man sagtHilfsprediger,Hilfslehrer,Hilfsbremser,hilfsbedürftigundhilfsbereit, auchaushilfsweise, dagegenHilferufundHilfeleistung, weil man bei diesen beiden das Akkusativverhältnis fühlt, bei den übrigen bloß die Zusammensetzung. Ähnlich ist es mitArbeitgeberim Gegensatz zuArbeitsleistung,Arbeitsteilung, mitstaatserhaltendundvaterlandsliebendim Gegensatz zukriegführend,rechtsuchend,betriebstörend. Niemand redet vonkriegsführendenMächten, auch nicht vonKriegsführung, weil hier die einzelne Handlung vorschwebt und deshalb der Akkusativ (Krieg) deutlich gefühlt wird, währendvaterlandsliebendundstaatserhaltendeine dauernde Gesinnung bezeichnen. Was nützt aber die Freude über diesen feinen Unterschied? In der nächsten Zeitungsnummer stößt man auf dengeschäftsführendenAusschuß, auf dieverkehrshinderndeBarriere und auf dievertragsschließendenParteien.[52]


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