Im oder in dem? zum oder zu dem?

Im oder in dem? zum oder zu dem?

Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchen Fällen der bestimmte Artikel mit der Präposition verschmolzen werden darf, und in welchen Fällen nicht, wann es also heißen darf:im,vom,zur,aufs,ins(oder, wenn jemand ohne Apostroph nicht leben kann,auf’s,in’s, vielleicht auchi’m,zu’r?), und wann:in dem,von dem,auf dasusw. Dennoch ist die Sache sehr einfach und eigentlich selbstverständlich.

Der bestimmte Artikelder,die,dashat ursprünglich demonstrativen oder determinativen Sinn, er bedeutet dasselbe wiedieser,diese,dieses, oder wie das schöne Kanzleiwortderjenige,diejenige,dasjenige. In dieser Bedeutung wird er ja auch noch täglich gebraucht, er wird dann gedehnt gesprochen und betont:deer,deem,deen(man nehme nur seine Ohren zu Hilfe, nicht immer bloß die Augen!), während er als bloßer Artikel unbetont bleibt und kurz gesprochen wird. Nun ist es doch klar, daß die Verschmelzung mit der Präposition nur da eintreten kann, wo wirklich der bloße Artikel vorliegt. Verschlungen oder verschluckt werden kann immer nur ein Wort, das keinen Ton hat. Es ist also richtig, zu sagen: du wirst schon nochzur Einsichtkommen, wenn gemeint ist: zur Einsicht überhaupt, zur Einsicht schlechthin, oder: ich habeim guten Glaubengehandelt. Sowie aber durch einen nachfolgenden Nebensatz eine bestimmte Einsicht, ein bestimmter guter Glaube bezeichnet wird, so ist eben so klar, daß dann der Artikel einen Rest seiner ursprünglichen demonstrativen oder determinativen Kraft bewahrt hat, und dann kann von einer Verschlingung mit der Präposition keine Rede sein. Es kann also nur heißen: als er nach Jahrenzu der Einsichtkam,daßer nicht zum Künstler geboren sei – ich habein dem guten Glaubengehandelt,daßich in meinem Rechte wäre. Dennoch muß man fort und fort so fehlerhafte Sätze lesen wie: die Bauern kamenzum Bewußtsein,daßsie auf weitere Schenkung von Grund und Boden nicht rechnen dürften – imBewußtsein, daßes der Reichshauptstadt an einem Mittelpunkte künstlerischer Bestrebungenfehle– er kamzur Überzeugung, daßalles Suchen vergeblich sei – die Vergleichung seiner Landsleute mit den Deutschen von ehemals führte Melanchthonzur Erklärung, daßdie Deutschen leider ihren Vorfahren unähnlich geworden seien – folgende Erwägung führtzur Vermutung, daßdie Ohnmacht Gretchens einem geschichtlichen Fall nachgebildet sei – vielleicht wird die praktische Beschäftigungzur Erkenntnisgelangen, daß die Rückkehr zum historischen Ausgangspunkte geboten sei – er sah sichzum Geständnisgenötigt,daßer sich getäuscht habe – das Komitee empfahl seinen Kandidaten im festenVertrauen, daßein paar Schlagwörter genügen würden. In allen diesen Sätzen ist die Verschmelzung der Präposition mit dem Artikel ein grober Fehler. Es ist unbegreiflich, wie jemand dafür das Gefühl verlieren kann.

Die nähere Bestimmung kann aber auch durch einen Infinitiv mitzu, durch einen Relativsatz, durch ein Attribut ausgedrückt werden – auch dann darf der Artikel nicht verschlungen werden. Also auch folgende Sätze sind falsch: er standim Rufe, es mit der klerikalen Parteizu halten– er starbim Bewußtsein, die teuersten Güter des Vaterlandes verteidigtzu haben– unter Eigentum verstehen wir die volle Herrschaft über eine Sache biszur Befugnis, siezu vernichten– er hieltam Gedankenfest,sichsobald als möglich von dieser Lastzu befreien– er standim Verdacht, einem verbotnen Vereinanzugehören– er wurdevom Verdacht, ein preußischer Spionzu sein, freigesprochen – er warvom reinsten Willenerfüllt, Versöhnung mit Gottzu finden–im Augenblick, woer mich sah – Goethe schlug den Hans Sachsischen Ton auchzur Zeitan,woer sich sonst meist der neueren Formen bediente – er ist nicht sparsamim Lobe, dasden polnischen Pferden gebührt –im Deutschen, dasheute geschrieben wird (in dem Deutsch, das!) – sietranken fleißigvom Weine, derauf der reichbesetzten Tafel stand – diese Arie gehörtzum Besten, wasVerdi geschrieben hat – Vischer hat es niezur Volkstümlichkeit Scheffelsgebracht – ein unbewachter Augenblick stürzteihn vom Thron seiner Tugendgröße–im Alter von60 Jahren –zumermäßigtenPreise von15 Mark –vom Streit umKleinigkeiten –im Bande überLeibniz –im Essay überAuerbach –im HauseBerliner Straße Nr. 70 usw.Im Augenblickeundzurzeitkönnen nur allein stehen, beides bedeutet dann soviel wiejetzt; ebenso auch:im Alter,im Hause. Auchim Essaykann nur allein stehen, der Essay wäre dann als Gattung etwa dem Roman gegenübergestellt: dergleichen kann man sich wohlim Romanerlauben, aber nichtim Essay; von einem bestimmten Essay aber kann es nur heißen:in dem Essayüber Auerbach. Ja es gibt sogar Fälle, wo gar kein Zusatz hinter dem Hauptwort zu stehen braucht und doch die Verschmelzung des Artikels mit der Präposition ein Fehler wäre: wenn nämlich nach dem ganzen Zusammenhange nicht das Ding an sich, sondern ein bestimmtes Ding gemeint ist. So ist z. B. falsch: die Beziehungen, in denen Otto Ludwigzur Stadtund ihren Bewohnern stand – wenn Leipzig unter der Stadt gemeint ist; es muß heißen:zu der Stadtund ihren Bewohnern.Zur Stadtkönnte nur im Gegensatz zum Lande gesagt sein.[118]

Eine Unsitte ist es daher auch, zu schreiben, wie es immer mehr Mode wird:im selbenAugenblick – dievom selbenVerlag ausgegebnen Kupferstiche – dieErfüllung dieser Aufgaben kannbeim selbenObjekt verschieden erreicht werden. Wer sorgfältig schreiben will, kann nur schreiben:in demselbenAugenblick,von demselbenVerlag,bei demselbenObjekt.

Wo wirklich der bloße Artikel vorliegt, da sollte aber auch nun überall die Verschmelzung vorgenommen werden; nicht bloß in der lebendigen Sprache – da fehlts ja nicht daran –, sondern auch auf dem Papier. Welche Ziererei, zu schreiben: Alle diese schönen Pläne sindin dasWasser gefallen! Kein Mensch sagt:an das Landsteigen, der Kampfum das Dasein, eine Anstaltin das Lebenrufen, einen Vorgangan das Lichtziehen, einenhinter das Lichtführen, eine Sacheüber das Kniebrechen,in das Augefallen, einemin das Gesichtsehen, etwasin das Werksetzen, eine Sachein das Reinebringen, sichauf das hohe Pferdsetzen, sichauf das beste,auf das bequemsteeinrichten, sondern:ans Land,ums Dasein,ins Leben,ans Licht,aufs beste,aufs bequemste(wie:aufs neue). Also schreibe und drucke man auch so. Dagegen ist wieder falsch: sichaufs hohe Pferd des Sittenrichterssetzen – denn hier ist ein bestimmtes hohes Pferd gemeint. Ebenso ist zu unterscheiden:im öffentlichen Lebeneine Rolle spielen und:in dem öffentlichen Leben Deutschlandseine Rolle spielen.

Wenn von einer Präposition mehrere Substantiva abhängen und beim ersten die Präposition mit dem Artikel verschmolzen worden ist, so ist es sehr anstößig, bei den folgenden Substantiven den Artikel aus der Verschmelzung wieder herauszureißen und mit Weglassung der Präposition zu schreiben: in gewisser EntfernungvomBrandplatz oderdemPlatze des sonstigen Unglücksfalles – von Platos realen Begriffen biszurGoldmacherkunst undderTelepathie – Geschichtevombraven Kasperl unddemschönen Annerl (Brentano). Die Verschmelzungvomwirkt im Sprachgefühl fort auf das folgende Wort: man hört also unwillkürlich:vom demPlatze. In solchen Fällen ist es unbedingt nötig, entweder auch die Präposition zu wiederholen, also: ingewisser EntfernungvomBrandplatz odervomPlatze des sonstigen Unglücksfalles, oder von vornherein die Verschmelzung zu unterlassen und zu schreiben:von demBrandplatze oderdemPlatze des sonstigen Unglücksfalles. Ebenso verhält sichs bei der Apposition. Es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben:imSüden,demtaurischen Gouvernement –am12. Januar 1888,demdreihundertsten Geburtstage Riberas; auch bei der Apposition muß es wiederimundamheißen. Doppelt anstößig wird der Fehler, wenn die Substantiva im Geschlecht oder in der Zahl verschieden sind, z. B.imBerliner Tageblatt unddergeistesverwandten Presse – dasamAnanias undderSaphira vollzogne Strafwunder – dievomAnarchismus undderSozialdemokratie drohenden Gefahren – von der Universität herab biszurVolksschule unddemKindergarten – das hängtvomguten Willen undderZahlungsfähigkeit der Untertanen ab – EingangzumGarten undderKegelbahn. Auch hier muß überall die Präposition wiederholt werden. Der Gipfel der Nachlässigkeit ist es, die Wiederholung der Präposition dann zu unterlassen, wenn der bestimmte Artikel mit der artikellosen Form wechselt: z. B.zurAnnahme von Bestellungen und direkterErledigung derselben; es muß heißen:zurAnnahme undzudirekterErledigung.


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