Das Partizipium. Die stattgefundne Versammlung
Partizipia hat unsre Sprache nur zwei: ein aktives in der Gegenwart (einbeißenderHund, d. i. ein Hund, der beißt), und ein passives in der Vergangenheit (eingebissenerHund, d. i. ein Hund, dergebissen wordenist).[73]Für die Gegenwart fehlt es an einem passiven, für die Vergangenheit an einem aktiven Partizipium; weder ein Hund, der gebissenwird, noch ein Hund, der gebissenhat, kann durch ein Partizip ausgedrückt werden.[74]Nur wirkliche Passiva von transitiven Zeitwörtern und im Aktiv solche Intransitiva, die sich zur Bildung der Vergangenheit des Hilfszeitwortsseinbedienen (gehen,laufen,sterben), können ein Partizip der Vergangenheit bilden (gegangen,gelaufen,gestorben).
Diese Schranke hat aber nicht immer bestanden. In der ältern Zeit ist das Partizipium der Gegenwart auch im passiven Sinne gebraucht worden. Noch im achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sagte man ganz unbedenklich: zu einervorhabenden Reise, zu seinemvorhabendenneuenBau, sein vor dem Torebesitzendes Haus, das gegen michtragende Vertrauen, laut der in Händenhabenden Urkunde, die Briefe des sich von meinerunterhabenden Kompagnieselbst entleibten (!) Unteroffiziers, er nahm demErschlagnen die bei sichtragenden Pretiosenab, wir konnten uns nur mit Mühe denbedürfenden BissenBrot verschaffen usw., ja man sprach sogar vonessender Ware(statt vonEßware). Aber diese Erscheinung ist doch nach und nach durch den Unterricht beseitigt worden. Höchst selten kommt es vor, daß man in einer Zeitung noch heute einen Satz liest wie: er hatte nichts eiligeres zu tun, als ihm einein der Hand haltende Flaschean den Kopf zu werfen. Verkehrt aber wäre es, diefahrende Habemit unter diese Ausdrücke zu rechnen, denn hier hat das Partizip wirklich aktiven Sinn, wie bei demfahrenden Volke: der Fuhrmannführtdie Habe, die Habe aberwird geführt, oder siefährt(vgl.S. 56).
Andrerseits hat man nach dem Beispiel der intransitiven Partizipia schon frühzeitig angefangen, auch passive Partizipia von transitiven Zeitwörtern aktivisch zu verwenden. Einzelne Beispiele davon haben sich so in der Sprache eingebürgert, daß sie gar nicht mehr als falsch empfunden werden; man braucht nur an Verbindungen zu denken wie: eingeschwornerBote, einabgesagterFeind, eingedienterSoldat, eingelernterKellner, einstudierterMann, einerfahrnerArzt, einverdienterSchulmann usw. Alle diese Partizipia haben aktive Bedeutung, auch derabgesagteFeind, der natürlich ein Feind ist, der einer Person oder einer Sacheabgesagt, ihr gleichsam die Absage geschickthat; aber sie werden kaum noch als Partizipia gefühlt, man fühlt und behandelt sie wie Adjektiva. Auch Verneinungen solcher Partizipia sind gebildet worden, wieungepredigt,ungefrühstückt: er mußteungepredigtwieder von der Kanzel gehen. Aber auch diese Verirrung ist doch im Laufe der Zeit durch den Unterricht beseitigt worden, und heute erscheint es uns unerträglich, zu sagen: der vormals zu diesem HausegehörteGarten, die zwischen den ParteiengewalteteUneinigkeit, eine im vorigen JahrhundertobgeschwebteRechtssache, durch Dekoration leichtgelitteneArtikel, die dem FestebeigewohntenMitglieder, die an der FeierteilgenommenenOffiziere, Nacht verhüllte seinen ihmso langegestrahltenGlücksstern,[75]und nun vollends in Verbindung mit einem Objekt: die das ZeitlichegesegnetenMitglieder, das den LokomotivführerbetroffneUnglück, eine inzwischen GesetzeskrafterlangteÜbereinkunft, die im vorigen Jahre eingerichtete und sehr günstige AufnahmegefundneAuskunftsstelle, trotz ihres hohen nun schon ein JahrhundertüberschrittnenAlters. Vor allem aber unerträglich erscheinen diestattgehabteund diestattgefundneVersammlung. Je häufiger die beiden Zeitwörterstatthabenundstattfinden– namentlich das zweite – ohnehin in unsrer Amts- und Zeitungssprache verwandt werden, je lebendiger man sie also als Zeitwörter, und zwar als aktive, mit einem Objekt verbundne Zeitwörter (Statt finden, d. h. Platz finden) fühlt, desto widerwärtiger sind für jeden Menschen, der sich noch etwas Sprachgefühl bewahrt hat, diese zahllosenstattgefundnenVersammlungen, Beratungen, Verhandlungen, Wahlen, Prüfungen, Untersuchungen, Audienzen, Feuersbrünste usw.[76]
Sie sind aber doch so kurz und bequem, soll man denn immer Nebensätze bilden? Nein, das soll man nicht; aber man soll ein klein wenig nachdenken, sich in dem Reichtum unsrer Sprache umsehen und dann schreiben: dieveranstalteteFeier, dieabgehaltneVersammlung, dievorgenommneAbstimmung, dieangestellteUntersuchung, diebewilligteAudienz, dieausgebrochneFeuersbrunst usw., oder man soll, was in tausend Fällen das gescheiteste ist, das müßige Partizipium ganz weglassen. Diestattgefundne Untersuchungergab – kann denn eine Untersuchung etwasergeben, dienichtstattgefunden hat? In R. ereignete sich bei einerstattgehabten Feuersbrunstdas Unglück – kann sich auch ein Unglück ereignen bei einer Feuersbrunst, die nicht stattgehabt hat? Über denstattgefundnen Wechselim Ministerium sind unsre Leser bereits unterrichtet – können die Leser auch unterrichtet sein über einen Wechsel, dernichtstattgefunden hat?
Nicht viel besser als diestattgefundnenVersammlungen sind aber auch der bei einem Meister in Arbeitgestandne Geselleund der seit langer Zeit hierbestandne Saatmarkt, das früherbestandne Hindernisund das langebestandnefreundschaftlicheVerhältnis. Freilich sagt man in Süddeutschland: erist gestanden(vgl.S. 59), und erist bestanden[77]; aber in der Schriftsprache empfindet man das doch als Provinzialismus. Es gibt aber sogar Schulräte, die nicht bloß vonbestandnen Prüfungen, sondern auch vonbestandnen Kandidatenreden! Dann darf man sich freilich nicht mehr über die Zeitungschreiber und die Kanzlisten wundern.[78]