Ge, be, ver, ent, er
Wenn auf solche Weise Wörter mißverstanden und miteinander verwechselt werden können, deren Sinn und Bedeutung man sich mit ein wenig Nachdenken noch klarmachen kann, um wieviel mehr sind Wörter dem Mißverständnis und dem Mißbrauch ausgesetzt, wie die kleinen Präfixege,be,ver,ent,er, deren Bedeutung nicht mehr klar zutage liegt, sondern nur noch mehr oder weniger dunkel gefühlt wird! Wie oft wirdbrauchenundgebrauchenverwechselt! Und doch heißt das einenötig haben, das andreanwenden. Wie oft liest man das dummebelegensein (ein Haus ist in der oder der Straßebelegen), wie oft das gespreiztebeheben(die Hindernisse werden sich hoffentlichbehebenlassen), wie oft das widersinnigebeeidigen(die Zeugen wurdenbeeidigt)! Man kann eine Aussagebeeidigen, aber nicht einenZeugen. Im gewöhnlichen Leben sagt man: hier wird Trottoirgelegt; sowie es aber eine Tiefbauverwaltung besorgt, dann wird esverlegt. Warum dennver? Was manverlegthat, das findet man doch nicht wieder. Wie oft muß man das lächerlicheentnüchternlesen (statternüchtern), auch schonentwehren(statterwehren)! Wird jemandentledigenunderledigenverwechseln? Wie abgeschmackt ist der Gebrauch vonentfallenundentlohnen, mit dem sich jetzt täglich die Zeitungen spreizen! Fabrikarbeiter werden ja nicht mehr bezahlt, sie werden nur nochentlohnt, der deutsche Lehrerstand hat stets die Ideale treu gepflegt trotz kärglicherEntlohnung, und von der Fernsprechstelle Berlin-Wien, die 660 Kilometer beträgt,entfallen430 auf österreichisches und 230 auf deutsches Gebiet. Warum dennent? Wementfallensie denn? Es wird aber auch nichts mehrgehofft, sondern alles nurerhofft(dererhoffteErfolg blieb aus.) Das allerschönste aber isterbringen, das in keiner Zeitungsnummer fehlt. Beweise und Nachweise, die frühergebrachtodergeliefertwurden und im Volksmunde noch jetztgebrachtwerden, in der Zeitung werden sie nur nocherbracht. Ja selbst Tatsachen werden schonerbracht(die neue Verhandlung hat eineganze Reihe neuer Tatsachenerbracht), Beispiele (Koschaterbringtdafür ein lebendes Beispiel – schreibt der Musikschwätzer), Erträge (die Staatsforstenerbringeneinen Ertrag von einer Million Mark) und sogar Spuren (von einem Sinken des Richterstandes ist bis jetzt noch keine Spurerbracht). Warum denner? was heißt denner?
Er ist verwandt mitur, wieerlaubennebenUrlaubzeigt, und beide bedeutetenaus. Diese ursprüngliche Bedeutung vonerist in vielen zusammengesetzten Zeitwörtern noch sehr gut zu fühlen: gewöhnlich bedeuten sie den Anfang oder das Ende einer Handlung, wie auch das Wortausgehenbeides bedeutet (vgl. wir sind davonausgegangen, und: die Sache ist übelausgegangen). Den Anfang einer Handlung bezeichneterz. B. inerblühen, den Endpunkt dagegen inerlangen,erreichen,erfinden,erfüllen,ertrinken,ersticken. Weislingen im Götz sagt mit bewußter Unterscheidung: ichsterbeund kann nichtersterben. Was daerhoffenbedeuten soll, ist unverständlich; es könnte doch nur heißen: so lange auf etwas hoffen, bis es eintritt. Jedenfalls ist es ein Widerspruch, zu sagen: dererhoffteErfolg blieb aus, es genügt dergehoffte. Auch ein Brief kann nichteröffnetwerden, wie die Post sagt (amtlicheröffnet!), sondern einfachgeöffnet; eine Aussicht wird mireröffnet, ein Beschluß der Behörde, auch ein neues Geschäft; dann wird es aber jeden Morgen nurgeöffnet. Auch weshalb die Eisenbahndirektion Sonntags einen Sonderzugerstellt, ist nicht einzusehen; man ist doch schon zufrieden, wenn sie ihnstellt. Das törichtste aber sind dieerbrachtenBeweise, Nachweise, Belege, Beispiele, Erträge und Spuren. Einen Beweis oder Nachweiserbringenkönnte zur Not einen Sinn haben, wenn man damit den durchgeführten, bis aufs letzte Tüpfelchen gelungnen Beweis im Gegensatz zu dem bloß versuchten bezeichnen wollte. Aber daran ist in den seltensten Fällen zu denken,erbringenwird mit ganz gedankenlosem Gespreiz fürbringengesagt. Inbringenliegt ja schon der Begriff des Vollendens, des Beendigens;bringenverhält sich zutragenwietreffenzuwerfen. Man könnte schließlich auch sagen: Kellner,erbringenSie mir ein Glas Bier!
Ent(urverwandt mit dem lateinischenanteund dem griechischen ἀντί, vgl. Antlitz, Antwort) bedeutet eigentlichvor,gegen,gegenüber. Mit Zeitwörtern zusammengesetzt, drückt es daher zunächst aus, daß sich von einem Ganzen ein Teil ablöst und ihm als ein selbständiges Ganze gegenübertritt, so inentstehen,entspringen. Daraus entwickelt sich dann überhaupt der Begriff der Trennung, Lösung, Befreiung und auch Beraubung, wie inentkommen,entfliehen,entwenden,entlehnen,entkleiden,enthüllen,entblättern,entkräften,entthronen,entfesseln,entlarven, und endlich, bei gänzlicher Verblassung der eigentlichen Bedeutung, eine bloße Verstärkung des Verbalbegriffs, wie inentlassen,enttäuschen,entfremden. Wenn man neuerdingsentrechtenundenthaftengebildet hat, so ist dagegen nichts weiter einzuwenden, als daß das zweite Wort recht überflüssig ist.Entlohnenaber kann doch nur heißen: einem seinen Lohn wegnehmen (wahrscheinlich hat der Schöpfer des Wortes zugleich anlohnenundentlassengedacht) undentnüchternnur: einen betrunken machen, und was dasentin einem Satze wie: auf den Quadratkilometerentfallen200 Seelen – bedeuten soll, ist gänzlich unverständlich. Man könnte ebensogut sagen: auf den Quadratkilometerentkommen200 Seelen.[159]Auch wenn Bibliotheken um gütigeEntleihungoderEntlehnungeines Buches gebeten werden, so ist das sinnwidrig; die Bibliothekverleihtihre Bücher, der Leser aberleihtoderentleihtsie.
Lebhafter Streit ist darüber geführt worden, ob es richtig sei, zu sagen: erentblödete sich nicht. Das Grimmische Wörterbuch erklärt die Verneinung beisich entblödenfür falsch. In der Tat liegt es auch am nächsten,sich entblödenmit Zeitwörtern wieentbehren,enthüllen,entschuldigen,entführen,entwischenzu vergleichen, sodaß es bedeuten würde:die Blödigkeit(d. h. Schüchternheit)ablegen,sich erdreisten,sich erfrechen. Dann wäre natürlich die Verneinung falsch, dennsich erdreisten– das will man ja gerade mitsich nicht entblödensagen. Neuerdings ist aber darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Vorsilbeenthier gar nicht verneinenden (privativen) Sinn habe, sondern wie inentschlafen,entbrennen,entzünden,entblößendas Eintreten in einen Zustand bezeichne, sodaß sichentblödenbedeuten würde:sich schämen,sich scheuen, und die Verneinung davon:sich erdreisten. Die Unsicherheit über die eigentliche Bedeutung des Wortes bestand schon im achtzehnten Jahrhundert. Wieland schreibt bald: Verwegner, darfst dudich entblöden(d. h. dich erfrechen), bald: du solltestdich entblöden(d. h. dich schämen). Das Klügste wäre, man gebrauchte eine Redensart überhaupt nicht mehr, die so veraltet und in ihrer Bedeutung so verblichen ist, daß ihr niemand mehr unmittelbar anfühlt, ob sie mit oder ohne Verneinung das ausdrückt, was man ausdrücken will.
Vergibt dem Zeitwort meist einen schlimmen Sinn, es bezeichnet, daß gleichsam ein Riegel vor eine Sache geschoben ist, daß sie nicht wieder rückgängig gemacht werden kann, und schließlich auch, da man doch manche eben gern wieder rückgängig machen möchte, daß sie falsch gemacht worden ist. Man denke an:versichern,versprechen,verbinden,verpflichten,verkaufen,verpfänden, sichverlieben, sichverloben, sichverheiraten,verstellen,verdrehen,verrücken,verlieren,verderben,vergiften,verschwinden,verschlimmern,versauern(allerdings auch:verbessern,vergrößern,verfeinern,verschönern,veredeln,versüßen). Fürmeinenalso zu sagenvermeinen, wie es der Amtsstil liebt, wäre eigentlich nur dann am Platze, wenn die Meinung als irrig bezeichnet werden sollte (vgl.vermeintlich), und von jemand, der einfach seine Wohnung oder seinen Aufenthalt gewechselt hat, zu sagen: er ist nach Dresdenverzogen, ist geradezu lächerlich, denn es klingt das, alsob er damit verschwunden und gänzlich unauffindbar geworden wäre. Ebenso unverständlich aber ist es, warum, wie in Leipzig, Trottoirplatten, Straßenbahngleise und elektrische Kabel immerverlegtwerden, oder, wie in Hamburg, Kaffeeverlesenwird, oder, wie in Magdeburg, Rübenverzogenwerden. Es genügt doch, wenn siegelegt,gelesenundgezogenwerden.
Am meisten verblaßt ist die Bedeutung vonbeundge.Beist ausbeiabgeschwächt;ge, in der ältern Sprachega(wie noch inGastein), ist urverwandt mit dem lateinischenconund bedeutet einen Zusammenhang, eine Vereinigung. Am deutlichsten ist sein Sinn noch in Bildungen wiegerinnen,gefrieren,Gedicht,Gebüsch,Gehölz,Gewölk,Gebirge,Gerippe,Gefühl,Gehör,Gewissen(vgl.scientiaundconscientia). Aber wenn sich auch die ursprüngliche Bedeutung noch so sehr abgeschwächt hat, so kann man doch immer noch durch umsichtige Vergleichung dahinterkommen, weshalb es unnötig ist, zu sagen: einem die Möglichkeitbenehmen, Geld zubeschaffen, oder: ein Hausbeheizen, wie unsre Techniker jetzt sagen (sie meinen wohl:beöfnen, mit Öfen versehen), oder: die bei Goslarbelegnengeistlichen Stiftungen, weshalb es lächerlich ist, wenn Schmerzen, Krankheiten, Hindernisse immerbehobenwerden (stattgehoben). Auch fürgründenwird jetzt oft unnötigerweisebegründengesagt: dieBegründungdes Deutschen Reiches. Nein,begründetwerden nur Meinungen, Behauptungen, Urteile; aber Reiche, Staaten, Städte, Anstalten, Schulen, Geschäfte, Zeitungen werdengegründet. Befremdlich klingt es auch, wenn Juristen davon reden, daß ein Zeugebeeidigtwerden müsse, oder wenn Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen einenBeklagtenauftreten lassen. Ein Zeuge kann seine Aussagebeeidigen(vgl.beschwören), aber er selbst kann nurvereidigtwerden (vgl.verpflichten).Beklagenkann man aber nur den, dem ein Unglück zugestoßen ist; vor Gericht kann einer nurverklagtoderangeklagtwerden. Werangeklagtwird, kommt vor den Strafrichter, werverklagtwird, vor den Richter inbürgerlichen Streitigkeiten. Und ebenso läßt sich endlich recht gut fühlen, weshalb es unnötig ist, zu sagen, die 1883 gebornen haben sich heuer zugestellen.[160]
Groß in solchen Verschiebungen und Vertauschungen sind namentlich die Kanzleimenschen und die Techniker. Sie suchen etwas darin, und sie verblüffen auch wirklich die große Masse mit diesem wohlfeilen Mittelchen.[161]
Der Unterricht kann sehr viel tun, das abgestorbne Sprachgefühl in solchen Fällen wieder zu beleben. Wem die Bedeutung vonentundereinmal auseinandergesetzt worden ist, der wird nie wiederentnüchternstatternüchternschreiben, er wird aber auch bald alle die Leute auslachen, die sich immer mitentfallenunderbringenspreizen.