ZierbandDie Stoffnamen
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Zahllose Fehler und Geschmacklosigkeiten werden in der Wahl und der Anwendung der Wörter begangen.
Alle Stoffnamen wie:Wein,Bier,Blut,Eisen, können von Rechts wegen nur im Singular gebraucht werden, und so priesen denn auch früher unsre Kaufleute nur ihren gutenLackoderFirnisan, auch wenn sie noch so viel Sorten hatten. Von einigen solchen Wörtern hatte man aber doch gewagt, den Plural zu bilden, um die Mehrzahl der Sorten zu bezeichnen, und wir haben uns allmählich daran gewöhnt. Schon das sechzehnte Jahrhundert kannte die Plurale:die Bier,die Wein, im Faust heißt es: ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch ihreWeinetrinkt er gern, und die Chemie und die Technologie reden schon lange vonÖlenundFetten. Neuerdings wird aber doch diese Pluralbildung in unerträglicher Weise ausgedehnt; man empfiehlt nicht nurLacke,Firnisse,ÖleundSeifen, sondern auchMehle,Grieße,Essige,Salate,Honige,Tabake,Zwirne,Garne,Wollen(Strick- und Häkelwollen!),Tuche,Seiden,Flanelle,Plüsche,Tülle,Battiste,Kattune,Damaste,Barchente–Tees,Kaffees,Kakaos,Buckskinsusw. Diese Formen, die die immer rücksichtsloser werdende Reklamesprache unsrer Kaufleute geschaffen hat, haben etwas stammelndes, sie klingen wirklich wie Kindergelall. Wenn auf diesem Wege weitergegangen würde, müßte man in Zukunft auchWachse,Leime,Kalke,Porzellane, ja sogarFleische,Wurste,Korne,Glase,Stahleanpreisen können.DennWürste,Körner,Gläser,Stähle(Plättstähle sagt man in Leipzig) sind doch etwas andres, sie bezeichnen die einzelnen Stücke, aber nicht die Sorten; ähnlich dieKälke, von denen die Gerber früher sprachen. Die Geologen reden bereits vonSandenundTonen, statt von Sand- und Tonarten. Wo ist die Grenze? Und wie will man überhaupt eine Mehrzahl bilden vonSchiefer,Zucker,Obst,Milch,Butter,Käse,Leinwand,Flachs,Spiritus,Petroleum? Das Bedürfnis, die verschiednen Sorten auszudrücken, ist doch bei diesen Dingen gewiß ebenso stark wie bei andern. An der Firma einer Leipziger Handlung steht:Stahl aller Art. Wie vornehm klingt das! Man freut sich jedesmal, wenn man vorbeigeht. Wie dumm dagegen ist die MehrzahlAbfallseifen! Wenn es irgend etwas gibt, was man nicht in den Plural setzen kann, so ist es doch das Sammelsurium, daß man als „Abfallseife“ bezeichnet.
Ein wunderliches Gegenstück zu diesen anstößigen Pluralen ist es, daß von manchen Wörtern die Mehrzahl jetzt auffällig vermieden wird. Von den schönenHaareneiner Frau zu sprechen, gilt nicht für fein; nur daß sie schönesHaarhabe, hört sie gern. Und beim Schneider bestellt man sich nicht mehr neueHosen– das wäre ja ganz plebejisch! –, nein, eine neueHose. Was will man denn aber miteinerHose? Man hat doch zwei Beine, also wird man auch immer ein PaarHosenbrauchen.Hosebedeutet doch nur die zylinderförmige Hülse füreinBein. Vornehme Leute haben allerdings auch keine Beine mehr, sondern nur noch Füße. Ich habe mich an den Fuß gestoßen, sagt die feine Dame; wenn man sie aber nach der Stelle fragt, zeigt sie – auf den Oberschenkel.