Fachliche Bildung oder Fachbildung?
In beängstigender Weise hat in neuerer Zeit die Neigung zugenommen, statt des Bestimmungswortes einer Zusammensetzung ein Adjektiv zu setzen, also z. B. stattFachbildungzu sagen:fachliche Bildung. Sie hat in kurzer Zeit riesige Fortschritte gemacht, wie sie sich nur daraus erklären lassen, daß diese Ausdrucksweise jetzt für besonders schön und vornehm gilt. Früher sprach man vonStaatsvermögen,Gesellschaftsordnung,Rechtsverhältnis,Kriegsereignissen,Junkerregiment,Soldatenlaufbahn,Bürgerpflichten,Handwerkstraditionen,Geschäftsverkehr,Verlagstätigkeit,Sonntagsarbeit,Kirchennachrichten,Kultusordnung,Gewerbeschulen,Betriebseinrichtungen,Bergbauinteressen,Forstunterricht,Steuerfragen,Fachausdrücken,Berufsbildung,Amtspflichten,Schöpferkraft,Gedankeninhalt,Körperpflege,Lautgesetzen,Textbeilagen,Klangwirkungen,Gesangvorträgen,Frauenchören,Kunstgenüssen,Turnübungen,Studentenaufführungen,Farbenstimmung,Figurenschmuck,Winterlandschaft,Pflanzennahrung,Abendbeleuchtung,Nachtgespenstern,Regentagen,Landaufenthalt,Gartenanlagen,Nachbargrundstücken,Elternhaus,Endresultatusw. Jetzt redet man nur noch von staatlichemVermögen, gesellschaftlicherOrdnung, rechtlichemVerhältnis, kriegerischenEreignissen, junkerlichemRegiment, soldatischerLaufbahn, bürgerlichenPflichten, handwerklichenTraditionen, geschäftlichemVerkehr, verlegerischerTätigkeit, sonntäglicherArbeit, kirchlichenNachrichten, kultischer(!) Ordnung, gewerblichenSchulen, betrieblicherEinrichtung, bergbaulichenInteressen, forstlichemUnterricht, steuerlichenFragen, fachlichenAusdrücken, beruflicherBildung, amtlichenPflichten, schöpferischerKraft, gedanklichemInhalt, körperlicherPflege, lautlichenGesetzen, textlichenBeilagen, klanglichenWirkungen, gesanglichenVorträgen, weiblichen(!) Chören, künstlerischenGenüssen, turnerischenÜbungen,studentischenAufführungen, farblicherStimmung, figürlichemSchmuck, winterlicherLandschaft, pflanzlicherNahrung, abendlicherBeleuchtung, nächtlichenGespenstern, regnerischenTagen, ländlichemAufenthalt, gärtnerischenAnlagen, nachbarlichenGrundstücken, dem elterlichenHause, dem endlichen(!) Resultat usw. Eine von Offizieren gerittne Quadrille wird alsreiterliche(!)Darbietunggepriesen; statt, wie früher, vernünftige Zusammensetzungen mitVolkzu bilden, quält man sich ab, auch davon Adjektiva zu bilden (die einen sagenvolklich, die andernvölkisch), die „Pädagogen“ reden sogar vonschulischenVerhältnissen und unterrichtlicherMethode, und in Schulprogrammen kann man lesen, nicht als schlechten Witz, sondern in vollem Ernste, daß Herr Kand. X im verflossenen Jahre mit der Schule „in unterrichtlichemZusammenhange gestanden“ habe.[88]Aber auch da, wo man früher den Genitiv eines Hauptwortes oder eine Präposition mit einem Hauptwort oder – ein einfaches Wort setzte, drängen sich jetzt überall diese abgeschmackten Adjektiva ein; man redet von kronprinzlichenKindern, behördlicherGenehmigung, erziehlichenAufgaben, gedanklicherGroßartigkeit, gegnerischenVorschlägen, zeichnerischenMitteln, einer buchhändlerischenVerkehrsordnung, gesetzgeberischenFragen, erstinstanzlichen(!) Urteilen, stecherischerTechnik, gemischtchörigenQuartetten, stimmlicherBegabung, textlichemInhalt, baulicherUmgestaltung, seelsorgerischerTätigkeit, wo man früher Kinder desKronprinzen, Genehmigungder Behörden, Aufgabender Erziehung, Großartigkeitder Gedanken, Vorschlägedes Gegners, Mittelder Zeichnung, Verkehrsordnungdes Buchhandels, Fragender Gesetzgebung, Urteile derersten Instanz, Technikdes Stechers, Quartettefür gemischten Chor, Stimme, Text,Umbau, Seelsorgesagte. Ein Choralbuch wurde früher zumHausgebrauchherausgegeben, jetzt zumhäuslichenGebrauch; eine Bildersammlung hatte früher Wertfür die KostümkundeoderKunstwertoderAltertumswert, jetzt kostümlichen(!), künstlerischenoder altertümlichen(!) Wert. Die Sprachwissenschaft redete früher von demLautlebender Sprache und vomLautwandel, jetzt nur noch von dem lautlichenLeben und dem lautlichen(!) Wandel; die Ärzte sprachen sonst von Herztönendes Kindesund vonGewebeveränderungen, unsre heutigen medizinischen Journalisten schwatzen von kindlichen(!) Herztönen[89]und geweblichen(!) Veränderungen. Auch Fremdwörter mit fremden Adjektivendungen werden mit in die alberne Mode hineingezogen; schon heißt es nicht mehr:Stilübungen,Religionsfreiheit,KulturaufgabeundKulturfortschritt,Maschinenbetrieb,Finanzlage,Inselvolk,Kolonieleitung,Artilleriegeschosse,Infanteriegefechte,Theaterfragen,Solo-,Chor- undOrchesterkräfte, sondern stilistischeÜbungen, religiöseFreiheit, kulturellesProblem und kulturellerFortschritt (scheußlich!), maschinellerBetrieb (scheußlich!), finanzielleLage, insularesVolk, kolonialeLeitung, artilleristischeGeschosse, infanteristischeGefechte (alle Wörter aufistischklingen ja äußerst gelehrt und vornehm), solistische, choristischeund orchestraleKräfte. Auch vonAlpenflorawird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch von alpiner(!) Flora. Am Ende kommts noch dahin, daß einer erzählt, er habe in einer alpinenHütte in sommerlichenHosen sein abendlichesBrot nebst einem wurstlichenZipfel verzehrt.
Was soll die Neuerung? Soll sie der Kürze dienen? Einige der angeführten Beispiele scheinen dafür zu sprechen. Aber die Mehrzahl spricht doch dagegen; man könnte eher meinen, sie solle den Ausdruck verbreitern, ein Bestreben, das sich jetzt ja auch in vielen andern Spracherscheinungenzeigt. Man fragt vergebens nach einem vernünftigen Grunde, durch den sich diese Vorliebe für alle möglichen und unmöglichen Adjektivbildungen erklären ließe: es ist nichts als eine dumme Mode. Wenn so etwas in der Luft liegt, so steckt es heute hier, morgen da an; ob das Neugeschaffne nötig, richtig, schön sei, danach fragt niemand, wenns nur neu ist! Um der Neuheit willen schlägt man sogar gelegentlich einmal den entgegengesetzten Weg ein. Da es bis jetztsilberne Hochzeitgeheißen hat, so finden sich natürlich nun Narren, die mit Vorliebe vonSilberhochzeitreden. Dazu gehört natürlich nun auch einSilberpaar: der Bürgermeister schloß mit einem Hoch auf dasSilberpaar.[90]In einer Lebensbeschreibung Bismarcks ist gleich das erste Kapitel überschrieben: Unter dem Zeichen desEisenkreuzes. Also aus dem geschichtlichenEisernen Kreuz, das doch für jeden unantastbar sein sollte, wird einEisenkreuzgemacht – aus bloßer dummer Neuerungssucht.
Die Adjektiva auflichbedeuten eine Ähnlichkeit;lichist dasselbe wieLeiche, es bedeutet den Leib, die Gestalt; daher auch das Adjektivumgleich, d. i.geleich, was dieselbe Gestalt hat.Königlichist, was die Gestalt, die Art oder das Wesen eines Königs hat. Will man nun das mit den kronprinzlichenKindern sagen? Gewiß nicht. Man meint doch die Kinder des Kronprinzen, und nicht bloß kronprinzenartige Kinder. Was kann eine Arbeit sonntägliches haben? eine Bewegung körperliches? eine Wirkung farbliches? eine Pflicht bürgerliches? ein Herzton kindliches? eine Fragetheatralisches? Gemeint ist doch wirklich die Arbeit am Sonntage, die Bewegung des Körpers, die Wirkung der Farben usw.[91]Und hat man denn gar kein Ohr für die Häßlichkeit vieler dieser neugeschaffnen Adjektiva (fachlich,beruflich,volklich,farblich,klanglich,stimmlich,forstlich,pflanzlich,prinzlich,erziehlich)?
Hie und da mag ja ein Grund für die Neubildung zu entdecken sein. So mag zwischenRegentagenundregnerischenTagen ein Unterschied sein: an Regentagen regnets vielleicht von früh bis zum Abend, an regnerischen (früher:regnichten) Tagen mit Unterbrechungen. Der Chordirektor, der zuerst von einem Terzett fürweibliche Stimmenanstatt von einem Terzett fürFrauenstimmengesprochen hat, hatte sich vielleicht überlegt, daß unter den Sängerinnen auch junge Mädchen sein könnten. Und der Ratsgärtner, der seiner Behörde zuerst einen Plan zugärtnerischen Anlagenam Theater vorlegte, hatte wohl daran gedacht, daß ein eigentlicher Garten, d. h. eine von einem Zaun oder Geländer umschlossene Anpflanzung nicht geschaffen werden sollte. Aber bedeutet dennFrau, wo sichs um die bloße Gegenüberstellung der Geschlechter handelt, nicht auch das Mädchen? Kann sich wirklich ein junges Mädchen beleidigt fühlen, wenn es aufgefordert wird, einenFrauenchormitzusingen?[92]Und können denn nichtGartenanlagenauch Anlagensein,wiesie in einem Garten sind? müssen sie immerineinem Garten sein?GärtnerischeAnlagen möchte man einem Jungen wünschen, der Lust hätte, Gärtner zu werden, wiewohl es auch dann noch besser wäre, wenn er Anlagenzum Gärtnerhätte. Nun vollends vongärtnerischenArbeiten zu reden statt vonGartenarbeiten (die Rekonvaleszenten der Anstalt werden mitgärtnerischen Arbeitenbeschäftigt), ist doch die reine Narrheit.