In fast allen oder fast in allen?
Der dritte Verstoß betrifft die Stellung der Präpositionen. Durch alle gebildeten Sprachen geht das Gesetz,daß die Präpositionen (an,bei,nach,für,in,vor,mitusw.) unmittelbar vor dem Worte stehen müssen, das sie regieren. Das ist so natürlich und selbstverständlich wie irgend etwas, es kann gar nicht anders sein. In der griechischen Grammatik spricht man vonProcliticae(d. h. vorn angelehnten).[145]Man versteht darunter gewisse einsilbige Wörtchen, die, weil sie eben einsilbig sind und für sich allein noch nichts bedeuten, keinen eignen Ton haben, sondern – wie durch magnetische Kraft – an das Wort gezogen werden, das ihnen folgt. Dazu gehören auch einige einsilbige Präpositionen. Das ist aber durchaus keine Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, sondern solche Wörter gibt es in allen Sprachen, auch im Deutschen, und zu ihnen gehören auch im Deutschen die Präpositionen. Weil diese aber solcheProcliticaesind, die mit dem Worte, das von ihnen abhängt, innig verwachsen, so ist es unnatürlich, zwischen die Präposition und das abhängige Wort (Eigenschaftswort, Fürwort, Zahlwort) ein Adverb zu stopfen.[146]Auch dieses Gesetz geht durch alle Sprachen, denn es ist in der Natur der Präpositionen begründet.
Da ist aber nun der große Logiker drüber gekommen und hat sich überlegt:fast in allen Fällen– das kann doch nicht richtig sein! dasfastgehört doch nicht zuin, es gehört ja zuallen! Also muß es heißen:in fast allenFällen. Und so wird denn wirklich seit einiger Zeit immer häufiger geschrieben: dievon fastallen Grammatikern gerügte Gewohnheit – es geht eine Bewegungdurch fastsämtliche Kulturstaaten –mit fastgar keinen Vorkenntnissen –mit nurechten Spitzen – das Stück bestehtaus nurdrei Szenen – wir haben esmit nurwenigen Lehrstunden zu tun – wir fuhrendurch meistanmutige Gegend – die Kritik, diein meistschlechten Händen ist – es warengegen etwavierzig Mann – mit einer Besatzungvon oftsechs bis acht Mann –in baldeinfacherer,baldprächtigerer Ausstattung – das Buch istin wohlsämtliche europäische Sprachen übersetzt – andre Kritikervon freilichgeringerer Autorität –nach genaueinem Jahrhundert –in genauderselben Form –mit genauderselben Geschwindigkeit –nach längstenszwei Jahren –für wenigstensein paar Wochen – Unterrichtin wenigstenseiner zweiten lebenden Sprache – die ordnungsliebendern Elemente sehen sichzu wenigstenstatsächlicher Achtung vor dem Gesetze gezwungen – die Kosten belaufen sichauf mindestenstausend Pfund – die Schulden müssenmit mindestenseinem Prozent jährlich abgetragen werden – fünf Präpositionenmit jedesmalverschiedner Funktion – eine Anfrage würde dasin vielleichtüberraschendem Maße bestätigen – überall ist die Technikauf annäherndgleicher Höhe – er wurdeauf zunächstsechs Jahre zum Stadtrat gewählt –mit sozusagenabsolutem Maßstabe –mit allerdings nurgeringer Hoffnung auf Erfolg – Japan war mitalles in allemvier Artikeln vertreten – er stand mit ihmin so gut wiekeiner Verbindung – sie sindum zusammen etwavier Millionen Mark betrogen worden; sogar: ein besondrer Anstrichvon erstFarbeund dannLack wird vermieden.
Es ist eine Barbarei, so zu schreiben. Man hat das Gefühl, als wollte einem jemand in den Ellbogen oder zwischen zwei Fingerglieder einen Holzkeil treiben, wenn man so etwas liest, ja es ist, als müßte es der Präposition selber wehtun, wenn sie auf solche Weise von dem Worte, mit dem sie doch zusammenwachsen möchte, abgerissen wird. Was ist eine Logik wert, die zu solcher Unnatur führt! Man versuche es einmal, man setze in all den angeführten Beispielen das Adverb an die richtige Stelle, nämlich vor die Präposition:meist durchanmutige Gegend –wohl insämtliche Sprachen –wenigstens fürein paar Wochen –annähernd aufgleicher Höhe –zunächst aufsechs Jahre usw., empfindet wohl jemand die geringste logische Störung?[147]
Nur die kurzen Adverbia, die zur Steigerung der Adjektiva dienen:so,sehr,viel,weit, stehen hinter der Präposition:mit sogroßem Erfolg –in sehrvielen Fällen –mit vielgeringern Mitteln –nach weitgründlichern Vorbereitungen. Bei allen Adverbien aber, die den Adjektivbegriff einschränken, herabsetzen oder sonstwie bestimmen, ist die Stellung hinter der Präposition unnatürlich.