Schwulst
Daß die Sprachmode wie die Kleidermode auch den Schwulst liebt, ist kein Wunder. Schon die bisherigen Beispiele haben es zum Teil gezeigt, aber es gibt noch viele andre. Auch die Sprache hat ihre Reifröcke, ihre Schinkenärmel, ihre Schleppen; die Sucht, sich möglichst breit auszudrücken, geht durch unsre ganze Schriftsprache. Wo für einen Begriff zwei Wörter zur Verfügung stehen, ein kurzes und ein langes, da wird gewiß das lange vorgezogen. Man schreibt nichtsein,haben,können,kommen,geben,sehen, sondernsich befinden(z. B. in großer Verlegenheit),besitzen,vermögen(dieHälfte der Bevölkerungvermagweder zu lesen noch zu schreiben),gelangen,verleihen(Ausdruck wird immerverliehen, nichtgegeben),erblicken. Und doch, wie unpassend ist das oft!Erblickenz. B. bezeichnet ja den Augenblick, wo ich etwas zu sehen anfange (vgl.S. 355), wo mir etwas ins Auge fällt, mag ich es nun vorher gesucht haben oder nicht: eine Stunde lang hatte ich mich in dem Menschengewühl nach ihm umgesehen, endlicherblickteich ihn. Aber: icherblickedarin einen großen Fehler, oder: darin ist ein großer Fortschritt zuerblicken– wie jetzt immer geschrieben wird –, oder: die meisten haben sich verleiten lassen, in dem Märchen eine Verherrlichung des Freimaurertums zuerblicken– ist doch sinnwidrig; denn hier handelt sichs ja um eine dauernde Ansicht, und die kann nur durch das schlichte, einfachesehenausgedrückt werden.
Zahllos sind die Fälle, wo ein einfaches Verbum ganz unnötigerweise durch eine Redensart umschrieben wird, wieFolge leisten,Verzicht leisten,Abbitte leistenu. ähnl., oder durch eine schleppende Weiterbildung verdrängt wird. Geld wird nicht mehreingenommenundausgegeben, sondern nur nochvereinnahmtundverausgabt. Die Kosten einer Sache werden nicht mehr so und so hochangeschlagen, sondernveranschlagt. Prozente werden nichtabgezogen, sondernverabzugt, Porto wird nichtausgelegt, sondernverauslagt, und ein kluger, aufgeweckter Junge heißt nicht mehr glücklichangelegt, sondernbeanlagtoderveranlagt. Lauter fürchterliche Wörter – aus dem Zeitwort ist ein Hauptwort gebildet, und aus dem Hauptwort dann wieder ein Zeitwort! Freilich sind sie nicht schlimmer alsbeauftragt,beaufsichtigt(vgl.Aufseher),beansprucht(stattangesprochen),bevorzugt(stattvorgezogen),beeinflußt,bewerkstelligt(man überlege sich einmal, wasWerkstelleheißt!), Wörter, an die wir uns längst gewöhnt haben, und die bei ihrem ersten Auftauchen für feinfühligere Ohren gewiß ebenso fürchterlich gewesen sind wie für uns heutevereinnahmtundverauslagt; aber es ist doch gut, sich des Schwulstes bewußtzu werden. Auch in der Häufung der Präfixe und Präpositionen vor den Zeitwörtern können sich manche nicht genug tun. Da wird ein Stipendium nichtausgezahlt, sondernausbezahlt, da werdenanlangenundbetreffenbeide zuanbelangenundanbetreffenverlängert, manlebt sichin einen Gedankenhinein(stattein), man führt ein Musikwerkmit Hinweglassungdes Chors auf (statt:ohneChor), vor allen Dingen aberbildet sichnichts mehraus, sondern alles bildet sichheraus: schon lange vor Einführung der Buchdruckerkunst hatte sich bei der Kirche die Sitteherausgebildetusw. Woherrraus denn? Der Ausdruck hat etwas so gewaltsames, daß man die Sitte wie aus einem Krater hervorbrodeln sieht. Am Ende werden noch Trinksprüchehinausgebrachtund einem ein paar Hiebehinaufgezählt. Und welcher Schwulst, wenn jedesauchdurchebenfallsodergleichfalls, jedesvieldurchzahlreich, jedesoftdurchhäufig, jedesnurdurchlediglich, jedesvielvor dem Komparativ (vielweniger) durchbedeutend,unvergleichlich,unverhältnismäßigoder womöglich garunendlichersetzt, jedessehrundmehrumschrieben wird durch:in hohem Grade,in ausgedehntem Maße,in höherm Grade,in erhöhtem Maße, jedessodurch:auf diese Art und Weise, wenn fürnäher,weiter,länger,breiter,öfterimmer geschrieben wird:des nähern(oder garnäheren),des weitern,des längern,des breitern,des öftern, oder wenn jemand Bericht erstattet nichtalsRektor oder Vorsitzender, sondernin seiner Eigenschaft alsRektor,in seiner Eigenschaft alsVorsitzender, wennschwereBedenken oder Vorwürfe zuschwerwiegendenBedenken und Vorwürfen, eineschwereAufgabe zu einermit Schwierigkeiten verbundnen, eineersteAufführung und eineersteEinrichtung zuerstmaligengemacht werden (dieerstmaligeZusammenkunft der deutschen Architekten fand 1842 in Leipzig statt),[170]oder wenn immer vonVorahnung,Voranschlag,Vorbedingung,Rückerinnerung,Beihilfe,Herabminderunggeredet wird, als ob man Bedingungen auch hinterher stellen, sich an ein Erlebnis auch voraus erinnern oder einen Aufwand hinaufmindern könnte! Wie der Schwulst immer mehr zunimmt, mag folgendes Beispiel zeigen: der Fallistsehr verwickelt – der Fallliegtsehr verwickelt – der Fallistsehr verwickeltgelagert– dieLagerungdes Fallsistsehr verwickelt – dieLagerungdes Fallsist einesehr verwickelte. Weiter gehts nicht! In solchem Deutsch spricht man aber jetzt mit Vorliebe in Vereinsversammlungen, schreibt man in Jahresberichten, ja man unterhält sich darin schon am Biertisch, denn so schreiben die Leitartikelschreiber und die Reporter des Lokalblatts, und das sind ja die Lehrmeister des Volks auch in Sprachdingen.