Zur Interpunktion
Eine feine und schwierige Kunst ist es, gut zu interpungieren. Hier können nur einige Winke darüber gegeben werden.
Die Interpunktion verfolgt zwei verschiedne Zwecke: erstens die Satzgliederung zu unterstützen und die Übersicht über den Satzbau zu erleichtern, zweitens die Pausen und die Betonung der lebendigen Sprache in der Schrift auszudrücken. Oft fallen beide Zwecke zusammen, aber nicht immer. Wenn z. B. geschrieben wird: die Berliner Künstler haben den französischen Bildern stets die besten Plätze eingeräumtund, wenndiese nicht reichten, andre Räume gemietet – oder: wer die Tagespresse kritiklos liestund, ohnees zu wissen und zu wollen, die dargebotnen Anschauungen in sich aufnimmt – so schließt sich zwar die Interpunktion genau dem Satzbau an, steht aber in auffälligem Widerspruch zur lebendigen Sprache: niemand wird bis zuund(oderoder) sprechen und hinterundeine Pause machen, jeder wird vorundabbrechen. Daher empfiehlt es sich, das Komma hier lieber vorundzu setzen – gegen den Satzbau – undzu schreiben: da die Frauen mit Vorliebe männliche Verhüllungen wählen,undwenn sie ihren Vornamen nicht ausschreiben, auch die Handschrift sie nicht immer verrät – sie glaubte,oderwie es von ihrem Standpunkt aus wohl richtiger heißen muß, sie hoffte – daß Dichter wie Keller und Storm,oderum einige weniger berühmte zu nennen, Vischer und Riehl gesund blieben – die Elemente des Anschauungs- und Gestaltungsvermögens,oderanders ausgedrückt, des Einbildungs- und des Ausbildungsvermögens.[149]
Dem ersten Zwecke dienen nun vor allem die drei üblichen Zeichen: Punkt, Semikolon (;) und Komma. Über die Bedeutung von Punkt und Komma besteht kein Zweifel; sie werden im allgemeinen auch richtig angewandt. Der Punkt schließt ab, das Komma gliedert; der Punkt trennt größere oder kleinere selbständige Gedankengruppen, das Komma scheidet die einzelnen Bestandteile dieser Gruppen, es tritt vor jeden Nebensatz, auch vor Partizipial- und Infinitivsätze. Jeder Satz hat nur einen Punkt; die Zahl der Kommata im Satze ist unbeschränkt. Das Semikolon endlich ist stärker als das Komma, aber schwächer als der Punkt. Es ist überall da am Platze, wo zwei Hauptsätze – mögen sie nun allein stehen oder jeder wieder von einem Nebensatze begleitet sein – einander gegenübergestellt werden, wo also der eine der beiden Hauptsätze nur die Hälfte des Gedankens enthält und den andern zu seiner Ergänzung verlangt, z. B.: hättest du dich an den Buchstaben des Gesetzes gehalten, so träfe dich kein Vorwurf; da du aber eigenmächtig vorgegangen bist, so hast du nun auch die Verantwortung zu tragen. Das Semikolon trennt also und vereinigt zugleich, es scheidet und verbindet. Sehr fein hat es daher David Strauß die Taille des Satzes genannt[150]und auf Lessing hingewiesen als den, der den richtigen Gebrauch davon gemacht habe. Inder Tat ist das Semikolon für den, der damit umzugehen weiß, eins der ausdrucksfähigsten Interpunktionszeichen, es wird nur noch vom Kolon übertroffen. Aber wie ungeschickt wird es oft behandelt! Besonders beliebt ist es jetzt, wenn vor einen Hauptsatz eine größere Anzahl gleichartiger Nebensätze tritt, z. B. drei, vier, fünf Bedingungssätze, diese alle durch Semikolon voneinander zu trennen – eine sehr geschmacklose Anwendung. Zwischen Haupt- und Nebensatz ist einzig und allein das Komma am Platze; folgen mehrere gleichartige Nebensätze aufeinander, so kann hinter jedem immer wieder nur ein Komma stehen. Wie der Punkt, so kann auch das Semikolon in einem gut gegliederten Satze nureinmalvorkommen; ein Satz, der mehr alseinSemikolon enthält, ist immer entweder schlecht interpungiert oder schlecht gegliedert.
Aber auch in dem Gebrauche des Kommas werden mancherlei Fehler gemacht. Wenn vor ein Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so gilt im allgemeinen die Regel, diese Eigenschaftswörter durch Kommata voneinander zu trennen. Manche wollen zwar neuerdings davon nichts wissen, sie schreiben: einguter treuer anhänglicher zuverlässiger Mensch; aber das verstößt gegen die Betonung der lebendigen Sprache, die bei solchen längern Attributreihen hinter jedem Attribut eine fühlbare kleine Pause macht, und vor allem: man beraubt sich damit sehr notwendiger Unterscheidungen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich schreibe: er hatte einetiefe, staatsmännische Einsichtoder: einetiefe staatsmännische Einsicht– hier schließt dererste, historische Abschnittoder: dererste historische Abschnittdes Buches. Im ersten Falle stehen die beiden Attribute parallel zueinander, das zweite erläutert das erste: er hatte eine tiefe, (wahrhaft oder echt) staatsmännische Einsicht – hier schließt der erste, (nämlich) historische Abschnitt des Buches. Im zweiten Falle bildet das zweite Attribut mit dem Hauptwort einen einzigen Begriff, sodaß tatsächlich nureinAttribut übrig bleibt: er hatte staatsmännische Einsicht, und diese war tief – das Buch hat mehrere historische Abschnitte, und hierschließt der erste davon (vgl.S. 301). Auf solche Weise kann sogar ein drittes Attribut wieder dem zweiten übergeordnet werden. Es darf also kein Komma stehen in folgenden Verbindungen: einstarker demokratischer Zug, eineliebenswürdige alte Jungfer, dienackteste persönliche Herrschsucht, dasjahrelange geistliche Eifern, derunvermeidliche tragische Ausgang, nachüberstandnem sturmvollem Leben, vongewissen hohen österreichischen Offizieren, dieganze vielgepriesene englische Kirchlichkeit. Ebenso muß ohne Komma geschrieben werden: dasandre der klassischen Richtung angehörige Drama– wenn der betreffende Dichter mehrere der klassischen Richtung angehörige Dramen geschrieben hat, wogegen das Komma nicht fehlen dürfte, wenn er nur zwei Dramen geschrieben hätte, eins, das der modernen, und eins, das der klassischen Richtung angehört.
Wenn zwei Hauptsätze oder auch zwei Nebensätze durchundverbunden werden, so gilt im allgemeinen die verständige Regel, daß vorundein Komma stehen müsse, wenn hinterundein neues Subjekt folgt, dagegen das Komma wegbleiben müsse, wenn das Subjekt dasselbe bleibt. Natürlich ist dabei unter Subjekt das grammatische Subjekt zu verstehen, nicht das logische. Seinem Begriffe nach mag das zweite Subjekt dasselbe sein wie das erste: sowie es grammatisch durch ein Fürwort (er,dieser) erneuert wird, darf auch das Komma nicht fehlen. Dagegen wird niemand vorundein Komma setzen, woundnur zwei Wörter verbindet. Doch sind Ausnahmefälle denkbar, z. B.: er welkt,undblüht nicht mehr – in Leipzig, wo man so viel,undso viel gute Musik hören kann – er war unfähig als Heerführer,undals Mensch unbedeutend und wenig sympathisch. Er blühtundduftet nicht mehr – da wäre das Komma überflüssig. In solchen Fällen tritt der zweite Zweck der Interpunktion in seine Rechte: die Pausen und die Betonung der lebendigen Sprache auszudrücken, selbst abweichend von dem ersten, die Gliederung des Satzbaus zu unterstützen.
Auch vor einem Infinitiv mitzuist es wohl allgemein üblich, ein Komma zu setzen. Manche lassen es zwar hier jetzt weg, namentlich wenn der Infinitiv ganz unbekleidet ist; sie halten es für überflüssig, ein so kurzes, nur aus zwei Wörtern bestehendes Glied durch ein besondres Zeichen abzutrennen. Es empfiehlt sich aber doch, es zu setzen, da sonst leicht Zweifel oder Mißverständnisse entstehen können. Wenn jemand schreibt: es istschwer zu verstehen– so kann der Sinn nur sein: es ist zu verstehen, aber schwer. Wenn man aber ausdrücken will: es bereitet Schwierigkeiten, es zu verstehen? Das kann nur durch ein Komma deutlich gemacht werden. Man muß also unterscheiden zwischen:es ist nicht gut, zu verlangenund:es ist nicht gut zu verlangen– es warein Fest, zu sehenund: es warein Fest zu sehen. Aber auch in Sätzen wie: er befahlihm Gläser zu bringen– die ultramontane Presseverstand es baldallerlei Mißverständnisseaufzufinden– entsteht der Zweifel: wozu gehörtihm? wozu gehörtbald? zuverstehenoder zuauffinden? Ein Komma hebt sofort den Zweifel.
Nur in einem Falle ist es nicht nur überflüssig, sondern geradezu störend, vor den Infinitiv mitzuein Komma zu setzen, nämlich dann, wenn der Infinitiv ein Objekt oder ein Adverb bei sich hat, und dieses vor dem regierenden Verbum steht, von dem der Infinitiv abhängt, z. B.:diesen Gedankenkönnte manversucht sein, mit Wallenstein herzlich dummzu nennen. Diesen Gedanken könnte man versucht sein – das ist nur ein Satzbruchstück ohne allen Sinn, was soll da das Komma? Es ist aber auch durch die lebendige Sprache hier nicht gerechtfertigt, denn niemand wird hinterversucht seinim Sprechen anhalten, alles drängt zu dem Infinitiv, der erst das Objekt verständlich macht, das vorläufig noch in der Luft schwebt. Es ist also richtiger, ohne Komma zu schreiben: bares Geld gelang es ihm nicht sich anzueignen – tatsächliche Irrtümer dürfte es schwer sein in dem bändereichen Werke aufzustöbern – was bemüht man sich mit dem Worte Sozialismus zubenennen? – alle Abfälle hatte sie sich ausgebeten ihm bringen zu dürfen – auf die Erhaltung des Waldes war die Behörde geneigt das entscheidende Gewicht zu legen – gegen diese Szene liegt es uns fern uns hier zu ereifern – ich gebe dir keinen Rat, den ich nicht bereit wäre selber zu befolgen – die Anforderungen, die wir uns gewöhnt haben an eine solche Ausgabe zu stellen – der Wust von Aberglauben, den der Vorgänger sich rühmte ausgefegt zu haben – der Unterschied, den der Offizier gewohnt ist zwischen seiner Stellung als solcher und der als Gentleman zu machen – die Oberamtsrichter, denen manche geneigt sind die Rektoren gleichzustellen – seine Verwandten, für die es vor allem seine Pflicht wäre zu sorgen.
Unbegreiflich ist es, daß man die beiden verschiednenja, die es gibt, das beteuernde und das steigernde, nie richtig unterschieden findet, und doch sind sie durch die Interpunktion so leicht zu unterscheiden. Ein Komma gehört nur hinter das beteuerndeja, denn nur hinter diesem wird beim Sprechen eine Pause gemacht:ja, es waren herrliche Tage! Das steigerndejadagegen wird mit dem folgenden Worte fast in eins verschmolzen: sie duldete diese Mißhandlungen,ja sieschien sie zu verlangen – es ist wünschenswert,jageradezu unerläßlich – hinter Frankreich liegt der Atlantische Ozean,ja mankann sagen die ganze andre Welt. Was soll da ein Komma? Ebenso töricht ist es, ein doppeltesja(ja ja), ein doppeltesnein(nein nein),ei ei!na naoder gar dasha ha!, das das Lachen ausdrücken soll, durch Kommata zu trennen, wie man es in Erzählungen und Schauspielen überall gedruckt lesen muß. Man spricht doch nichtja(Pause),ja, sondernjajjah,neinnein, als ob es nureinWort wäre. Und vollendsha(Komma)ha! Wer lacht so?
Ganz verkehrt wird von vielen das Kolon (:) angewandt: sie setzen es statt des Semikolons (;) und stören damit den, der die Bedeutung der Satzzeichen kennt, auf ärgerliche Weise. Das Semikolon schließt ab wie der Punkt; das Kolon schließt – auf, es hat vorbereitenden,spannungerweckenden, aussichteröffnenden Sinn, ein gut gesetztes Kolon wirkt, wie wenn eine Tür geöffnet, ein Vorhang weggezogen wird. Daher steht es vor allem vor jeder direkten Rede (vor die indirekte gehört das Komma!); es ist aber auch überall da am Platze, wo es so viel bedeutet wienämlich, z. B.: der Verfasser hat mehr getan als diesen Wunsch erfüllt: er hat die Aufsätze vielfach erweitert und ergänzt – oder wo es dazu dient, die Folgen, das Ergebnis, das erwartete oder unerwartete Ergebnis des vorhergeschilderten einzuleiten, z. B.: wir baten, flehten, schmollten: er blieb ungerührt und sprach von etwas anderm.
Geschmacklos ist es, die der Betonung dienenden Zeichen, das Fragezeichen und das Ausrufezeichen, zu verdoppeln, zu verdreifachen oder miteinander zu verbinden: ??, !!!, ?! Dergleichen schreit den Leser förmlich an, und das darf man sich doch verbitten. Eine Abgeschmacktheit ohnegleichen aber ist es, halbe oder ganze Zeilen mit Punkten oder Gedankenstrichen zu füllen, wie es unsre Romanschreiber und Feuilletonisten jetzt lieben. Das soll geistreich aussehen, den Schein erwecken, als ob der Verfasser vor Gedanken und Bildern beinahe platzte, sie gar nicht alle aussprechen oder ausführen könnte, sondern dem Leser sich auszumalen überlassen müßte. Es ist aber meistens nur Wind; wer etwas zu sagen hat, der sagt es schon. NureineAbgeschmacktheit kommt dieser noch gleich, die neueste Zierde des Feuilletonstils: eine Menge kleiner Nebensätze jeden mit einem Punkt abzuschließen, sodaß die aus Hauptsatz und Nebensätzen bestehende Periode dem Leser in lauter Brocken vorgesetzt wird. Auch das soll geistreich aussehen, den Schein höchster dramatischer Lebendigkeit der Gedankenerzeugung und -einkleidung erregen. In Wahrheit ist es eine krasse Stillosigkeit, eine abgeschmackte Manier.