Die fehlerhafte Zusammenziehung
Ein Fehler, der die mannigfachsten Spielarten zeigt, obwohl er im Grunde immer derselbe ist, entsteht durch jene äußerliche Auffassung der Sprache, die nicht nach Sinn und Bedeutung, sondern nur nach dem Lautbilde der Wörter fragt. Kehrt dasselbe Lautbild wieder, so glaubt es der Papiermensch das zweitemal ohne weiteres unterdrücken zu dürfen, obwohl es dieses zweitemal vielleicht einen ganz andern Sinn hat als das erstemal. Eine Abart dieses Fehlers ist schon früher besprochen worden: die Vernachlässigung des Kasuswechsels beim Relativpronomen (S. 130). Hierher gehört es aber auch, wenn man einen Fügewortsatz oder Fragesatz zugleich als Objekt und als Subjekt verwendet, z. B.: daß der Verfasser ein Jurist ist,kann manmit Händen greifen,hält ihnjedoch nicht ab – ob das Wort schon früher in Gebrauch war,können wirnicht feststellen,istauch ohne Belang. Oder wenn man ein Zeitwort gleichzeitig als selbständiges Zeitwort (oder Kopula) und als Hilfszeitwort verwendet und schreibt: erhatte sichaus kleinen Verhältnissenemporgearbeitetund wirklichdas Zeugzu einem tüchtigen Künstler – erwarvor kurzem erst ins Dorfgezogenund einkleiner, kugelrunderMann– erwurdespäter sächsischerMinisterund in den Freiherrnstanderhoben– jeden Morgen, wenn der Kaiserrasiertund derKopfHabys am Fenstersichtbar wird– oder gar: wenn ein Grenzsteinverrücktoderunkenntlich gewordenist (anstatt:verrückt wordenoderunkenntlich geworden) – glauben Sie nicht, daß eine Errungenschaft darin liegen würde, wenn Frauen medizinischgebildetundpraktizieren würden? (anstatt:gebildet würdenundpraktizierten)[131]. Ferner wenn man einpersönliches Fürwort zugleich als Dativ und als Akkusativ verwendet, z. B.:sichstets betastend und die Hände reichend – die Gelegenheit,sichkennen zu lernen, bzw. (!) näher zu treten – kurz alle Fälle, wo ein Wort gleichzeitig in zwei verschiednen Auffassungen gebraucht wird, also auch z. B.: in Halleistergestorbenundbegraben(wo das Perfektum das einemal einen Vorgang, das andremal einen Zustand bezeichnet) – die Pferde stürzten so unglücklich, daßdie Deichsel brach, das eine Pferd aberden Oberschenkel– er war darauf angewiesen, seinLeben, an das er großeAnsprüche machte, durch erbitterten Kampf gegen die Konkurrenz zugewinnen(woLebendas einemal alsLebensweise, das andremal alsLebensunterhaltgemeint ist).
Eine der häufigsten, aber auch widerwärtigsten Spielarten dieses groben logischen Fehlers ist es, ein Femininum und einen Plural unter demselben Artikel, Fürwort oder Adjektivum zusammenzukoppeln (vgl. englisch:the life and times) und zu schreiben:die Höhe und Formendes Gitters –die Umrahmung und Seitenflügeldes Altarbildes –die Metalle und Spektralanalyse–die Verbreitung und Ursachender Lungenschwindsucht –die Stellung und Ansprüchedes Zentrums – die Sicherungder Post und Transporte– die Analyseder Gestalten und KunstShakespeares – Handbuchder Staatswissenschaften und Politik– das Gebietder Mathematik und Naturwissenschaften– die Angabender Bevölkerungsdichtigkeit und Temperaturverhältnisse–seine Reue und Gewissensbisse– im Kreiseseiner Frau und drei Kinder– durchihre Taten und Hingebung– eine Darstellung ihrerSchicksale und Bauart– die Bühne, diekeine Dekoration und Kulissenkannte – die Gegnerder deutschen Landwirtschaft und Getreidezölle– zur Erforschungvaterländischer Sprache und Altertümer– trotzder papistischen Gesinnung und Bestrebungendes Herzogs usw.[132]
Aber auch da, wo Geschlecht und Numerus zweier Begriffe dieselben sind, ist es eine grobe Nachlässigkeit, sie unter einem Artikel unterzubringen und zu schreiben: die Zustimmungdes Bundesrats und Reichskanzlers– der Direktorder Bürger- oder Bezirksschule– eine Sitzungdes Bau-, Ökonomie- und Finanzausschusses– ein Ausflugnach dem Süßen und Salzigen See–der Rote und Schwarze Kocher–das alte und neue Buchhändlerhaus–die katholische und evangelische Kirche–der Renaissance- und Barockstil–das sächsische und schlesische Gebirge–die religiöse und weltliche Poesieder Juden –die weiße und rote Rose–das Sol- und Seebad– der Wertder klassischen und modernen Sprachen– die Knochen waren nicht die Überresteeines Frauen- und Kinderskeletts, sonderneines Ferkel- und Kaninchengerippes! Auch in diesen Fällen muß der Artikel unbedingt wiederholt werden; wird er nureinmal gesetzt, so erweckt das die Vorstellung, als ob sichs nur umeinenBegriff handelte. Niemand kann erraten, daß derBau-, Ökonomie- und Finanzausschußdrei verschiedne Ausschüsse sind.Der König von Preußen und Kaiser von Deutschland– das ist richtig, denn beides ist dieselbe Person;das belgische und deutsche Herrscherpaar– das ist falsch, denn das sind zwei verschiedene Paare.
Die Nachlässigkeit wird um so störender, wenn durch das im Plural stehende Prädikat oder auf irgendeine andre Weise noch besonders deutlich fühlbar gemacht wird, daß es sich um mehrere Begriffe handelt, z. B.: der deutsche Handel war bedeutender alsder englische und amerikanische zusammen–der Nominativ und Vokativ sindeigentlich keine Kasus –die erste und letzte Strophe zerfallenin zwei Hälften –der lyrische und epische Dichter bedürfendieses Mittels nicht – 1830starben der Bruder und Vater– westlich davonstehen die Thomas- und Matthäikirche– an der Nordseitebefinden sich der Dresdner, Magdeburger und ThüringerBahnhof– die Anlage, diedie Mit- und Nachweltan Bismarck zu bewundern alle Ursachehaben–zwischen (!) dem13.und15. Grade südlicher Breite – der Unterschiedzwischen (!) den staatlichen und kirchlichenEinrichtungen – wo ist die Grenzezwischen (!) der Wahrheit, die man mitteilen, und [der!], die man nicht mitteilen darf – die deutsche Umgangssprache schwanktzwischen dem Extrem barscher Kürze und bedientenhafter Redseligkeit– das Zentrum möchte einen Keil treibenzwischen den rechten und linken Flügeldes Blocks. Wie kann etwas „zwischen“ einem Grade liegen, „zwischen“ einem Extrem schwanken, „zwischen“ einen Flügel getrieben werden?
Bei mehr als zwei Gliedern kann die sorgfältige Wiederholung des Artikels freilich etwas schleppendes bekommen, und wo mehr aufgereiht als gegenübergestellt wird, da schreibe man getrost: mitden Geruchs-, Geschmacks- und Gefühlsnerven, die Gewohnheitendes Fastens, Beichtens und Betens, ein Schatzdes Wahren, Guten und Schönen. Wo aber unterschieden und gegenübergestellt wird, da muß auch der Artikel wiederholt werden. Darum steht auch auf dem Titelblatte dieses Buches: Grammatikdes Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen, denn jeder dieser drei Begriffe bezeichnet eine andre Art von Fällen. Manche glauben genug zu tun, wenn sie den Artikel bei einem Wechsel des Geschlechts wiederholen, und schreiben: die Gelübdeder Armut, Keuschheitunddes Gehorsams. Ganz irrig! Die Gleichmäßigkeit verlangt den Artikel bei jedem Gliede der Reihe.
Kein grammatischer, aber ein grober Denkfehler liegt vor in Verbindungen wie: Lager vonSchneider- und Schuhartikeln– Fabrik vonBambus-, Luxus- und Rohrmöbeln. Der Schneider kann nicht den Schuhen, Bambus oder Rohr nicht dem Luxus gegenübergestellt werden, denn Bambus und Rohr geben den Stoff an, Luxus den Zweck (oder die Zwecklosigkeit). Man könnte ebensogutKaffee-, Porzellan- und Teetassenverbinden.