Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen
Das wäre nicht möglich? Wir haben ja den Unsinn schon! Wird nicht täglich von GastwirtenTucher Bier(so!) empfohlen? Und das soll Bier aus der Freiherrl. Tucherschen Brauerei in Nürnberg sein!
Auch Personennamen können nur dann das Bestimmungswort einer Zusammensetzung bilden, wenn der Begriff ganz äußerlich und lose zu der Person in Beziehung steht, aber nicht, wenn das Eigentum, dieHerkunft, der Ursprung oder eine sonstige engere Beziehung bezeichnet werden soll; das ist in anständigem Deutsch früher stets durch den Genitiv[95]oder ein von dem Personennamen gebildetes Adjektiv geschehen.
Wenn, wie es in den letzten Jahrzehnten tausendfach vorgekommen ist, neue Straßen und Plätze großen Männern zu Ehren getauft und dabei kurzGoethestraßeoderBlücherplatzbenannt worden sind, so ist dagegen grammatisch nichts einzuwenden. Auch eine Stiftung, die zu Ehren eines verdienten Bürgers namens Schumann durch eine Geldsammlung geschaffen worden ist, mag man getrost eineSchumannstiftungnennen, ebenso Gesellschaften und Vereine, die das Studium der Geisteswerke großer Männer pflegen,GoethegesellschaftoderBachverein; auchBeethovenkonzertundMozartabendsind richtig gebildet, wenn sie ein Konzert und einen Abend bezeichnen sollen, wo nur Werke von Beethoven oder Mozart aufgeführt werden. Auch dieSchillerhäuserläßt man sich noch gefallen, denn man meint damit nicht Häuser, die Schillers Eigentum gewesen wären, sondern Häuser, in denen er einmal gewohnt, verkehrt, gedichtet hat, und die nur zu seinem Gedächtnis so genannt werden. Bedenklicher sind schon dieGoethedenkmäler, denn die beziehen sich doch nicht bloß auf Goethe, sondern stellen ihn wirklich und leibhaftig dar; noch in den dreißiger und vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hätte sich niemand so auszudrücken gewagt, da sprach man in Leipzig nur vonBachs Denkmal, vonGellerts Denkmal. Sind einmal dieGoethedenkmälerrichtig, dann sind es auch dieGoethebildnisse, dann ist es auch dieGoethebüste, derGoethekopfund – dieGoethebiographie. Nun aber dasGoethehausauf dem Frauenplan in Weimar und die WeimarerGoetheausgabe– da meint man doch wirklich Goethes Haus und die Gesamtausgabe von Goethes Werken. Etwas andres ist es mit einerElzevirausgabe; das sollnicht eine Ausgabe der Werke eines Mannes namens Elzevir sein, sondern eine Ausgabe in dem Format und der Ausstattung der berühmten holländischen Verlagsbuchhandlung. Ist dieGoetheausgaberichtig, dann kommen wir schließlich auch zu denGoethefreunden(d. h. Goethes Freunden zu seinen Lebzeiten), denGoetheelternund denGoetheenkeln. Es ist nicht einzusehen, weshalb man nicht auch so sollte sagen dürfen, und man sagt es ja auch schon. Stammelt man doch auch schon von einemLutherbecher(einem Becher, den einst Luther besessen hat) und einemVeltheimzettel(einem Theaterzettel der Veltheimschen, richtiger Veltenschen Schauspielertruppe aus dem siebzehnten Jahrhundert), von einerBöttgerperiode(der Zeit Böttgers in der Geschichte des Porzellans!) und einerSchlüterzeit, vonKellerfreunden(Freunden des Dichters Gottfried Keller!) undPilotyschülern, von einemGrillparzersargund einemBrahmsgrab.
Noch ärger ist es, wenn man zur Bezeichnung von Schöpfungen, von Werken einer Person, seien es nun wissenschaftliche oder Kunstschöpfungen, Entdeckungen oder Methoden, Vereine oder Stiftungen, Erfindungen oder Fabrikate, den Personennamen in solcher Weise vor das Hauptwort leimt. In anständigem Deutsch hat man sich in solchen Fällen früher stets des Genitivs oder der Adjektivbildung aufischbedient. In Dresden ist dieBrühlsche Terrasse, in Frankfurt dasStädelsche Institut, und noch vor dreißig Jahren hat jedermann vonGoethischenundSchillerschen Gedichtengesprochen. Jetzt wird nur noch gelallt; jetzt heißt es:GoethegedichteundShakespearedramen,MozartopernundDürerzeichnungen,BachkantatenundChopinwalzer,GoethefaustundGounodfaust,BismarckredenundNapoleonbriefe,SchopenhauerworteundHeimburgromane,SchweningerkurundHorneffervorträge. Der von Karl Riedel gegründete Leipziger Kirchengesangverein, der jahrzehntelang ganz richtig derRiedelsche Vereinhieß, ist neuerdings zumRiedelvereinverschönert worden, und wie die Herren Fabrikanten, diese feinfühligstenaller Sprachschöpfer und Sprachneuerer, hinter allen neuen Sprachdummheiten mit einer Schnelligkeit her sind, als fürchteten sie damit zu spät zu kommen, so haben sie sich auch schleunigst dieser Sprachdummheit bemächtigt und preisen nun stolz ihrePfaffnähmaschinenundDrewsgardinen, ihreJägerpumpenundSteinmüllerkessel, ihrenKempfsektund ihrAuergasglühlicht, ihreRönischpianosundFeurichpianinos, ihreLangeuhren,ZeißobjektiveundErnemanncamerasan, und das verehrte Publikum schwatzt es nach und streitet sich über die Vorzüge derBlüthnerflügelund derBechsteinflügel.[96]In Leipzig nannte eines Tags eine Bierbrauerei (die Riebeckische) ihr BierRiebeckbier. Flugs kamen die andern hinterdrein und priesenUlrichbier,NaumannbierundSternburgbieran (das nun freilich eigentlichSpeckbierheißen müßte!). Dieses Schandzeug aus unsrer Kaufmannssprache habt ihr auf dem Gewissen, ihr Herren, die ihr dieShakespearedramenund dieDürerzeichnungenerfunden habt! Wenn man in vornehmen Fachzeitschriften vonBürgerbriefen(Briefen des Dichters der Lenore!) und einemLenznachlaß(Nachlaß des Dichters Lenz), einemKuglerwerkund einemMenzelwerk, einemKönig Albert-Bild, einemMörike-Schwind-Briefwechsel, einerRudolf Hildebrand-Erinnerunglesen muß, kann man dann – andern Leuten einenVorwurf machen, wenn sie vonKathreiners Kneipp-Malzkaffee,Junker- und Ruh-ÖfenundAugust Lehr-Fahrrädernreden? Alle diese Zusammensetzungen zeugen von einer Zerrüttung des Denkens, die kaum noch ärger werden kann. VonLichtfreundenkann man reden, vonNaturfreunden,KunstfreundenundMusikfreunden, vonZinnsärgenundMarmorsärgen, vonKonzertflügelnundStutzflügeln, aber nicht vonKellerfreunden,GrillparzersärgenundBlüthnerflügeln. Das ist schlechterdings kein Deutsch.
Das Unkraut wuchert aber und treibt die unglaublichsten Blüten. Weißt du, wasKriegerliteraturist, lieber Leser? einSenfkatalog? eineSchleicherskizze? einPfeilliederabend? Du ahnst es nicht, ich will dirs sagen.Kriegerliteratursind die Schriften über den Komponisten des siebzehnten Jahrhunderts Adam Krieger, einSenfkatalogist ein Briefmarkenverzeichnis der Gebrüder Senf in Leipzig, eineSchleicherskizzeeine Lebensbeschreibung des berühmten Philologen Schleicher, einPfeilliederabendein Abendkonzert, bei dem nur Lieder des Männergesangkomponisten Pfeil gesungen werden. Was einLenbachaufsatzist? einHolbeinbildnis? Das weiß ich selber nicht. Es kann ein AufsatzvonLenbach sein, es kann aber auch einerüberihn sein, ein von Holbein gezeichnetes Bildnis, aber auch eins, das ihn darstellt. Daß läßt sich in dem heutigen Deutsch nicht mehr unterscheiden.
Es braucht übrigens nicht immer ein Eigenname zu sein, der solche Zusammensetzungen unerträglich macht; sie sind auch dann unerträglich, wenn an die Stelle eines Eigennamens ein Appellativ tritt, unter dem eine bestimmte Person verstanden werden soll. Da hat einer, der den Feldzug von 1870 als Kürassier mitgemacht hat, seine Briefe unter dem TitelKürassierbriefedrucken lassen. Das können aber niemals Briefe eines bestimmten Kürassiers sein, sondern immer nur Briefe, wie sie Kürassiere schreiben. In allerjüngster Zeit ist das neue WortKaiserhochaufgekommen. Es stammt natürlich aus der Telegrammsprache. Irgendeiner telegraphierte:„Professor Ö. Festrede Kaiserhoch“; daraus machte ein dummer Zeitungschreiber: Professor Ö. hielt die Festrede, die in einKaiserhochausklang. Ein Kaiserhoch kann aber auf jeden beliebigen Kaiser ausgebracht werden, und wenn die Zeitungen vollends stattein Kaiserhochschreibendas Kaiserhoch– die Herabwürdigung einer persönlichen Huldigung, die aus dem Herzen quellen soll, zu einem gewohnheitsmäßigen Bestandteil jeder beliebigen Esserei oder Trinkerei, kann gar keinen schlagendern Ausdruck finden. Ähnlich ist es mit derKönigsbüste. Professor Seffner ist damit beschäftigt, eineKönigsbüsteanzufertigen. Ob von Ramses oder Romulus oder Ludwig dem Vierzehnten, wird nicht verraten. Das Ärgste dieser Art sind wohl dieHerrenworteund dasHerrenmahl, das die Theologen jetzt aufgebracht haben. Das sollen Aussprüche Christi und das heilige Abendmahl sein! Man denkt doch unwillkürlich an einHerrenessen.
Den Gipfel der Sinnlosigkeit erreichen solche Zusammenleimungen, wenn das Grundwort ein Verbalsubstantiv ist, gebildet von einem transitiven Verbum. Solche Zusammensetzungen können schlechterdings nicht mit Eigennamen vorgenommen werden, sondern nur mit Appellativen; sie bezeichnen ja nicht eine bestimmte einzelne Handlung, sondern eine Gattung von Handlungen, Menschen, deren Tätigkeit sich nicht auf eine bestimmte einzelne Person, sondern wieder nur auf eine Gattung erstreckt. In den siebziger Jahren erfand ein boshafter Zeitungschreiber das WortBismarckbeleidigung. Natürlich sollte es eine höhnische Nachbildung vonMajestätsbeleidigungsein. Wie viel dumme Zeitungschreiber aber haben das Wort dann im Ernst gebraucht und sogarCaprivibeleidigungdarnach gebildet! Jetzt redet man aber auch vonCäsarmördern,Richardsonübersetzern,Romkennern,GoethefreundenundSchillerfeinden(unter den heute lebenden!),Beethovenerklärern,Wagnerverehrern,ZolanachahmernundNietzscheanbetern. Entsetzliche Verirrung! Man kann vonVatermördern,Romanübersetzern,Kunstkennern,Frauenverehrern,undFetischanbeternreden; aber einWagnerverehrer– das könnte doch nur ein Kerl sein, der gewerbsmäßig jeden „verehrt“, der Wagner heißt. Wer das nicht fühlt, der stammle weiter, dem ist nicht zu helfen.[97]