ZierbandReformer und Protestler
Zierband
Erstaunlich ist die Fülle und Mannigfaltigkeit in unsrer Wortbildung, noch erstaunlicher die Sicherheit des Sprachgefühls, mit der sie doch im allgemeinen gehandhabt und durch gute und richtige Neubildungen vermehrt wird. Doch fehlt es auch hier nicht an Mißhandlungen und Verirrungen.
Im Volksmund ist es seit alter Zeit üblich, zur Bezeichnung von Männern dadurch Substantiva zu bilden, daß man an ein Substantiv, das eine Sache bezeichnet, oder an ein andres Nomen die Endungerhängt. In Leipzig sprach man im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht bloß vonBarfüßern, sondern nannte auch die Insassen der beiden andern Mönchsklöster kurzwegPaulerundThomasser, und im siebzehnten Jahrhundert die kurfürstliche Besatzung der StadtDefensioner. Dazu kamen später dieKorrektioner(die Insassen des Arbeitshauses) und diePolizeier, und in neuerer Zeit dieHundertsiebener, dieUrlauber, dieSanitäter, dieEisenbahnerund dieStraßenbahner. Im Buchhandel spricht man vonSortimentern, in der gelehrten Welt vonNaturwissenschafternundSprachwissenschaftern, in der Malerei vonLandschaftern, und in der Politik vonBotschaftern,Reformernund –Attentätern![43]Da manche dieser Bildungen unleugbar einen etwas niedrigen Beigeschmack haben, der den vonVerbalstämmen gebildeten Substantiven auf er (Herrscher,Denker,Kämpfer) nicht anhaftet, so sollte man sich mit ihnen recht in acht nehmen. InReformer, das man dem Engländer nachplappert, liegt unleugbar etwas geringschätziges im Vergleich zuReformator; unter einemReformerdenkt man sich einen Menschen, der wohl reformatorische Anwandlungen hat, es aber damit zu nichts bringt. Noch viel deutlicher liegt nun dieses geringschätzige in den Bildungen aufler, wieGeschmäckler,Zünftler,Tugendbündler,Temperenzler,Abstinenzler,Protestler,Radler,Sommerfrischler,Barfüßler,Zuchthäusler; deshalb ist es unbegreiflich, wie manche Leute so geschmacklos sein können, vonNeusprachlernund vonNaturwissenschaftlernzu reden. Eigentlich gehen ja die Bildungen auflerauf Zeitwörter zurück, die aufelnendigen, wiebummeln,betteln,grübeln,kritteln,sticheln,nörgeln,kränkeln,hüsteln,frömmeln,tänzeln,radeln,anbändeln, sichherumwörteln,näseln,schwäbeln,französeln. So setzenNeusprachlerundNaturwissenschaftlerdie Zeitwörterneusprachelnundnaturwissenschaftelnvoraus; das wären aber doch Tätigkeiten, hinter denen kein rechter Ernst wäre, die nur als Spielerei betrieben würden. AnKünstlerhaben wir uns freilich ganz gewöhnt, obwohlkünstelnmit seiner geringschätzigen Bedeutung daneben steht, auch anTischlerundHäusler.