Frl. Mimi Schulz, Tochter usw.

Frl. Mimi Schulz, Tochter usw.

Zu der einen Nachäfferei des Französischen bei der Apposition kommt aber jetzt noch eine zweite, nämlich die, den Artikel wegzulassen. In gutem Deutsch ist das nur dann üblich, wenn die Apposition Amt, Beruf oder Titel bezeichnet, und auch da eigentlich nur in Unterschriften, wenn man selber seinen Namen und Titel hinschreibt. Aber abgeschmackt ist es, den Artikel bei Verwandtschaftsbegriffen wegzulassen, und doch kann man das jetzt ebenso oft in Geschichtswerken wie in – Verlobungsanzeigen lesen. Historiker und Literarhistoriker schreiben: die Bekanntschaft mit Körner,Vaterdes Dichters Theodor Körner – die Briefe sind an die Herzogin Dorothee Susanne,Gemahlindes Herzogs Johann Wilhelm, gerichtet – Gabriele von Bülow,TochterWilhelm von Humboldts – sogar: Direktor Adler,Patemeiner Schwester – und der Reserveleutnant und Gymnasialoberlehrer Schmidt zeigt an, daß er sich mit Fräulein Mimi Schulz,Tochterdes Herrn Kommerzienrat Schulz, verlobt habe. Diese lapidarische Kürze mag in den Augen des Reserveleutnants der Größe des Augenblicks angemessen erscheinen – deutsch ist sie nicht. Hat der Herr Kommerzienrat nur die eine Tochter, so muß es heißen:der Tochter, hat er mehrere, so muß es heißen:einer Tochter; und warum soll die Welt nicht erfahren, ob er noch mehr hat? Und wenn der Geschichtschreiber nicht wüßte, oder wenn es überhaupt unbekannt wäre, ob die Fürstin, von der er erzählt, eine oder mehrere Töchter gehabt hat, so müßte es immer heißen:eine Tochter, denneineTochter war es auf jeden Fall, ob sie nun die einzige war oder Schwestern hatte.

Ebenso falsch ist es natürlich, zu schreiben, der Vorwärts,Organder sozialdemokratischen Partei. Hat die Partei mehrere „Organe“, so muß es heißen:einOrgan; hat sie nur das eine, ist das ihr anerkanntes amtliches „Organ“, so muß es heißen:dasOrgan.Organallein könnte höchstens (in dem zweiten Falle) unter dem Titelkopfe der Zeitung stehen.


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