Die sogenannte Inversion nach und

Die sogenannte Inversion nach und

Als Inversion (Umkehrung, Umstellung) bezeichnet man es in der deutschen Grammatik, wenn in Hauptsätzen das Prädikat vor das Subjekt gestellt wird. Mit Inversion werden alle direkten Fragesätze gebildet, aber auch Bedingungssätze, wenn sie kein Fügewort haben(hätte ich dichgesehen), und Wunsch- und Aufforderungssätze. Aber auch Aussagesätze müssen die Inversion haben, sobald sie mit dem Objekt, mit einem Adverbium oder einer adverbialen Bestimmung anfangen; es heißt:den Vater haben wir–dem Himmel haben wir–gestern haben wir–dort haben wir–schon oft haben wir–aus diesem Grunde haben wir–trotzdem haben wir–zwar haben wir–freilich haben wir–auch haben wirusw., nicht (wie im Französischen und im Englischen)gestern wir haben. Ebenso ist die Inversion in Aussagesätzen am Platze bei dem begründendendoch:habe ich es dochselber mit angesehen! Dagegen ist die Inversion völlig ausgeschlossen hinter Bindewörtern; es heißt:oder wir haben,aber wir haben,sondern wir haben,denn wir haben. Nur hinterund, das doch unzweifelhaft ein Bindewort ist, halten es viele nicht bloß für möglich, sondern sogar für eine besondre Schönheit, die Inversion anzubringen und zu schreiben:und haben wir. Der Amtsstil, der Zeitungsstil, der Geschäftsstil, sie wimmeln von solchen Inversionen nachund, viele halten sie für einen solchen Schmuck der Rede, daß sie selbst da, wo zwei Aussagesätze dasselbe Subjekt haben, es also genügte, zu sagen: die ersteLieferungist soebenerschienen und liegtin allen Buchhandlungen zur Ansicht aus – nur um die Inversion anbringen zu können (!), das Subjekt wiederholen, und zwar in der Gestalt des schönenderselbe, und schreiben: die erste Lieferung ist soeben erschienen,und liegt dieselbein allen Buchhandlungen zur Ansicht aus – dieFluchtlinieund dasStraßenniveau werdenvom Ratevorgeschrieben, und sind dieselbendieser Vorschrift entsprechend auszuführen. Bedarf es noch weiterer Beispiele? Wohl nicht. Sie stehen dutzendweise in jeder Zeitung. Der Beginn der Vorstellung ist auf sechs Uhr festgesetzt,und wollen wirnicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen – der Verein hat sich in diesem Jahre außerordentlich günstig entwickelt,und finden die Bestrebungendesselben allgemeine Anerkennung – die alte Orgel war sehr baufällig geworden,und wurde die Reparaturdem Orgelbaumeister Herrn G. übertragen – der Austernfang ist in letzter Zeit sehr ergiebig gewesen,und wurdenam Dienstag wieder 10000 Stück in die Stadt gebracht – sämtliche Stoffe sind von mir für Leipzig engagiert,und könnendaherdieselben Musternicht von andrer Seite geboten werden – die Ruine ist in zehn Minuten zu erreichen,und bietet sichunterhalb derselbenein herrliches Panorama– heute findet ein nochmaliges Ochsenbraten statt,und können wirden Besuch des Restaurants nur empfehlen – anders wird gar nicht geschrieben. Prof. X ist hier eingetroffen,und fand– na, was fand er denn? eine begeisterte Aufnahme? Gott bewahre! –und fandihm zu Ehrenein Festmahlstatt. Es gibt aber auch Frauen und Mädchen, die imstande sind, auf einer Postkarte zwei Inversionen anzubringen und damit Wunder was für ein feines Briefchen gedrechselt zu haben glauben: Nun sind die schönen Tage in Dresden bald vorüber,und sende ich Ihnenherzliche Grüße; mein Auftreten ist gut gelungen,und freue ich michnun wieder auf unsre gemütlichen Abende usw.

Einigermaßen erträglich wird die Inversion nachund, wenn an der Spitze des ersten Satzes eine adverbielle Bestimmung steht, die sich zugleich auf den zweiten Satz bezieht, z. B.:hierhört das Rostocker Stadtrecht aufund fängtdie gesunde Vernunft an –sowerden unsre Reichen mit Wintergemüse versorgtund wirddie Zahl der Genußmittel um einige überflüssige vermehrt –zum Glückgibt es noch anständige Meisterund nehmendie Fabriken einen großen Teil der jungen Leute auf –selbstverständlichgehört Freigebigkeit gegen die Priester zu den Hauptbestandteilen der Frömmigkeitund ist Geizgegen sie die größte aller Sünden –zur Pflege der Geselligkeitfand im Januar eine Christbescherung stattund wurdenim Laufe des Sommers mehrere Ausflüge unternommen –wo Hindernisse im Wege stehen(Adverbsatz), pflegt sich die Menge innerhalb des ersten Kreises zu haltenund kommtdie Überschreitung des zweiten nur selten vor.Man hat diesen Fall besonders die „Inversion nach Spitzenbestimmung“ genannt.

Auf keinem Kunstgebiete kann es ein so schlagendes Beispiel für die Verschiedenheit des Geschmacks geben wie auf dem Gebiete der Sprache die Inversion nachund. Der Beamte, der Zeitungschreiber, der Kaufmann hält sie für die größte Zierde der Rede; für den sprachfühlenden Menschen ist sie der größte Greuel, der unsre Sprache verunstaltet, sie geht ihm noch überseitens, über bzw., überselbstredend, überdiesbezüglich, sie erregt ihm geradezu Brechreiz. Sie ist ihm so zuwider, daß er sie auch nach der „Spitzenbestimmung“ nicht schreibt; selbst da gibt er lieber, um jeden Anklang an die widerwärtige Verbindung zu vermeiden, die Inversion, die der erste Satz mit Recht hat, im zweiten auf und schreibt:übrigenshatte diese Ordnung nichts puritanisches an sich,und das Jochder Sittenzuchtwarnicht übermäßig schwer (statt:und war das Joch).

Das Widerwärtige der Inversion liegt nicht nur in dem grammatischen Verstoß, sondern vor allem in der logischen Lüge: die Inversion sucht den Schein engerer, ja engster Gedankenverbindung zu erwecken, und doch haben die beiden Sätze, die so verbunden werden, inhaltlich gewöhnlich gar nichts miteinander zu tun. Darum ist auch die Inversion nur selten dadurch zu verbessern, daß man die beiden Hauptsätze in Haupt- und Nebensatz verwandelt, noch seltner dadurch, daß man Subjekt und Prädikat hinterundin die richtige Stellung bringt, sondern meist dadurch, daß man den Rat befolgt, den schon der junge Leipziger Student Goethe (offenbar nach einer Vorschrift aus Gellerts Kolleg über deutschen Stil) seiner Schwester Cornelia gab, wenn sie in ihren Briefen Inversionen geschrieben hatte: einen Punkt zu setzen, dasundzu streichen und mit einem großen Anfangsbuchstaben fortzufahren.

Die Inversion ist aber auch eins der merkwürdigsten Beispiele des wunderlichen Standpunkts, den manche Sprachgelehrten zu der Frage über Richtigkeit und Schönheit der Sprache einnehmen. Es gibt Germanisten, die sagen: mir persönlich (!) ist die Inversion auch unsympathisch(!), aber „eigentlich falsch“ kann man sie nicht nennen, denn sie ist doch sehr alt, sie findet sich schon im Althochdeutschen, im Mittelhochdeutschen, bei Luther, sehr oft im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, und ihre große Beliebtheit gibt ihr doch ein gewisses Recht. Als ob eine häßliche Spracherscheinung dadurch schöner würde, daß sie jahrhundertealt ist![141]Wer hat denn zu entscheiden, was richtig und schön sei in der Sprache: der sprachkundige, sprachgebildete, mit feinem und lebendigem Sprachgefühl begabte Schriftsteller, oder der Kanzlist, der Reporter und der „Konfektionär“? Ein Schriftsteller, der die Inversion nachundaufs strengste vermieden hat, ist Lessing. Ich denke, der wird genügen.[142]


Back to IndexNext