Die Stiefeln oder die Stiefel?

Die Stiefeln oder die Stiefel?

Von den Hauptwörtern aufelundergehören alle Feminina der schwachen Deklination an; daher bilden sie den Plural:Nadeln,Windeln,Kacheln,Kurbeln,Klingeln,Fackeln,Wurzeln,Mandeln,Eicheln,Nesseln,Regeln,Bibeln,Wimpern,Adern,Nattern,Leitern,Klaftern,Scheuern,Mauern,Kammern; alle Maskulina und Neutra dagegen gehören zur starken Deklination, wieSchlüssel,Mäntel,Wimpel,Zweifel,Spiegel,Kessel,Achtel,Siegel,Kabel,Eber,Zeiger,Winter,Laster,Ufer,Klöster.[13]Die Regel läßt sich sehr hübsch bei Tische lernen: man vergegenwärtige sich nur die richtigen Plurale vonSchüsselundTeller,Messer,GabelundLöffel,Semmel,KartoffelundZwiebel,Auster,HummerundFlunder. Sie gilt, wie die Beispiele zeigen, ebenso für ursprünglich deutsche wie für Lehnwörter, und sie ist so fest, daß, wenn ein Lehnwort (wie es im Laufe der Sprachgeschichte oft geschehen ist) in ein andres Geschlecht übergeht, sofort auch die Pluralbildung wechselt. Im sechzehnten Jahrhundert sagte man noch in der Einzahldie Zedel(schedula), folglich in der Mehrzahldie Zedeln, im achtzehnten Jahrhundert noch inder Einzahldie Aurikel(auricula), folglich in der Mehrzahl dieAurikeln; heute heißt esder Zettel,das Aurikelund folglich die Mehrzahldie Zettel,die Aurikel. Also sind Plurale wieBuckeln,Möbeln,Stiefeln,Schlüsseln,Titeln,Ziegeln,Aposteln,Hummernfalsch und klingen gemein. NurMuskel,Stachel,PantoffelundHader(Lump, Fetzen) machen eine Ausnahme (dieMuskeln, dieStacheln, diePantoffeln, dieHadern), doch auch nur scheinbar, denn diese Wörter haben seit alter Zeit neben ihrer männlichen auch eine weibliche Singularform (ital.pantofola) oder, wieHader, eine schwache männliche Nebenform (desHadern), und die hat bei der Pluralbildung überwogen. Ein Fehler ist auch: dieTrümmern(inTrümmernschlagen); die Einzahl heißt: der oder dasTrumm(in der Bergmannsprache noch heute gebräuchlich), die Mehrzahl dieTrümmer. Wer noch gewöhnt ist,Angelals Maskulinum zu gebrauchen (Türangel ebenso wie Fischangel), wird die Mehrzahl bildendie Angel, wer es weiblich gebraucht, sagtdie Angeln. Ebenso ist es mitQuader; werQuadermännlich gebraucht, wird in der Mehrzahl sagen: dieQuader, wer es für weiblich hält, kann nur sagen: dieQuadern. DerOberkieferund derUnterkieferheißen zusammen dieKiefer; im Wald aber stehenKiefern. DieSchiffehabenSteuer(dasSteuer), der Staat erhebtSteuern(dieSteuer).

In der niedrigen Geschäftssprache machen sich jetzt aber noch andre falsche schwache Plurale breit. In Leipziger Geschäftsanzeigen muß man lesen:Muffen,Korken(auchKorkenzieher,Korkenfabrik),Stutzen(Federstutzen), auchKorsettenundJaquetten(als ob die EinzahlJaquetteundKorsettehieße!). Anständige Kaufleute werden sich vor solcher Gassensprache hüten.Muff,Kork,Stutzgehören in gutem Schriftdeutsch zur starken Deklination: derMuff, desMuffs, dieMüffe, derKork, desKorks, dieKorke; dieMuffensind eins der vielen Beispiele, wo sich – unter dem Einflusse Berlins – das Plattdeutsche, das man schon für abgetan hielt, wieder durchzusetzen versucht.


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