Wurde geboren, war geboren, ist geboren
Eine biographische Darstellung ist natürlich auch eine Erzählung, kann sich also in keinem andern Tempus bewegen als im Imperfekt. Aber der erste Satz, die Geburtsangabe, wie stehts damit? Soll man schreiben: Lessingwar geboren, Lessingwurde geborenoder Lessingist geboren? Alle drei Ausdrucksweisen kommen vor. Aber merkwürdigerweise am häufigsten die falsche! Erist geboren– das kann man doch vernünftigerweise nur von dem sagen, der noch lebt. Den Lebendenfragt man: wannbistdu denngeboren? Und dann antwortet er:ich binam 23. Mai 1844geboren. Von einem, der nicht mehr lebt, kann man wohl am Schlusse seiner Lebensbeschreibung sagen:gestorben ister am 31. Oktober 1880. Damit fällt man zwar aus der Form der Erzählung heraus in die der bloßen tatsächlichen Mitteilung; aber die ist dort ganz am Platze, denn sie drückt die gegenwärtige Sachlage aus. Am Anfang einer Lebensbeschreibung aber kann es vernünftigerweise nur heißen: erwaroder erwurde geboren; mitwurdeversetze ich mich – was das natürlichste ist – an den Anfang des Lebenslaufs meines Helden, mitwarversetze ich mich mitten hinein. In wieviel hundert und tausend Fällen aber wird in Zeitungsaufsätzen, im Konversationslexikon, in Kunst- und Literaturgeschichten usw. die Gedankenlosigkeit begangen, daß man von Verstorbnen zu erzählen anfängt, als ob sie lebten! Den Fehler damit verteidigen zu wollen, daß man sagte: ein großer Mann lebe eben nach seinem Tode fort, wäre eine arge Sophisterei. Das Fortleben ist doch immer nur bildlich gemeint, in der Biographie aber handelt sichs um das wirkliche Leben.