Derjenige, diejenige, dasjenige

Derjenige, diejenige, dasjenige

Noch in anderm Sinne alsderselbeist das schöne Kanzleiwortderjenigeein Papierpronomen: es ist eigens für die Papiersprache erfunden worden.Derjenigeist im sechzehnten Jahrhundert aus einem vorhergegangnender jeneentstanden, wiederselbige, das zum Glück wieder verschwunden ist, ausder selbe. Es hat keinen andern Zweck und keine andre Aufgabe, als das betonte, langederder lebendigen Sprache, das determinative Fürwort, das vor Relativsätzen und vor abhängigen Genitiven steht, auf dem Papier zu ersetzen. Den Ton und die Länge kann man ja weder schreiben noch drucken, wenigstens ist es nicht üblich,dēroderdérzu schreiben[110]; also hilft man sich, so gut man kann. Der eine läßt das der sperren (wie auchein, wenn es so viel heißen soll wieein einziger), ein andrer greift zujener, wie es in Österreich beliebt ist, in der Regel aber schreibt und druckt manderjenige. Wenn man spricht, sagt man zwar: als er endlichdenWeg einschlug,derzum Ziele führen mußte; aber drucken läßt man: als er endlichdenjenigen Wegeinschlug,welcherzum Ziele führen mußte.

Wenn aber nunderjenigeallein steht, ohne Hauptwort hinter sich, z. B.: selbstdiejenigen, welche dieSchaffung eines allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches nicht ganz ablehnten – kein Scharfsinn hätte eine bessere Lösung finden können alsdiejenige, welche dieVerhältnisse zuletzt aufzwangen – die größten Menschen sinddiejenigen, welche dieKultur einer eben dahinsinkenden Epoche noch einmal zusammenfassend verkörpern – da ist es doch wohl ganz unentbehrlich? Nun, in der lebendigen Sprache sagt man getrost: selbstdie, die dieSchaffung eines Gesetzbuches nicht ganz ablehnten – eine bessere Lösung alsdie, die dieVerhältnisse zuletzt aufzwangen. Aber das ist ja wieder das Schreckgespenst des Papiermenschen: nicht zwei-, nein dreimal hintereinander dasselbe Wort! – Wirklich? dasselbe Wort? Dreimal hintereinander dieselben drei Buchstaben: d–i–e; aber wer seine Ohren aufmacht, der hört doch drei verschiedne Wörter:dieh,die di– drei Wörter von ganz verschiedner Länge, und hinter dem ersten eine Pause. Das ist ja wie Musik, es hüpft und springt ja förmlich. Nun höre man dagegen dieses Schleppen und Schleichen und Schlurfen:diejenigen, welche die![111]

Nun vollends, daß in der lebendigen Sprache in tausend und aber tausend Fällen stattderjenige, welchereinfachwergesagt wird – also drei Laute statt sechs Silben! –, das ist dem Papiermenschen völlig unbekannt. Er schreibt:diejenigen, welchedie Absicht haben, Adjuvanten zu werden, lassen sich als Anwärter einschreiben. Ja er wäre imstande, das Sprichwort:werPech angreift, besudelt sich – oder den Kinderspruch:wermeine Gans gestohlen hat, der ist ein Dieb – oder den Goethischen Vers: nurwerdie Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide – zu verwandeln in:derjenige, welcherPech angreift –derjenige, welchermeine Gans gestohlen hat – nurderjenige, welcherdie Sehnsucht kennt usw.

Leider liegt hier einmal der Fall vor, daß eine Erscheinung der Papiersprache sogar in die lebendige Sprache eingedrungen ist, was gewiß selten geschieht. Aktenmenschen und Gewohnheitsredner bringen es fertig, in Sitzungen und Verhandlungen in einer Stunde dreißigmalderjenige, welcher zusagen. Selbst in der Unterhaltung der „Gebildeten“ kann man es hören; sie haben es eben gar zu oft in ihrer Zeitung gelesen. Aber die lebendige Sprache des Volks kennt es nicht; wenn es der Mann aus dem Volke in den Mund nimmt, so tut er es höchstens, um sich darüber lustig zu machen, er spricht es gleichsam mit Gänsefüßchen. Also du bistderjenige, welcher? fragt er höhnisch – na warte, Bursche! Oder er sagt: fällt mir gar nicht ein; wenn ein Unglück passiert, dann bin ichderjenige, welcher(nämlich: blechen muß), und zitiert damit gleichsam das Gesetzbuch oder die Polizeiverordnung, worin er die beiden Papierwörter auf jeder Seite gelesen hat.


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