Der unerkennbare Konjunktiv

Der unerkennbare Konjunktiv

Die eine Grenze liegt in der Sprachform unsrer Konjunktive. Der Konjunktiv der Gegenwart hat nämlich jetzt im Deutschen nur zwei (oder drei) Formen, in denen er sich von dem Indikativ unterscheidet: die zweite und die dritte Person der Einzahl (und allenfalls die zweite Person in der Mehrzahl); in allen übrigen Formen stimmen beide überein. Nur das Zeitwortseinmacht seine Ausnahme, und die Hilfszeitwörtermüssen,dürfen,können,wollen,mögenundsollen; die haben einen durchgeführten Konjunktiv des Präsens:ich sei,du seist,er sei,ich müsse,du müssest,er müsse. Im Plural unterscheiden sich aber die beiden Modi auch bei den Hilfszeitwörtern nicht. Nur in der zweiten Person heißt es im Indikativwollt,müßt, im Konjunktivwollet,müsset; eigentlich sind aber auch diese Formen gleich, man hat nur im Konjunktiv das e bewahrt, das man im Indikativ ausgeworfen hat. Die Formen nun, in denen der Konjunktiv nicht erkennbar ist, weil er sich vom Indikativ nicht unterscheidet, haben natürlich nur theoretischen Wert, sie stehen gleichsam nur als Füllsel in der Grammatik (um das Konjugationsschema vollzumachen), aber praktische Bedeutung haben sie nicht, im Satzbau müssen sie durch den Konjunktiv des Imperfekts ersetzt werden. Das geschieht denn auch in der lebendigen Sprache ganz regelmäßig, so regelmäßig, daß es beinahe ein Unsinn ist, wenn unsre Grammatiken lehren:Conj. praes.:ich trage,du tragest,er trage,wir tragen,ihr traget,sie tragen. Solche Schattenbilder sollten gar nicht in der Grammatik stehen, es könnte einfach gelehrt werden:Conj. praes.:ich trüge,du tragest,er trage,wir trügen,ihr trüget,sie trügen. Dieser Gebrauchsteht schon lange so fest, daß er selbst dann gilt, wenn das regierende Verbum in der Gegenwart steht, also – gegen dieconsecutio temporum. Unsre guten Schriftsteller haben ihn denn auch fast immer beobachtet. Nicht selten springen sie in einer längern abhängigen Rede scheinbar willkürlich zwischen dem Konjunktiv des Präsens und dem des Imperfekts hin und her; sieht man aber genauer zu, so sieht man, daß das Imperfekt immer nur dazu dient, den Konjunktiv erkennbar zu machen – ganz wie in der lebendigen Sprache. Nun unterscheidet sich zwar der Konjunktiv des Imperfekts, zu dem man seine Zuflucht nimmt, bisweilen auch nicht von dem Indikativ des Imperfekts. Wenn er aber in der abhängigen Rede zwischen erkennbaren Konjunktiven der Gegenwart und abwechselnd mit ihnen erscheint, so wird er eben nicht als Indikativ gefühlt, sondern hier ist er das einzige Mittel, das Konjunktivgefühl aufrecht zu erhalten. Ganz dasselbe gilt natürlich von dem Konjunktiv des Perfekts und des Plusquamperfekts; der erste ist, abgesehen von den zwei erkennbaren Formen:du habest gesagt,er habe gesagt, für die lebendige Sprache so gut wie nicht vorhanden, er muß überall durch den des Plusquamperfekts ersetzt werden:ich hätte gesagt,wir hätten gesagtusw.

Nun vergleiche man damit die klägliche Hilflosigkeit unsrer Papiersprache! Da wird geschrieben: es ist eine Lüge, wenn manbehauptet, daß wir die Juden nurangreifen, weil sie Juden sind. Es muß unbedingt heißen:angriffen, denn es muß der Konjunktiv stehen, und das Präsensangreifenwird nicht als Konjunktiv gefühlt. Zu folgenden falschen Sätzen mag das richtige immer gleich in Klammern danebengesetzt werden: es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, daß sich die Ziele hieraus von selbstergeben(ergäben!) – wie oft wird geklagt, daß die Diener des Staats und der Kirche von der Universität nicht die genügende Vorbildung für ihren Berufmitbringen(mitbrächten!) – von dem Gedanken, daß in Lothringen ähnliche Verhältnissevorliegen(vorlägen!) wie in Posen, muß ganz abgesehen werden – es war eine ausgemachte Sache, daßich in Kriegsdienst zu tretenhabe(hätte!) – es gibt noch Leute, die ernstlich der Meinung sind, daß die Nationalliberalen 1866 das Deutsche Reichhaben(hätten!) gründen helfen – es wird mir vorgeworfen, daß ich die ursprüngliche Reihenfolge ohne zureichenden Grund verlassenhabe[66](hätte!) – H. Grimm geht von der Voraussetzung aus, daß ich den Unterricht in der neuern Kunstgeschichte an der Berliner Universität bekrittelthabe(hätte!) – am Tage meiner Abreise konnte ich schreiben, daß ich die Taschen voll gewichtiger Empfehlungenhabe(hätte!) – da mußte ich erkennen, daß ich für mein wissenschaftliches Streben nicht die gehoffte Förderung zu erwartenhabe(hätte!) – der Verfasser ist der Meinung, das Verbrechenmüsseals gesellschaftliche Erscheinung betrachtet und bekämpft werden, zu seiner Ergründungmüssen(müßten!) die Ergebnisse der Gesellschaftswissenschaft berücksichtigt werden – man behauptet, daß die Lehren des Talmud veraltetseienund nicht mehr befolgtwerden(würden!) – ich schrieb ihm, daß ich die Verantwortung nicht übernehmenkönne, sondern die anstößigen Stellen beseitigenwerde(würde!)[67]– er erhebt den Vorwurf gegen uns, daß wir damit ein bloßes Wahlmanöverbezwecken(bezweckten!) – er hatte vor seinem Tode den Wunsch geäußert, die Soldatenmögen(möchten!) nicht aufseinen Kopf zielen – der Verfasser sucht nachzuweisen, daß die behaupteten Erfolge nichtbestehen(bestünden!) – durch die Städte und Dörfer eilte die Schreckenskunde, daß Haufen französischer Freischärler den Rhein überschrittenhaben(hätten!) und sich sengend und brennend über das Landergießen(ergössen!) – ich hatte ihm bei der letzten Besprechung gesagt, ichbegreife(begriffe!) sehr wohl, daß unser Verhältnis nicht wieder angeknüpft werden könne usw.

Daß die Verfasser dieser Sätze den Indikativ hätten gebrauchen wollen, ist nicht anzunehmen; sie haben ohne Zweifel alle die redliche Absicht gehabt, einen Konjunktiv hinzuschreiben. Aber sie haben alle jenes Papiergespenst erwischt, das in der Schulgrammatik, um das Kästchen der Konjugationstabelle zu füllen, als Konjunktiv des Präsens oder des Perfekts dasteht, aber in der Satzbildung dazu völlig unbrauchbar ist.

Ganz entsetzlich zu lesen sind Zeitungsberichte über „stattgefundne“ Versammlungen und die dabei „stattgefundnen“ Debatten. Was die Redner da gesagt haben, erscheint ja in den Berichten in abhängiger Rede. Aber von Anfang bis zu Ende wird alles mechanisch in den Konjunktiv der Gegenwart gesetzt, dazwischen noch so und so viel Indikative. Da aber mindestens fünfzig von hundert solchen Konjunktiven gar nicht als solche gefühlt werden können, so taumeln die Berichte nun unausgesetzt zwischen Konjunktiv und Indikativ hin und her. Auch Protokolle werden jetzt zum größten Teil so abgefaßt.


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