Eine Menge war oder waren?
Wenn das Subjekt eines Satzes durch ein Wort wieZahl,Anzahl,Menge,Masse,Fülle,Haufe,Reihe,Teilund ähnliche gebildet wird, so wird sehr oft im Prädikat ein Fehler im Numerus gemacht. Zu solchen Wörtern kann nämlich entweder ein Genitiv treten, der als Genitiv nicht erkennbar und fühlbar ist, sondern wie ein frei angeschlossener Nominativ erscheint (eineMenge Menschen) und deshalb sogar ein Attribut im Nominativ zu sich nehmen kann (eineMenge unbedeutende Menschen[59]), oder ein auf irgendeine Weise erkennbar gemachter Genitiv (eineMenge von Menschen, eineMenge unbedeutender Menschen); die eine Verbindung ist so gebräuchlich wie die andre. Nun ist wohl klar, daß in dem ersten Falle das Prädikat in der Mehrzahl stehn muß; der scheinbare NominativMenschentritt da so in den Vordergrund, daß er geradezu zum Subjekt, daher für die Wahl des Numerus im Prädikat entscheidend wird. Ebenso klar ist aber doch, daß in dem zweiten Falle das Prädikat nur in der Einzahl stehn kann, denn der abhängige GenitivvonMenschenbleibt im Hintergrunde, und entscheidend für den Numerus im Prädikat kann dann nur der SingularMengesein. Man kann zwar zu solchen Begriffen – nach dem Sinne – das Prädikat auch in die Mehrzahl setzen, aber doch nur, wenn sie allein stehen; durch den abhängigen deutlichen Plural-Genitiv wird das zusammenfassende, einheitliche in dem BegriffMengeso eindringlich fühlbar gemacht, daß es in hohem Grade stört, wenn man Sätze lesen muß wie: eine auserleseneZahl deutscher Kunstwerkesind gegenwärtig in Leipzig zu sehen – eine großeAnzahl seiner Erzählungen beginnenmit dem jugendlichen Alter des Helden – erfreulich ist es, daß eine großeAnzahl unsrer Ärzteschon über zehn Jahre ihren Dienst versehenhaben– die größereAnzahlder Lieder und Bearbeitungensindnicht frei – eineMenge abweichender Beispiele dürfennicht dazu verleiten, die Regel als ungiltig zu bezeichnen – außer den Seenmüssennoch eineMenge kleiner Kanälebenutzt werden – dem Reichsdeutschentretenin dem schweizerischen Schriftdeutsch eine ganzeMenge von Besonderheitenentgegen – von diesem schönen Unternehmenliegennun schoneine Reihevon Heften vor – eineReihe von Kunstbeilagen ermöglichendem Kunsthistoriker weitergehendes Studium – kaum ein halbesDutzend der vorzüglichsten Dramen findennachhaltige Teilnahme – der größteTeil der Grundbesitzer warengar nicht mehr Eigentümer – ein ganz geringerBruchteil der Stellen sindauskömmlich bezahlt – mindestens einViertel seiner Lieder stehenin jedem Gesangbuche – wer da weiß, wie schrecklich unbeholfen dieMehrzahl unsrer Knaben sind– dem ErfolgesteheneineFülle von verschiednen Bedingungenentgegen usw. Alle, die so schreiben, verraten ein stumpfes Sprachgefühl und lassen sich von dem Krämer beschämen, der in der Zeitung richtig anzeigt: ein großerPosten zurückgesetzter Unterröcke istbillig zu verkaufen. Besonders beleidigend wird der Fehler, wenn das Zeitwort im Plural unmittelbar vor dem singularischen Begriff der Menge steht.
Umgekehrt sind manche geneigt, alle Angaben von Bruchteilen als Singulare zu behandeln und zu schreiben: bei Aluminiumwird zwei Dritteldes Gewichts erspart – eswurde nur fünf Prozentder Masse gerettet. Hier ist der Singular natürlich ebenso anstößig wie in den vorher angeführten Beispielen der Plural.
Dem Deutschen eigentümlich ist die AnredeSie, eigentlich die dritte Person der Mehrzahl. Sie ist dadurch entstanden, daß man vor lauter Höflichkeit den Angeredeten nicht bloß, wie andre Sprachen, als Mehrzahl, sondern sogar als abwesend hinstellte. Man wagte gleichsam gar nicht, ihm unter die Augen zu treten und ihn anzublicken. Das pluralische Prädikat zu diesemSiewird aber nun sogar mit singularischen Subjekten verbunden, wieEure Majestät,Exzellenz,der Herr Hofrat(Goethe im Faust:Herr Doktor wurdenda katechisiert). So unnatürlich das ist, es wird schwerlich wieder zu beseitigen sein. Die wunderlichste Folge dieser Spracherscheinung ist wohl ein Satz wie der: Verzeihen Sie, daß ichSie, der Sieohnehin so beschäftigtsind, mit dieser Frage belästige.