Der Gesichtspunkt und der Standpunkt

Der Gesichtspunkt und der Standpunkt

Ein Modewort, mit dem ein ganz törichter Mißbrauch getrieben wird, der zu einer Unmasse von Bildervermengungen führt, istGesichtspunkt. Das Wort bedeutet den Punkt, von dem aus man etwas ansieht, wieStandpunktden Punkt, auf den man sich gestellt hat, um etwas anzusehen. Beides ist so ziemlich dasselbe. Man sollte doch nun meinen, das Bild, das in diesen Ausdrücken liegt, wäre so klar und deutlich, daß es gar nicht vergessen werden könnte:StandpunktundGesichtspunktbedeuten durchaus etwas räumliches, einen Punkt im Raume. Da ist es nun schon verkehrt, wie es manche sehr lieben, vongroßenoderallgemeinen Gesichtspunktenzu reden. Man kann sich weder unter einem großen noch unter einem allgemeinen Punkt etwas denken. Offenbar wird hier der Gesichtspunktmit dem Gesichtskreiseverwechselt. Wenn ich mich hoch aufstelle und die Dinge von oben betrachte, so überblicke ich mehr, als wenn ich unten mitten unter den Dingen stehe. Es ändert sich dann auch der Maßstab der Betrachtung: was mir unten groß, im übertragnen Sinne wichtig, bedeutend erschien, schrumpft zusammen, ja verschwindet vielleicht ganz, wenn ich es von oben betrachte. Man kann also wohl vonhohenundniedrigenGesichtspunkten reden, aber nicht vongroßenundkleinen. Der Geist ist klein, der sich nicht zu höhern Gesichtspunkten aufschwingen kann, auch der Gesichtskreis eines solchen Geistes ist klein, aber ein Punkt ist und bleibt – ein Punkt, er kann weder klein noch groß sein.

Was muß sich aber der Gesichtspunkt sonst noch alles gefallen lassen! Er wird nicht nurberührt,dargelegt,ausgeführt, er wird auchbeachtet,ins Auge gefaßt,betont,hervorgehoben,geltend gemacht,aufgestellt,herausgestellt,in den Vordergrundgestellt,zur Diskussion gestellt,verworfen, erwird eröffnet,zugrunde gelegt,gewonnen, er wirdin die Wagschale geworfen, und zwar so, daß erins Gewicht fällt, er istmaßgebend, erberührt sichmit etwas, man tut etwasunterihm, es wird etwas von ihmabgeleitet, esentspringtihm etwas usw. Der Leser schüttelt den Kopf? Hier sind die Beispiele: zum Schluß möchte ich noch zweiGesichtspunkte berühren– erlegte die Gesichtspunkte dar, die den Ausschuß veranlaßt hätten, die Versammlung zu berufen – es würde mich zu weit führen, wenn ich den angedeutetenGesichtspunktnäherausführenwollte – die Prügelstrafe ist nicht nur brutal, sie ist auch ehrenrührig, und diesen wichtigenGesichtspunktmuß man vor allen Dingenbeachten– diesenGesichtspunkt faßteKurfürst August jetztins Auge– als der Redner diesenGesichtspunktscharfbetonte– erfreulich ist es, daß der Herzog für das Gefühl vaterländischer Ehre empfänglich ist und bei der Berücksichtigung der Muttersprache diesenGesichtspunktbesondershervorhebt– neueGesichtspunktewurden in der Debatte nichtgeltend gemacht– es sind hierGesichtspunkte aufgestellt, die in der Tatzur Diskussion gestelltwerden müssen – er wußte immer sofort die höhernGesichtspunkte herauszustellen– man kann den Mittelstand sehr verschieden abgrenzen,jenach denGesichtspunkten, die manin den Vordergrund stellt– auch derGesichtspunkt, daß (!) man mit einer stattlichen Schrift dem Auslande imponieren müsse, ist nichtzu verwerfen– diese Bestimmungeröffnetfür die Geschichte der Innung einen neuenGesichtspunkt– überhaupt möchten wir auf denGesichtspunkthinweisen, den alle Gerichte ihren Rechtsprechungen auf diesem Gebietezugrunde zu legenhaben – ich hoffe, daß sich aus meiner Darlegung gesunde (!)Gesichtspunktewerdengewinnen lassen– hierfallenfinanzielle (!)Gesichtspunkteschwerins Gewicht– diese Frage bildet denmaßgebenden Gesichtspunkt, von dem aus wir dem Problem näher treten – dieserGesichtspunktder Theaterdirektionberührt sichin mannigfacher Beziehung mit dem Interesse des Publikums – der Theologie wandte er nurunter dem Gesichtspunkte, jederzeit brauchbare Kirchendiener zu haben, seine Fürsorge zu – die allgemeinenGesichtspunkte, aus denen sich der kritische Vorrang der Originaldrucke lutherischer Schriftenableiten läßt, sind folgende – eine innere Kolonisation, die den oben gekennzeichnetenGesichtspunkten entspringtusw. In allen diesen Sätzen ist von dem Bilde, das in dem WorteGesichtspunktliegt, keine Spur mehr zu finden. Es bedeutet etwas ganz andres, es steht fürUmstand,Tatsache,Grund,Ansicht,Gedanke, ja bisweilen steht es für – gar nichts, es wird als bloßes Klingklangwort gebraucht. Oder bedeutet der Satz: neueGesichtspunktewurden nicht geltend gemacht – irgend etwas andres als: neueGedankenwurden nicht vorgebracht? der Satz: zum Schluß möchte ich nochzwei Gesichtspunkteberühren – irgend etwas andres als: zum Schluß möchte ich nochzweierleiberühren? Das völkerpsychologischeMoment(!) ist für ihn dermaßgebende Gesichtspunkt– kann man einen einfachen und einfach auszudrückenden Gedanken in einen unsinnigern Wortschwall einhüllen? Von solchen Sätzen wimmelt es aber jetzt in Büchern, Broschüren und Aufsätzen; Tausende lesen darüber weg, haben das dumpfe Gefühl, irgend etwas gelesen zu haben, aber denken können sie sich gar nichts dabei.

Infolge des fortwährenden Mißbrauchs ist es geradezu dahin gekommen, daß dieses gute Wort, das ein so klares und deutliches Bild enthält, und das bisweilen gar nicht zu entbehren ist, einen lächerlichen Beigeschmack angenommen hat, sodaß man es in der Unterhaltung kaum noch anders als spöttisch gebrauchen kann. Eine weitere Folge ist, daß nun gewisse Leute, um das Wort zu vermeiden, es durchGesichtswinkelersetzt haben, das freilich gleich von vornherein mit Recht dem Spott verfallen ist.

Derselbe Unfug wie mit demGesichtspunkthat aber neuerdings nun auch mit demStandpunktbegonnen. Niemand hat mehr eineAnsichtoder eineMeinung, alle Welt hat nur noch einenStandpunkt. Eine Meinung kann man ändern, eine Ansicht berichtigen – das ist nichts. Aber ein Standpunkt – alle Hochachtung! – das ist etwas. Ein Standpunkt ist unverrückbar, der kommt gleich nach der Weltanschauung. Manstehtauf einemStandpunkt,stellt sichauf einenStandpunkt,vertritteinenStandpunktusw., und das schönste dabei ist, daß man von dem WorteStandpunkt(ganz so wie früher vonMeinung) einen Objektsatz abhängig macht, ja sogar einen Infinitiv, als ob es soviel bedeutete wieRegeloderGrundsatz, und schreibt: ich stehe auf demStandpunkte, daßman dieses Verbot wieder aufheben sollte – ich stehe auf demStandpunkte, daßman zwischen Leipzig und Berlin ohne umzusteigen fahren können müßte – die Gesellschaft steht auf demStandpunkte, daßdie Stadtgemeinde berechtigt sei, unentgeltliche Abtretung der Straßenfläche zu verlangen – derStandpunkt, daßein Reisender, der auf derselben Linie zurückfährt, durch eine Preisermäßigung belohnt werden müsse, ist ein (!) völlig antiquierter – wir haben stets denStandpunktvertreten,daßzwischen Deutschland und England kein vernünftiger Grund zur Feindschaft vorliege – man findet heute oft denStandpunktvertreten,daßdas Kleinbürgerhaus eine überwundne Form bedeute (sei!) – wir stellen uns auf den gewiß empfehlenswertenStandpunkt, in schwankenden Fällen das überflüssige Binde-s zu vermeiden. Man sieht: auch derStandpunktist nahe daran, zum Gassenhauer zu werden; in Vereinssitzungen wie in öffentlichen Versammlungen ergreift niemand das Wort, der nicht sofort erklärte, daß er auf irgendeinemStandpunktstehe.


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