Falsche Wortstellung
Ein völlig vernachlässigtes Kapitel der deutschen Grammatik ist die Lehre von der Wortstellung. Die meisten haben kaum eine Ahnung davon, daß es Gesetze für die Wortstellung in unsrer Sprache gibt. Gewöhnlich besteht die gesamte Weisheit, die dem Schüler oder dem Ausländer, der Deutsch lernen möchte, eingeflößt wird, in der Regel, daß in Nebensätzen das Zeitwort am Ende, in Hauptsätzen in der Mitte zu stehen pflege; im übrigen, meint man, herrsche in unsrer Wortstellung die „größte Freiheit“.
Ein Glück, daß das natürliche Sprachgefühl noch immer so lebendig ist, daß die Gesetze der Wortstellung, wie sie sich teils aus dem Sinne, teils aus rhythmischem Bedürfnis, teils aus der Art der Darstellung (schlichte Prosa, Dichtersprache oder Rednersprache) ergeben, trotz der angeblichen „Freiheit“ im allgemeinen richtig beobachtet werden. Dennoch gibt es auch eine Reihe von argen Verstößen dagegen, die sehr verbreitet und beliebt sind. Auf Abgeschmacktheiten, wie die des niedrigen Geschäftsstils, bei Preisangaben vonMark 50zu reden, statt, wie jeder vernünftige Mensch sagt, von50 Mark, oder auf Briefadressen zu schreiben, wie man es neuerdings, natürlich wieder die Engländer nachäffend, tut:20 Königsstraße Leipzig, statt, wie jeder vernünftige Mensch sagt:Leipzig, Königsstraße 20, soll dabeigar nicht geachtet werden; ebensowenig auf die Ziererei mancher Schriftsteller, in schlichter Prosa einen Genitiv immer vor das Hauptwort zu stellen, von dem er abhängt.[139]Auch der häßliche Latinismus, den manche so lieben:Goethe, nachdem er(vgl.Caesar, cum), soll nur beiläufig erwähnt werden. Ein Nebensatz, der mit einem Fügewort anfängt, und ein Infinitivsatz können in einen Hauptsatz nur dann eingeschoben werden, wenn das Zeitwort des Hauptsatzes bereits ausgesprochen ist. Eine Wortstellung wie in dem Fibelverse:die Gans, wenn siegebraten ist, wird mit der Gabel angespießt, oder:dem Hunde, wenner gut gezogen, ist auch ein weiser Mann gewogen – ist wohl dem Dichter erlaubt, aber in Prosa sind Satzgefüge wie folgende undeutsch:die Pflanzen, um zu gedeihen, bedürfen des wärmenden Sonnenlichts – diekatholische Kirche, wie siesich gern der Siebenzahl freut, zählt auch sieben Werke der Barmherzigkeit – alleandern Parteien, wenn sieim übrigen noch so bedenkliche Grundsätze haben, erkennen doch den Staat als notwendig an – derVerband der Sattler, obwohler erst ein Jahr besteht, umfaßt bereits 37 Vereine. Entweder muß es heißen: der Verband der Sattlerumfaßt, obwohl er– oder der Nebensatz muß mit dem Hauptworte vorangestellt werden:obwohl der Verbandder Sattler usw.,so umfaßt er doch. Auch der Fehler, der in Satzgefügen wie folgenden liegt: um die Reisekosten, die er auf andre Weise nicht beschaffen konnte,aufzutreiben– auf einem der schönsten Plätze der Welt, der zugleich ein Hauptkreuzungspunkt städtischen und vorstädtischen Verkehrs ist,gelegen– M. ist nun auch unter die Novellisten, wohl mehr der Mode folgend als dem innern Drange,gegangen– mir liegt das Stammbuch eines Holsteiners, der um 1750 in Helmstedt studierte,vor– sieht man von der kurzen Würdigung, die Waldberg 1889 in der Allgemeinen Deutschen Biographie gegeben hat,ab– am Neumarkte rissen gestern zwei vor einenKorbwagen gespannte Pferde eine Frau, die auf der Straße stand und sich mit einer andern Frau unterhielt,um– der Redner brach, da die Zeit inzwischen längst die zulässige Frist von zehn Minuten überschritten hatte und noch ein andrer Redner zu Worte kommen wollte, auf die Aufforderung des Vorsitzenden, mit der Bemerkung, daß er noch viel zu sagen habe,ab– auch dieser Fehler soll hier nur gestreift werden. Die Fälle brauchen nicht immer so lächerlich zu sein wie der letzte; ein eingeschobnes Satzglied muß zusammen mit dem Gliede, in das es eingeschoben wird, immer folgende Gestalt ergeben, wenn die Verbindung angenehm wirken soll:
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Sehen sie zusammen so aus:
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so ist der Bau verfehlt, und es ist dann besser, die Einschiebung lieber ganz zu unterlassen, die Glieder so zu ordnen:
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und zu schreiben: M. ist nun auch unter die Novellisten gegangen, wohl mehr der Mode folgend als dem innern Drange.