Welch letzterer und welcher letztere
An einen ganzen Rattenkönig von Sprachdummheiten rührt man mit der so beliebten Verbindung:welcher letztere. Auf die häßliche unorganische Bildungerstererundletzterer– eine komparativische Weiterbildung eines Superlativs! – soll dabei gar kein Gewicht gelegt werden, denn solche Erscheinungen gibt es viele in der Sprache und in allen Sprachen, wenn es auch nichts schaden kann, daß man sich einmal das Unorganische dieser Formen durch die Vorstellung zum Bewußtsein bringt, es wollte jemand dergrößtere, derkleinstere, derbestere, derschönsterebilden. Viel schlimmer ist ihre unlogische Anwendung.
Wenn ein Relativsatz nicht auf ein einzelnes Hauptwort, sondern auf eine Reihe von Hauptwörtern, zwei, drei, vier oder mehr folgt, so ist es selbstverständlich, daß das Relativ nicht an das letzte Glied angeschlossen, sondern nur auf die ganze Reihe bezogen werden kann, also nicht so:
Erstes Hauptwort
Zweites Hauptwort
Drittes Hauptwort
Relativsatz
sondern so:
Erstes Hauptwort
Zweites Hauptwort
Relativsatz
Drittes Hauptwort
Die Hauptwörter werden gleichsam zu einer Gruppe, zu einem Bündel zusammengeschnürt, und der Relativsatz muß an dem ganzen Bündel hängen. Es kann also nicht heißen: Lessing, Goethe und Schiller,der, sondern nur: Lessing, Goethe und Schiller,die. Das fühlt auch jeder ohne weiteres. Nun möchte man aber doch manchmal, nachdem man zwei, drei, vier Dinge aufgezählt hat, gerade über das zuletzt genannte noch etwas näheres in einem Relativsatz aussagen. Ein bloßeswelcher– das fühlt jeder – ist unmöglich; es gehn ja drei voraus! Aberwelcher letztereoderwelch letzterer– das rettet! Also: das Bild stellt Johannes den Täufer undden Christusknaben dar,welch letzterervon dem Täufer in die Welt eingeführt wird – einen Hauptartikel des Landes bildeten die Landesprodukte, wie Kobalt, Wein, Leinwand und Tuch,welch letzteresallerdings dem niederländischen nachstand – er war Regent der weimarischen, gothaischen und altenburgischen Lande,welche letzternihm aber erst kurz vor seinem Tode zufielen – die Summe des Intellektuellen im Menschen setzt sich zusammen aus Geist, Bildung und Kenntnissen,welchen letzternauch die Vorstellungen zugezählt werden dürfen – es gibt von dem Bilde schwarze und braune Abdrücke,welch letztereaber erst 1784 erschienen sind – den Schluß bildet der Jahresbericht und das Mitgliederverzeichnis,welch letztereseine große Anzahl neuer Namen enthält – der Neger überflügelt zuerst seine Schulkameraden weit, besonders in der Mathematik und in den Sprachen, fürwelch letztereseine Begabung erstaunlich ist.
Diesesletztereist ein bequemes, aber sehr häßliches Auskunftsmittel; ein guter Schriftsteller wird nie seine Zuflucht dazu nehmen. Es läßt sich auch sehr leicht vermeiden, z. B. indem man das letzte Glied für sich stellt: das Bild stellt Johannes den Täufer dar und denChristusknaben,derusw., oder indem man statt des Relativsatzes einen Hauptsatz bildet, worin das letzte Hauptwort wiederholt wird.
Noch schlimmer ist es freilich, wenn, wie so oft,welch letztererselbst da geschrieben wird, wo nur ein einziges (!) Substantivum vorhergeht, eine falsche Beziehung also ganz unmöglich ist, z. B.: der Plan ist der Wiener Fachschule nachgebildet,welch letztereihn schon seit längerer Zeit hat – der Urkunde ist die durch den Bischof von Merseburg erteilte Bestätigung beigegeben,welche letztereaber nichts besondres enthält – den gesetzlichen Bestimmungen gemäß scheiden vier Mitglieder aus,welch letztereaber wieder wählbar sind – die Menge richtet sich nach den Beamten, nicht nach demGesetz, welch letzteressie selten kennt – überall wechseln üppige Wiesengründe mit stattlichen Waldungen,welch letzterenamentlich die Bergkuppen und Hängebedecken – der König nahm in demWagenPlatz,welch letztereraber schon nach einer Minute vor dem Hotel hielt. Welch eine Schwulst! Vier Silben, wo drei Buchstaben genügen!